Aus „Schwester Gabi“ wird „Gabi Müller (M.A.)“

Meine Kollegin Fabienne hat vor einiger Zeit angefangen, nebenher zu studieren, irgendwas Pflegewissenschaftliches. Vor ein paar Tagen unterhielten wir uns darüber, was sie mit dem Abschluss anfängt. Vielleicht mal im organisatorischen Bereich arbeiten, sagte sie, z.B. Pflegedienstleitung, oder als Dozentin in die schulische Ausbildung von künftigen Pflegern. Mit andern Worten: Mit der eigentlichen Krankenpflege ist es dann vorbei.

Die Akademisierung ist seit einiger Zeit eins der großen Themen in der Pflege, vor Kurzem ist ein bundesweites Pilotprojekt „360° Pflege“ mit einem großen Bericht der Robert-Bosch-Stiftung abgeschlossen worden, unser Zentralorgan „Die Schwester Der Pfleger“ hat daraus jetzt ein Titelthema gemacht. Auch in meiner Ausbildung hieß es immer wieder, wir müssten uns professionalisieren. Ohne das weiter infrage zu stellen, habe ich nie so richtig verstanden, wo diese Professionalisierung hinführen soll.

Klar ist, dass in der Pflege immer schnell ein Bezug zu unserer Partnerdisziplin hergestellt wird, den Ärztinnen und Ärzten. Die mit Studium, Praktika und PJ naturgemäß eine deutlich anspruchsvollere Ausbildung durchlaufen. Die Akademisierungsverfechter empfehlen der Pflege dann oft auch ein größeres Selbstbewusstsein, was ja durchaus verständlich ist. Die eigenen Kompetenzen zu erweitern kann sicher nicht schaden.

Zudem geht der Blick häufig in andere Länder wie Großbritannien, wo der Weg in die Pflege gar nicht über eine Ausbildung führt, sondern über ein Studium. Sind die Kollegen in solchen Ländern damit besser qualifiziert als wir in Deutschland? Wenn man das so sieht, müsste man da nicht zuerst fragen, wie man die Ausbildung selber aufwertet? Stattdessen ist hier vor einiger Zeit die generalistische Ausbildung eingeführt (darüber habe ich hier mal etwas geschrieben) und damit meiner Ansicht nach genau der entgegengesetzte Weg eingeschlagen worden. Kranken- und Altenpflege wurden in einen Topf geworfen, was zwangsläufig zu einer Verwässerung der Ausbildung führt. Packt man zwei Ausbildungen in eine, bleiben Inhalte auf der Strecke.

Der übliche Karriereweg sieht also so aus: Erst die Ausbildung machen, und wenn man fit ist und sich berufen fühlt, irgendwann einen Bachelor oder Master hinterherschieben. Dann stellt sich dieselbe Frage wie für Fabienne. In den Pilotprojekten von „360° Pflege° gibt es tatsächlich einige Beispiele, wo Kollegen mit akademischen Abschluss weiterhin auf Station arbeiten, dort aber zum Beispiel Patienten mit bestimmten Krankheitsbildern intensiv betreuen oder Aufgaben übernehmen, die mehr mit Schulung und Beratung zu tun haben. Wenn so etwas gelingt, entstehen neue Möglichkeiten, sich innerhalb der Pflege weiterzuentwickeln, und das mit besserer Bezahlung (wobei ich nicht weiß, was solche Leute tatsächlich verdienen).

Nur denke ich, dass solche Jobs bislang die absolute Ausnahme sind, ich bin noch keinem Kollegen begegnet, der so arbeitet. Mit andern Worten: Nach dem Studium sind die meisten weg. Und dann erinnert mich das Ganze an die Klagen, die seit Jahren zum Beispiel aus Branchen wie dem Handwerk zu hören sind: Es herrscht zunehmender Personalmangel, denn die Schulabgänger haben immer weniger Lust auf Ausbildung und praktische Arbeit, sondern wollen lieber studieren. Den Machern von „360° Pflege“ ist das Problem durchaus bewusst. Die Akademiker auf Station zu beschäftigen bedeutet höhere Personalkosten – welcher Klinikbetreiber will das schon? Und so müssen die Autorinnen im Abschlussbericht zugeben, wenn auch etwas verschämt und verschwurbelt: „Auch die Einschätzung, dass in Deutschland mit einer akademischen Qualifikation in der Pflege i.d.R. eine Abwendung aus den Versorgungsbereichen einhergeht, ist weit verbreitet und […] nicht ganz falsch.“

Solange sich daran nichts ändert, sind viele Kolleginnen und Kollegen nach dem Studium für die Pflege verloren. Ein Teil geht wie gesagt in die Ausbildung, die Pflegeschulen suchen Dozenten. Doch das Gesundheitswesen, inklusive der Verwaltungsebenen der Kliniken, sind groß, da gibt es viele Jobs. Will man die Leute in der Pflege halten, müssen schleunigst Arbeitsmöglichkeiten am Patientenbett geschaffen werden. Sonst entpuppt sich die Akademisierung als Eigentor.

2 Gedanken zu „Aus „Schwester Gabi“ wird „Gabi Müller (M.A.)“

  1. hANNES wURST

    Professionalisierung halte ich für den falschen Begriff, passender wäre vielleicht Emanzipation. Ich weiss nicht wie es heute ist, aber ich kenne die Pflegenden als Ausführungsgehilfen der Verarztenden. Eine klare Hierarchie. Auch können nur die Verarztenden weitere Untersuchungen, Therapien und Medikamente verordnen, sie haben also Budgethoheit. Und das Pflegepersonal wird auch gerne mal angemeckert.

    Unter einer Emanzipation der Pflege verstehe ich, dass die Pflegenden Pflegemaßnahmen selber verordnen und verantworten.

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    1. misterpfleger Autor

      Ich glaube, du bist einem weitverbreiteten Missverständnis aufgesessen. Die Ärzte sind nicht unsere Vorgesetzten. Klar können sie medizinische Maßnahmen anordnen wie Infusionen verabreichen, Gewichts- oder Pulskontrolle, Drainagen ziehen. Und insgesamt ist das Verhältnis sicher komplex, wobei die Ärzte als die Chefs im Ring wahrgenommen werden. Und die Chefärzte sind immer noch die Halbgötter – allerdings ist das Risiko, angemeckert zu werden, nach meiner Erfahrung für Asssistenzärzte mindestens genauso hoch wie für Pflege. In der Ausbildung hörte ich Geschichten von Oberschwestern in den 70ern, die einmal die Woche zum Friseur gingen, vor der Chefarztvisite. Die Zeiten sind natürlich vorbei. Bei Budgethoheit weiß ich gar nicht, was das genau bedeutet, allerdings stehen die Ärzte heute unter einem hohen wirtschaftlichen Druck: Patienten schnell entlassen, vor allem teure Therapien durchführen, die viel Geld bringen. Am Jahresende wird abgerechnet, dann gibt es für den Chefarzt einen Bonus oder Ärger mit der Geschäftsführung. „Jahresende“ ist natürlich Quatsch, es wird ununterbrochen gerechnet.
      Pflege kostet aber auch Geld. Die Pflegeanamnese machen wir ja selbst bei jeder Aufnahme und schätzen ein, wo braucht eine Patientin Hilfe: Körperpflege, Mobilisation, Diabetestherapie, bei Risikopatienten Vorbeugung von Lungenentzündung, Thrombose, Dekubitus etc., Umgang mit Demenz. Das macht die Pflege selbstständig. Schon lange gibt es aber Diskussionen, ob weitere Kompetenzen dazukommen, so wie das zum Beispiel in den USA schon gemacht wird: in gewissem Umfang Medikamente anordnen, auch diagnostische Aufgaben.
      Noch was zum Thema Geld, ein riesiges Problem war das Fallpauschalensystem, bei dem die Personalkosten in der Pflege mit anderen Bereichen verrechnet werden konnten, also die Krankenhäuser zum Beispiel mehr Geld für Material ausgeben konnten, wenn sie weniger Pflegende einstellen (so ungefähr, es ist kompliziert.). Das ist nach jahrelanger Kritik im Zuge von Corona verändert worden.

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