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Lena auf Depri-Tour

Manche psychischen Krankheiten sind in den vergangenen Jahren in Mode gekommen: ADHS im Erwachsenenalter, Autismus, Depressionen. In dichter Folge outen sich immer wieder Schauspieler und andere Prominente, vor Kurzem war es Sängerin Lena Meyer-Landrut, deren Depression in einem großen Artikel in der Süddeutschen Zeitung beschrieben wurde.

Ich stutzte kurz und überlegte: Das Gesicht, das mich in einem Teaser auf Seite 1 schon traurig anblickte, hatte ich doch gerade erst gesehen. Ja, richtig, am Vortag war just in der SZ eine Eigenanzeige erschienen: 300 Konzertkarten für Lena zu gewinnen („nur für SZ-Abonnenten“). Sie ist gerade auf Tournee und hat eine neue Single herausgebracht. Da habe ich mich gefragt, ob es nicht journalistisch geboten gewesen wäre, auf eines der beiden zu verzichten: die PR-Aktion oder den Artikel. Beides so dicht hintereinander verträgt sich nicht mit journalistischer Unabhängigkeit.

Keine Ahnung, was Lena seit dem ESC-Gewinn so getrieben hat, es hat mich nicht interessiert. Es gibt nur eine Szene, die ich vor Jahren gesehen habe und die sich mir ins Gedächtnis gebrannt hat. Vielleicht war ich auch nur schlecht vorbereitet, weil ich nie Castingshows schaue. Lena war jedenfalls Jurorin bei einer Kinder-Casting-Show (The Voice Kids, glaube ich). Ein Junge war gerade herausgewählt worden, hatte die Bühne verlassen. Plötzlich sprang Lena auf, rannte ihm hinterher, dicht auf ihren Fersen natürlich die Kamera, die ihren Weg hinter den Kulissen zeigte und wie sie dann den Jungen einholte und offenbar spontan in den Arm nahm. Weil es ihr so leidtat, dass er nicht mehr dabei sein durfte.

Für mich war das ein Sinnbild von Verlogenheit. Jurorin in einer Castingshow mit der Aufgabe, reihenweise Kinder vor die Tür zu setzen. Und sich dann als großartiger Gefühlsmensch zu inszenieren. Ich bezweifle, dass der Auftritt wirklich spontan war.

Ich habe keine Ahnung von Lenas Gesundheitszustand. Ich will auch nicht bezweifeln, dass sie tatsächlich an Depressionen leidet. Woher soll ich das wissen? Ich will nur sagen, dass sie bei mir in punkto Glaubwürdigkeit nicht auf den vorderen Rängen liegt. Und nun hat sie sich offensichtlich entschieden, mit ihrer Depression an die Öffentlichkeit zu gehen. Im SZ-Artikel heißt es: „Lena Meyer-Landrut spricht mittlerweile offen über ihre Unsicherheit – aber nur mit Menschen denen sie vertraut.“ Es ist fast zu banal, um es auszusprechen, aber trotzdem: Sie spricht nur mit Menschen darüber, denen sie vertraut – und mit Journalistinnen, die es dann groß herausposaunen.

In dem Artikel werden auch Zeilen aus Lenas Liedtexten zitiert. „Goodbye to the doubts, I hate them”, heißt es da zum Beispiel. Oh wow, jetzt können die Fans verstehen, was die Texte wirklich bedeuten, das ist alles echt! Wer aber glaubt, dass es sich hier vielleicht um eine Imagekampagne handelt, der wird schon auf der Seite 1 der SZ-Ausgabe beruhigt. Unter besagtem Bild, auf dem Lena so traurig schaut, steht ein Satz von ihr: „Für mich ist die Depression etwas ganz Normales und nichts Sensationelles.“ Soll bloß keiner denken, sie will Aufmerksamkeit erregen.

Prominente, die sich zu ihren Depressionen bekennen, werden oft gelobt, weil sie das Verständnis für die Krankheit fördern. Vielleicht tragen sie aber auch zu einem verzerrten Bild bei. Eine Betroffene, die in einem schwarzen Loch steckt, wird sich vielleicht in Zukunft öfter anhören müssen: Stell dich mal nicht so an, Lena ist auch depressiv. Aber die geht auf Deutschland-Tournee!