Über mich

Der tägliche Wahnsinn

Ich arbeite in einem großen und renommierten Krankenhaus im Ruhrgebiet. Was ich dort jeden Tag erlebe und wie die gesellschaftlichen und politischen Debatten zur Pflege wahrnehme, darum soll es in diesem Blog gehen.

Der Pflegenotstand ist so real wie wahnsinnig. Angeblich hat Deutschland eins der besten Gesundheitssysteme der Welt, aber es ist offenbar nicht möglich, einer so wichtigen Gruppe wie den Pflegenden mit einem Gehalt und Bedingungen auszustatten, die ein vernünftiges Arbeiten ermöglichen. Stattdessen steht eine große Zahl der Pflegenden ständig am Rand des Burnouts. Oder ist schon mittendrin.

Immerhin, das Thema hat mittlerweile die Aufmerksamkeit von Medien und Politik erregt. Im Alltag ernten wir von Patienten regelmäßig mitleidsvolle Blicke und hören Sätze wie: „Was ihr hier leisten müsst …“ oder „Ich weiß ja, wieviel ihr zu tun habt …“ Trotzdem versteht eigentlich niemand, wenn wieder Dinge vorkommen wie dieses: Volle Station mit 35 Patienten und ich allein im Nachtdienst. Immer wieder hörte ich dieselbe Frage: Wie kann das sein? Aber auch im Tagdienst krasse Unterbesetzung, gleichzeitig ein hoher Anteil teils extrem aufwendiger Patienten mit Demenz, Bettlägerigkeit, Infektiosität („Iso-Zimmer“).

Die Geschäftsführung weiß das. Sie weiß auch, dass es in anderen Kliniken genauso schlecht aussieht oder noch schlechter. Die Patienten kommen zu uns, weil sie krank sind, sie haben keine wirkliche Wahl.

Das alles hat natürlich Folgen: Die Qualität der Pflege leidet, teilweise massiv. Veränderungen werden ständig diskutiert, geschehen ist bisher wenig. Sicher braucht es bessere Bezahlung. Und weniger Profitorientierung im Gesundheitswesen. Aber brauchen wir eine Pflegekammer? Roboter als künftige Mitarbeiter, eine „generalistische Ausbildung“, Anwerbeprogramme für neue Kollegen in Mexiko? Mehr Zeitarbeit? Das sind politische Fragen, aber es soll hier auch um den Alltag gehen: Was sind die Folgen von Unterbesetzung? Was bedeutet es für Menschen mit Demenz, im Krankenhaus zu sein? Was ist eigentlich mit der Intimsphäre von Patienten?