Das Dilemma mit der Zeitarbeit

Man muss sich das vor Augen führen, zwei Kollegen auf meiner Station sind wegen Krankheit absehbar wochenlang nicht da. Dazu kommen die kurzfristigen Krankmeldungen, gerade jetzt im Winter fast täglich. Bei der ohnehin sehr angespannten Situation auf unserer Station sind solche Ausfälle nicht zu verkraften. Wie ein typischer Frühdienst aussieht, habe ich vor Kurzem hier geschildert. Wie geht das Haus damit um? Man könnte nun die Bettenzahl reduzieren. Wird aber nicht gemacht. Oder denken, die Geschäftsführung holt ersatzweise zwei Kollegen über Zeitarbeit ins Team. Zeitarbeit ist aber von unserer Geschäftsführung nicht gewollt, angeblich weil die Leute schlechter arbeiten. Außerdem wolle man das System der Leiharbeit nicht unterstützen. Ich halte zumindest das zweite Argument für vorgeschoben, eigentlich beide. Wenn Betriebswirtschaftler mit hehren politischen Überzeugungen argumentieren, muss man schon misstrauisch werden.

Die Zunahme der Leiharbeit der vergangenen 20 Jahre kann man sicher kritisch sehen, meist geht es auf Kosten der Arbeitnehmer. Viele nehmen aus der Not heraus Jobs an, wo sie weniger verdienen und keine langfristigen Perspektiven haben. Das ganze System zielt auf Flexibilität ab, vor allem zum Nutzen der Arbeitgeber.

In der Krankenpflege ist die Situation aber eine völlig andere: Die Pfleger, die sich für  Zeitarbeit entscheiden, genießen viele Vorteile. Sie können sich die Arbeitszeiten aussuchen (z.B. keine Nächte, keine Wochenenden), Urlaub frei wählen, ohne sich im Team abzustimmen („Was, du willst drei Wochen in den Sommerferien frei haben? Vergiss es!“), bekommen oft noch einen Dienstwagen gestellt. Und: Sie verdienen erheblich besser. Womit wir beim vermutlich wahren Grund sind, warum Zeitarbeit in unserm Haus so unbeliebt ist: Sie ist teurer.

Also verschiebt man lieber die Leute im Haus („Du musst heute auf 3.1 arbeiten.“). Und ruft Kollegen an freien Tagen an, ob sie nicht einspringen können. Natürlich wird trotzdem ständig in Unterbesetzung gearbeitet.

Die Politik hat sich mal am Rande mit dem Thema Zeitarbeit in der Pflege beschäftigt, große Wellen hat es nie geschlagen. Aus Berlin kam eine Landesinitiative, sie wieder zu verbieten, auch um zu verhindern, dass weiter Leute aus den Krankenhäusern abwandern. Die Branche reagierte und behauptete, der Markt sei ja ohnehin schon zum Stillstand gekommen. Es gibt aber Zahlen, die dem widersprechen. Laut der Ärztezeitung ist die Zahl der Zeitarbeiter in der Krankenpflege allein von 2014 bis 2018 von rund 12.000 auf circa 22.000 gestiegen.

Den Kollegen, die sich für den Wechsel entscheiden, kann man es kaum verübeln. Es ist wie immer im Leben, sowohl die Festanstellung wie die Zeitarbeit haben ihre Vor- und Nachteile. Die Zeitarbeiter müssen sich ständig in ungewohnten Umfeldern und Situationen zurechtfinden, mit Kollegen, die sie kaum kennen. Aber wie erwähnt verdient man eben in der Zeitarbeit deutlich mehr. Ich glaube nicht, dass ein Verbot der Branche eine Lösung ist. Solange die Situation in den Krankenhäusern so miserabel ist wie jetzt und der Pflegejob nicht attraktiver wird, können die Zeitarbeitsfirmen daran verdienen.

2 Gedanken zu „Das Dilemma mit der Zeitarbeit

  1. hANNES wURST

    Wie funktioniert die Zeitarbeit bei Pflegekräften? Werden diese von dritten Unternehmen (einer Zeitarbeitsfirma oder einem Pflegedienst) eingestellt und dann im Rahmen einer Arbeitnehmerüberlassung an die Krankenhäuser verliehen?

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    1. misterpfleger Autor

      Ich glaube, ja. Ich verstehe immer noch nicht so ganz, wieso das funktioniert. Die Zeitarbeitsfirma verdient daran, die Pflegekraft bekommt mehr als die festangestellten Kollegen – eigentlich nicht wettbewerbsfähig, denn sehr teuer. Aber der Markt scheint es zurzeit herzugeben. Es passt ja in die Zeit, dass Flexibilität belohnt wird. Genau das wollen die Arbeitgeber ja, die Politik hat in den vergangenen Jahrzehnten auch viele Wünsche dahingehend erfüllt. Der Unterschied zu andern Bereichen ist wie gesagt, dass es hier etwas teurer ist.

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