Anerkennung? Ja, schon, aber denkt auch an die Butterpreise!

Für die Pflege stehen die nächsten Tarifverhandlungen an, die Forderung von Verdi mit gut 10 Prozent mehr hört sich erstmal nicht schlecht an. Natürlich werden wir die nicht bekommen. In der Süddeutschen las ich neulich mal wieder die Warnung eines „Ökonomen“, das sei deutlich zu hoch gegriffen. Mit dem bekannten Argument, durch solche Abschlüsse würde die Inflation noch weiter angeheizt. Eine Unverschämtheit.

In Deutschland driften seit Jahrzehnten die Einkommen auseinander, die Reichen entfernen sich immer mehr von der Basis. Was zwar regelmäßig erwähnt und zuweilen auch bedauert, aber niemals geändert wird. Selten liest man aber zum Beispiel, dass die teilweise skurrilen Einkommenssteigerungen der Reichen die Inflation weiter in die Höhe treiben. Allerdings würde das auch nicht ganz stimmen, weil ab einem bestimmten Einkommen relativ gesehen immer weniger für Konsum ausgegeben wird, stattdessen legt man an. Man weiß einfach nicht mehr, wohin mit dem ganzen Geld. Arme Reiche!

Unterdessen wirft unser lustiger Finanzminister, der sich wahrscheinlich genauso wie Friedrich Merz zur Mittelschicht zählt, weiterhin Leuten, die es nicht nötig haben, das Geld hinterher, zum Beispiel mit dem Tankrabatt oder dem Dienstwagenprivileg. Sagt aber, dass Steuererhöhungen „mit mir“ nicht zu machen seien. Ich freue mich schon auf die Tarifverhandlungen. Es wird von Arbeitgeberseite wieder heißen, gerade sei nun wirklich kein Geld da …

Der Betreuerin ausgeliefert

Das ganze (freie) Wochenende musste ich an meine Patientin Frau S. (86) denken. Am Freitag hatte sie mich gefragt, wie es nun mit ihr weitergeht, und ich hatte ihr gesagt, dass sie nächste Woche ins Heim verlegt werden soll. Sie war aufgebracht, denn wie sich herausstellte, hatte ihre gesetzliche Betreuerin dem zugestimmt, ohne mit ihr darüber zu reden. Sie war noch mit vielem anderen unzufrieden, was ihre Betreuerin machte und nicht machte. Und so überlegte ich am Wochenende, wie ich ihr helfen könnte, wieder selbstständig über ihr Leben zu entscheiden. Ob ich mich da überhaupt einmischen sollte. Als ich am Montag zum Dienst kam, war Frau S. tot, ihr Herz war stehengeblieben. Alleinerbin ist ihre Betreuerin.

Nur einen Tag vor dem Gespräch mit Frau S. hatte ich in der SZ einen großen Artikel über genau dieses Thema gelesen. Darin ging es um eine Frau Anfang 50 mit psychischen Problemen, auch sie hatte eine gesetzliche Betreuerin, die praktisch über alle ihre Belange entscheiden konnte. Die Geschichte spielt in einer früheren Phase von Corona und es ging um die Frage der Impfung. Die Frau gehörte zur Risikogruppe, sie hatte eine fortgeschrittene COPD. Doch ihre Betreuerin ist Querdenkerin und tat alles, um die Impfung zu verhindern – mit Erfolg. Die Mutter der Frau machte sich große Sorgen, mehrmals wandte sie sich an Gerichte, am Ende flehte sie die Richter an, ihre Tochter von dieser Frau zu befreien. Doch die wiegelten ab. Im Frühjahr 2021 ist die Tochter an Covid gestorben.

Man fragt sich, wie es sein kann, dass eine Mutter nichts gegen den Willen einer Betreuerin ausrichten kann. Aber das ist die gesetzliche Realität in Deutschland, und sie ist laut SZ gar nicht so selten. Man muss nur bedenken, wie viele Menschen es gibt, die unter psychischen Krankheiten leiden. Wenn Behörden zur Überzeugung gelangen, dass jemand seine Belange nicht mehr erledigen kann, kommen Gerichte ins Spiel. Die bestimmen häufig als Betreuer oder Betreuerin bewusst nicht ein Familienmitglied, weil die Richter Interessenkonflikte ahnen oder Angehörige aus andern Gründen für ungeeignet halten.

Dann wird ein gesetzlicher Betreuer eingesetzt, und plötzlich hat eine wildfremde Person weitreichende Befugnisse. Bisweilen werden Fälle bekannt, wo solche richterlich eingesetzten Betreuer ihre Macht missbrauchen. Kritisiert wird zudem, dass man viel zu leicht Betreuer werden kann, die Anforderungen sind niedrig.

Bei meiner Patientin Frau S. war die Betreuerin schon sehr lange im Amt. Die beiden hatten sich aber schon vorher gekannt. Die Bekannte hatte ihr wohl immer mal wieder geholfen, Frau S. hatte weder Partner noch Kinder. Offenbar aus schlechtem Gewissen heraus oder um manche Dinge organisatorisch zu vereinfachen, hatte sie dann irgendwann zugestimmt, dass ihre Bekannte zur Betreuerin wurde. Und sie dann auch noch als Erbin eingesetzt. Doch inzwischen war das Verhältnis nicht mehr gut, so stellte es Frau S. jedenfalls dar. Sie hatte Angst, dass ihre Betreuerin an ihr Konto geht, in der Vergangenheit habe sie Besitz von ihr veräußert. In den Wochen, wo sie bei uns lag, kam die Frau kein einziges Mal zu Besuch. Es gab noch weitere Punkte.  Als Höhepunkt dann schließlich die Abschiebung ins Heim.

Das Thema mag exotisch klingen,wer glaubt schon, dass er oder sie unter Betreuung gestellt wird? Aber das kann sich schnell ändern. Auch bei einem medizinischen Notfall ist es keineswegs so, dass Angehörige automatisch entscheidungsbefugt sind. Und wer vertritt dann meine Interessen, wenn ich es selber nicht mehr kann, zum Beispiel nach einem schweren Unfall? Wer eine Person hat, der er oder sie vertraut, sollte sich darüber Gedanken, ob er ihr eine Vollmacht für solche Fälle erteilt. Wenn die vorliegt, ist die gesetzliche Betreuung aus dem Spiel. Die meisten Leute beschäftigen sich frühestens damit, wenn sie schon sehr alt sind. Das sehe ich bei der Patientenaufnahme, denn wir fragen jedes Mal, ob eine Vollmacht erteilt wurde.

Es gibt aber keinen Grund, damit zu warten. Man muss dazu auch keinem Notar Geld in den Rachen werfen, sondern kann das selbst aufsetzen. Ich habe es jetzt auf meine To-do-Liste geschrieben.

Das Ärzte-Bashing nervt …

Will man unter Schwestern und Pflegern Zustimmung einheimsen, muss man nur über „die Ärzte“ herziehen. Gerade bin ich in einer Weiterbildung, und auch unsere Dozenten machen beim Ärztebashing fleißig mit – man weiß nicht, ob aus Gewohnheit oder um das Gemeinschaftsgefühl im Kurs zu stärken. Da wird zum Beispiel behauptet, wenn ein paar Kollegen auf Station mal in Ruhe zusammensitzen, kann es sich nicht um Pfleger handeln, sondern allenfalls um Ärzte. So ein Blödsinn.

Ein anderer lässt kein Klischee über die Mediziner aus, angeblich ist er noch nie einem oder einer begegnet, den oder die man als kompetent bezeichnen könnte. Gleichzeitig lässt er hin und wieder durchscheinen, dass in seinem Freundes- und Bekanntenkreis einige Ärzte sind. Was er damit wohl über sich aussagen will?

Auf Station sind die Klagen über Ärzte auch oft zu hören: Ärzte, die arrogant sind oder angeblich keine Ahnung von ihrer Arbeit haben. Und es stimmt ja auch, mir fallen ebenfalls Negativbeispiele ein. Neulich kam ein Oberarzt ans Bett einer Patientin, wo ich gerade beschäftigt war. Ohne einen Blickkontakt geschweige denn ein Wort in meine Richtung fing er die Visite an und rauschte nach einer Weile wieder ab. Ich war quasi Luft für ihn. Solche Verhaltensweisen erlebt man in der Tat schon mal bei Ärzten, aber wohl nie in der Pflege. Nur ist es in jeder Berufsgruppe so, dass manche ihrer Vertreter etwas unangenehme Zeitgenossen sind.

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Außerdem: Die deutliche Mehrheit der Ärzte weiß sich durchaus besser zu benehmen. Und nicht selten habe ich auch Positiverlebnisse. Einen anderen Oberarzt hatte ich aus der Ferne immer als grimmigen Brummbär eingeschätzt. Bis ich feststellte, dass er ein total kommunikativer Mensch ist, der in der Visite die Kollegen einbindet und auch die Pflege auf selbstverständliche Weise nach ihrer Einschätzung fragt.

Insofern finde ich Pauschalurteile so platt wie bei anderen Berufsgruppen auch („Die Lehrer …“, „Die Beamten …“). Dasselbe gilt bei Kritik an fachlichen Entscheidungen. Zwar hat man teilweise eine Ahnung, welche Kollegen die kompetenteren sind, man bekommt ja doch einiges mit, auch manchmal, wie die ärztlichen Kollegen übereinander reden. Oder man wird Zeuge eines offensichtlichen Fehlers. Oft sind wir als Pflege aber nicht in der Lage, ein Urteil zu fällen, weil uns logischerweise das medizinische Wissen fehlt.

Aber es bringt natürlich eine gewisse Genugtuung mit sich, einen Arzt oder eine Ärztin bei einem Fehler zu ertappen. Denn wahrscheinlich ist es unser Minderwertigkeitskomplex, der hinter der ganzen Sache steckt. Was kein Wunder ist: Mediziner haben nun mal studiert, waren meist in der Schule besser, bekommen mehr Geld und sind verantwortlich für die Therapie. Aber es bringt auch nichts, ihnen daraus einen Strick zu drehen. Klar, eigentlich sind wir als Pflege eigenständig, aber natürlich setzen wir viele ärztliche Anordnungen um. Und manchmal knirscht es in der Zusammenarbeit. Was normal ist. Wir müssen ja zusammenarbeiten und meistens klappt das auch ganz gut. Wenngleich die klassische gemeinsame Visite – zumindest in meinem Haus – ziemlich aus der Mode gekommen ist. Es fehlt einfach die Zeit. Aber das ist ein anderes Thema.

Aus „Schwester Gabi“ wird „Gabi Müller (M.A.)“

Meine Kollegin Fabienne hat vor einiger Zeit angefangen, nebenher zu studieren, irgendwas Pflegewissenschaftliches. Vor ein paar Tagen unterhielten wir uns darüber, was sie mit dem Abschluss anfängt. Vielleicht mal im organisatorischen Bereich arbeiten, sagte sie, z.B. Pflegedienstleitung, oder als Dozentin in die schulische Ausbildung von künftigen Pflegern. Mit andern Worten: Mit der eigentlichen Krankenpflege ist es dann vorbei.

Die Akademisierung ist seit einiger Zeit eins der großen Themen in der Pflege, vor Kurzem ist ein bundesweites Pilotprojekt „360° Pflege“ mit einem großen Bericht der Robert-Bosch-Stiftung abgeschlossen worden, unser Zentralorgan „Die Schwester Der Pfleger“ hat daraus jetzt ein Titelthema gemacht. Auch in meiner Ausbildung hieß es immer wieder, wir müssten uns professionalisieren. Ohne das weiter infrage zu stellen, habe ich nie so richtig verstanden, wo diese Professionalisierung hinführen soll.

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Klar ist, dass in der Pflege immer schnell ein Bezug zu unserer Partnerdisziplin hergestellt wird, den Ärztinnen und Ärzten. Die mit Studium, Praktika und PJ naturgemäß eine deutlich anspruchsvollere Ausbildung durchlaufen. Die Akademisierungsverfechter empfehlen der Pflege dann oft auch ein größeres Selbstbewusstsein, was ja durchaus verständlich ist. Die eigenen Kompetenzen zu erweitern kann sicher nicht schaden.

Zudem geht der Blick häufig in andere Länder wie Großbritannien, wo der Weg in die Pflege gar nicht über eine Ausbildung führt, sondern über ein Studium. Sind die Kollegen in solchen Ländern damit besser qualifiziert als wir in Deutschland? Wenn man das so sieht, müsste man da nicht zuerst fragen, wie man die Ausbildung selber aufwertet? Stattdessen ist hier vor einiger Zeit die generalistische Ausbildung eingeführt (darüber habe ich hier mal etwas geschrieben) und damit meiner Ansicht nach genau der entgegengesetzte Weg eingeschlagen worden. Kranken- und Altenpflege wurden in einen Topf geworfen, was zwangsläufig zu einer Verwässerung der Ausbildung führt. Packt man zwei Ausbildungen in eine, bleiben Inhalte auf der Strecke.

Der übliche Karriereweg sieht also so aus: Erst die Ausbildung machen, und wenn man fit ist und sich berufen fühlt, irgendwann einen Bachelor oder Master hinterherschieben. Dann stellt sich dieselbe Frage wie für Fabienne. In den Pilotprojekten von „360° Pflege° gibt es tatsächlich einige Beispiele, wo Kollegen mit akademischem Abschluss weiterhin auf Station arbeiten, dort aber zum Beispiel Patienten mit bestimmten Krankheitsbildern intensiv betreuen oder Aufgaben übernehmen, die mehr mit Schulung und Beratung zu tun haben. Wenn so etwas gelingt, entstehen neue Möglichkeiten, sich innerhalb der Pflege weiterzuentwickeln, und das mit besserer Bezahlung (wobei ich nicht weiß, was solche Leute tatsächlich verdienen).

Nur denke ich, dass solche Jobs bislang die absolute Ausnahme sind, ich bin noch keinem Kollegen begegnet, der so arbeitet. Mit andern Worten: Nach dem Studium sind die meisten weg. Und dann erinnert mich das Ganze an die Klagen, die seit Jahren zum Beispiel aus Branchen wie dem Handwerk zu hören sind: Es herrscht zunehmender Personalmangel, denn die Schulabgänger haben immer weniger Lust auf Ausbildung und praktische Arbeit, sondern wollen lieber studieren. Den Machern von „360° Pflege“ ist das Problem durchaus bewusst. Die Akademiker auf Station zu beschäftigen bedeutet höhere Personalkosten – welcher Klinikbetreiber will das schon? Und so müssen die Autorinnen im Abschlussbericht genau das zugeben, wenn auch etwas verschämt und verschwurbelt: „Auch die Einschätzung, dass in Deutschland mit einer akademischen Qualifikation in der Pflege i.d.R. eine Abwendung aus den Versorgungsbereichen einhergeht, ist weit verbreitet und […] nicht ganz falsch.“

Solange sich daran nichts ändert, sind viele Kolleginnen und Kollegen nach dem Studium für die Pflege verloren. Ein Teil geht wie gesagt in die Ausbildung, die Pflegeschulen suchen Dozenten. Doch das Gesundheitswesen, inklusive der Verwaltungsebenen der Kliniken, ist groß, da gibt es viele Jobs. Will man die Leute in der Pflege halten, müssen schleunigst Arbeitsmöglichkeiten am Patientenbett geschaffen werden. Sonst entpuppt sich die Akademisierung als Eigentor.

Woher kommt der Hass auf die Pflegekammer?

Vor einiger Zeit habe ich hier einen kritischen Text über den „Fehlstart“ der Pflegekammer NRW geschrieben. Inzwischen schaue ich ein bisschen anders auf das Thema. Zwar finde ich die Kommunikation weiterhin miserabel, mit der versucht wird, die neue Kammer gegen großen Widerstand durchzudrücken. Andererseits bleibt ein zentrales Argument stichhaltig, warum wir eine solche Kammer brauchen: Im Vergleich zu andern Berufsständen – nicht zuletzt, zu den Ärzten, die seit Langem sehr öffentlichkeitswirksam und professionell ihre Interessen vertreten – haben wir in der Pflege keine vernünftige Lobby. Es fehlt ein Gremium, das direkt an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt ist. In einer Zeit, wo alle darüber reden, dass in der Pflege ganz viel verändert und verbessert werden muss.

Und da finde ich, dass man seine Ablehnung gegenüber der geplanten Kammer schon gut begründen muss. Stattdessen höre ich aber eher emotionale als sachliche Argumente. Es geht oft in die Richtung, da wird uns etwas übergestülpt, irgendwelche Leute da oben wollen ihre eigenen Interessen durchsetzen und sich Posten sichern, um uns geht es gar nicht. Vielleicht ist das Misstrauen zum Teil nicht ganz unbegründet. Wir müssen zwar zunächst keine Beiträge zahlen, weil die NRW-Regierung einen finanziellen Vorschuss leistet. Was dann aber auf uns zukommt, da herrscht keine Transparenz. Andererseits: Vielleicht kann eine Kammer in Zukunft doch etwas für uns ausrichten.

Aber viele der lauten Kritiker, würde ich behaupten, sind nicht einmal bei Verdi. Man kann das schon allein deswegen annehmen, weil auch bei uns im Haus die Quote der Gewerkschaftsmitglieder erschreckend niedrig ist. Im kleinen Kreis herumzujammern hilft definitiv nicht viel, man muss schon einen größeren Stein ins Rollen bringen. Eine Pflegekammer im größten Bundesland wäre zumindest ein Signal.

Verdi ist ganz klar gegen die Pflegekammer. Aber vertreten sie damit nur unsere Interessen? Vielleicht liegt es auch daran, dass sie neue Konkurrenz fürchten. Denn wer zahlt von seinem kargen Pflegerinnengehalt schon gern zweimal Mitgliedsbeiträge, einmal für die Gewerkschaft und einmal für die Kammer? Es wäre auf jeden Fall ein Eigentor für die Pflege, wenn aus diesem Grund auch noch einige der viel zu wenigen Verdi-Mitglieder kündigen. Bei Verdi ist man freiwillig, aus der Kammer kommt man dagegen nicht raus.

Verdi hat vor einigen Tagen eine Mail herumgeschickt. Sie fordern jetzt dazu auf, sich bei der Kammer zu registrieren. Man habe ohnehin keine Wahl. Wie bei andern berufsständischen Kammern müssen alle eintreten. Und nur wer registriert ist, kann im Herbst an der ersten Kammerwahl teilnehmen, einer Art Parlamentswahl der Pflegekammer, bei der auch Verdi kandidiert. Der Plan: Wenn Verdi gut abschneidet, soll die erste Initiative sein: eine Abstimmung unter allen Pflegenden abhalten, ob die neue Kammer überhaupt gewollt ist. Und sie damit beim zu erwartenden schlechten Ergebnis gleich wieder zu Fall bringen. Aber ob uns das weiterbringt?

Was sich ändern muss, Teil 1

Meist habe ich auf diesem Blog Missstände beschrieben, und auch ihre ganz konkreten Auswirkungen in meinem Haus. Die Realität darzustellen, realistisch und von innen heraus, ist eins der Ziele dieser Seite. Die meisten Menschen haben keine große Idee, wie es auf einer Station zugeht, aufmerksame Patienten bekommen zumindest eine Ahnung davon. Jetzt will ich einmal nach vorn schauen und beschreiben, was sich aus meiner Sicht verändern muss. Einige Forderungen sind natürlich nicht neu oder originell, trotzdem ist manches, das selbstverständlich erscheint, umstritten. Und der Weg dorthin erst recht. Teil 2 folgt.

1. Vernünftige Personaluntergrenzen
Klar eins der großen Themen, die häufige – oder soll ich sagen ständige – Unterbesetzung ist für die Pflegerinnen und Pfleger ein riesiges Problem. Die Arbeit kann ja nicht auf den nächsten Tag verschoben werden, die Unterbesetzung, stresst, zermürbt, laugt aus – körperlich und psychisch, das liegt auf der Hand. Das Thema Mindestbesetzung/Personaluntergrenzen wird zurzeit von vielen Beteiligten und Experten schon ausgiebig bearbeitet. Aber egal welches Modell man sich ausdenkt, es bleibt momentan das grundsätzliche Problem, dass die Kliniken erstmal viele tausend Kollegen einstellen müssten.

Das Personal an den Unikliniken NRW hat nach einem beispiellosen Streik nun immerhin einen Tarifvertrag „Entlastung“ durchgesetzt, der Gutschriften an Arbeitszeit vorsieht, die bei mehrmaligen Unterschreitungen der Mindestbesetzung jeweils einen freien Tag als Kompensation vorsehen. Was in meinem Haus geplant ist, habe ich ehrlich gesagt, noch nicht richtig verstanden. Es gab schon einmal ein Modell, das aber wegen Corona auf Eis gelegt wurde und nun wohl abgewandelt vor der Wiedereinführung steht. Darin werden Untergrenzen je nach Bettenzahl und Stationsprofil definiert. Unsere Stationsleitung kalkuliert schon, wie sich das mit unserer Besetzung realisieren lässt. Wenn man ihr zuhört, wird schon klar: Die Untergrenze, die im Modell vorgesehen ist, soll das sein, was noch gerade so zu tolerieren wäre. In unserer Planung wird sie ins Gegenteil verkehrt, nämlich zum Zielwert, und hat man ihn erreicht, klopft man sich freudig auf die Schulter. Der Stress bleibt also Teil des Systems, melden sich ein, zwei Kollegen krank, sind wir schon wieder im Chaos.

2. Bessere Bezahlung
Klar, das Gehalt ist zu gering. Allerdings zu sagen, wir haben mehr verdient, ist müßig, das interessiert in unserm Wirtschaftssystem keinen. Aber: Wie in vielen anderen Berufen, haben sich die Löhne und Gehälter in der Pflege in den letzten 20 Jahren kaum nach oben entwickelt. In der Zeit sind die oberen Einkünfte, Vermögen, Unternehmensgewinne exorbitant gestiegen. Uns erzählt man Sachen wie: Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen. Die Länder/Kommunen haben kein Geld, wie stellt ihr euch das vor? Jetzt ist es gerade schlecht, Corona hat Löcher in die Kassen gerissen. Wenn ihr jetzt deutlich mehr Geld wollt, steigt die Inflation noch weiter. Etc.

Die letzte Tariferhöhung, die ich erlebt habe, war im Herbst 2020, erstes Coronajahr. Verdi hat sich hinterher auf die Schulter geklopft. Die Prozentzahl klang auch ganz gut, nur hatte man mit den Arbeitgebern eine Laufzeit von mehreren Jahren vereinbart. Legt man das um, sehen die Zahlen deutlich bescheidener aus. Immerhin, bei verschiedenen Zulagen gab es erhebliche Verbesserungen. Bedenkt man aber, wie die Zeit damals war – wir waren im Coronaschockzustand, der Pflegenotstand war in aller Munde –, hätte deutlich mehr herausspringen müssen.

Was man dabei nicht vergessen darf, und das ist ein entscheidender Punkt: Die Pflege ist auch selber schuld, der Anteil der Kollegen, die in der Gewerkschaft sind, ist lächerlich.

3. Mehr Kampfbereitschaft
Das wäre dann auch meine dritte Forderung, sie richtet sich an uns als Berufsstand: In die Gewerkschaft eintreten, das Streikrecht nutzen, sich engagieren. Von nichts kommt nichts. Man kann bisher nur neidisch auf IG Metall oder Eisenbahner schauen.

4. Besserer Ruf des Berufs, der eigentlich ein toller Beruf ist
Die Sache mit dem Pflegenotstand ist ein Teufelskreis. Bei Pflege denkt heute jeder an Unterbesetzung, Stress und Burnout, wer will sich das antun? Dabei ist der Beruf Krankenpfleger eigentlich großartig. Jeder Tag ist anders, es ist nie langweilig. Es geht ja um viel mehr als das alte Klischee davon, „Menschen zu helfen“. Man muss erstmal schauen, wen hat man vor sich, wie tickt der Patient, was braucht er? Wenn man sich für Menschen interessiert, ist das immer wieder eine spannende Herausforderung. Die sehr bereichernd ist und sehr erfüllend. Soviel nur in aller Kürze, ich habe schon länger vor, hier man ein Loblied auf den Beruf vorzubringen. Folgt. Aber wie vermittelt man das im Großen? Ein Beispiel: Ich habe gerade von einem Krankenhaus bei München gelesen, das Schulabgänger ins Haus holt, damit sie sich selber anschauen und ausprobieren können, wie Pflege ist. In diese Richtung kann man viel mehr machen.


5. Abkehr von der Privatisierung
Ein sehr komplexes Thema. Der Journalist David Gutensohn hat ein Buch geschrieben, „Pflege in der Krise“, in dem er klar Stellung gegen die Privatisierung bezieht. In einem ZEIT-Artikel hat er seine Thesen zusammengefasst. Genauso wenig wie die Polizei, Schulen, Feuerwehr, Kindergärten sollten Krankenhäuser und Pflegeheime Gewinne machen müssen, fordert er. Zwar würde ich behaupten, dass in der Bildung die Privatisierung längst eingesetzt hat, siehe Privatschulen und der Bologna-Prozess an den Hochschulen.  Aber der Grundthese würde ich zustimmen. Gutensohn sieht Gesundheit ist als Teil der Daseinsvorsorge und somit gesellschaftliche Aufgabe. Privatisierung setze falsche Anreize, Profitmaximierung vertrage sich nicht mit dem Ziel, zuerst das Beste für den Patienten zu erreichen. Stattdessen wird am Personal gespart, bei der Wahl der Behandlung fließen betriebswirtschaftliche Erwägungen ein.

Die Entwicklung der vergangenen zwanzig Jahren auf einen Schlag rückgängig zu machen, hält Gutensohn zwar nicht für einen gangbaren Weg, aber er schlägt drei Maßnahmen vor: rekommunalisieren, Fallpauschalen abschaffen, Profite begrenzen. In dem Zuge sollen neue Anreize geschaffen und die Einrichtungen belohnt werden, die zufriedene Patienten haben und in Personalentwicklung investieren.

Einsam und verloren: Mit Demenz im Krankenhaus

Letzte Woche zu Beginn des Spätdienstes schaue ich mit meinem Kollegen kurz nach Patient H. Der Mann hat eine fortgeschrittene Demenz und ist schon einmal bei uns gestürzt. Als wir die Tür aufmachen, kommt er uns gerade entgegen: Nackt und orientierungslos klammert er sich an einen Stuhl, auf dem Boden ist überall Blut, das zähflüssig aus seinem Penis tropft. Offensichtlich hat er sich gerade den geblockten Blasenkatheter herausgezogen.

Demenz ist – abgesehen von Ausnahmen – eigentlich eine Kontraindikation für einen Blasenkatheter, also ein Ausschlusskriterium. Ich sehe bei uns trotzdem ständig Menschen mit Demenz und Blasenkatheter. Gerade Männer kommen oft nicht damit klar, dass da ein Schlauch in ihrem Penis steckt, und ziehen kräftig daran. Mit den immer gleichen Folgen, siehe oben. Solche Patienten bluten oft ausgiebig und brauchen dann manchmal Blutkonserven, was übrigens auch sehr viel Geld kostet. Außerdem benötigen sie nun wirklich einen Blasenkatheter, und zwar jetzt einen so genannten Spülkatheter, der verhindern soll, das Blutpfropfen die Harnröhre verstopfen. Ein Teufelskreis. Patient H haben wir Fäustlinge angezogen. Sie sehen etwa so aus wie Boxhandschuhe und verhindern, dass man den Katheterschlauch greifen und herausziehen kann. Oder sonst irgendetwas mit seinen Händen machen.

Man liest öfter den Satz, dass Krankenhäuser für Menschen mit Demenz gefährliche Orte sind. Das ist nicht übertrieben. Und es ist ein riesiges Problem, wenn man sich klar macht, dass in Deutschland ca. 1,7 Millionen Menschen an Demenz leiden und diese Gruppe allein altersbedingt sehr häufig in Kliniken eingeliefert wird. Die Krankenhäuser sind aber nicht eingestellt auf solche Menschen, weder personell noch vom pflegerischen Know-how. Und für diese Patienten bedeutet der Klinikaufenthalt oft einen negativen Schub in ihrer Erkrankung.

Ein wesentliches Problem: Diese Leute brauchen sehr viel Zuwendung, weil sie oft schon nicht verstehen, wo sie überhaupt sind und wieso. Sie brauchen ihre gewohnte Umgebung, um sich halbwegs im Alltag zu orientieren und sicher zu fühlen. Im Krankenhaus fällt das weg, alles ist neu und ungewohnt, das führt zu Verunsicherung und Angst. Jetzt finden sich die Leute noch schlechter in ihrem Leben zurecht, werden unruhiger, verwirrter – ein Teufelskreis. Das hat sich durch Corona mit den eingeschränkten Besuchsregeln noch verstärkt, tagelang schauen diese Patienten in kein bekanntes Gesicht und verzweifeln.

Oft spricht man am Telefon mit Verwandten und ist überrascht: Der Opa kam zu Hause noch ganz gut zurecht, bei uns bekommt er kaum einen sinnvollen Satz zustande. Was die Sache noch komplizierter macht: Oft ist auch ein Delir im Spiel, auch als „Durchgangssyndrom“ bekannt, das zum Teil ähnliche Symptome aufweist wie Demenz, aber sehr plötzlich auftritt – anders als viele glauben allerdings nicht nur nach Operationen: Jeder Krankenhausaufenthalt bringt für ältere Patienten ein erhöhtes Delir-Risiko mit sich.

Zudem sind solche Leute, wenn die Demenz fortschreitet, zunehmend unberechenbar, sie schmeißen Sachen um, legen sich ins falsche Bett, rufen unentwegt laut um Hilfe, ziehen sich venöse Zugänge (oder eben Katheter), versuchen abzuhauen und so weiter. Mit dem aktuellen Personalschlüssel auf Stationen wie meiner ist es unmöglich, solchen Leuten gerecht zu werden, gerade auf internistischen Stationen, wo manchmal 20 oder mehr Prozent der Patienten eine Demenz haben.

Ein weiteres Manko: Die Kommunikation mit diesen Patienten ist eine echte Herausforderung, mit der viele in der Pflege schlicht überfordert sind. In meiner Fortbildung fiel der Satz: Bei fortgeschrittener Demenz spielt Vernunft keine Rolle mehr, es geht nur noch um Gefühle. Und das Krankenhaus bringt für die Leute fast nur negative Gefühle mit sich: Sie wissen nicht, wo sie sind, vermissen vertraute Menschen, müssen schmerzhafte Behandlungen ertragen, Regeln einhalten, die sie nicht verstehen und sich nicht merken können etc. Darauf einzugehen, kostet für uns als Pflegende Geduld, Einfühlungsvermögen und Frustrationstoleranz.

Stattdessen wird im Alltag immer wieder an die Vernunft appelliert, auf Fehler hingewiesen und auf Regeln gepocht. Man redet einfach so, wie man es gewohnt ist, als hätte man einen klar denkenden Menschen vor sich. Alles sinnlos. Aber irgendwie auch verständlich, denn das System Krankenhaus funktioniert nicht ohne Regeln.

Immerhin: Wir haben ein Demenz-Team im Haus, aber es besteht nur aus zwei Kolleginnen. Sie entlasten im Frühdienst die Stationen bei der Pflege, was angesichts ihrer Personalstärke natürlich nur ein bescheidener Beitrag sein kann. Außerdem setzen sie sich für die betroffenen Patienten ein und sind im Hause auch sehr gut vernetzt. Und schrecken auch nicht davor zurück, sich mit Oberärzten anzulegen. Zum Beispiel, wenn es um Operationen mit fraglichem Nutzen geht oder um Verlegungen innerhalb des Hauses auf Privatstationen, die eben wieder einen zusätzlichen Ortswechsel bedingen und bei den Betroffenen meist zu noch mehr Desorientierung führen. Aber egal, Hauptsache, es bringt mehr Geld.

Außerdem bietet das Demenzteam Fortbildungen für die Pflege an. Das Interesse hält sich aber sehr in Grenzen, die Resonanz ist enttäuschend. Das Thema ist ja auch nicht gerade sexy.

P.S.: Gestern kam ich nach dem Wochenende zum Dienst und erfuhr, dass Patient R, der schon eine Weile bei uns liegt und sehr verwirrt ist, zwischendurch einen Blasenkatheter hatte. Ein Kollege hatte ihn kurzerhand gelegt, keiner wusste, wieso. Vielleicht weil er keine Lust hatte, mehrmals am Tag die Windel zu wechseln. Gebracht hat es ihm wenig. Als er das nächste Mal ins Zimmer kam, hatte R das Ding schon wieder rausgerissen.

Pflege in Not und die Folgen für die Ausbildung

Den Pflegenotstand kennt heute jeder, in Deutschland fehlen zehntausende von Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern. Den Mangel an Fachkräften will die aktuelle Regierung vor allem mit Pflegekräften aus dem Ausland lindern. Ganz unabhängig davon, ob das funktioniert oder nicht, ist diese Strategie grundsätzlich sehr problematisch. Wer soll künftig die Kranken in Mazedonien oder Albanien pflegen, wenn die Kollegen von dort massenhaft Richtung Deutschland abwandern? Zum andern muss man mehr junge Menschen dazu bringen, sich für die Ausbildung in der Pflege zu interessieren. Aber wie sieht es da im Moment aus?

Die Antwort: Es gibt zu wenige Bewerber. Und es gibt zu wenige geeignete. Der Eindruck aus meiner Ausbildung ist, dass die Schulen fast jeden nehmen, der kommt. Sie sind schlicht nicht in der Position groß auszusieben, weil sie dann ihre Plätze nicht besetzt bekämen. Das soll nicht heißen, dass es keine fitten Leute gibt. Ich habe in meiner Ausbildung viele gesehen, die sehr motiviert waren, selbstbewusst, interessiert und lernfährig. Und auch heute sehe ich unter den Auszubildenden viele mit einem solchen Potenzial. Aber es werden eben auch nicht wenige Bewerber genommen, denen es an unterschiedlichsten Dingen fehlt: ausreichende Deutschkenntnisse, Empathie- oder Kommunikationsfähigkeit, die Bereitschaft, sich reinzuhängen.

Die Gründe sind bekannt: Der Beruf erscheint zu wenigen attraktiv. Weil die Bezahlung zu niedrig ist, der Stress dafür groß. Wahrscheinlich werden die Möglichkeiten zu wenig wahrgenommen, dass man sich weiterbilden und damit auch in andere Bereiche wechseln kann: in die Lehre, Beratung, zu Krankenkassen, in organisatorische Aufgaben. Und dann ist da noch das Problem, das die Pflege mit andern Ausbildungsberufen teilt: Immer weniger junge Menschen wollen überhaupt eine Ausbildung machen, sondern Abitur – und danach studieren. Ob sie ihr Studium abschließen, und wenn ja, ob sie danach gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt haben, sind ganz andere Fragen.

Was bedeutet das für die Ausbildung selbst, dass kaum Vorauswahl stattgefunden hat? Zum einen wurde über die drei Jahre hinweg ausgesiebt. Nicht wenige brechen ab, viele scheitern schon an der Probezeit oder am Ende beim Examen. Aber dann gibt es noch eine nicht unerhebliche Zahl, die irgendwie durchgezogen wird. Bei den Klausuren zu schummeln ist nicht schwer: Einfach zwischendurch aufs Klo und das Handy zücken. Oft waren Leute im Kurs auch an die Klausur zum Thema vom Vorjahr gekommen. Das war sehr hilfreich, denn man konnte sich darauf verlassen, dass diesmal wieder genau dieselben Fragen gestellt werden.

Auch beim Nachweis der Praxisanleitungen in den Klinikeinsätzen mogelten manche, was das Zeug hielt. Oder bei der Anwesenheit: Zu viele Fehlstunden, um beim Examen zugelassen zu werden? Egal, wir drücken beide Augen zu. Man könnte jetzt denken, vielleicht war der Schüler viel krank und dafür wollte die Schule ihn nicht abstrafen. Im Kurs wusste aber jeder: Er hatte einfach nicht so viel Lust auf den schulischen Teil der Ausbildung und machte öfter blau.

Die Auszubildenden haben es schnell raus, wo die Schlupflöcher sind. Und nutzen sie, wo sie können. In einer Lerneinheit zum Thema statistische Methoden sollten wir uns in Gruppen Themen für eine Umfrage suchen und diese dann umsetzen und auswerten. Eine Gruppe sparte sich die Arbeit der Befragung und machte einfach Kreuzchen auf die Fragebögen. Sie bekam eine 1 minus.

Die Mogelpackung „Generalistische Ausbildung“

Nach meiner Ausbildung hat es wieder eine Reform gegeben, die „generalistische Ausbildung“ wurde eingeführt. Ich bin sehr froh, dass ich das nicht mehr erleben musste. Bisher war es so: Die Altenpflegeausbildung war selbstständig. Kranken- und Kinderkrankenpfleger dagegen sind gemeinsam in den schulischen Teil der Ausbildung gestartet, die Praxis war natürlich getrennt. Vor dem dritten Jahr wurde auch der schulische Teil aufgespaltet.

Die wesentliche Veränderung der generalistischen Ausbildung ist nun, dass Kranken- und Altenpflege zusammengefasst werden. Das soll angeblich den Beruf attraktiver machen, die Bezahlung verbessern, die Qualität der Ausbildung erhöhen und die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Meiner Ansicht nach sind sämtliche Argumente vorgeschoben und falsch.

Ich sehe das Thema vor allem aus der Perspektive der Krankenpflege. Und da kann die Reform nur zu einer Verwässerung führen. Schon jetzt sind die drei Jahre vollgestopft mit Themen. Im praktischen Teil gibt es Außeneinsätze in Psychiatrie, ambulanter Pflege, Altenheimen, Behindertenpflege. In der Schule werden neben medizinischen viele weitere Themen behandelt: rechtliche Fragen, Geschichte der Pflege, Fragen der Dienstplangestaltung, Kommunikation, häusliche Pflege, Demenz, Behinderung. Wer jetzt zusätzlich in nennenswertem Umfang die Altenpflege reinpacken will, muss vorher beim bisherigen Lehrplan die Axt anlegen. Ich frage mich, was da alles rausgestrichen wurde. Und wie man das als Qualitätsgewinn verkaufen kann.

Ich habe in der Ausbildung eine relativ gute Bezahlung erhalten, schon im ersten Jahr gut 1000 Euro netto. Das konnte man von der Altenpflege weniger behaupten, vor allem nicht in einigen Bundesländern, in denen während der drei Jahre ein Schulgeld verlangt wurde. Das war in der Tat ein Problem, und man hätte schon längst etwas dagegen unternehmen müssen. Grotesk wird es aber, wenn man behauptet, man müsse deshalb Altenpflege und Krankenpflege zusammenlegen.

Dann ist da noch das angebliche Argument der Berufsaussichten. Ein Blogger schreibt dazu: „Wer sich im neuen Berufsbild der Pflegefachfrau bzw. des Pflegefachmanns ausbilden lässt, hat beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt.“ Dazu kann ich nur sagen: Ich habe auch beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt, ich kann mir aussuchen, wo ich arbeiten will. Mit der Ausbildung als Krankenpfleger könnte ich zum nächsten Ersten in vielen anderen Kliniken, bei ambulanten Pflegediensten, in der Behindertenhilfe, bei Zeitarbeitsfirmen oder in der Psychiatrie anfangen. Und natürlich in jedem Altenheim. Die könnten ihr Glück kaum fassen, wenn ein fähiger Krankenpfleger mit Berufserfahrung sich bei ihnen bewerben würde. Mit andern Worten: Aus Sicht der klassischen Krankenpflege ist das Argument der tollen Berufsaussichten für die neuen Pflegefachfrauen und -männer kompletter Blödsinn. Es herrschten ja angesichts des Pflegenotstands vorher schon paradiesische Zustände.

Was war also der wahre Grund für die Zusammenlegung der unterschiedlichen Ausbildungen? Ich kann da nur mutmaßen. Aus Sicht der Altenpflege stellt sich die Sache schon anders dar. Die Bezahlung ist schlechter als im Krankenhaus, der Personalmangel noch größer. Man liest ja horrende Geschichten aus manchen Pflegeheimen, nicht nur im Zusammenhang mit Corona. Woher sollte also die Motivation für fähige und motivierte junge Menschen kommen, sich für eine Ausbildung in der Altenpflege zu entscheiden? Gleichzeitig wird der Bedarf weiter rasant ansteigen, die demografische Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Ähnlich sieht es wohl in der ambulanten Pflege aus, die sich überwiegend um alte Menschen kümmert, die zu Hause allein nicht mehr klarkommen. Auch die hat in der neuen generalistischen Ausbildung stärkeres Gewicht erhalten. Deshalb scheint mir dieser Gedanke plausibler: Die Reform der Ausbildung sollte vor allem dazu dienen, die Altenpflege attraktiver zu machen. Die Krankenpflege hat gar nichts davon, im Gegenteil. Aber das will so natürlich niemand sagen.

Wer oder was muss sich eigentlich ändern?

Vor ein paar Wochen hatte ich mal wieder ein paar besonders schlimme Spätdienste hinter mir. Man rennt stundenlang über die Station und sieht kein Land. Die Pause ist quasi ausgefallen, irgendwann kommt die Kollegin vom Nachtdienst und viel Arbeit ist noch nicht gemacht. Klar, die Infusionen sind gelaufen, niemand liegt (hoffentlich) in einer vollen Windel. Aber Akten der Neuaufnahmen sind nicht fertig, Pflegeanamnesen nicht gemacht, Labore nicht ausgedruckt, neue Anordnungen noch offen, der Arbeitsraum ein Chaos usw. Davon abgesehen, dass die Zeit für Gespräche mit Patienten und Angehörigen fehlte; manches fiel einfach unter den Tisch: bei Patient R. nochmal Vitalzeichen kontrollieren, Inhalationen anhängen, Mahlzeiten begleiten usw. Das Ergebnis: Ich gehe abends raus, habe Überstunden gemacht, bin körperlich ausgelaugt und psychisch frustriert, weil ich meinen Ansprüchen nicht gerecht geworden bin.

Ein paar Tage später erzählte ich einem Freund davon und sagte ihm, dass ich an mir arbeiten müsse: einen Weg finden, besser mit dem Stress umzugehen, mich selber weniger unter Druck zu setzen. Worauf er meinte: „Das ist wohl der moderne Weg, mit schlechten Arbeitsbedingungen umzugehen.“ Früher hätten Arbeitnehmer eher an Gewerkschaften, Betriebsräte gedacht, wenn es um schlechte Arbeitsbedingungen ging. Es war klar, dass sich etwas an den Verhältnissen ändern muss (was allerdings auf die Krankenpflege nur zum Teil zutrifft, es sind ja viel zu wenige Kollegen in der Gewerkschaft).

Heute versuchen Angestellte, an ihrer Resilienz zu arbeiten.

Wahrscheinlich hat er Recht. Es passt zu dem, was ich mir schon seit Längerem über das Phänomen Burnout denke. Der Burnout ist der moderne Nachfolger des Protests, des Widerstands, vielleicht sogar der Revolution. Statt rauszugehen und zu demonstrieren, sagt der moderne Arbeitnehmer immer öfter: Ich gehe nach Hause, ich kann nicht mehr.

Irgendwie sieht er, dass an den Verhältnissen, die das mit ihm gemacht haben, etwas nicht stimmen kann. Aber was soll er tun? Man bringt seinen Protest dadurch zum Ausdruck, dass man nicht mehr mitmacht. Nimmt kein Megaphon in die Hand, sondern sagt ganz leise: Ich kann nicht mehr, schaut nur, was ihr aus mir gemacht habt. Aber eigentlich ist es vor allem eine Kapitulation.

In der Regel sicher auf Zeit. Früher oder später beschleichen wohl die meisten Zweifel, dass sie vielleicht doch etwas falsch gemacht haben, nicht stark genug sind. Außerdem brauchen sie schlicht und ergreifend das Geld. Und die Anerkennung.

Dabei sein ist alles.