Schlagwort-Archive: Pflege

Aus „Schwester Gabi“ wird „Gabi Müller (M.A.)“

Meine Kollegin Fabienne hat vor einiger Zeit angefangen, nebenher zu studieren, irgendwas Pflegewissenschaftliches. Vor ein paar Tagen unterhielten wir uns darüber, was sie mit dem Abschluss anfängt. Vielleicht mal im organisatorischen Bereich arbeiten, sagte sie, z.B. Pflegedienstleitung, oder als Dozentin in die schulische Ausbildung von künftigen Pflegern. Mit andern Worten: Mit der eigentlichen Krankenpflege ist es dann vorbei.

Die Akademisierung ist seit einiger Zeit eins der großen Themen in der Pflege, vor Kurzem ist ein bundesweites Pilotprojekt „360° Pflege“ mit einem großen Bericht der Robert-Bosch-Stiftung abgeschlossen worden, unser Zentralorgan „Die Schwester Der Pfleger“ hat daraus jetzt ein Titelthema gemacht. Auch in meiner Ausbildung hieß es immer wieder, wir müssten uns professionalisieren. Ohne das weiter infrage zu stellen, habe ich nie so richtig verstanden, wo diese Professionalisierung hinführen soll.

Klar ist, dass in der Pflege immer schnell ein Bezug zu unserer Partnerdisziplin hergestellt wird, den Ärztinnen und Ärzten. Die mit Studium, Praktika und PJ naturgemäß eine deutlich anspruchsvollere Ausbildung durchlaufen. Die Akademisierungsverfechter empfehlen der Pflege dann oft auch ein größeres Selbstbewusstsein, was ja durchaus verständlich ist. Die eigenen Kompetenzen zu erweitern kann sicher nicht schaden.

Zudem geht der Blick häufig in andere Länder wie Großbritannien, wo der Weg in die Pflege gar nicht über eine Ausbildung führt, sondern über ein Studium. Sind die Kollegen in solchen Ländern damit besser qualifiziert als wir in Deutschland? Wenn man das so sieht, müsste man da nicht zuerst fragen, wie man die Ausbildung selber aufwertet? Stattdessen ist hier vor einiger Zeit die generalistische Ausbildung eingeführt (darüber habe ich hier mal etwas geschrieben) und damit meiner Ansicht nach genau der entgegengesetzte Weg eingeschlagen worden. Kranken- und Altenpflege wurden in einen Topf geworfen, was zwangsläufig zu einer Verwässerung der Ausbildung führt. Packt man zwei Ausbildungen in eine, bleiben Inhalte auf der Strecke.

Der übliche Karriereweg sieht also so aus: Erst die Ausbildung machen, und wenn man fit ist und sich berufen fühlt, irgendwann einen Bachelor oder Master hinterherschieben. Dann stellt sich dieselbe Frage wie für Fabienne. In den Pilotprojekten von „360° Pflege° gibt es tatsächlich einige Beispiele, wo Kollegen mit akademischen Abschluss weiterhin auf Station arbeiten, dort aber zum Beispiel Patienten mit bestimmten Krankheitsbildern intensiv betreuen oder Aufgaben übernehmen, die mehr mit Schulung und Beratung zu tun haben. Wenn so etwas gelingt, entstehen neue Möglichkeiten, sich innerhalb der Pflege weiterzuentwickeln, und das mit besserer Bezahlung (wobei ich nicht weiß, was solche Leute tatsächlich verdienen).

Nur denke ich, dass solche Jobs bislang die absolute Ausnahme sind, ich bin noch keinem Kollegen begegnet, der so arbeitet. Mit andern Worten: Nach dem Studium sind die meisten weg. Und dann erinnert mich das Ganze an die Klagen, die seit Jahren zum Beispiel aus Branchen wie dem Handwerk zu hören sind: Es herrscht zunehmender Personalmangel, denn die Schulabgänger haben immer weniger Lust auf Ausbildung und praktische Arbeit, sondern wollen lieber studieren. Den Machern von „360° Pflege“ ist das Problem durchaus bewusst. Die Akademiker auf Station zu beschäftigen bedeutet höhere Personalkosten – welcher Klinikbetreiber will das schon? Und so müssen die Autorinnen im Abschlussbericht zugeben, wenn auch etwas verschämt und verschwurbelt: „Auch die Einschätzung, dass in Deutschland mit einer akademischen Qualifikation in der Pflege i.d.R. eine Abwendung aus den Versorgungsbereichen einhergeht, ist weit verbreitet und […] nicht ganz falsch.“

Solange sich daran nichts ändert, sind viele Kolleginnen und Kollegen nach dem Studium für die Pflege verloren. Ein Teil geht wie gesagt in die Ausbildung, die Pflegeschulen suchen Dozenten. Doch das Gesundheitswesen, inklusive der Verwaltungsebenen der Kliniken, sind groß, da gibt es viele Jobs. Will man die Leute in der Pflege halten, müssen schleunigst Arbeitsmöglichkeiten am Patientenbett geschaffen werden. Sonst entpuppt sich die Akademisierung als Eigentor.

Woher kommt der Hass auf die Pflegekammer?

Vor einiger Zeit habe ich hier einen kritischen Text über den „Fehlstart“ der Pflegekammer NRW geschrieben. Inzwischen schaue ich ein bisschen anders auf das Thema. Zwar finde ich die Kommunikation weiterhin miserabel, mit der versucht wird, die neue Kammer gegen großen Widerstand durchzudrücken. Andererseits bleibt ein zentrales Argument stichhaltig, warum wir eine solche Kammer brauchen: Im Vergleich zu andern Berufsständen – nicht zuletzt, zu den Ärzten, die seit Langem sehr öffentlichkeitswirksam und professionell ihre Interessen vertreten – haben wir in der Pflege keine vernünftige Lobby. Es fehlt ein Gremium, das direkt an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt ist. In einer Zeit, wo alle darüber reden, dass in der Pflege ganz viel verändert und verbessert werden muss.

Und da finde ich, dass man seine Ablehnung gegenüber der geplanten Kammer schon gut begründen muss. Stattdessen höre ich aber eher emotionale als sachliche Argumente. Es geht oft in die Richtung, da wird uns etwas übergestülpt, irgendwelche Leute da oben wollen ihre eigenen Interessen durchsetzen und sich Posten sichern, um uns geht es gar nicht. Vielleicht ist das Misstrauen zum Teil nicht ganz unbegründet. Wir müssen zwar zunächst keine Beiträge zahlen, weil die NRW-Regierung einen finanziellen Vorschuss leistet. Was dann aber auf uns zukommt, da herrscht keine Transparenz. Andererseits: Vielleicht kann eine Kammer in Zukunft doch etwas für uns ausrichten.

Aber viele der lauten Kritiker, würde ich behaupten, sind nicht einmal bei Verdi. Man kann das schon allein deswegen annehmen, weil auch bei uns im Haus die Quote der Gewerkschaftsmitglieder erschreckend niedrig ist. Im kleinen Kreis herumzujammern hilft definitiv nicht viel, man muss schon einen größeren Stein ins Rollen bringen. Eine Pflegekammer im größten Bundesland wäre zumindest ein Signal.

Verdi ist ganz klar gegen die Pflegekammer. Aber vertreten sie damit nur unsere Interessen? Vielleicht liegt es auch daran, dass sie neue Konkurrenz fürchten. Denn wer zahlt von seinem kargen Pflegerinnengehalt schon gern zweimal Mitgliedsbeiträge, einmal für die Gewerkschaft und einmal für die Kammer? Es wäre auf jeden Fall ein Eigentor für die Pflege, wenn aus diesem Grund auch noch einige der viel zu wenigen Verdi-Mitglieder kündigen. Bei Verdi ist man freiwillig, aus der Kammer kommt man dagegen nicht raus.

Verdi hat vor einigen Tagen eine Mail herumgeschickt. Sie fordern jetzt dazu auf, sich bei der Kammer zu registrieren. Man habe ohnehin keine Wahl. Wie bei andern berufsständischen Kammern müssen alle eintreten. Und nur wer registriert ist, kann im Herbst an der ersten Kammerwahl teilnehmen, einer Art Parlamentswahl der Pflegekammer, bei der auch Verdi kandidiert. Der Plan: Wenn Verdi gut abschneidet, soll die erste Initiative sein: eine Abstimmung unter allen Pflegenden abhalten, ob die neue Kammer überhaupt gewollt ist. Und sie damit beim zu erwartenden schlechten Ergebnis gleich wieder zu Fall bringen. Aber ob uns das weiterbringt?

Was sich ändern muss, Teil 1

Meist habe ich auf diesem Blog Missstände beschrieben, und auch ihre ganz konkreten Auswirkungen in meinem Haus. Die Realität darzustellen, realistisch und von innen heraus, ist eins der Ziele dieser Seite. Die meisten Menschen haben keine große Idee, wie es auf einer Station zugeht, aufmerksame Patienten bekommen zumindest eine Ahnung davon. Jetzt will ich einmal nach vorn schauen und beschreiben, was sich aus meiner Sicht verändern muss. Einige Forderungen sind natürlich nicht neu oder originell, trotzdem ist manches, das selbstverständlich erscheint, umstritten. Und der Weg dorthin erst recht. Teil 2 folgt.

1. Vernünftige Personaluntergrenzen
Klar eins der großen Themen, die häufige – oder soll ich sagen ständige – Unterbesetzung ist für die Pflegerinnen und Pfleger ein riesiges Problem. Die Arbeit kann ja nicht auf den nächsten Tag verschoben werden, die Unterbesetzung, stresst, zermürbt, laugt aus – körperlich und psychisch, das liegt auf der Hand. Das Thema Mindestbesetzung/Personaluntergrenzen wird zurzeit von vielen Beteiligten und Experten schon ausgiebig bearbeitet. Aber egal welches Modell man sich ausdenkt, es bleibt momentan das grundsätzliche Problem, dass die Kliniken erstmal viele tausend Kollegen einstellen müssten.

Das Personal an den Unikliniken NRW hat nach einem beispiellosen Streik nun immerhin einen Tarifvertrag „Entlastung“ durchgesetzt, der Gutschriften an Arbeitszeit vorsieht, die bei mehrmaligen Unterschreitungen der Mindestbesetzung jeweils einen freien Tag als Kompensation vorsehen. Was in meinem Haus geplant ist, habe ich ehrlich gesagt, noch nicht richtig verstanden. Es gab schon einmal ein Modell, das aber wegen Corona auf Eis gelegt wurde und nun wohl abgewandelt vor der Wiedereinführung steht. Darin werden Untergrenzen je nach Bettenzahl und Stationsprofil definiert. Unsere Stationsleitung kalkuliert schon, wie sich das mit unserer Besetzung realisieren lässt. Wenn man ihr zuhört, wird schon klar: Die Untergrenze, die im Modell vorgesehen ist, soll das sein, was noch gerade so zu tolerieren wäre. In unserer Planung wird sie ins Gegenteil verkehrt, nämlich zum Zielwert, und hat man ihn erreicht, klopft man sich freudig auf die Schulter. Der Stress bleibt also Teil des Systems, melden sich ein, zwei Kollegen krank, sind wir schon wieder im Chaos.

2. Bessere Bezahlung
Klar, das Gehalt ist zu gering. Allerdings zu sagen, wir haben mehr verdient, ist müßig, das interessiert in unserm Wirtschaftssystem keinen. Aber: Wie in vielen anderen Berufen, haben sich die Löhne und Gehälter in der Pflege in den letzten 20 Jahren kaum nach oben entwickelt. In der Zeit sind die oberen Einkünfte, Vermögen, Unternehmensgewinne exorbitant gestiegen. Uns erzählt man Sachen wie: Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen. Die Länder/Kommunen haben kein Geld, wie stellt ihr euch das vor? Jetzt ist es gerade schlecht, Corona hat Löcher in die Kassen gerissen. Wenn ihr jetzt deutlich mehr Geld wollt, steigt die Inflation noch weiter. Etc.

Die letzte Tariferhöhung, die ich erlebt habe, war im Herbst 2020, erstes Coronajahr. Verdi hat sich hinterher auf die Schulter geklopft. Die Prozentzahl klang auch ganz gut, nur hatte man mit den Arbeitgebern eine Laufzeit von mehreren Jahren vereinbart. Legt man das um, sehen die Zahlen deutlich bescheidener aus. Immerhin, bei verschiedenen Zulagen gab es erhebliche Verbesserungen. Bedenkt man aber, wie die Zeit damals war – wir waren im Coronaschockzustand, der Pflegenotstand war in aller Munde –, hätte deutlich mehr herausspringen müssen.

Was man dabei nicht vergessen darf, und das ist ein entscheidender Punkt: Die Pflege ist auch selber schuld, der Anteil der Kollegen, die in der Gewerkschaft sind, ist lächerlich.

3. Mehr Kampfbereitschaft
Das wäre dann auch meine dritte Forderung, sie richtet sich an uns als Berufsstand: In die Gewerkschaft eintreten, das Streikrecht nutzen, sich engagieren. Von nichts kommt nichts. Man kann bisher nur neidisch auf IG Metall oder Eisenbahner schauen.

4. Besserer Ruf des Berufs, der eigentlich ein toller Beruf ist
Die Sache mit dem Pflegenotstand ist ein Teufelskreis. Bei Pflege denkt heute jeder an Unterbesetzung, Stress und Burnout, wer will sich das antun? Dabei ist der Beruf Krankenpfleger eigentlich großartig. Jeder Tag ist anders, es ist nie langweilig. Es geht ja um viel mehr als das alte Klischee davon, „Menschen zu helfen“. Man muss erstmal schauen, wen hat man vor sich, wie tickt der Patient, was braucht er? Wenn man sich für Menschen interessiert, ist das immer wieder eine spannende Herausforderung. Die sehr bereichernd ist und sehr erfüllend. Soviel nur in aller Kürze, ich habe schon länger vor, hier man ein Loblied auf den Beruf vorzubringen. Folgt. Aber wie vermittelt man das im Großen? Ein Beispiel: Ich habe gerade von einem Krankenhaus bei München gelesen, das Schulabgänger ins Haus holt, damit sie sich selber anschauen und ausprobieren können, wie Pflege ist. In diese Richtung kann man viel mehr machen.


5. Abkehr von der Privatisierung
Ein sehr komplexes Thema. Der Journalist David Gutensohn hat ein Buch geschrieben, „Pflege in der Krise“, in dem er klar Stellung gegen die Privatisierung bezieht. In einem ZEIT-Artikel hat er seine Thesen zusammengefasst. Genauso wenig wie die Polizei, Schulen, Feuerwehr, Kindergärten sollten Krankenhäuser und Pflegeheime Gewinne machen müssen, fordert er. Zwar würde ich behaupten, dass in der Bildung die Privatisierung längst eingesetzt hat, siehe Privatschulen und der Bologna-Prozess an den Hochschulen.  Aber der Grundthese würde ich zustimmen. Gutensohn sieht Gesundheit ist als Teil der Daseinsvorsorge und somit gesellschaftliche Aufgabe. Privatisierung setze falsche Anreize, Profitmaximierung vertrage sich nicht mit dem Ziel, zuerst das Beste für den Patienten zu erreichen. Stattdessen wird am Personal gespart, bei der Wahl der Behandlung fließen betriebswirtschaftliche Erwägungen ein.

Die Entwicklung der vergangenen zwanzig Jahren auf einen Schlag rückgängig zu machen, hält Gutensohn zwar nicht für einen gangbaren Weg, aber er schlägt drei Maßnahmen vor: rekommunalisieren, Fallpauschalen abschaffen, Profite begrenzen. In dem Zuge sollen neue Anreize geschaffen und die Einrichtungen belohnt werden, die zufriedene Patienten haben und in Personalentwicklung investieren.

Einsam und verloren: Mit Demenz im Krankenhaus

Letzte Woche zu Beginn des Spätdienstes schaue ich mit meinem Kollegen kurz nach Patient H. Der Mann hat eine fortgeschrittene Demenz und ist schon einmal bei uns gestürzt. Als wir die Tür aufmachen, kommt er uns gerade entgegen: Nackt und orientierungslos klammert er sich an einen Stuhl, auf dem Boden ist überall Blut, das zähflüssig aus seinem Penis tropft. Offensichtlich hat er sich gerade den geblockten Blasenkatheter herausgezogen.

Demenz ist – abgesehen von Ausnahmen – eigentlich eine Kontraindikation für einen Blasenkatheter, also ein Ausschlusskriterium. Ich sehe bei uns trotzdem ständig Menschen mit Demenz und Blasenkatheter. Gerade Männer kommen oft nicht damit klar, dass da ein Schlauch in ihrem Penis steckt, und ziehen kräftig daran. Mit den immer gleichen Folgen, siehe oben. Solche Patienten bluten oft ausgiebig und brauchen dann manchmal Blutkonserven, was übrigens auch sehr viel Geld kostet. Außerdem benötigen sie nun wirklich einen Blasenkatheter, und zwar jetzt einen so genannten Spülkatheter, der verhindern soll, das Blutpfropfen die Harnröhre verstopfen. Ein Teufelskreis. Patient H haben wir Fäustlinge angezogen. Sie sehen etwa so aus wie Boxhandschuhe und verhindern, dass man den Katheterschlauch greifen und herausziehen kann. Oder sonst irgendetwas mit seinen Händen machen.

Man liest öfter den Satz, dass Krankenhäuser für Menschen mit Demenz gefährliche Orte sind. Das ist nicht übertrieben. Und es ist ein riesiges Problem, wenn man sich klar macht, dass in Deutschland ca. 1,7 Millionen Menschen an Demenz leiden und diese Gruppe allein altersbedingt sehr häufig in Kliniken eingeliefert wird. Die Krankenhäuser sind aber nicht eingestellt auf solche Menschen, weder personell noch vom pflegerischen Know-how. Und für diese Patienten bedeutet der Klinikaufenthalt oft einen negativen Schub in ihrer Erkrankung.

Ein wesentliches Problem: Diese Leute brauchen sehr viel Zuwendung, weil sie oft schon nicht verstehen, wo sie überhaupt sind und wieso. Sie brauchen ihre gewohnte Umgebung, um sich halbwegs im Alltag zu orientieren und sicher zu fühlen. Im Krankenhaus fällt das weg, alles ist neu und ungewohnt, das führt zu Verunsicherung und Angst. Jetzt finden sich die Leute noch schlechter in ihrem Leben zurecht, werden unruhiger, verwirrter – ein Teufelskreis. Das hat sich durch Corona mit den eingeschränkten Besuchsregeln noch verstärkt, tagelang schauen diese Patienten in kein bekanntes Gesicht und verzweifeln.

Oft spricht man am Telefon mit Verwandten und ist überrascht: Der Opa kam zu Hause noch ganz gut zurecht, bei uns bekommt er kaum einen sinnvollen Satz zustande. Was die Sache noch komplizierter macht: Oft ist auch ein Delir im Spiel, auch als „Durchgangssyndrom“ bekannt, das zum Teil ähnliche Symptome aufweist wie Demenz, aber sehr plötzlich auftritt – anders als viele glauben allerdings nicht nur nach Operationen: Jeder Krankenhausaufenthalt bringt für ältere Patienten ein erhöhtes Delir-Risiko mit sich.

Zudem sind solche Leute, wenn die Demenz fortschreitet, zunehmend unberechenbar, sie schmeißen Sachen um, legen sich ins falsche Bett, rufen unentwegt laut um Hilfe, ziehen sich venöse Zugänge (oder eben Katheter), versuchen abzuhauen und so weiter. Mit dem aktuellen Personalschlüssel auf Stationen wie meiner ist es unmöglich, solchen Leuten gerecht zu werden, gerade auf internistischen Stationen, wo manchmal 20 oder mehr Prozent der Patienten eine Demenz haben.

Ein weiteres Manko: Die Kommunikation mit diesen Patienten ist eine echte Herausforderung, mit der viele in der Pflege schlicht überfordert sind. In meiner Fortbildung fiel der Satz: Bei fortgeschrittener Demenz spielt Vernunft keine Rolle mehr, es geht nur noch um Gefühle. Und das Krankenhaus bringt für die Leute fast nur negative Gefühle mit sich: Sie wissen nicht, wo sie sind, vermissen vertraute Menschen, müssen schmerzhafte Behandlungen ertragen, Regeln einhalten, die sie nicht verstehen und sich nicht merken können etc. Darauf einzugehen, kostet für uns als Pflegende Geduld, Einfühlungsvermögen und Frustrationstoleranz.

Stattdessen wird im Alltag immer wieder an die Vernunft appelliert, auf Fehler hingewiesen und auf Regeln gepocht. Man redet einfach so, wie man es gewohnt ist, als hätte man einen klar denkenden Menschen vor sich. Alles sinnlos. Aber irgendwie auch verständlich, denn das System Krankenhaus funktioniert nicht ohne Regeln.

Immerhin: Wir haben ein Demenz-Team im Haus, aber es besteht nur aus zwei Kolleginnen. Sie entlasten im Frühdienst die Stationen bei der Pflege, was angesichts ihrer Personalstärke natürlich nur ein bescheidener Beitrag sein kann. Außerdem setzen sie sich für die betroffenen Patienten ein und sind im Hause auch sehr gut vernetzt. Und schrecken auch nicht davor zurück, sich mit Oberärzten anzulegen. Zum Beispiel, wenn es um Operationen mit fraglichem Nutzen geht oder um Verlegungen innerhalb des Hauses auf Privatstationen, die eben wieder einen zusätzlichen Ortswechsel bedingen und bei den Betroffenen meist zu noch mehr Desorientierung führen. Aber egal, Hauptsache, es bringt mehr Geld.

Außerdem bietet das Demenzteam Fortbildungen für die Pflege an. Das Interesse hält sich aber sehr in Grenzen, die Resonanz ist enttäuschend. Das Thema ist ja auch nicht gerade sexy.

P.S.: Gestern kam ich nach dem Wochenende zum Dienst und erfuhr, dass Patient R, der schon eine Weile bei uns liegt und sehr verwirrt ist, zwischendurch einen Blasenkatheter hatte. Ein Kollege hatte ihn kurzerhand gelegt, keiner wusste, wieso. Vielleicht weil er keine Lust hatte, mehrmals am Tag die Windel zu wechseln. Gebracht hat es ihm wenig. Als er das nächste Mal ins Zimmer kam, hatte R das Ding schon wieder rausgerissen.

Pflege in Not und die Folgen für die Ausbildung

Den Pflegenotstand kennt heute jeder, in Deutschland fehlen zehntausende von Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern. Den Mangel an Fachkräften will die aktuelle Regierung vor allem mit Pflegekräften aus dem Ausland lindern. Ganz unabhängig davon, ob das funktioniert oder nicht, ist diese Strategie grundsätzlich sehr problematisch. Wer soll künftig die Kranken in Mazedonien oder Albanien pflegen, wenn die Kollegen von dort massenhaft Richtung Deutschland abwandern? Zum andern muss man mehr junge Menschen dazu bringen, sich für die Ausbildung in der Pflege zu interessieren. Aber wie sieht es da im Moment aus?

Die Antwort: Es gibt zu wenige Bewerber. Und es gibt zu wenige geeignete. Der Eindruck aus meiner Ausbildung ist, dass die Schulen fast jeden nehmen, der kommt. Sie sind schlicht nicht in der Position groß auszusieben, weil sie dann ihre Plätze nicht besetzt bekämen. Das soll nicht heißen, dass es keine fitten Leute gibt. Ich habe in meiner Ausbildung viele gesehen, die sehr motiviert waren, selbstbewusst, interessiert und lernfährig. Und auch heute sehe ich unter den Auszubildenden viele mit einem solchen Potenzial. Aber es werden eben auch nicht wenige Bewerber genommen, denen es an unterschiedlichsten Dingen fehlt: ausreichende Deutschkenntnisse, Empathie- oder Kommunikationsfähigkeit, die Bereitschaft, sich reinzuhängen.

Die Gründe sind bekannt: Der Beruf erscheint zu wenigen attraktiv. Weil die Bezahlung zu niedrig ist, der Stress dafür groß. Wahrscheinlich werden die Möglichkeiten zu wenig wahrgenommen, dass man sich weiterbilden und damit auch in andere Bereiche wechseln kann: in die Lehre, Beratung, zu Krankenkassen, in organisatorische Aufgaben. Und dann ist da noch das Problem, das die Pflege mit andern Ausbildungsberufen teilt: Immer weniger junge Menschen wollen überhaupt eine Ausbildung machen, sondern Abitur – und danach studieren. Ob sie ihr Studium abschließen, und wenn ja, ob sie danach gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt haben, sind ganz andere Fragen.

Was bedeutet das für die Ausbildung selbst, dass kaum Vorauswahl stattgefunden hat? Zum einen wurde über die drei Jahre hinweg ausgesiebt. Nicht wenige brechen ab, viele scheitern schon an der Probezeit oder am Ende beim Examen. Aber dann gibt es noch eine nicht unerhebliche Zahl, die irgendwie durchgezogen wird. Bei den Klausuren zu schummeln ist nicht schwer: Einfach zwischendurch aufs Klo und das Handy zücken. Oft waren Leute im Kurs auch an die Klausur zum Thema vom Vorjahr gekommen. Das war sehr hilfreich, denn man konnte sich darauf verlassen, dass diesmal wieder genau dieselben Fragen gestellt werden.

Auch beim Nachweis der Praxisanleitungen in den Klinikeinsätzen mogelten manche, was das Zeug hielt. Oder bei der Anwesenheit: Zu viele Fehlstunden, um beim Examen zugelassen zu werden? Egal, wir drücken beide Augen zu. Man könnte jetzt denken, vielleicht war der Schüler viel krank und dafür wollte die Schule ihn nicht abstrafen. Im Kurs wusste aber jeder: Er hatte einfach nicht so viel Lust auf den schulischen Teil der Ausbildung und machte öfter blau.

Die Auszubildenden haben es schnell raus, wo die Schlupflöcher sind. Und nutzen sie, wo sie können. In einer Lerneinheit zum Thema statistische Methoden sollten wir uns in Gruppen Themen für eine Umfrage suchen und diese dann umsetzen und auswerten. Eine Gruppe sparte sich die Arbeit der Befragung und machte einfach Kreuzchen auf die Fragebögen. Sie bekam eine 1 minus.

Das Streikrecht ist uns heilig – aber doch nicht jetzt!

Ein Tag Warnstreik an fünf Unikliniken in NRW, das Medienecho ist groß und oft lautet die Überschrift: „Pflegekräfte streiken trotz Corona“. Ein schöner Kommentar dazu kommt vom Ärztlichen Direktor der Universitätsmedizin Essen. „Selbstverständlich gehört das Streikrecht zu den Grundfesten unserer Wirtschaftsordnung“, wird Professor Jochen A. Werner von dpa zitiert. Was eine typische Eröffnung im Stile von „Ich bin keine Rassist, aber …“ ist. Denn Gründe, warum das hochgehaltene Streikrecht gerade in diesem Fall zurückstehen muss, finden sich ja immer. Wenn Lokführer streiken, geht es auf Kosten der unschuldigen Pendler, und außerdem stecken bestimmt unlautere Motive dahinter. Bei den Pflegekräften stehen angeblich Menschenleben auf dem Spiel.

Das Argument gab es auch schon vor Corona und ist wohl mit ein Grund dafür, dass es in der Krankenpflege traditionell überhaupt keine nennenswerten Streiks gibt, mal abgesehen eben von den Unikliniken, wo der gewerkschaftliche Organisationsgrad höher ist, da es sich um Landesbetriebe handelt. Als ich bei einer konfessionellen Klinik gearbeitet habe, hörte ich öfter den Satz: „Streiken ist hier gar nicht erlaubt.“ Das muss man sich mal vorstellen. Ob man dort wohl entlassen wird, wenn man streikt? Oder exkommuniziert?

Nun finden aber gerade jetzt die Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst statt, und die werden wegen Corona nicht auf den nächsten Sommer verschoben. Auch wenn die Arbeitgeber sicher nichts dagegen hätten. Was also bleibt Verdi anderes übrig, als jetzt für bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen zu kämpfen?  Natürlich gibt es eine Notdienstvereinbarung.

Dass der Applaus des Frühjahrs 2020 uns Pflegenden wenig gebracht hat, ist ja längst ein Allgemeinplatz geworden. Leider stimmt es aber. Alle sind sich einig, dass sich unbedingt etwas tun muss, dass die Bedingungen in der Pflege endlich verbessert werden müssen. Erreicht worden ist wenig bis gar nichts. Man kennt das aus anderen Bereichen: Es sind sich ja auch fast alle einig darin, dass das mit dem Klimawandel so nicht weiter gehen kann, die Mieten nicht weiter rasant steigen dürfen und die Schere zwischen Arm und Reich sich weiter öffnen. Trotzdem passiert genau das.

Von den Folgen liest man jetzt täglich, wenn es um die vierte Welle geht: Die Krankenhäuser können nicht mehr so viele Patienten aufnehmen, weil seit Beginn der Pandemie viele Pflegekräfte hingeschmissen haben. Sie haben die Belastung in ihrem Job nicht mehr ausgehalten. Zu Beginn von Corona wurde eifrig darüber diskutiert, dass wir die Kapazitäten in den Krankenhäusern ausbauen müssen, um auf solche Krisen reagieren zu können. Aber stattdessen sind die Kapazitäten geschrumpft. Und nun sagt der oben zitierte Ärztliche Direktor, dass er es „nicht nachvollziehen“ kann, dass die Pflegekräfte gerade jetzt streiken. Damit ist ihm wieder eine weitere Variante des alten Spiels eingefallen: Das Streikrecht ist uns heilig, aber doch nicht jetzt! Es sollten doch bitte die anderen Berufsgruppen streiken, die von den momentanen Verhandlungen betroffen sind, sagt Werner. Die Krankenschwestern und Pfleger sollen also schön brav weiterschuften und die Klappe halten.