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Einsam und verloren: Mit Demenz im Krankenhaus

Letzte Woche zu Beginn des Spätdienstes schaue ich mit meinem Kollegen kurz nach Patient H. Der Mann hat eine fortgeschrittene Demenz und ist schon einmal bei uns gestürzt. Als wir die Tür aufmachen, kommt er uns gerade entgegen: Nackt und orientierungslos klammert er sich an einen Stuhl, auf dem Boden ist überall Blut, das zähflüssig aus seinem Penis tropft. Offensichtlich hat er sich gerade den geblockten Blasenkatheter herausgezogen.

Demenz ist – abgesehen von Ausnahmen – eigentlich eine Kontraindikation für einen Blasenkatheter, also ein Ausschlusskriterium. Ich sehe bei uns trotzdem ständig Menschen mit Demenz und Blasenkatheter. Gerade Männer kommen oft nicht damit klar, dass da ein Schlauch in ihrem Penis steckt, und ziehen kräftig daran. Mit den immer gleichen Folgen, siehe oben. Solche Patienten bluten oft ausgiebig und brauchen dann manchmal Blutkonserven, was übrigens auch sehr viel Geld kostet. Außerdem benötigen sie nun wirklich einen Blasenkatheter, und zwar jetzt einen so genannten Spülkatheter, der verhindern soll, das Blutpfropfen die Harnröhre verstopfen. Ein Teufelskreis. Patient H haben wir Fäustlinge angezogen. Sie sehen etwa so aus wie Boxhandschuhe und verhindern, dass man den Katheterschlauch greifen und herausziehen kann. Oder sonst irgendetwas mit seinen Händen machen.

Man liest öfter den Satz, dass Krankenhäuser für Menschen mit Demenz gefährliche Orte sind. Das ist nicht übertrieben. Und es ist ein riesiges Problem, wenn man sich klar macht, dass in Deutschland ca. 1,7 Millionen Menschen an Demenz leiden und diese Gruppe allein altersbedingt sehr häufig in Kliniken eingeliefert wird. Die Krankenhäuser sind aber nicht eingestellt auf solche Menschen, weder personell noch vom pflegerischen Know-how. Und für diese Patienten bedeutet der Klinikaufenthalt oft einen negativen Schub in ihrer Erkrankung.

Ein wesentliches Problem: Diese Leute brauchen sehr viel Zuwendung, weil sie oft schon nicht verstehen, wo sie überhaupt sind und wieso. Sie brauchen ihre gewohnte Umgebung, um sich halbwegs im Alltag zu orientieren und sicher zu fühlen. Im Krankenhaus fällt das weg, alles ist neu und ungewohnt, das führt zu Verunsicherung und Angst. Jetzt finden sich die Leute noch schlechter in ihrem Leben zurecht, werden unruhiger, verwirrter – ein Teufelskreis. Das hat sich durch Corona mit den eingeschränkten Besuchsregeln noch verstärkt, tagelang schauen diese Patienten in kein bekanntes Gesicht und verzweifeln.

Oft spricht man am Telefon mit Verwandten und ist überrascht: Der Opa kam zu Hause noch ganz gut zurecht, bei uns bekommt er kaum einen sinnvollen Satz zustande. Was die Sache noch komplizierter macht: Oft ist auch ein Delir im Spiel, auch als „Durchgangssyndrom“ bekannt, das zum Teil ähnliche Symptome aufweist wie Demenz, aber sehr plötzlich auftritt – anders als viele glauben allerdings nicht nur nach Operationen: Jeder Krankenhausaufenthalt bringt für ältere Patienten ein erhöhtes Delir-Risiko mit sich.

Zudem sind solche Leute, wenn die Demenz fortschreitet, zunehmend unberechenbar, sie schmeißen Sachen um, legen sich ins falsche Bett, rufen unentwegt laut um Hilfe, ziehen sich venöse Zugänge (oder eben Katheter), versuchen abzuhauen und so weiter. Mit dem aktuellen Personalschlüssel auf Stationen wie meiner ist es unmöglich, solchen Leuten gerecht zu werden, gerade auf internistischen Stationen, wo manchmal 20 oder mehr Prozent der Patienten eine Demenz haben.

Ein weiteres Manko: Die Kommunikation mit diesen Patienten ist eine echte Herausforderung, mit der viele in der Pflege schlicht überfordert sind. In meiner Fortbildung fiel der Satz: Bei fortgeschrittener Demenz spielt Vernunft keine Rolle mehr, es geht nur noch um Gefühle. Und das Krankenhaus bringt für die Leute fast nur negative Gefühle mit sich: Sie wissen nicht, wo sie sind, vermissen vertraute Menschen, müssen schmerzhafte Behandlungen ertragen, Regeln einhalten, die sie nicht verstehen und sich nicht merken können etc. Darauf einzugehen, kostet für uns als Pflegende Geduld, Einfühlungsvermögen und Frustrationstoleranz.

Stattdessen wird im Alltag immer wieder an die Vernunft appelliert, auf Fehler hingewiesen und auf Regeln gepocht. Man redet einfach so, wie man es gewohnt ist, als hätte man einen klar denkenden Menschen vor sich. Alles sinnlos. Aber irgendwie auch verständlich, denn das System Krankenhaus funktioniert nicht ohne Regeln.

Immerhin: Wir haben ein Demenz-Team im Haus, aber es besteht nur aus zwei Kolleginnen. Sie entlasten im Frühdienst die Stationen bei der Pflege, was angesichts ihrer Personalstärke natürlich nur ein bescheidener Beitrag sein kann. Außerdem setzen sie sich für die betroffenen Patienten ein und sind im Hause auch sehr gut vernetzt. Und schrecken auch nicht davor zurück, sich mit Oberärzten anzulegen. Zum Beispiel, wenn es um Operationen mit fraglichem Nutzen geht oder um Verlegungen innerhalb des Hauses auf Privatstationen, die eben wieder einen zusätzlichen Ortswechsel bedingen und bei den Betroffenen meist zu noch mehr Desorientierung führen. Aber egal, Hauptsache, es bringt mehr Geld.

Außerdem bietet das Demenzteam Fortbildungen für die Pflege an. Das Interesse hält sich aber sehr in Grenzen, die Resonanz ist enttäuschend. Das Thema ist ja auch nicht gerade sexy.

P.S.: Gestern kam ich nach dem Wochenende zum Dienst und erfuhr, dass Patient R, der schon eine Weile bei uns liegt und sehr verwirrt ist, zwischendurch einen Blasenkatheter hatte. Ein Kollege hatte ihn kurzerhand gelegt, keiner wusste, wieso. Vielleicht weil er keine Lust hatte, mehrmals am Tag die Windel zu wechseln. Gebracht hat es ihm wenig. Als er das nächste Mal ins Zimmer kam, hatte R das Ding schon wieder rausgerissen.

Pflege in Not und die Folgen für die Ausbildung

Den Pflegenotstand kennt heute jeder, in Deutschland fehlen zehntausende von Kolleginnen und Kollegen in den Krankenhäusern. Den Mangel an Fachkräften will die aktuelle Regierung vor allem mit Pflegekräften aus dem Ausland lindern. Ganz unabhängig davon, ob das funktioniert oder nicht, ist diese Strategie grundsätzlich sehr problematisch. Wer soll künftig die Kranken in Mazedonien oder Albanien pflegen, wenn die Kollegen von dort massenhaft Richtung Deutschland abwandern? Zum andern muss man mehr junge Menschen dazu bringen, sich für die Ausbildung in der Pflege zu interessieren. Aber wie sieht es da im Moment aus?

Die Antwort: Es gibt zu wenige Bewerber. Und es gibt zu wenige geeignete. Der Eindruck aus meiner Ausbildung ist, dass die Schulen fast jeden nehmen, der kommt. Sie sind schlicht nicht in der Position groß auszusieben, weil sie dann ihre Plätze nicht besetzt bekämen. Das soll nicht heißen, dass es keine fitten Leute gibt. Ich habe in meiner Ausbildung viele gesehen, die sehr motiviert waren, selbstbewusst, interessiert und lernfährig. Und auch heute sehe ich unter den Auszubildenden viele mit einem solchen Potenzial. Aber es werden eben auch nicht wenige Bewerber genommen, denen es an unterschiedlichsten Dingen fehlt: ausreichende Deutschkenntnisse, Empathie- oder Kommunikationsfähigkeit, die Bereitschaft, sich reinzuhängen.

Die Gründe sind bekannt: Der Beruf erscheint zu wenigen attraktiv. Weil die Bezahlung zu niedrig ist, der Stress dafür groß. Wahrscheinlich werden die Möglichkeiten zu wenig wahrgenommen, dass man sich weiterbilden und damit auch in andere Bereiche wechseln kann: in die Lehre, Beratung, zu Krankenkassen, in organisatorische Aufgaben. Und dann ist da noch das Problem, das die Pflege mit andern Ausbildungsberufen teilt: Immer weniger junge Menschen wollen überhaupt eine Ausbildung machen, sondern Abitur – und danach studieren. Ob sie ihr Studium abschließen, und wenn ja, ob sie danach gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt haben, sind ganz andere Fragen.

Was bedeutet das für die Ausbildung selbst, dass kaum Vorauswahl stattgefunden hat? Zum einen wurde über die drei Jahre hinweg ausgesiebt. Nicht wenige brechen ab, viele scheitern schon an der Probezeit oder am Ende beim Examen. Aber dann gibt es noch eine nicht unerhebliche Zahl, die irgendwie durchgezogen wird. Bei den Klausuren zu schummeln ist nicht schwer: Einfach zwischendurch aufs Klo und das Handy zücken. Oft waren Leute im Kurs auch an die Klausur zum Thema vom Vorjahr gekommen. Das war sehr hilfreich, denn man konnte sich darauf verlassen, dass diesmal wieder genau dieselben Fragen gestellt werden.

Auch beim Nachweis der Praxisanleitungen in den Klinikeinsätzen mogelten manche, was das Zeug hielt. Oder bei der Anwesenheit: Zu viele Fehlstunden, um beim Examen zugelassen zu werden? Egal, wir drücken beide Augen zu. Man könnte jetzt denken, vielleicht war der Schüler viel krank und dafür wollte die Schule ihn nicht abstrafen. Im Kurs wusste aber jeder: Er hatte einfach nicht so viel Lust auf den schulischen Teil der Ausbildung und machte öfter blau.

Die Auszubildenden haben es schnell raus, wo die Schlupflöcher sind. Und nutzen sie, wo sie können. In einer Lerneinheit zum Thema statistische Methoden sollten wir uns in Gruppen Themen für eine Umfrage suchen und diese dann umsetzen und auswerten. Eine Gruppe sparte sich die Arbeit der Befragung und machte einfach Kreuzchen auf die Fragebögen. Sie bekam eine 1 minus.

Die Mogelpackung „Generalistische Ausbildung“

Nach meiner Ausbildung hat es wieder eine Reform gegeben, die „generalistische Ausbildung“ wurde eingeführt. Ich bin sehr froh, dass ich das nicht mehr erleben musste. Bisher war es so: Die Altenpflegeausbildung war selbstständig. Kranken- und Kinderkrankenpfleger dagegen sind gemeinsam in den schulischen Teil der Ausbildung gestartet, die Praxis war natürlich getrennt. Vor dem dritten Jahr wurde auch der schulische Teil aufgespaltet.

Die wesentliche Veränderung der generalistischen Ausbildung ist nun, dass Kranken- und Altenpflege zusammengefasst werden. Das soll angeblich den Beruf attraktiver machen, die Bezahlung verbessern, die Qualität der Ausbildung erhöhen und die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Meiner Ansicht nach sind sämtliche Argumente vorgeschoben und falsch.

Ich sehe das Thema vor allem aus der Perspektive der Krankenpflege. Und da kann die Reform nur zu einer Verwässerung führen. Schon jetzt sind die drei Jahre vollgestopft mit Themen. Im praktischen Teil gibt es Außeneinsätze in Psychiatrie, ambulanter Pflege, Altenheimen, Behindertenpflege. In der Schule werden neben medizinischen viele weitere Themen behandelt: rechtliche Fragen, Geschichte der Pflege, Fragen der Dienstplangestaltung, Kommunikation, häusliche Pflege, Demenz, Behinderung. Wer jetzt zusätzlich in nennenswertem Umfang die Altenpflege reinpacken will, muss vorher beim bisherigen Lehrplan die Axt anlegen. Ich frage mich, was da alles rausgestrichen wurde. Und wie man das als Qualitätsgewinn verkaufen kann.

Ich habe in der Ausbildung eine relativ gute Bezahlung erhalten, schon im ersten Jahr gut 1000 Euro netto. Das konnte man von der Altenpflege weniger behaupten, vor allem nicht in einigen Bundesländern, in denen während der drei Jahre ein Schulgeld verlangt wurde. Das war in der Tat ein Problem, und man hätte schon längst etwas dagegen unternehmen müssen. Grotesk wird es aber, wenn man behauptet, man müsse deshalb Altenpflege und Krankenpflege zusammenlegen.

Dann ist da noch das angebliche Argument der Berufsaussichten. Ein Blogger schreibt dazu: „Wer sich im neuen Berufsbild der Pflegefachfrau bzw. des Pflegefachmanns ausbilden lässt, hat beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt.“ Dazu kann ich nur sagen: Ich habe auch beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt, ich kann mir aussuchen, wo ich arbeiten will. Mit der Ausbildung als Krankenpfleger könnte ich zum nächsten Ersten in vielen anderen Kliniken, bei ambulanten Pflegediensten, in der Behindertenhilfe, bei Zeitarbeitsfirmen oder in der Psychiatrie anfangen. Und natürlich in jedem Altenheim. Die könnten ihr Glück kaum fassen, wenn ein fähiger Krankenpfleger mit Berufserfahrung sich bei ihnen bewerben würde. Mit andern Worten: Aus Sicht der klassischen Krankenpflege ist das Argument der tollen Berufsaussichten für die neuen Pflegefachfrauen und -männer kompletter Blödsinn. Es herrschten ja angesichts des Pflegenotstands vorher schon paradiesische Zustände.

Was war also der wahre Grund für die Zusammenlegung der unterschiedlichen Ausbildungen? Ich kann da nur mutmaßen. Aus Sicht der Altenpflege stellt sich die Sache schon anders dar. Die Bezahlung ist schlechter als im Krankenhaus, der Personalmangel noch größer. Man liest ja horrende Geschichten aus manchen Pflegeheimen, nicht nur im Zusammenhang mit Corona. Woher sollte also die Motivation für fähige und motivierte junge Menschen kommen, sich für eine Ausbildung in der Altenpflege zu entscheiden? Gleichzeitig wird der Bedarf weiter rasant ansteigen, die demografische Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Ähnlich sieht es wohl in der ambulanten Pflege aus, die sich überwiegend um alte Menschen kümmert, die zu Hause allein nicht mehr klarkommen. Auch die hat in der neuen generalistischen Ausbildung stärkeres Gewicht erhalten. Deshalb scheint mir dieser Gedanke plausibler: Die Reform der Ausbildung sollte vor allem dazu dienen, die Altenpflege attraktiver zu machen. Die Krankenpflege hat gar nichts davon, im Gegenteil. Aber das will so natürlich niemand sagen.

Wer oder was muss sich eigentlich ändern?

Vor ein paar Wochen hatte ich mal wieder ein paar besonders schlimme Spätdienste hinter mir. Man rennt stundenlang über die Station und sieht kein Land. Die Pause ist quasi ausgefallen, irgendwann kommt die Kollegin vom Nachtdienst und viel Arbeit ist noch nicht gemacht. Klar, die Infusionen sind gelaufen, niemand liegt (hoffentlich) in einer vollen Windel. Aber Akten der Neuaufnahmen sind nicht fertig, Pflegeanamnesen nicht gemacht, Labore nicht ausgedruckt, neue Anordnungen noch offen, der Arbeitsraum ein Chaos usw. Davon abgesehen, dass die Zeit für Gespräche mit Patienten und Angehörigen fehlte; manches fiel einfach unter den Tisch: bei Patient R. nochmal Vitalzeichen kontrollieren, Inhalationen anhängen, Mahlzeiten begleiten usw. Das Ergebnis: Ich gehe abends raus, habe Überstunden gemacht, bin körperlich ausgelaugt und psychisch frustriert, weil ich meinen Ansprüchen nicht gerecht geworden bin.

Ein paar Tage später erzählte ich einem Freund davon und sagte ihm, dass ich an mir arbeiten müsse: einen Weg finden, besser mit dem Stress umzugehen, mich selber weniger unter Druck zu setzen. Worauf er meinte: „Das ist wohl der moderne Weg, mit schlechten Arbeitsbedingungen umzugehen.“ Früher hätten Arbeitnehmer eher an Gewerkschaften, Betriebsräte gedacht, wenn es um schlechte Arbeitsbedingungen ging. Es war klar, dass sich etwas an den Verhältnissen ändern muss (was allerdings auf die Krankenpflege nur zum Teil zutrifft, es sind ja viel zu wenige Kollegen in der Gewerkschaft).

Heute versuchen Angestellte, an ihrer Resilienz zu arbeiten.

Wahrscheinlich hat er Recht. Es passt zu dem, was ich mir schon seit Längerem über das Phänomen Burnout denke. Der Burnout ist der moderne Nachfolger des Protests, des Widerstands, vielleicht sogar der Revolution. Statt rauszugehen und zu demonstrieren, sagt der moderne Arbeitnehmer immer öfter: Ich gehe nach Hause, ich kann nicht mehr.

Irgendwie sieht er, dass an den Verhältnissen, die das mit ihm gemacht haben, etwas nicht stimmen kann. Aber was soll er tun? Man bringt seinen Protest dadurch zum Ausdruck, dass man nicht mehr mitmacht. Nimmt kein Megaphon in die Hand, sondern sagt ganz leise: Ich kann nicht mehr, schaut nur, was ihr aus mir gemacht habt. Aber eigentlich ist es vor allem eine Kapitulation.

In der Regel sicher auf Zeit. Früher oder später beschleichen wohl die meisten Zweifel, dass sie vielleicht doch etwas falsch gemacht haben, nicht stark genug sind. Außerdem brauchen sie schlicht und ergreifend das Geld. Und die Anerkennung.

Dabei sein ist alles.

Das Dilemma mit der Zeitarbeit

Man muss sich das vor Augen führen, zwei Kollegen auf meiner Station sind wegen Krankheit absehbar wochenlang nicht da. Dazu kommen die kurzfristigen Krankmeldungen, gerade jetzt im Winter fast täglich. Bei der ohnehin sehr angespannten Situation auf unserer Station sind solche Ausfälle nicht zu verkraften. Wie ein typischer Frühdienst aussieht, habe ich vor Kurzem hier geschildert. Wie geht das Haus damit um? Man könnte nun die Bettenzahl reduzieren. Wird aber nicht gemacht. Oder denken, die Geschäftsführung holt ersatzweise zwei Kollegen über Zeitarbeit ins Team. Zeitarbeit ist aber von unserer Geschäftsführung nicht gewollt, angeblich weil die Leute schlechter arbeiten. Außerdem wolle man das System der Leiharbeit nicht unterstützen. Ich halte zumindest das zweite Argument für vorgeschoben, eigentlich beide. Wenn Betriebswirtschaftler mit hehren politischen Überzeugungen argumentieren, muss man schon misstrauisch werden.

Die Zunahme der Leiharbeit der vergangenen 20 Jahre kann man sicher kritisch sehen, meist geht es auf Kosten der Arbeitnehmer. Viele nehmen aus der Not heraus Jobs an, wo sie weniger verdienen und keine langfristigen Perspektiven haben. Das ganze System zielt auf Flexibilität ab, vor allem zum Nutzen der Arbeitgeber.

In der Krankenpflege ist die Situation aber eine völlig andere: Die Pfleger, die sich für  Zeitarbeit entscheiden, genießen viele Vorteile. Sie können sich die Arbeitszeiten aussuchen (z.B. keine Nächte, keine Wochenenden), Urlaub frei wählen, ohne sich im Team abzustimmen („Was, du willst drei Wochen in den Sommerferien frei haben? Vergiss es!“), bekommen oft noch einen Dienstwagen gestellt. Und: Sie verdienen erheblich besser. Womit wir beim vermutlich wahren Grund sind, warum Zeitarbeit in unserm Haus so unbeliebt ist: Sie ist teurer.

Also verschiebt man lieber die Leute im Haus („Du musst heute auf 3.1 arbeiten.“). Und ruft Kollegen an freien Tagen an, ob sie nicht einspringen können. Natürlich wird trotzdem ständig in Unterbesetzung gearbeitet.

Die Politik hat sich mal am Rande mit dem Thema Zeitarbeit in der Pflege beschäftigt, große Wellen hat es nie geschlagen. Aus Berlin kam eine Landesinitiative, sie wieder zu verbieten, auch um zu verhindern, dass weiter Leute aus den Krankenhäusern abwandern. Die Branche reagierte und behauptete, der Markt sei ja ohnehin schon zum Stillstand gekommen. Es gibt aber Zahlen, die dem widersprechen. Laut der Ärztezeitung ist die Zahl der Zeitarbeiter in der Krankenpflege allein von 2014 bis 2018 von rund 12.000 auf circa 22.000 gestiegen.

Den Kollegen, die sich für den Wechsel entscheiden, kann man es kaum verübeln. Es ist wie immer im Leben, sowohl die Festanstellung wie die Zeitarbeit haben ihre Vor- und Nachteile. Die Zeitarbeiter müssen sich ständig in ungewohnten Umfeldern und Situationen zurechtfinden, mit Kollegen, die sie kaum kennen. Aber wie erwähnt verdient man eben in der Zeitarbeit deutlich mehr. Ich glaube nicht, dass ein Verbot der Branche eine Lösung ist. Solange die Situation in den Krankenhäusern so miserabel ist wie jetzt und der Pflegejob nicht attraktiver wird, können die Zeitarbeitsfirmen daran verdienen.

Vergeblich gesucht: Privatsphäre im Krankenhaus

In meinem Krankenhaus gibt es, glaube ich zumindest, durchschnittlich pro Station eine spanische Wand. Immerhin, diese Sichtschutzvorhänge haben Räder, man kann sie also leicht in jedem Zimmer einsetzen. In Wahrheit verstauben die Dinger aber in irgendeinem Materialraum, in der Ecke hinter Kartons und defekten Rollatoren. Dabei gäbe es reichlich Verwendung für sie.

Vor allem auf einer Station wie meiner, mit vielen pflegebedürftigen Patienten. Menschen, die ohne Hilfe nicht aus dem Bett kommen und dann auch häufig noch unter Inkontinenz leiden. Da werden schmutzige Windeln im Bett gewechselt, unter den Augen der Mitpatienten im Zimmer. Das Komische ist: Den Betroffenen selber scheint das überhaupt nichts auszumachen. Bei vielen wirkt es, als hätten sie ihre Privatsphäre und ihr Schamgefühl abgegeben, als sie das Haus betraten – oder hineingeschoben wurden. Klar, es gibt auch welche, denen es unangenehm ist, wenn sie sich in die Hose gemacht habe und Hilfe brauchen, und die das auch sagen. Aber solche Äußerungen höre ich selten.

Woran das liegt? Schwer zu sagen. Generell ist das Krankenhaus kein sehr privater Ort. Das geht schon bei der Visite los. Besucher von Mitpatienten werden zwar aus dem Zimmer gebeten. Aber die Zimmergenossen hören natürlich alles. Und das gilt auch für Gespräche, in denen Ärzte schwerwiegende Diagnosen mitteilen. Ich habe selber die Erfahrung noch nicht gemacht, als Patient im Krankenhaus zu liegen. Ich könnte mir denken, dass aufgrund der besonderen Situation – die Enge, die Krise einer Krankheit, Ängste – sehr schnell eine gewisse Distanz verloren geht. Oft beobachte ich, dass Patienten sich schnell anfreunden, sich helfen. Andere blaffen sich nach kurzer Zeit an wie alte Ehepaare.

Zwischen den Bettlägerigen und den Mobilen gibt es noch eine große Gruppe von stark Eingeschränkten. Wer dazu in der Lage ist und sich rechtzeitig meldet, wird auf einen WC-Stuhl gesetzt. Da die Stühle Rollen haben, bieten sie die Chance, ins Bad gefahren zu werden und dort für sich zu sein. Aber das passiert häufig nicht. Das liegt nicht nur daran, dass Pfleger nicht darauf achten. Erst vor ein paar Tagen habe ich einer alten Dame, die schon ein paar Tage bei uns war, auf den Toilettenstuhl geholfen und ihr angeboten, sie ins Bad zu bringen. Das wollte sie aber nicht, sie sitze gut. Obwohl ihre Mitpatientin gerade Besuch von ihrer Tochter hatte.

Soll man das den Leuten vorwerfen? Viele kommen aus Heimen oder haben zu Hause ambulante Hilfe. Sie sind es gewohnt, dass Ihnen fremde Menschen sehr nahe kommen. Aber was könnten die Kliniken tun, um ihre Patienten besser zu schützen? Sichtschutz zwischen allen Betten – auf Überwachungsstationen ist das die Regel. Der Grund: Es gibt dort keine Trennung zwischen Männer- und Frauenzimmern. Aber was spricht dagegen, solche Lösungen auf allen Stationen zu installieren? Ähnlich wie Duschvorhänge, die man mit einem Handgriff auf- oder zuziehen kann. Die Kosten wären sicher überschaubar. Und bestimmt würden viele Patienten darin auch die Botschaft erkennen, dass sich jemand Gedanken über den Schutz ihrer Privatsphäre macht.