Neues Alzheimer-Medikament: Viel Lärm um nichts?

Es ist manchmal verwirrend, wenn man die Berichterstattung über das neue Alzheimer-Medikament Lecanemab verfolgt. Seit einigen Monaten wird es für die Therapie von Betroffenen in Deutschland eingesetzt, Zeitungen berichten mit Überschriften wie „Neue Hoffnung für Patienten“ oder „Kampfansage an Alzheimer“. Das klingt fast nach einem Durchbruch. Doch vor Kurzem kam von dem für neue Medikamente zuständigen Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) die Breitseite: Nach einstimmiger Einschätzung der beteiligten Gremien gebe es keinen Zusatznutzen zu den Wirkstoffen, die hierzulande schon seit Jahren – mit wenig Erfolg – eingesetzt werden.

Eine bemerkenswerte Aussage, erst recht, wenn man die Preise vergleicht. Etablierte Medikamente wie Rivastigmin verursachen den Kassen Kosten von 200 bis 400 Euro pro Jahr und Patientin. Eine Therapie mit Lecanemab wird aktuell mit jährlichen Kosten von 38.000 Euro beziffert. Nun stehen Preisverhandlungen zwischen den Kassen und dem japanischen Hersteller an, dessen Position sich durch die G-BA-Entscheidung nicht gerade verbessert hat. Es wurde bereits die Sorge geäußert, er könne das Medikament wieder vom deutschen Markt nehmen.

Ist damit die Euphorie schon wieder vorüber? Seit im Vorjahr die EU das Medikament zugelassen hatte, bekam man den Eindruck, dass unter Kliniken ein Wettrennen einsetzte. Gerade große Häuser, nicht zuletzt die Uni-Kliniken, beeilten sich, die neue Therapie anzubieten. Es überraschte wenig, dass man von deren Vertreterinnen eher optimistische Aussagen hörte. Gern wurden die aus Studien abgeleiteten 30 Prozent zitiert, um die man das Fortschreiten der Demenz verzögern könne. Was auch immer diese Zahl aussagt.

Doch die Realität ist vermutlich komplizierter. Es fängt mit der Frage an, wer überhaupt für die Behandlung infrage kommt. Anfangs war die Rede von Patienten in einem sehr frühen Stadium. Ein Demenzexperte, der vor einiger Zeit in unserm Haus zu dem Thema referierte, zeigte sich deshalb sehr skeptisch. Um in dieser frühen – symptomarmen – Phase eine Diagnose zu stellen, sei aufwendige und teure Diagnostik nötig, etwa ein PET-CT.

Man könnte meinen, die Kritierien wurden bewusst aufgeweicht

Inzwischen scheinen die Kriterien aufgeweicht, es kommen sowohl Patienten mit der Demenzvorstufe „Leichte Kognitive Störung“ infrage als auch solche mit „Beginnender Demenz“. Um sie zu ermitteln wird ein verbreiteter Test herangezogen, als Grenzwert gelten 22 von 30 Punkten. Patienten mit diesem Wert zeigen allerdings in der Regel schon deutliche Anzeichen etwa beim Kurzzeitgedächtnis. Sie fallen in der Regel auch beim „Uhrentest“ durch, schaffen es also nicht, in einen Kreis ein Ziffernblatt und die Zeiger für die Uhrzeit 11.10 Uhr einzuzeichnen. Kann man hier noch von einer sehr frühen Phase sprechen?

Der Verdacht liegt nah, dass bewusst die Hürden gesenkt wurden. Ein möglicher Grund: Die zahlreichen weiteren Aufnahmekriterien für die Behandlung mit Lecanemab sind streng, somit kommt ohnehin nur ein winziger Anteil von Alzheimer-Patienten für die intravenöse Therapie infrage. Was auch daran liegt, dass in der Studie bei einigen Teilnehmern schwerwiegende Nebenwirkungen auftraten: Hirnblutungen bzw. -schwellungen. Menschen mit gewissen Vorerkrankungen, blutverdünnenden Medikamenten oder einer bestimmten genetischen Disposition – um nur einige zu nennen – scheiden deshalb von vornherein aus. Im Ärzteblatt war im Februar von rund gerade mal 400 Patienten in Deutschland die Rede, die bisher die Therapie erhalten (haben).

Dabei klingt der Wirkmechanismus tatsächlich revolutionär. Mit Lecanemab ist es in Studien gelungen, die schädlichen Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn (Amyloid-Plaques) fast vollständig zu entfernen. Sie gelten als wesentlicher Auslöser der Krankheit. Doch gerade angesichts dieses Erfolgs erstaunt es, wie wenig das an den Symptomen der Patienten ändert. Wie so oft bei wissenschaftlichen Studien sind die Ergebnisse Interpretationssache. Wie lässt sich das Voranschreiten von Alzheimer überhaupt in Zahlen ausdrücken? Vor ein paar Monaten zeigte die ARD eine große zweiteilige Hirschhausen-Doku zu Demenz, die neue Therapie wurde dabei ausführlich vorgestellt. Die Zuschauer begleiteten eine Patientin, die über Wochen auf ihre Eignung für das neue Medikament geprüft wurde und voller Hoffnung war. Am Ende wurde sie natürlich zugelassen. Vielleicht lässt die ARD ja irgendwann eine Langzeit-Doku folgen, um zu zeigen, ob die Therapie der Frau geholfen hat.

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