„Wenn Kliniken solide wirtschaften – wunderbar.“ Und wenn nicht?

Karl Lauterbach plant nach eigener Aussage eine Riesenreform im Gesundheitswesen, und will dabei auch weg von der marktwirtschaftlichen Orientierung, die in den vergangenen Jahrzehnten immer dominanter wurde – oft auf Kosten von Mitarbeitern und Patienten. Bis jetzt ist das alles Theorie, der Gesetzesentwurf muss erstmal geschrieben werden. Bis zur Umsetzung ist es noch ein weiter Weg, denn es gibt viele Leute, die das verhindern wollen. Einer davon ist wahrscheinlich Boris Augurzky, Gesundheitsökonom vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, die SZ hat ihn vor Kurzem in einem großen Artikel ausführlich zu Wort kommen lassen.

Der Mann hat laut SZ 2019 an einer Studie der Bertelsmann-Stiftung mitgearbeitet, die forderte, mehr als die Hälfte der Kliniken in Deutschland zu schließen. Jetzt sitzt er in Lauterbachs Expertenkommission. Zur Erinnerung: Die Bertelsmann-Stiftung gehört zum milliardenschweren Bertelsmann-Konzern, der mit ihr gigantische Summen an Steuern spart und massiv Einfluss auf die Politik in Deutschland nimmt. Praktisch jede ihrer Veröffentlichungen wird von den Medien im Lande prominent unters Volk gebracht.

In dem aktuellen SZ-Artikel fand ich folgenden Satz am interessantesten, in dem der Autor Herrn Augurzky zitiert: „Wenn eine Klinik gute Arbeit leiste und solide wirtschafte – wunderbar.“ Das klingt erstmal harmlos und wie eine Aussage, die jeder sofort unterschreiben kann. Aber was bedeutet das eigentlich? Krankenhäuser, die schlecht wirtschaften, werden zugemacht. Das ist dann schon wieder ziemlich weit weg von der hehren Absicht, die Ökonomisierung des Gesundheitswesen zu beenden und entschieden gegenzusteuern.

Es gab mal eine Zeit, da wurden Krankenhäusern die Kosten ersetzt, die anfielen – für Material, Behandlungen, Personal etc. Man musste sich keine Gedanken darüber machen, dass eine Hüft-OP deutlich mehr Geld bringt als eine pädiatrische Station oder ein Kreißsaal. Und in den Kliniken hatten Ärztliche Direktoren mehr zu sagen als Controller. Heute sind Chefärzte zur Schizophrenie gezwungen: die beste Behandlung für ihre Patienten wählen, gleichzeitig möglichst viel Gewinn erwirtschaften – dann gibt es vielleicht am Jahresende zur Belohnung noch einen schönen Bonus. Private Häuser haben einen großen Teil der Kliniken übernommen und wollen Gewinne machen. Das Geld dafür kommt von uns.

Ob Karl Lauterbach hier wohl mit seinen Experten eine Trendwende schafft? Wen das Thema interessiert: Ich mache demnächst ein Interview mit einer Expertin, das hoffentlich bald hier erscheint.

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