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Was sich ändern muss, Teil 1

Meist habe ich auf diesem Blog Missstände beschrieben, und auch ihre ganz konkreten Auswirkungen in meinem Haus. Die Realität darzustellen, realistisch und von innen heraus, ist eins der Ziele dieser Seite. Die meisten Menschen haben keine große Idee, wie es auf einer Station zugeht, aufmerksame Patienten bekommen zumindest eine Ahnung davon. Jetzt will ich einmal nach vorn schauen und beschreiben, was sich aus meiner Sicht verändern muss. Einige Forderungen sind natürlich nicht neu oder originell, trotzdem ist manches, das selbstverständlich erscheint, umstritten. Und der Weg dorthin erst recht. Teil 2 folgt.

1. Vernünftige Personaluntergrenzen
Klar eins der großen Themen, die häufige – oder soll ich sagen ständige – Unterbesetzung ist für die Pflegerinnen und Pfleger ein riesiges Problem. Die Arbeit kann ja nicht auf den nächsten Tag verschoben werden, die Unterbesetzung, stresst, zermürbt, laugt aus – körperlich und psychisch, das liegt auf der Hand. Das Thema Mindestbesetzung/Personaluntergrenzen wird zurzeit von vielen Beteiligten und Experten schon ausgiebig bearbeitet. Aber egal welches Modell man sich ausdenkt, es bleibt momentan das grundsätzliche Problem, dass die Kliniken erstmal viele tausend Kollegen einstellen müssten.

Das Personal an den Unikliniken NRW hat nach einem beispiellosen Streik nun immerhin einen Tarifvertrag „Entlastung“ durchgesetzt, der Gutschriften an Arbeitszeit vorsieht, die bei mehrmaligen Unterschreitungen der Mindestbesetzung jeweils einen freien Tag als Kompensation vorsehen. Was in meinem Haus geplant ist, habe ich ehrlich gesagt, noch nicht richtig verstanden. Es gab schon einmal ein Modell, das aber wegen Corona auf Eis gelegt wurde und nun wohl abgewandelt vor der Wiedereinführung steht. Darin werden Untergrenzen je nach Bettenzahl und Stationsprofil definiert. Unsere Stationsleitung kalkuliert schon, wie sich das mit unserer Besetzung realisieren lässt. Wenn man ihr zuhört, wird schon klar: Die Untergrenze, die im Modell vorgesehen ist, soll das sein, was noch gerade so zu tolerieren wäre. In unserer Planung wird sie ins Gegenteil verkehrt, nämlich zum Zielwert, und hat man ihn erreicht, klopft man sich freudig auf die Schulter. Der Stress bleibt also Teil des Systems, melden sich ein, zwei Kollegen krank, sind wir schon wieder im Chaos.

2. Bessere Bezahlung
Klar, das Gehalt ist zu gering. Allerdings zu sagen, wir haben mehr verdient, ist müßig, das interessiert in unserm Wirtschaftssystem keinen. Aber: Wie in vielen anderen Berufen, haben sich die Löhne und Gehälter in der Pflege in den letzten 20 Jahren kaum nach oben entwickelt. In der Zeit sind die oberen Einkünfte, Vermögen, Unternehmensgewinne exorbitant gestiegen. Uns erzählt man Sachen wie: Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen. Die Länder/Kommunen haben kein Geld, wie stellt ihr euch das vor? Jetzt ist es gerade schlecht, Corona hat Löcher in die Kassen gerissen. Wenn ihr jetzt deutlich mehr Geld wollt, steigt die Inflation noch weiter. Etc.

Die letzte Tariferhöhung, die ich erlebt habe, war im Herbst 2020, erstes Coronajahr. Verdi hat sich hinterher auf die Schulter geklopft. Die Prozentzahl klang auch ganz gut, nur hatte man mit den Arbeitgebern eine Laufzeit von mehreren Jahren vereinbart. Legt man das um, sehen die Zahlen deutlich bescheidener aus. Immerhin, bei verschiedenen Zulagen gab es erhebliche Verbesserungen. Bedenkt man aber, wie die Zeit damals war – wir waren im Coronaschockzustand, der Pflegenotstand war in aller Munde –, hätte deutlich mehr herausspringen müssen.

Was man dabei nicht vergessen darf, und das ist ein entscheidender Punkt: Die Pflege ist auch selber schuld, der Anteil der Kollegen, die in der Gewerkschaft sind, ist lächerlich.

3. Mehr Kampfbereitschaft
Das wäre dann auch meine dritte Forderung, sie richtet sich an uns als Berufsstand: In die Gewerkschaft eintreten, das Streikrecht nutzen, sich engagieren. Von nichts kommt nichts. Man kann bisher nur neidisch auf IG Metall oder Eisenbahner schauen.

4. Besserer Ruf des Berufs, der eigentlich ein toller Beruf ist
Die Sache mit dem Pflegenotstand ist ein Teufelskreis. Bei Pflege denkt heute jeder an Unterbesetzung, Stress und Burnout, wer will sich das antun? Dabei ist der Beruf Krankenpfleger eigentlich großartig. Jeder Tag ist anders, es ist nie langweilig. Es geht ja um viel mehr als das alte Klischee davon, „Menschen zu helfen“. Man muss erstmal schauen, wen hat man vor sich, wie tickt der Patient, was braucht er? Wenn man sich für Menschen interessiert, ist das immer wieder eine spannende Herausforderung. Die sehr bereichernd ist und sehr erfüllend. Soviel nur in aller Kürze, ich habe schon länger vor, hier man ein Loblied auf den Beruf vorzubringen. Folgt. Aber wie vermittelt man das im Großen? Ein Beispiel: Ich habe gerade von einem Krankenhaus bei München gelesen, das Schulabgänger ins Haus holt, damit sie sich selber anschauen und ausprobieren können, wie Pflege ist. In diese Richtung kann man viel mehr machen.


5. Abkehr von der Privatisierung
Ein sehr komplexes Thema. Der Journalist David Gutensohn hat ein Buch geschrieben, „Pflege in der Krise“, in dem er klar Stellung gegen die Privatisierung bezieht. In einem ZEIT-Artikel hat er seine Thesen zusammengefasst. Genauso wenig wie die Polizei, Schulen, Feuerwehr, Kindergärten sollten Krankenhäuser und Pflegeheime Gewinne machen müssen, fordert er. Zwar würde ich behaupten, dass in der Bildung die Privatisierung längst eingesetzt hat, siehe Privatschulen und der Bologna-Prozess an den Hochschulen.  Aber der Grundthese würde ich zustimmen. Gutensohn sieht Gesundheit ist als Teil der Daseinsvorsorge und somit gesellschaftliche Aufgabe. Privatisierung setze falsche Anreize, Profitmaximierung vertrage sich nicht mit dem Ziel, zuerst das Beste für den Patienten zu erreichen. Stattdessen wird am Personal gespart, bei der Wahl der Behandlung fließen betriebswirtschaftliche Erwägungen ein.

Die Entwicklung der vergangenen zwanzig Jahren auf einen Schlag rückgängig zu machen, hält Gutensohn zwar nicht für einen gangbaren Weg, aber er schlägt drei Maßnahmen vor: rekommunalisieren, Fallpauschalen abschaffen, Profite begrenzen. In dem Zuge sollen neue Anreize geschaffen und die Einrichtungen belohnt werden, die zufriedene Patienten haben und in Personalentwicklung investieren.