Neuroleptikum Risperidon – besser zu viel als zu wenig

Vor Kurzem lernte ich einen Patienten kennen, der ein paar Tage zuvor mit einer Gehirnerschütterung eingeliefert worden war. Herr T. war 89 Jahre alt, ich fand ihn morgens etwas schläfrig an der Bettkante sitzend vor. Ganz genau konnte er mir nicht sagen, wieso er eigentlich im Krankenhaus ist. Er gab sich aber alle Mühe, meine Fragen zu beantworten.

Vor allem in den ersten Tagen bei uns war er offenbar ziemlich verwirrt und wehrte sich gegen pflegerische Maßnahmen. Eine Neurologin wurde hinzugeholt, um sich ein Bild zu machen. Ihre Diagnose: Der Patient sei im Delir (über Delir habe ich hier geschrieben), allerdings schon in der abklingenden Phase: kooperativ, keine Unruhe mehr, keine Halluzinationen. Nun wird es wahrscheinlich das Geheimnis dieser Neurologin bleiben, wieso sie für den alten Mann trotzdem Risperidon – ein hochpotentes Neuroleptikum – empfohlen hat. Das wurde von der Stationsärztin auch sofort angeordnet. Und danach tagelang weiter verabreicht, jeden Morgen und jeden Abend.

Hatte jemand mal die Frage gestellt, ob ein derart starkes Medikament wirklich angemessen ist? Oder an den darauffolgenden Tagen überprüft, ob das vage diagnostizierte Delir noch fortbesteht? Beides nein.

Um mal ein paar der häufigen Nebenwirkungen von Risperidon zu nennen: Parkinsonismus, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, Kraftlosigkeit (Asthenie), Erschöpfung (Fatigue), Harninkontinenz, Gelenkschmerzen, Muskelspasmen, Hautausschlag, Erbrechen, Übelkeit, Verstopfungen, Durchfall, Mundtrockenheit, Zahnschmerzen, Atemnot, verschwommenes Sehen, Angst, Schwindel, Hypertonie.

Bei ausgeprägtem Delir mit Agitiertheit und Halluzinationen kann es angezeigt sein, Risperidon für einen begrenzten Zeitraum zu geben. Die Patienten haben einen hohen Leidensdruck, es ist ein Abwägen zwischen Wirkung und Nebenwirkung. In der Hoffnung, dass die Symptome sehr schnell nachlassen.

Aber bei Herrn T.? Ich habe dann unsern Neuropsychologen angerufen und ihm den Fall geschildert, er fand die Anordnung ebenfalls überzogen. Und so wurde die Risperidongabe beendet. Ansonsten wäre vielleicht passiert, was so oft passiert: Am Ende wäre es im Entlassungsbrief gelandet und so heimlich zur Dauermedikation geworden. Denn die Frage ist ja, wer setzt das Medikament wieder ab? Viele Patienten oder ihre Angehörigen, wenn es welche gibt, kennen sich mit ihren Tabletten nicht so genau aus. Sie nehmen halt, was ihr Arzt ihnen aufschreibt. Vielleicht hätte eine Hausärztin das Risperidon irgendwann wieder abgesetzt. Vielleicht auch nicht. Vielleicht geht Herr B. auch selten zum Arzt.

Dabei gilt für Risperidon, dass es mit der Indikation Delir maximal sechs Wochen lang gegeben werden darf. Grund sind die massiven Nebenwirkungen. Zudem legen Studien eine erhöhte Mortalität von Patienten unter Einnahme von Risperidon nahe. Das Medikament wird außerdem bei Patienten mit Demenz eingesetzt, die besonders verhaltensauffällig oder schwer kontrollierbar sind. Doch darin zeigt sich schon ein unauflösbares Dilemma: Die Demenz ist eine langfristige Erkrankung (wenn auch mit unterschiedlichen Symptomen je nach Stadium). Es ist nicht zu erwarten, dass z.B. eine Aggressivität nach sechs Wochen verschwindet. Die Verschreibung für solche Patienten ist also eigentlich widersinnig. Oder zumindest leichtsinnig.

Beliebte Kandidaten für Neuroleptika: Pflegebedürftige Heimbewohner

Es verlassen aber nicht nur viele Patienten mit Risperidon das Krankenhaus, es kommen auch viele damit. Auch Quetiapin begegnet einem häufig in Medikamentenplänen hochbetagter Patientinnen mit Demenz, ein verwandtes Medikament, das außerdem bei der Behandlung von Psychosen sehr große Verbreitung hat. Heute ist mir eine Patientin begegnet, ebenfalls 89 Jahre alt, die hatte sogar beides im Plan – meiner Ansicht nach ein Unding.

Denn nicht nur in den Arztpraxen und Krankenhäusern werfen manche Ärzte eifrig mit Pillen um sich, auch in den Altenheimen. Eine britische Studie ergab zum Beispiel, dass in den untersuchten Pflegeheimen mehr als 60 Prozent der Bewohner regelmäßig Psychopharmaka erhielten. Eine andere Studie kam zu folgenden Ergebnissen: Unter Heimbewohnern, die einen Pflegegrad hatten, erhielten rund 40 Prozent Neuroleptika, 15 bekamen Antidepressiva und mehr als 20 Prozent Beruhigungsmittel. Man lehnt sich wohl nicht sehr weit aus dem Fenster, wenn man folgert: Hier werden alte Menschen nicht beschäftigt oder betreut, sondern ruhiggestellt. Die Pharma-Industrie freut sich. P.S. Heute kam ich zufällig mit einem Kollegen ins Gespräch, der von einem Patienten auf seiner Station berichtete: Der Mann war im fortgeschrittenen Stadium einer Alzheimer-Demenz und aus einem Pflegeheim eingeliefert worden, Diagnose: Risperidon-Überdosierung. Schon schlimm genug. Der Kollege regte sich aber vor allem darüber auf, dass die Vorgeschichte wohl keinerlei Konsequenzen haben würde. Der Patient wird bald wieder zurück ins Heim entlassen, so seine Einschätzung. Und niemand aus unserm Haus wird dort nachhaken, wie es zu der Überdosierung kommen konnte.

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