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Simone hat nicht vorgesorgt

Neulich habe ich mich mit meiner Kollegin Simone über Altersorsorge unterhalten. Sie ist Ende 50 und wird auf die gesetzliche Rente angewiesen sein, denn sie hat noch keinen Cent in private Vorsorge gesteckt. Dafür bleibt am Monatsende nichts übrig. Eigentum hat sie natürlich auch keins, keine Aktien oder Ersparnisse. Ihr Gehalt ist überschaubar, sie ist Krankenpflegehelferin. Für ihre Rente heißt das, es sieht sehr schlecht aus.

Bei mir ist es anders, aber auch schlecht. Die 45 Jahre Einzahlung werde ich nicht erreichen. Wenn ich im Frühjahr von der BfA erfahre, wie meine derzeitige Rentenerwartung ist, treibt es mir die Tränen in die Augen. Also stecke ich jeden Monat gewaltige Summen in die private Vorsorge.

Zahlen-Zauber: Aus 2 Prozent sind 20 geworden

Wer erinnert sich noch an die Schröder-Zeit, als uns eingeimpft wurde, dass es ohne Privatisierung der Rente nicht mehr geht? Wegen der Bevölkerungspyramide, immer weniger Einzahler, immer mehr Rentner. Die angebliche Lösung: Wir müssten künftig ein bis zwei Prozent vom Brutto abzweigen und das System sei viel zuverlässiger als das staatliche Umlagesystem. Nur: Ich gebe mehr als 20 Prozent von meinem Brutto für private Vorsorge aus. Und die Renditen haben sich seit dem Start deutlich verschlechtert.

Die Propaganda prasselt seit mehr als 20 Jahren unverändert auf uns ein, und es scheint ja auch plausibel: Immer mehr Rentenbezieher für zu wenige Einzahler, da kann das Umlageverfahren nicht mehr funktionieren. Wenn man allerdings dieser Logik folgt, klappt das private Modell genauso wenig. Auch da stellt sich ja die Frage, wie immer mehr Geld ausgeschüttet werden soll, wenn immer weniger hineinfließt. Ideen für die Stabilisierung der staatlichen Rente gibt es ja durchaus. Man könnte Gelder, die aus Produktivitätszuwächsen entstehen, in die Finanzierung des Systems stecken. Es ist am Ende wie so oft eine Frage der Verteilung.

Privatisierungsprozesse wie bei der Rente funktionieren ja, weil schon über viele Jahre immer wieder behauptet wurde, dass der Staat nichts kann und nur die private Wirtschaft uns niedrige Preise beschert, weil ja Konkurrenz das Geschäft belebt. Nur: Privatunternehmen wollen auch Gewinne machen. Und die Konkurrenz zwischen Versicherern funktioniert schon allein deshalb nicht, weil die Verbraucher die Konditionen von Versicherungen mit seitenweise Kleingedrucktem in der Regel gar nicht verstehen können. Ein wesentlicher Kritikpunkt an der Riester-Rente ist quasi seit Beginn, dass in vielen Fällen die staatlichen Zulagen wieder durch die Gebühren, die die Versicherer verlangen, aufgefressen werden. Nachprüfen kann man das kaum, Allianz und Co. lassen sich natürlich nicht in die Karten schauen

Staatliche oder private Rente, beide Systeme sind ja am Ende eine Wette auf die Zukunft. Der Unterschied: Die staatliche Rente ist solidarisch aufgebaut, die private nutzt vor allem denjenigen mit höheren Einkommen. Sehr viele Menschen so wie meine Kollegin Simone können sich die Riester-Rente ja gar nicht leisten. Außerdem wird durch die private Vorsorge ein sehr großes Stück aus dem Rentenkuchen herausgeschnitten und landet – um im Bild zu bleiben – auf dem Teller der Versicherungskonzerne. Mit andern Worten: Mit der Privatisierung der Altersvorsorge wird seit Jahren im großen Stil Umverteilung betrieben, von unten nach oben.

Meine Kollegin Simone hat jetzt schon Probleme mit dem Rücken, mal sehen, wie lange sie noch durchhält in der Pflege. Wenn sie in Rente geht, ist sie vielleicht auf staatliche Zuschüsse angewiesen. Aber sie kann sich ja auch etwas dazuverdienen. Mit Putzen oder so.