Die Eltern pflegen: Lass das mal die Schwiegertochter machen

Frau L. war erst Anfang 70, aber als sie bei uns ankam, befand sie sich in desolatem Zustand: Geschwüre an verschiedenen Körperstellen, vermutlich hatte sie sich wundgelegen. Stark geschwollene Beine, völlig verwachsene Fußnägel, die zu Verletzungen an ihren Zehen geführt hatten. Am ersten Tag konnte sie kaum die Augen öffnen oder einen sinnvollen Satz von sich geben, von aufstehen gar nicht zu reden. Auf meine Frage nach ihrer Familie kam zumindest heraus, sie hätte zwei Töchter. Was allerdings nicht stimmte, sie hatte zwei Söhne. Vielleicht war es Wunschdenken.

Einen davon lernte ich am Folgetag kennen. Ich stellte vorsichtig ein paar Fragen zur Vorgeschichte. Was ich dabei aber nicht herausfand: Wie es so weit kam, dass seine Mutter derart verwahrlost bei uns aufgenommen werden musste. Was war da schiefgelaufen? Er gab vage Antworten und ließ sich nichts anmerken. Bis vor Kurzem sei die Mutter noch klargekommen.

Der Gender Care Gap ist die kleine Schwester des Gender Pay Gap. Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer und sie leisten mehr unbezahlte Pflegearbeit. Wahrscheinlich besteht da ein Zusammenhang. Eine typische Konstellation: Ein Ehepaar hat einen Sohn und eine Tochter. Nun sind sie alt geworden und brauchen Unterstützung, wer kümmert sich? In der großen Mehrzahl der Fälle die Tochter. Vor ein paar Tagen beschwerte sich am Telefon eine Frau über ihren Bruder: „Er ist gerade im Urlaub, immer bleibt alles an mir hängen.“ Die Mutter, 88 Jahre alt, war gerade als Patientin bei uns. Und so falle ihr als Tochter stets die Rolle des Sündenbocks zu. Dann hörte ich durch die Leitung, wie die Stimme zu zittern begann. Wenn die Mutter nachts nicht schlafen könne und Sorgen habe, würde dann aber doch wieder sie angerufen.

Oft schaffen es die Söhne aber auch, sich herauszuziehen, wenn keine weiblichen Geschwister da sind. Dann müssen eben die Schwiegertöchter eingespannt werden. Vor Kurzem hatte ich die Tochter einer weit über 90 Jahre alten Patientin am Telefon, sie selber auch schon um die 70. Die Mutter lebte noch in der eigenen Wohnung, morgens kam der Pflegedienst. Sie als Tochter wohnte am andern Ende der Stadt, ihr Bruder dagegen im selben Haus wie die Mutter. Die Rede kam auf die Fingernägel der Patientin, die offensichtlich lange Zeit nicht geschnitten worden waren. Als ich vorschlug, dass ihr Sohn mal mit einer Nagelschere anrücken sollte, lachte dessen Schwester: „Nein, nein, das muss meine Schwägerin machen! Die schaut auch täglich nach ihr.“

Weitere Beispiele begegnen mir häufig: Eine pflegende Schwiegertochter lernte ich vor Kurzem am Bett einer hochbetagten Patientin mit Demenz kennen. In dem Fall war es ihre Mutter, aber wir kamen ins Gespräch und sie erzählte mir, wie sich jahrelang um ihren gebrechlichen Schwiegervater gekümmert hatte. Im Gespräch kam einiges an Gefühlen hoch, zwischendurch konnte sie die Tränen nicht zurückhalten. Ihr Mann habe sich damals wenig engagiert, erinnerte sie sich: „Der ist ein Egoist.“

Ich musste an das letzte Buch von Didier Eribon denken, dem französischen Soziologen, der darin beschreibt, wie seine Mutter älter wird und schließlich – ebenfalls an Demenz erkrankt und gegen ihren Willen – in ein Pflegeheim zieht, wo sie nach wenigen Wochen stirbt. „Eine Arbeiterin“, heißt das Buch. Ich fand es sehr lesenswert, der Autor wirft einen ernüchterten Blick auf das Pflegesystem in Frankreich, beklagt die fehlende Lobby alter Menschen, den Pflegenotstand in den Heimen, aber auch sein eigenes schlechtes Gewissen. Und doch fand ich, dass er seine eigene Rolle als Sohn zu wenig hinterfragt.

Seine Mutter zu sich zu holen war für ihn offensichtlich keine Option. Offenbar auch für keinen seiner Brüder. Für sich selbst führt Eribon berufliche Verpflichtungen an, die ihn davon abgehalten hätten, sich mehr zu kümmern. Und die auch dazu führen, dass er nicht mehr rechtzeitig im Heim ankommt, nachdem er erfahren hat, dass seine Mutter im Sterben liegt. Seine Arbeit zeitweise zu reduzieren, scheint keine Option für ihn gewesen zu sein.

An einer Stelle schreibt er über den künstlichen Darmausgang seiner Mutter, ein so genanntes Stoma. Der (meist flüssige) Stuhl wird dann in einem aufgeklebten Beutel aufgefangen, der regelmäßig geleert werden muss. Der Geruch sei ihm so unangenehm gewesen, dass er es nicht im selben Raum ausgehalten habe, schreibt der Autor.

 Ich gebe ihm recht, die Ausscheidungen von Stomapatienten riechen in der Regel besonders unangenehm. Aber zum Glück gibt es Leute, die anders als Eribon dazu bereit sind, ihren Ekel zu überwinden, wenn der Stomaträger es nicht mehr selber kann. Irgendjemand muss es ja machen.

3 Gedanken zu „Die Eltern pflegen: Lass das mal die Schwiegertochter machen

  1. Avatar von Sebastian FitzSebastian Fitz

    Das mit dem Stoma kenne ich noch von der Ausbildung zum Altenpfleger her.

    Wer kennt ihn nicht den Ausspruch: “ Ich könnt‘ das nicht! “

    War aber kein Problem und die Senioren waren immer froh und dankbar.

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  2. Avatar von Sebastian FitzSebastian Fitz

    Ihr toll geschriebener Text wirft ein wichtiges Licht auf die ungleiche Verteilung der Pflegeverantwortung innerhalb von Familien. Es ist erschreckend, wie oft Frauen – sei es als Töchter, Schwiegertöchter oder Ehefrauen – die Hauptlast der Pflege tragen, während männliche Angehörige sich eher zurückziehen. Die Geschichte von Frau L. zeigt zudem eindrücklich, wie schnell Vernachlässigung in Isolation und Verwahrlosung münden kann. Dass es dann oft keine klaren Antworten auf die Frage gibt, „wie es so weit kommen konnte“, zeigt, dass gesellschaftlich noch viel Aufklärungsarbeit nötig ist. Erfreulich ist, dass seit meiner Ausblidung zum Altenpfleger vor ca. 20 Jahren der Anteil an männlichen Plfegekräften doch spürbar gestiegen ist 🙂

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    1. Avatar von misterpflegermisterpfleger Autor

      Vielen Dank für den Kommentar, ich stimme zu. Auch dass sich der Geschlechtermix in der Pflege schon merklich verändert hat. Vielleicht taugen wir ja als Vorbilder für die Pflege in den Familien.

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