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Sie haben uns wieder über den Tisch gezogen

Vor Kurzem habe ich eine Meldung gelesen, wonach bei den Arbeitnehmern in Deutschland die Reallöhne in den ersten Monaten dieses Jahres deutlich gesunken sind. Nach dem Katastrophenjahr 2022 geht der Trend also weiter: Wir als Arbeitnehmer werden ärmer. Und das obwohl durch tarifliche Anpassungen die Gehälter in den letzten Monaten generell stark gestiegen seien. Die Kaufkraft hat trotzdem weiter abgenommen. Die Inflation hat also die ganzen Lohnzuwächse aufgefressen und noch mehr. Was für mich daran besonders bitter ist: Bei mir ist der Kaufkraftverlust noch viel höher, denn obwohl es einen Tarifabschluss zum 1. Januar 2023 für die Pflege und andere Verdi-Berufsgruppen gegeben hat, ist mein Gehalt seitdem um keinen einzigen Cent gestiegen.

Unser System, das auf Wachstum angewiesen ist, ohne Wachstum zusammenbricht, beschert uns seit anderthalb Jahren also gar kein Wachstum. Nicht mal Stagnation, sondern radikale Schrumpfung.

Es klingt kurios und ist in der ganzen Diskussion während der Streiks im öffentlichen Dienst irgendwie untergegangen. Aber der Abschluss bedeutet, dass wir monatelang überhaupt nichts bekommen. Ende dieses Monats wird endlich die erste Rate des Inflationsausgleichs fällig. Die tarifliche Anpassung, die aber viel wichtiger ist, weil sie sich ja auch auf Rentenansprüche auswirkt, gibt es dieses Jahr überhaupt nicht. Null. Die Gehälter steigen erst schrittweise ab dem 1. März 2024. Nicht 2023, sondern 2024. Wenn ich es so schreibe, kann ich es selber kaum glauben, aber es stimmt.

Man kann das eigentlich niemandem erzählen. Nach einem Jahr wahnsinniger Inflation, die für Millionen Menschen mit niedrigen bis mittleren Einkommen eine finanzielle Katastrophe darstellt, stand für den 1.1.2023 endlich eine Tariferhöhung an. Und worauf haben sich Verdi und die Arbeitgeber geeinigt? Um es nochmal zu sagen: darauf, dass wir erstmal gar nichts bekommen.

Grotesk.

Anerkennung? Ja, schon, aber denkt auch an die Butterpreise!

Für die Pflege stehen die nächsten Tarifverhandlungen an, die Forderung von Verdi mit gut 10 Prozent mehr hört sich erstmal nicht schlecht an. Natürlich werden wir die nicht bekommen. In der Süddeutschen las ich neulich mal wieder die Warnung eines „Ökonomen“, das sei deutlich zu hoch gegriffen. Mit dem bekannten Argument, durch solche Abschlüsse würde die Inflation noch weiter angeheizt. Eine Unverschämtheit.

In Deutschland driften seit Jahrzehnten die Einkommen auseinander, die Reichen entfernen sich immer mehr von der Basis. Was zwar regelmäßig erwähnt und zuweilen auch bedauert, aber niemals geändert wird. Selten liest man aber zum Beispiel, dass die teilweise skurrilen Einkommenssteigerungen der Reichen die Inflation weiter in die Höhe treiben. Allerdings würde das auch nicht ganz stimmen, weil ab einem bestimmten Einkommen relativ gesehen immer weniger für Konsum ausgegeben wird, stattdessen legt man an. Man weiß einfach nicht mehr, wohin mit dem ganzen Geld. Arme Reiche!

Unterdessen wirft unser lustiger Finanzminister, der sich wahrscheinlich genauso wie Friedrich Merz zur Mittelschicht zählt, weiterhin Leuten, die es nicht nötig haben, das Geld hinterher, zum Beispiel mit dem Tankrabatt oder dem Dienstwagenprivileg. Sagt aber, dass Steuererhöhungen „mit mir“ nicht zu machen seien. Ich freue mich schon auf die Tarifverhandlungen. Es wird von Arbeitgeberseite wieder heißen, gerade sei nun wirklich kein Geld da …