Patienten mit Demenz: Brücken bauen ohne Worte

„Pflege ist zu 90 Prozent Kommunikation.“ Den Satz sage ich manchmal zu jungen Auszubildenden. Besonders deutlich wird das, wenn wir im Klinikalltag mit Patienten zu tun haben, die auch an einer Demenz leiden. Die Brücke zu diesen Menschen zu schlagen, das ist im Krankenhaus umso wichtiger, da sie es hier besonders schwer haben. Weil sie sich oft nur schwer zurechtfinden, verunsichert sind, ängstlich, manchmal auch wütend. Für Pflegende ist das eine Herausforderung, genauso wie für Angehörige.

Vor Kurzem traf ich auf einer internistischen Station Frau R., eine Dame von Ende 80. Als ich mich mit einem Lächeln an ihre Bettkante setzte und ihren Namen sagte, reagierte sie sofort mit einem freudigen Blick und griff nach meinem Arm.

Erst da fiel mir auf, dass sie einige Monate zuvor schon einmal bei uns gewesen war. Wir hatten uns nur einmal gesehen, aber an die Begegnung konnte ich mich noch genau erinnern. Die Demenz war bei Frau R. so weit fortgeschritten, dass sie kaum noch sprach. Man merkte aber sofort, was für ein herzlicher und kontaktfreudiger Mensch sie ist, sie strahlte, ergriff meine Hand und suchte Blickkontakt. Sogar einen Satz brachte sie heraus: „Ich beiße dir in die Nase.“

Da sie offenbar keine Angehörigen hat, bat ich unser ehrenamtliches Team der „Grünen Damen und Herren“, einmal bei ihr vorbeizuschauen und ihr ein bisschen Gesellschaft zu leisten. Zwei Tage später sprach mich ein junger Stationsarzt auf dem Flur darauf an. Er hatte eine Grüne Dame im Zimmer getroffen und hielt das für ein Missverständnis, was habe sie denn bei dieser Patientin gewollt? Schließlich könne man sich mit Frau R. doch gar nicht unterhalten. Ratlos schüttelte er den Kopf: „Es geht doch darum, miteinander zu reden“, sagte er und fügte dann auch noch hinzu: „für die Seele.“

Frau R. zeigte sich auch bei unserer zweiten Begegnung wieder sehr zugewandt, wünschte sich sogar „ein Küsschen“. Den Wunsch konnte ich ihr nicht erfüllen, aber wir fanden eine andere Art des Austauschs, indem wir uns Stirn an Stirn berührten, was sie dann mit einem freudigen „Meine Güte!“ quittierte.

In einer Fortbildung hörte ich mal den Satz „Demenz ist eine Insel“. Was damit gemeint war: Wenn wir die Bewohner dieser Insel erreichen wollen, müssen wir eine Brücke zu ihnen bauen.

2 Gedanken zu „Patienten mit Demenz: Brücken bauen ohne Worte

  1. Avatar von hANNES wURSThANNES wURST

    Ich fände es interessant, wenn Du das Spannungsfeld Vertraulichkeit vs. Respekt in der Pflege weiter erforschst. Wenn ich diesen Artikel mit https://pflegeblogger.com/2022/12/20/kollegen-duzen-gern-aber-patienten/ vergleiche, in dem Du dem Duzen von Demenzpatienten noch skeptisch gegenüber standst, dann sehe ich erstens eine gewisse Entwicklung bei Dir und zweitens finde ich es schwer, daraus eine Empfehlung zum Beispiel für Berufseinsteigende abzuleiten. Vielleicht ist hier eher ein situatives als eine kodifiziertes Verhalten gefordert?

    Like

    Antwort
    1. Avatar von misterpflegermisterpfleger Autor

      Sehr interessante Beobachtung! Es ist natürlich immer eine Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz. Die Barrieren für Körperkontakt sind in der Pflege naturgemäß niedriger als in anderen Bereichen, man kommt sich ja oft sehr nah. Es gibt schon häufig Situationen, wo ich merke, es tut der alten Dame (bei Herren seltener) gut, wenn ich mal die Hand halte. Man kommt sich auch in Gesprächen oft schnell sehr nah. Trotzdem braucht man ein Gefühl dafür, was angemessen ist. Was ich zum Beispiel öfter sehe, ist, dass Kollegen bei Patienten, die sich nicht wehren können, die Wange streicheln. Das finde ich übergriffig, ich lange niemandem einfach ins Gesicht. Duzen bleibt für mich aber weiter ein Tabu. Das brauche ich ja nicht, um Vertraulichkeit herzustellen, aber es ist eben respektlos. Andersrum formuliert: Vertraulichkeit und Respekt schließen sich nicht aus. Aber ich gebe dir recht, für Berufseinsteiger lässt sich das nicht auf klare Verhaltensregeln herunterbrechen.

      Like

      Antwort

Hinterlasse eine Antwort zu misterpfleger Antwort abbrechen