Delir – die tödliche Unbekannte

Es begann an einem Mittwoch mit den ersten Warnzeichen. Patientin Frau M.*, Anfang 80, wirkte unruhig, später zog sie sich die Infusionsnadel aus dem Arm. Bis dahin wurde das als übliche Krankenhausroutine behandelt. Doch in den nächsten Tagen eskalierte die Situation dramatisch, Frau M. wurde immer unruhiger, unkooperativer, begann teilweise zu randalieren. Betrachtet man den Fall im nachhinein, drängt sich der Verdacht auf, dass die Patientin ein Delir entwickelt hatte. Doch obwohl sie von Ärzten und Pflegern umringt war, die darauf spezialisiert sein müssten, taucht der Begriff „Delir“ kein einziges Mal auf. Und es finden sich auch keinerlei Hinweise auf eine adäquate Reaktion, wie sie dieses Krankheitsbild erfordert. Einige Tage später war Frau M. tot.

Das Delir ist so etwas wie der Elefant im Raum des deutschen Gesundheitswesens. In Öffentlichkeit und Medien erfährt man kaum etwas darüber. Dabei ist die Zahl der Fälle in Krankenhäusern enorm. Auf Intensivstationen sind Patienten, die kein Delir entwickeln, je nach Statistik sogar in der Minderheit. Eine Vollnarkose ist anders als häufig angenommen nur einer von vielen Risikofaktoren und Auslösern. Und was Statistiken außerdem belegen, auch wenn die Gründe teilweise unklar sind: Ein Delir verkürzt statistisch die Lebenserwartung.

Früher war oft verharmlosend von einem „Durchgangssyndrom“ die Rede, nach dem Motto: geht schnell vorüber. Tatsächlich kann es nach wenigen Tagen wieder vorbei sein. Aber auch erst nach Wochen. Für die Betroffenen ist es oft die Hölle, zumindest in der so genannten hyperaktiven Form. Sie verlieren phasenweise den Halt, haben Halluzinationen und wahnhafte Gedanken, wirken getrieben. Oft mündet das in Paranoia und zunehmendes Misstrauen. Die Patienten fühlen sich ausgeliefert, getäuscht, bestohlen oder vergiftet. Die Behandlung der eigentlichen Erkrankung wird dadurch oft erschwert bis unmöglich. Appelle an die Vernunft sind vollkommen aussichtlos, man erreicht diese Menschen in dem Stadium nur schwer.

In einem Artikel im Ärzteblatt von 2019 werden bedrückende Zahlen genannt. Demnach entwickeln unter den über 70-jährigen internistischen Klinikpatienten mehr als 3o % ein Delir, auf chirurgischen Stationen ist nach schweren Eingriffen von ca. 50 % die Rede. Die Folgen: deutlich längere Verweildauer, im Schnitt schlechteres Outcome und eine erhöhte Sterblichkeit. Viele Betroffene erholen sich zudem kognitiv nicht mehr komplett.

Generell kann man sagen, die Krankenhäuser tun sich schwer im Umgang mit dem Delir. Verfahrensanweisungen zu Prophylaxe, Erkennung und Behandlung sind geschrieben, aber werden sie auch angewendet? Im Alltag werden vorbeugende Maßnahmen eher vernachlässigt. Wenn ein Delir dann beginnt, wird es immer wieder zu spät erkannt und dann auch noch falsch darauf reagiert. Ein Teil des Problems ist, dass die Prozesse, die im Gehirn ablaufen, nicht erforscht und verstanden sind. Die Symptome sind uneindeutig und schwankend, die Betroffenen oft schwer zu händeln. Eine verlässliche Therapie existiert noch nicht. Was die Erfahrung aber zeigt: Die Betroffenen brauchen Ruhe, Zuwendung, Orientierung, gutes Schmerzmanagemant und vieles mehr. Doch häufig erfahren sie Druck, Widerstand oder Ignoranz – ein deliranter Patient ist das letzte, was die meist überlasteten Stationen gebrauchen können.

An der Geschichte von Frau M. lässt sich beobachten, wie ein ganz typisches Delir in die totale Überforderung und schließlich in die Katastrophe mündet. Schon bald nach der Aufnahme war sie mit sonderbarem Verhalten aufgefallen, teils war sie sehr unfreundlich, dann ängstlich oder ablehnend. Die Dokumentation dazu hat oft einen verständnislosen und vorwurfsvollen Tenor.

Nach mehreren Tagen eskaliert die Lage dann, Frau M. wirft mit Gegenständen um sich, ist misstrauisch und sprunghaft. Einen weiteren Tag später verliert sie dann komplett den Kontakt zur Realität, wirkt wahnhaft und ist nicht mehr mit Worten erreichbar. Die Reaktion einer Pflegerin: Frau M. wird ermahnt und zurechtgewiesen. Offenbar kommt die Kollegin nicht auf die Idee, ihre Patientin könnte an einem Delir leiden – also einer akuten kognitiven Störung – und dringend hilfsbedürftig sein. Später stürzen sich mehrere Pflegekräfte auf die Frau, ihr wird ein starkes Beruhigungsmittel gespritzt.

Auch von ärztlicher Seite ist vor allem Überforderung erkennbar. Ein Psychiater soll gerufen werden. Die Diagnose Delir wird nicht in Betracht gezogen und damit auch keine der Maßnahmen, die angebracht wären: Gabe eines geeigneten Neuroleptikums, intensive Begleitung durch eine Bezugsperson, Hilfe bei der Orientierung, Ruhe. Der einzig richtige Gedanke: Verwandte werden gebeten, die Patientin zu beruhigen, schaffen es aber nicht zu kommen. Am nächsten Morgen ist Frau M. tot.

* Der Fall ist real, Name und Details sind aber abgewandelt.

3 Gedanken zu „Delir – die tödliche Unbekannte

  1. Avatar von hANNES wURSThANNES wURST

    Ich habe eine Frage zum Thema Delir oder zur Verschlechterung der körperlichen / geistigen Verfassung von Patienten nach Aufnahme in eine Kranken- oder Pflegeeinrichtung im Allgemeinen: Wird routinemäßig untersucht, ob sich bestimmte Konsumgewohnheiten der Patienten durch die Aufnahme verändern? Damit meine ich z.B., ob ein Patient seine Flüssigkeitsaufnahme verändert, was das einfache Resultat davon sein kann, dass ein Patient ungern die Toilette in der Einrichtung besucht. Oder: ein Patient nimmt den Großteil seiner Flüssigkeit durch den Genuss von 3 Litern starken Kaffees am Tag zu sich. In der Einrichtung jedoch gibt es nur ein Tässchen dünnen Kaffee am Morgen und am Nachmittag. Ähnlich interessant könnte die Frage nach der gewohnheitsmäßigen Aufnahme von Nikotin, anderer Drogen oder zur Ernährung sein.

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    1. Avatar von misterpflegermisterpfleger Autor

      Flüssigkeitsmangel gilt in der Tat als Risikofaktor für ein Delir. Themen wie Trinkvermeidung z.B. aus dem von dir genannten Grund (oder wegen Inkontinenz) sind schon auch ein Alltagsthema in Kliniken. Das ist aber dann eher der Aufmerksamkeit von Pflegenden und Ärztinnen überlassen, auf so etwas zu achten und gegenzusteuern. „Zum Trinken anhalten“ ist gerade bei älteren Menschen tägliches Brot in der Pflege.
      Was die Suchtmittel betrifft, das wird in der Tat abgefragt. Bei Ernährungsgewohnheiten gibt unser Anamneseprogramm schon sehr viel her. Aber das wird im Alltag kaum ausgeschöpft.

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