Leistung lohnt sich nicht

Aktuelles Beispiel aus der SZ, die neue Arzt-Kolumne von Johannes Ahme. Darin bricht er eine Lanze für unsern Berufsstand, was ja erstmal löblich ist. „Hunderttausenden Pflegekräfte“, heißt es dann, verdienen „mehr Anerkennung für einen fantastischen Job.“ Ein solches Lob hätte er sich sparen können. Sämtliche Pflegenden über einen Kamm zu scheren, ist platt und anbiedernd. Aber typisch, denn das Klischee hält sich hartnäckig. Die selbstlose Krankenschwester, die sich für ihre Patienten aufopfert, voller Empathie, bei schlechtester Besetzung rennt sie über die Station, um die Leute zu versorgen, der Job ist für sie eine Berufung. Und so weiter. Wie so viele Stereotype ist auch dieses nur zu einem kleinen Teil richtig. Und es hat fatale Auswirkungen auf die Leistungskultur in unserm Beruf – es gibt nämlich quasi keine.

Wer die dreijährige Ausbildung zum examinierten Pfleger abgeschlossen hat, für den gibt es außer Studieren kaum noch Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Stationsleitung könnte man noch werden, aber die Jobs sind rar. Und die gute alte „Oberschwester“ gibt es schon lange nicht mehr. Auf meiner Station gibt es ein großes Team mit unterschiedlichen Qualifikationen, Praktikanten, Pflegehelfer und -assistenten, aber auch viele examinierte Pflegerinnen und Pfleger. Und es ist frappierend, wie extrem die Unterschiede sind, was Können und Leistungsbereitschaft anbetrifft. Natürlich gibt es diejenigen, die ein Berufsethos haben, die sich reinhängen und Gedanken über ihre Arbeit machen. Auf der andern Seite sind da aber auch viele Kollegen, die versuchen, mit minimalem Aufwand durch die Schicht zu kommen. Die kein Interesse haben, sich weiterzuentwickeln. Die oft Patienten als Menschen betrachten, die Arbeit verursachen, die angeblich „anstrengend“ sind oder „ständig klingeln“.

Jetzt würde man vielleicht denken, unser Krankenhaus als Arbeitgeber, hat ein Interesse daran, das Niveau der Pflege zu heben. Uns als Pflegende zu fördern, zu unterstützen, damit wir besser werden. Davon ist aber fast nichts zu spüren. Es gibt keine Personalgespräche, keine Kultur von Lob und Kritik. Bei den Guten ist man sicher froh, dass man sie hat, die Andern lässt man weitgehend in Ruhe. So ist jedenfalls auf meiner Station.

Vor einem Jahr habe ich die Initiative ergriffen und mich weitergebildet. Niemand im Haus war auf die Idee gekommen, mich zu fragen, ob ich Pläne habe. Ich wurde dann freigestellt und die Weiterbildung bezahlt, das ist aber eine Selbstverständlichkeit. Zumal viele Mitarbeiter mit der betreffenden Qualifikation fehlen. Nach dem Abschluss stellte sich dann heraus: Die magere Zulage, die mir nun laut einer Hausvereinbarung zusteht, bekomme ich doch nicht, sondern nur einen Bruchteil davon. Netto sind das rund 20 Euro im Monat, haha. Immerhin: In der Klinik, in der ich vorher war, sieht es noch schlechter aus. Da gab es für Leute mit dieser Weiterbildung keinen Cent. Ich würde das in beiden Fällen leistungsfeindlich nennen.

Wenn früher irgendwo Forderungen nach leistungsorientierter Bezahlung laut wurden, war ich vom Gefühl eher skeptisch. Werden da Arbeitnehmer gegeneinander ausgespielt? Wie lässt sich Leistung überhaupt messen? Jetzt denke ich mir, es ist zumindest ein möglicher Baustein, Leistung zu fördern. Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass sich jemand dafür interessiert, wie sie arbeiten. Dass Engagement geschätzt und belohnt wird. Überhaupt wahrgenommen wird.

Bei uns dagegen ist es so: Wer nicht aus sich selber heraus den Anspruch hat, überdurchschnittlich zu sein, sich zu verbessern und etwas zu bewegen, woher soll er oder sie den Antrieb nehmen? Aus dem direkten Umfeld kommt er jedenfalls nicht. Pflegende sind ja angeblich schon Überzeugungstäter, die muss man nicht motivieren.

Steckt vielleicht auch das Denken dahinter, dass Pflege kein sehr anspruchsvoller Job ist, den doch jede halbwegs vernünftig hinbekommen sollte? Glaube ich nicht einmal. Ich denke, dass auf den verantwortlichen Ebenen in unserm Haus durchaus das Bewusstsein dafür vorhanden ist, dass es große Unterschiede in der Qualität der Pflege gibt, auf jeder Station. Aber andererseits denkt man sich dort wahrscheinlich auch: „Was soll’s? Macht betriebswirtschaftlich keinen Unterschied. Läuft nicht ideal, aber läuft.“

Vor einiger Zeit wurde bei uns ein Programm für Frisch-Examinierte eingeführt, eine Art Crashkurs zum Berufsstart, wo es um Themen wie eine strukturierte Übergabe geht, Mobilisation von Patienten oder Aufnahme. Ich nahm auch teil. Regelmäßig mussten wir kleine schriftliche Arbeiten einreichen, als Belohnung wurde ein freier Tag versprochen. Erst gegen Ende des Programms kam ich dahinter, dass die meisten Kollegen nur selten etwas abgegeben hatten. Die freien Tage haben sie trotzdem bekommen.

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