Pflege und Angehörige – eine schwierige Beziehung

Vor einiger Zeit stand in der Pflegezeitschrift Die Schwester Der Pfleger (Ausgabe 6/2025) ein Leserbrief zum Umgang mit Angehörigen. Studierende hatten im Rahmen einer Bachelorarbeit an verschiedenen Krankenhäusern Familienmitglieder von Patienten befragt, mit ernüchterndem Ergebnis. Ihr Fazit: „Es ist extrem schade, wie viele […] Angehörige eher als Belastung denn als Ressource gesehen werden.“

Das Gleiche beobachte ich im Klinikalltag. Gerade im palliativen Bereich habe ich in kurzer Zeit mehrmals die Klage über angeblich uneinsichtige Angehörige gehört. Eine Kollegin beklagte sich neulich in großer Runde ausgiebig über die Eltern eines jungen Mannes mit Krebs im Endstadium. Während er sein Schicksal irgendwann akzeptiert habe, seien sie unbelehrbar und damit eine große Belastung gewesen. Später unterhielt ich mit einer beteiligten Psychologin über den Fall. Sie hatte es vollkommen anders wahrgenommen – die Eltern hätten eine sehr differenzierte Haltung gehabt.

Ein paar Tage später beklagte sich eine Oberärztin von einer Intensivstation über die ihrer Ansicht nach „immer größer werdenden Probleme mit Angehörigen“. Der Vorwurf war wieder der Gleiche. Ein einziges Beispiel nannte sie, um ihre These zu untermauern.

Aber auch bei weniger ernsten Prognosen beobachte ich oft ein schwieriges Miteinander. Besonders kritisch werden in der Pflege Angehörige betrachtet, die zu viele Fragen stellen. Ganz zu schweigen von solchen, die Forderungen stellen oder sich beschweren. Wofür es allerdings häufig gute Gründe gibt, sei es wegen schlechter Besetzung oder fachlicher Mängel. Ob es das schlechte Gewissen ist? Viele mögen es vielleicht nicht, wenn sie sich beobachtet und also ertappt fühlen, weil sie wissen – wenn auch manchmal nur insgeheim –, dass die Versorgung der Patienten nicht immer gut ist.

Ich erinnere mich, wie es vor Jahren zu einem Konflikt kam zwischen einer Kollegin und der Tochter einer Patientin mit Wurzeln in der Türkei. Ich hatte gehört, dass die Kollegin zuvor schon einmal bei der Pflegedienstleitung hatte vorsprechen müssen, weil ein Rassismus-Verdacht gegen sie im Raum stand. Nun also der heftige Streit mit der Patiententochter, bei dem ich aber nicht dabei war, von dem sie mir aber hinterher berichtete. Wenig überraschend beschrieb sie sich als unschuldig. Was mich dagegen wunderte waren die Reaktionen im Team. Obwohl niemand den Streit miterlebt hatte, stand hinterher für alle fest, dass die Tochter den Streit angezettelt haben musste. Ich würde das Korpsgeist nennen.

Ein Freund aus einer Nachbarstadt schilderte mir seine Erfahrungen auf einer kardiologischen Station, wo er regelmäßig seinen gehörlosen Vater besuchte. Man muss sagen, dass er wirklich ein sehr freundlicher Mensch ist. Aber wenn er sich an das Pflegeteam wandte, sei er in der Regel einfach ignoriert worden. Für ihn war es ein Rätsel. Gerade in diesem Fall hätte man den Sohn doch mit offenen Armen empfangen müssen. Er ist in der Lage, mit seinem gehörlosen Vater zu kommunizieren, hätte also dolmetschen können. Ein Beispiel für das, was im zitierten Leserbrief mit „Ressource“ gemeint ist.

Und in den Kliniken sind nun einmal sehr viele Patienten, die Unterstützung brauchen. Es muss ja nicht so sein wie in manchen anderen Ländern, wo die Patienten bei der Körperpflege auf ihre Familienmitglieder angewiesen sind, weil das anscheinend nicht zu den Aufgaben der Pflegepersonals gehört. Aber sie können auch in anderer Hinsicht hilfreich und die Pflegenden nicht be-, sondern entlasten. Zum Beispiel indem sie Essen und Trinken anreichen, Informationen liefern, Gesellschaft leisten. Und damit helfen, Dehydration vorzubeugen, Unterernährung, Unruhe oder Stürzen.

Im Kontakt zu Angehörigen erfährt man häufig viel Interessantes über neue Patienten, denn die vorliegenden Informationen sind oft sehr lückenhaft, gerade, wenn ein*e Patient*in zum ersten Mal im Haus ist. Viele haben die Erfahrung gemacht, dass es schwierig ist, im überschaubaren Räderwerk der Klinik die richtige Ansprechpartnerin zu finden. Nicht selten hört man die Klage über langes Warten auf einen Rückruf des behandelnden Arztes. Meldet sich dann mal jemand aus dem Krankenhaus unaufgefordert bei Ihnen, sind sie meist überrascht und dankbar. Im Idealfall wissen hinterher beide Seiten mehr über die Patientin.

Oft wird angemerkt, dass im Medizinstudium Kommunikation lange Zeit überhaupt nicht vorkam. Was man vielen Ärzt*innen leider anmerkt, obwohl es ein zentrales Element ihrer Tätigkeit ist. In den Medien wurde das aufgegriffen, inzwischen hat sich wohl an den Studienlehrplänen etwas geändert. Auch in der Pflege ist Kommunikation ein großes Thema. Sie muss zum Beispiel in der Ausbildung mehr in den Vordergrund rücken, nicht zuletzt mit den Angehörigen.

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