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Das Märchen von der „Altersdemenz“

Da war meine Mutter aber sehr entschieden. „Nein“, platzte es aus ihr heraus, mit leichter Empörung in der Stimme, „Alzheimer hat die Oma doch nicht gehabt, das war eine Altersdemenz!“ Es ging um meine Großmutter, die sie jahrelang gepflegt hat, das ist schon lange her. Ich erinnere mich noch, wie ich als Jugendlicher der Oma oft half, wenn sie wieder etwas verlegt hatte. Wie sie dann immer vergesslicher wurde und mich dann – viel später – einmal mit dem Namen meiner Tante ansprach.

Mit dem Wissen von heute würde ich sagen: ein typischer Verlauf der Alzheimer-Erkrankung. Wie meine Mutter darauf kommt, es habe sich um eine „Altersdemenz“ gehandelt, weiß ich nicht. Aber damit ist sie nicht allein, ich begegne dem Begriff im Krankenhaus sehr häufig. Das Problem: Altersdemenz gibt es überhaupt nicht. Aber der Begriff entwickelt eine fatale Dynamik.

Fast immer höre ich das Wort aus dem Mund von Angehörigen. Und fast immer hat es eine verharmlosende Aufgabe. Nein, nein, keine Demenz sei das bei der Mutter, höchstens eine Altersdemenz. Der Widerspruch wird übergangen.

Ich habe hier schon einmal beschrieben, dass viele ältere Menschen in unsere Klinik kommen mit nicht abgeklärten kognitiven Problemen. Spreche ich Familienmitglieder darauf an, ernte ich oft vorwurfsvolle Blicke: „Na hören sie mal, mit 84 …“, heißt es dann, als sei damit alles erklärt. Etwas „tüttelig“ sei der Vater geworden, aber nichts, was in diesem Alter nicht zu erwarten wäre.

Dass das menschliche Gehirn, genau wie der gesamte Organismus, einem Verfall unterworfen ist, weiß jeder. Mit circa 25 ist der Zenit erreicht, dann geht es bergab. Im hohen Alter ist man nicht mehr so auffassungsschnell wie mit 30, lernt nicht mehr so gut eine Sprache. Aber es ist ein entscheidender Unterschied, ob man beim Kopfrechnen etwas länger braucht als früher. Oder ob man nicht mehr weiß, welches Jahr wir gerade haben.

Kurz zu den Begriffen: Demenz ist der Oberbegriff einer Gruppe von Erkrankungen. Alzheimer ist eine mögliche Form davon, und zwar die mit Abstand häufigste. Natürliche Altersprozesse werden dagegen in der Gerontologie beschrieben. Bei dem einen setzen sie früher ein als bei der anderen. Menschen mit höherem Bildungsgrad oder höherer Intelligenz können sie eventuell besser kompensieren.

Die Wahrscheinlichkeit, demenzkrank zu werden, steigt mit hohem Alter erheblich. Das heißt aber nicht, dass die Grenzen zwischen altersgemäßem Abbau und Alzheimer verschwimmen. Bei Alzheimer laufen Prozesse ab, die zwar weiterhin nicht komplett verstanden sind, sich aber gut beobachten und beschreiben lassen – nicht zuletzt die dramatischen Folgen: Hirnzellen gehen rapide zugrunde, das Gehirn schrumpft. Die Folgen lassen sich vielleicht anfangs noch überspielen, irgendwann aber nicht mehr: Wenn Familienmitglieder nicht mehr erkannt werden und die Sprache verarmt bis zum kompletten Verlust.

Es stimmt zwar: Es gibt weiterhin keine adäquate Therapie für Alzheimer und andere Demenzformen. Trotzdem spricht einiges dafür, sich bei ersten Anzeichen Klarheit zu verschaffen. Zum Beispiel, um abzuklären, ob andere Ursachen infrage kommen. Und um Angehörigen die Gelegenheit zu geben, sich auf den zu erwartenden Verlauf einzustellen. Sich beraten zu lassen, Hilfe zu organisieren, sich gedanklich darauf einzustellen. Gerade Ehepartner laufen Gefahr, bei der Pflege in die Isolation und den Burnout zu schlittern.

Angehörigen würde ich daher raten, offen mit ersten Symptomen umzugehen. Hausärzte ansprechen, Klinikaufenthalte nutzen, um das Thema anzusprechen. Natürlich möchte niemand diese Diagnose hören. Sie zu verharmlosen ist aber auch keine Lösung.