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Nachfolgerin für Schwester Rabiata gesucht

Früher waren die prägenden Rollenbilder der klassischen Krankenschwester: die barmherzige und selbstlose Helferin à la Florence Nightingale, später dann in der Abwandlung „Schwester Rabiata“ – die Krankenschwester mit Haaren auf den Zähnen, besonders in ihrer bedrohlichen Extremvariante der „Oberschwester“ als unanfechtbare Autorität am Krankenbett. Die Patientinnen und Patienten hatten zu kuschen. Hat beides mit der heutigen Realität nicht mehr viel zu tun, hatte aber einen Vorteil: Die Mitglieder unseres Berufsstandes hatten eine klare Vorstellung, wofür sie standen, was von ihnen erwartet wurde und welchen Anspruch sie an sich selbst hatten.

Die Zeiten haben sich geändert. Achtsamkeit und Yoga haben sich ausgebreitet, Schwester Rabiata hat ausgedient. Und die selbstlose Florence Nightingale scheint auch vom Aussterben bedroht. Zwar sagen im Vorstellungsgespräch immer noch 100 Prozent der Bewerber, dass sie gern „Menschen helfen möchten“. Aber die Hilfsbereitschaft stößt doch häufig an ihre Grenzen. Florence 2.0 kommt mit der Arbeit nicht hinterher und versteckt sich gern mal hinter ihrem Computer – „zum Dokumentieren“.

Bleibt die Frage: Wo ist die Ersatzerzählung für die Pflegenden von heute? Bis jetzt ist keine gefunden, aber sie würde dem Berufsstand guttun.

Zwar sind die Autorität der Oberschwester einerseits und der Florence-hafte intensive Einsatz andererseits in Zeiten von Pflegenotstand nur noch schwer aufrechtzuerhalten. Andererseits wird die allgegenwärtige Personalknappheit auch zur Ausrede, die manchen willkommen erscheint. An Tagen mit minimaler Besetzung wird man von den schlecht bis gar nicht versorgten Patienten nicht nur Verständnis, sondern sogar Mitleid ernten können. Die Ansprüche sind längst dramatisch gesunken.

Ist dann aber mal ein paar Tage lang die Station nicht so voll oder die Besetzung zufälligerweise deutlich besser, zeigt sich häufig, dass sich viele Teams längst an gesunkene Standards gewöhnt haben. Nun hat man einmal deutlich weniger Patienten zu versorgen und könnte die gewonnene Zeit für tausend Dinge nutzen: Gespräche, Aktivierung, vernünftige Körperpflege und Essensbegleitung, Verbandswechsel ausnahmsweise mal steril durchführen, so wie es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste, aber praktisch nie gemacht wird.

Genau diese Dinge sieht man aber auch an solchen Tagen zu wenig. Stattdessen beginnt der Dienst schon in der Übergabe oft mit Klagen über angeblich allzu fordernde und ständig schellende Patienten. Die erste Runde wird dann schnellstmöglich absolviert, im Dienstzimmer findet sich bestimmt Zeit für ein Schwätzchen oder einen Blick aufs Smartphone. Nie vergessen werde ich den Satz einer Kollegin, gehört nach wenigen Wochen auf meiner ersten Station: „Die meisten Patienten sind doch eher nervig.“ Manchmal denke ich, viele in der Pflege haben gar nicht das Problem, kurz vor dem Burn-out zu stehen. Vielen fehlt eher die  Motiviation.

Die Debatten zum Thema Pflege kreisen heute aber um ganz andere Themen: dass wir keine politische Lobby haben, um Digitalisierung, Zeiterfassungsinstrumente und die Integration internationaler Kollegen. Aber bei was integrieren wir sie, was wollen wir ihnen vorleben? Mit der Frage müssten wir uns mehr beschäftigen.

Mit Sicherheit ist der Beruf nicht einfach. Wenn man darin trotzdem glücklich und nicht nach einigen Jahren ausgelaugt werden will, braucht man einen Anspruch an sich selbst. Man muss gut darin sein und besser werden wollen anstatt sich irgendwie durchzuwursteln. Und nach dem Dienst das Gefühl haben, etwas Sinnvolles getan zu haben. Begegnungen mit Menschen – Patientinnen, Kollegen, Angehörigen – gehabt haben, von denen beide Seiten profitiert haben.