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Alzheimer ohne Diagnose – warum tun so viele Häusärzte nichts?

Bei kaum einer Erkrankung funktioniert die Diagnostik auch nur annähernd so schlecht wie bei der Demenz. Im Krankenhaus merken wir das häufig bei der Aufnahme älterer Menschen: Es zeigen sich Hinweise auf Probleme mit Gedächtnis und Orientierung, also fragt man sich, was aus der Vorgeschichte vielleicht schon zu erfahren ist. Doch sehr häufig ist das Ergebnis: Fehlanzeige. Die Symptome sind offensichtlich, aber niemand hat etwas unternommen.

Erste Ansprechpartner sind die Angehörigen, denen die Probleme in der Regel schon längst aufgefallen sind. Doch ins Stocken gerät das System häufig bei den Hausärzt*innen. Ihnen kommt eine besondere Bedeutung zu, sie kennen die Patient*innen häufig gut, und sie haben in unserm Gesundheitssystem bekanntlich eine Scharnierfunktion. Doch beim Thema Demenz versagen viele.

Mal werden Symptome einfach ignoriert („Das Alter …“), mal Schnelldiagnosen gestellt, die keine Konsequenzen haben und die ein Allgemeinmediziner gar nicht stellen darf. Man müsste weitervermitteln, an eine Gedächtnisambulanz zum Beispiel oder eine Neurologin. Doch das geschieht viel zu selten.  Neulich habe ich mich mit einer Hausärztin über dieses Thema unterhalten, sie reagierte ungerührt: „Für einen Gedächtnistest habe ich keine Zeit.“ Was sie nicht sagte: Groß abrechnen lässt es sich wahrscheinlich auch nicht. Weiteres Argument der Kollegin: Im Umfeld würde kein einziger Neurologe noch neue Patienten aufnehmen. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Bekannt ist allerdings, dass die größte Gedächtnisambulanz Wartezeiten von teilweise mehr als sechs Monaten hat.

Die Betroffenen selber wehren sich oft gegen Arztbesuche

Auch viele Angehörige sind nicht wirklich hinterher. Zum einen sperren sich die Betroffenen nicht selten mit aller Kraft gegen Arztbesuche. Aber auch Eheleute und Kinder trösten sich mit laienhaften Fehleinschätzungen und sprechen von „Altersdemenz“ oder „Altersvergesslichkeit“. Manchmal scheint aber auch die Angst vor der furchtbaren Wahrheit dahinter zu stecken. Lieber nicht nachfragen, dann kann auch keiner „Alzheimer“ sagen.

Die Folge im Krankenhaus: Es schlagen häufig Patienten auf, die bei uns eine Risikogruppe darstellen, was aber niemand weiß. Denn diese Menschen haben häufig große Probleme, bei uns klarzukommen. Sie sind verwirrt, emotional im Stress, ziehen sich in der Folge Zugänge und Katheter, laufen weg. Wüsste man vorher von einer etwaigen Demenz, könnte man sich ganz anders auf sie einstellen. Stattdessen telefoniert man Hausärzten hinterher und bekommt oft schwammige Aussagen zu hören.

Und bei den genannten Problemen bleibt es oft nicht. Menschen mit Demenz haben auch ein stark erhöhtes Risiko, im Krankenhaus ein Delir zu erleiden. Die Folgen sind auch hier oft dramatisch: längere Verweildauer, schlechteres Outcome, höheres Sterberisiko, häufig neurologische Langzeitfolgen.

Doch auch ohne Krankenhausaufenthalt bleibt die fehlende Demenzdiagnostik ein Problem. Für Betroffene und ihr Umfeld ist es wichtig zu wissen, um welche Form der Demenz es sich handelt. Es gibt nicht nur Alzheimer. Eine Frontotemporale oder Lewy-Körper-Demenz gehen mit sehr unterschiedlichen Symptomen einher, etwa sozial sehr unangepasstem Verhalten oder starken Halluzinationen. Außerdem ist eine medikamentöse Therapie nur im frühen Stadium noch sinnvoll.

Auch der Umgang mit der Krankheit muss gelernt werden. Früher oder später brauchen Angehörige Beratung, Hilfe von außen, um den Alltag zu bewältigen. Wenn der vertraute Mensch sich im Wesen radikal verändert, dann auch den eigenen Umgang radikal zu verändern, das gelingt gerade zu Beginn den Wenigsten.  Je früher sie sich damit auseinandersetzen desto besser. Man kann zudem nur jedem raten, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Wer einmal in einer solchen Runde saß, weiß um die Verzweiflung und Ratlosigkeit, die fast alle erleben. Den Austausch empfinden sie meist als hilfreich und entlastend.

So bleibt eine seltsame Kluft zwischen den Sonntagsreden, dass das Thema Demenz immer größer und wichtiger wird, und dem laxen Umgang. Man kann nur raten, hinzuschauen und aktiv zu werden. Für Hausärzte muss es sich lohnen, einen ersten Test zu machen, von dem dann das weitere Vorgehen abhängt. Offensichtlich braucht es zudem mehr niedergelassene Neurologen, zumal der Bedarf steigen wird. Was aber auch zur Wahrheit gehört: Theoretisch könnte auch unser Haus die Diagnose Alzheimer stellen, obwohl wir keine Neurologie haben. Das ließe sich organisieren, wird aber praktisch nie gemacht. Der Aufwand rechnet sich nicht.