Die Patientenschelle als Auslaufmodell

Neulich war ich im Haus unterwegs, internistische Station. Jemand hatte geschellt, es klingelte und klingelte. Irgendwann waren dann verzweifelte Rufe zu hören: „Hallo! … Hallo!“ Ich schaute nach, wollte einen Kollegen von der Station herbeiholen, da sah ich den Patienten schon in der Tür stehen. Er hatte sich mit dem Infusionsständer im Türrahmen eingeklemmt, ein Blasenkatheter und eine Drainage hingen auch noch irgendwo an ihm.

Ich befreite ihn also erstmal aus der Zwangslage. Der Mann musste dringend auf Toilette, hatte es aber mit dem ausgefahrenen Infusionsständer nicht durch die WC-Tür geschafft. Erst als ich das Zimmer wieder verließ und die Tür zumachte, sah ich das Warnschild auf der Außenseite: Der Patient war mit Covid isoliert, ich hatte nicht mal eine Maske angehabt.

Wenn ich Patienten die Schelle hinlege und bitte, sich bei Bedarf zu melden, höre ich häufig den Einwand: „Es kommt doch eh keiner.“ Das ist natürlich zugespitzt und übertrieben. Aber viel zu häufig stimmt es leider.

Im vergangenen Jahr hatte die bekannte Pflegewissenschaftlerin Angelika Zegelin Gelegenheit, die Perspektive zu wechseln. Sie ist bereits über 70 Jahre alt und lag nach Hüft-OP in einer Dortmunder Klinik. Die Erfahrungen, die sie während der zwei Wochen dort mit der Pflege gemacht hat, nennt sie „desaströs“. Besonders sei ihr aber die Reaktion auf die Patientenschelle in Erinnerung geblieben: „Es kam niemand.“ Zegelin schildert eine nächtliche Szene, wo sie mit starken Schmerzen klingelte und keine Reaktion erlebte. Nach anderthalb Stunden habe sie mit ihrem Handy die 112 angerufen. Kurz darauf sei dann eine Schwester aufgetaucht. Nicht um zu helfen, sondern um sie „zur Schnecke zu machen.“

Warum wird die Schelle so wenig ernst genommen? In meinem Fall traf ich die Kollegin kurze Zeit später auf dem Flur, sie war damit beschäftigt, Mittagsmedikamente zu verteilen. Wieso sie nicht reagiert hatte, ließ sich nicht klären. Sie hatte wohl andere Prioritäten. Gewundert hat es mich nicht. Ich weiß nicht, ob es früher anders war – die Schelle wird doch inzwischen mit einer gewissen Lässigkeit betrachtet.

Es beginnt schon damit, dass hilfsbedürftige Patienten oft gar nicht schellen können, weil sie nicht an die Klingel kommen. Dabei ist es eine Selbstverständlichkeit, darauf zu achten, wenn man das Zimmer verlässt. Geschieht aber häufig nicht. Ich erinnere mich an den Fall einer Patientin, die im privaten Einzelzimmer lag und schwer zu händeln war. Abends wollte sie sich melden, aber die Schelle war nicht am Bett. Unachtsamkeit? Oder Absicht? Es gab eine Beschwerde des Sohns, die Pflegerin hätte sie bewusst außer Reichweite platziert. Dann Gespräche mit der Stationsleitung, die das irgendwie abwiegelte. Gut für das Haus, dass der Sohn die Sache nicht weiterverfolgte. Ob es da juristische Handhabe gibt? Ich muss zugeben, ich weiß es nicht.

Klar, es hat selten dramatische Gründe, wenn Patienten schellen. Das heißt aber nicht, dass man sie ewig warten lässt. Und andererseits gibt es im Krankenhaus viele dringende Anlässe, sich zu melden: Schmerzen, Erbrechen, Blutungen, Luftnot etc. Alles keine Seltenheit.

Angelika Zegelin sieht das Problem im Pflegenotstand, in der chronischen Unterbesetzung auf Station. Das mag zum Teil auch stimmen. Ein weiterer Grund scheint mir aber auch ein Wandel der Grundeinstellung zu sein. Viele Kollegen sehen die Schelle nicht als nützliches Instrument für Patienten, sondern als Störsender. Gerade hat man sich im Dienstzimmer hingesetzt, schellt wieder einer – Unverschämtheit!

Heute hörte ich wieder, wie es auf dem Flur der Nachbarstation immer lauter wurde, mehrere Schellen gleichzeitig, keiner fühlte sich zuständig. Irgendwann kamen Hilferufe aus einem Zimmer. Zwei Kollegen, die auf dem Flur waren, machten keinerlei Anstalten zu reagieren. Als schließlich eine Angehörige auf dem Flur auftauchte und nachhakte, hieß es in aller Seelenruhe: „Wir machen gerade Übergabe.“ Es wird offensichtlich mittlerweile von vielen Kollegen erwartet, dass die Patienten zwischen Früh- und Spätdienst aufs Schellen verzichten.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass früher Praktikanten oder Auszubildende in solchen Situationen abgestellt wurden. Möglich wäre das im heutigen Fall auch gewesen, trotz Pflegenotstand. Man muss es aber wollen.

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