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Vom Leben auf 1,5 Quadratmetern

Herr P. war zwar manchmal etwas grantig, aber sein sächsischer Akzent und die leicht sarkastische Art machten ihn irgendwie liebenswert. Mit seinen 95 Jahren war er nicht mehr der Fitteste, aber zu Hause war er offenbar bis vor Kurzem mit dem Rollator unterwegs gewesen. Besuchte ich ihn auf Station, fand ich ihn aber immer im Bett liegend vor, egal ob er gerade ein Nickerchen machte oder am Essen war. Am Morgen seiner geplanten Entlassung war ich dann überrascht, dass ihm ein Antibiotikum über eine Infusion verabreicht wurde.

Ich sprach den zuständigen Pfleger an und erfuhr, dass Herr P. eine Lungenentzündung entwickelt hatte. Kein Wunder, dachte ich mir, es ist ja in den vergangenen zehn Tagen niemand auf die Idee gekommen, ihn mal „aus dem Bett zu mobilisieren“, wie man im Krankenhaus sagt. Bei dem Pfleger löste das aber kein schlechtes Gewissen aus, in seiner Logik war der 95 Jahre alte Mann selber schuld. Herr P. habe immer so zusammengesackt im Bett gesessen, merkte er kritisch an und machte dabei dessen Körperhaltung nach. „Kein Wunder, dass er sich eine Pneumonie geholt hat.“

Für Laien: Eine Pneumonie ist eine typische Komplikation im Krankenhaus. Wer alt ist, sich wenig bewegt, dabei flach atmet und noch mit anderen gesundheitlichen Problemen und einem schwachen Immunsystem belastet ist, gilt als gefährdet. Deshalb geht es in der Ausbildung immer wieder um Vorbeugungsmaßnahmen gegen Pneumonie. Übrigens auch gegen Thrombose oder Dekubitus.

Und immer ist Mobilisation ein wichtiger Baustein, wahrscheinlich der entscheidende. Einer der pflegerischen so genannten Expertenstandards widmet sich allein diesem Thema: der Mobilisation. Aber was nutzt ein Expertenstandard, wenn ihn in der Pflege niemand kennt? Geschweige denn umsetzt.

Eine Situation, die ich ständig erlebe: Ein Patient wird morgens im Bett liegend gewaschen. Oft frage ich dann die Kollegin, die gerade wäscht, ob der Patient in der Lage wäre, mit Hilfe an die Bettkante zu kommen. Dann könnte er sich wenigstens im Sitzen vernünftig die Zähne putzen. Komischerweise höre ich auf die Frage meistens dieselbe Antwort: „Weiß ich nicht, ich betreue ihn heute zum ersten Mal.“ Worauf man wiederum entgegnen muss: Dann verschaff dir bitte einen Eindruck.

So bleiben bei der morgendlichen Pflege täglich tausendfach die besten Gelegenheiten ungenutzt, Patienten in Bewegung zu bringen. Es geht ja bei Mobilisation nicht nur darum, Lungenentzündungen zu verhindern, sondern gerade bei alten Menschen auch darum, ihre Prognose zu verbessern. Vielen Menschen und ihren Angehörigen sind die negativen Folgen der fehlenden Bewegung nicht bewusst. Sie denken, es sei normal, dass man im Krankenhaus im Bett liegt und sich schont – ein problematisches Missverständnis: Bewegung verhindert Muskelabbau, stärkt den Kreislauf, beugt Deliren und Stürzen vor, verbessert die Nachtruhe. Und hilft mit zu verhindern, dass Menschen in absehbarer Zeit bettlägerig werden.

Überdenken müsste man wohl auch den Einsätzen von so genannten „Mob-Stühlen“ (Mob für Mobilisation) in der Ausführung, wie ich sie häufig sehe. Sie haben den Vorteil, dass Patienten aus dem Bett geholt werden müssen, um sie dort hineinzusetzen. Daher wohl der Name. Allerdings hat das Modell, das in unserm Haus eingesetzt wird, ein kleine Tischplatte, die man auf die Armlehnen klemmen kann, um einen Teller oder ein Glas darauf zu stellen. Der Nebeneffekt für Patienten mit Unruhe und/oder Verhaltensauffälligkeit bei Demenz: Sie kommen aus dem Stuhl nicht heraus, sind also gefangen und können nicht weglaufen. Womit die Bezeichnung „Mob-Stuhl“ einen sarkastischen Beigeschmack erhält.

Vor ein paar Monaten erschien in der Zeitschrift Die Schwester Der Pfleger ein Interview mit der Pflegewissenschaftlerin Angelika Zegelin. Ihr Befund: Trotz Expertenstandard hat sich sowohl in Seniorenheimen als auch in Krankenhäusern die Qualität der Bewegungsförderung sogar verschlechtert. Als Gründe sieht sie neben Personalmangel auch ein fehlendes Bewusstsein für das Thema. Einer ihrer Gegenvorschläge lautet, dass es in Kliniken und Heimen auf jeder Stationen eine*n Mobilitäts-Beauftragte*n geben sollte. Auch müssten bei der Aufnahme von Patienten mit Defiziten sofort Gegenmaßnahmen und Ziele formuliert und dann natürlich umgesetzt werden, am besten in Absprache mit Angehörigen.

Mama, Mama, er hat überhaupt nicht geputzt!

Es ist schon paradox: Zähne (oder Zahnprothesen) putzen gehört eigentlich für jeden Menschen zum Alltag, im Krankenhaus muss das Teil der Grundpflege sein. An Expertise zum Thema mangelt es nicht, natürlich ist das Teil der pflegerischen Ausbildung, es gibt einen so genannten Expertenstandard dazu, mit viel Aufwand erstellt vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP), „Die Schwester Der Pfleger“ (DSDP) hat das Thema aus diesem Anlass über zwei Ausgaben breitgetreten, Wissenschaftler machen Studien, schreiben Artikel etc. Wenn ich mich allerdings umschaue, bekomme ich den Eindruck, dass das alles überhaupt nichts bringt. Ich würde behaupten, dass die Qualität der Mundpflege auf vielen Stationen katastrophal ist. Sie findet praktisch kaum statt.

Dabei ist der Bedarf bei uns enorm. Wie schon öfter hier beschrieben, sind unsere Patienten im Schnitt sehr alt, viele multimorbide und/oder dement und bettlägerig. Viele sind also auf unsere Hilfe bei der Zahnpflege angewiesen. Aber das passiert meistens nicht. Wenn man dann Frau Schulz (89) mal bittet, ihre Prothese herauszunehmen (oder versucht, sie ihr selber aus dem Mund herauszubefördern), damit man mit der Bürste darübergeht , bietet sich oft ein sehr unappetetlicher Anblick, um es vorsichtig auszudrücken. Ist die Patientin gerade erst aufgenommen, kann man es vielleicht noch auf das Heim oder den Pflegedienst schieben, wenn man verkommene Überreste von Mahlzeiten der vergangenen zwei Wochen findet. Ist Frau Schulz dagegen schon etwas länger bei uns, müssen wir dann schon vor der eigenen Tür kehren.

Wie gesagt, das Paradoxe daran ist, dass ein wahnsinniger Aufwand betrieben wird, die theoretischen Grundlagen für Zahnpflege, Techniken, Notwendigkeiten und so weiter zu legen. Aber gleichzeitig wird es seit Jahren zugelassen, dass die Arbeitsbedinungen für die Pflege sich immer weiter verschlechtern – und damit, so darf man mutmaßen, auch die Qualität der Mundhygiene. Im DSDP-Schwerpunkt heißt es dazu nur lakonisch: „Mundpflege muss … einen hohen Stellenwert in der pflegerischen Versorgung haben. Aus verschiedenen Gründen, die bisher nicht ausreichend erforscht sind, ist dies jedoch nicht der Fall. Bekannt ist, dass Mundpflege häufig aus Zeitmangel vernachlässigt wird.“ Wenn morgens zu viele Patienten gewaschen werden müssen, zu viele Transporte gemacht, Anordnungen umgesetzt, Tabletten kontrolliert und verteilt, Infusionen angehängt, Katheterbeutel geleert, Windeln gewechselt, Beine gewickelt und Blutzucker gemessen werden müssen – von zu wenigen Pflegekräften -, fällt das Zähne putzen eben unter den Tisch.

Das Traurige an der Sache ist allerdings auch: Auf Seiten der Pflege hat man sich offenbar daran gewöhnt, die Zahnpflege als Luxus zu betrachten. Dabei ist die Wichtigkeit eigentlich jedem bekannt: Es geht nicht nur um Ästhtetik und gesunde Zähne, sondern auch um Schutz vor Pilzerkrankungen im Mundraum und generell vor Infektionskrankheiten wie Lungenentzündung. Ist die Besetzung dann mal gut, was durchaus vorkommt, kommen aber die wenigsten Kollegen auf die Idee, jetzt mal wieder zur Zahnbürste zu greifen. Wo ist gerade eine Nierenschale, die ich bräuchte, damit Frau Schulz irgendwo hineinspucken kann, wenn sie ausspült? Hat Frau Schulz überhaupt eine Zahnbürste? Es beschwert sich ja niemand, wenn man heute mal darauf verzichtet. Den Satz „Ich möchte mir die Zähne putzen“ hört man von Frau Schulz und ihresgleichen niemals. Wirklich praktisch nie.

Aber immerhin haben wir jetzt einen Expertenstandard.

P.S. Für alle, denen die Überschrift komisch vorkommt, das ist eine Anspielung auf eine Zahnpastawerbung aus den 70ern.