Ich schaue keine Arztserien, mir fehlt also der Vergleich. Aber ich war schon überrascht, dass der Film „Heldin“ über den Spätdienst einer Krankenpflegerin mir in vielen Aspekten sehr realistisch erschien. Aus der Pflege selber habe ich enthusiastische Reaktionen wahrgenommen, aber auch sehr emotionale Ablehnung. Letztere halte ich in Teilen für ein Missverständnis.
Die Inszenierung von Regisseurin Petra Volpe vermittelt von der ersten Minute an einen Eindruck von Gehetzt-Sein, der sich von Pflegerin Floria mit voller Wucht auf die geneigten ZuschauerInnen überträgt. Das funktioniert, weil man ständig in den Konflikten mitleidet, in welche die Hauptdarstellerin in rasanter Folge schlittert: Erst der dringende Transport oder das vehement eingeforderte Antibiotikum? Erst das Schmerzmittel für Zimmer 7 oder der Tee für den fordernden Privatpatienten? Nochmal für den todkranken, aber nicht aufgeklärten Patienten intervenieren oder weiter im Rundgang, es sind ja noch gar nicht alle Patienten gesehen worden …
Andererseits hat Realismus im Kino seine Grenzen, Florias Konflikte mit Kolleginnen, Patienten, Angehörigen werden zugespitzt und dramatisiert. Was ich dagegen im Krankenhaus erlebe, bei allem Pflegenotstand und Stress: Die große Mehrzahl der Begegnungen – vor allem mit Patienten – sind positiv. Die körperliche Nähe bei der Pflege, die Ausnahmesituation, in der die PatientInnen sich befinden, da kommt man sich oft auch menschlich sehr schnell sehr nah. Die Leute spüren, wenn man sie nicht vor allem als PatientInnen, sondern als Menschen behandelt, und sind dafür sehr dankbar. Natürlich habe ich Verantwortung als Pflegekraft. Aber ich mache das ja nicht aus reinem Altruismus, ich bin keine Florence Nightingale. Ich bekomme auch wahnsinnig viel zurück. Die Leute spiegeln einen und zeigen ihre Dankbarkeit oft sehr unverstellt.
Diese Menschlichkeit existiert im Krankenhaus weiterhin. Das wird auch in vielen Begegnungen von Floria angedeutet. Aber sie ist eben auch bedroht, weil sie ausgebeutet wird. Das ist der Kern des Films.
Trotzdem kritisieren manche Kollegen ihn, weil er eine Pflegende zeigt, die sich bis zur Erschöpfung aufopfert und vieles runterschluckt. Sie sei ein schlechtes Vorbild. Zum einen finde ich das zu grobschlächtig, Floria ist trotzdem in erster Linie eine positive Figur, die pflichtbewusst ist, sehr professionell, engagiert, die versucht, zu deeskalieren, wenn auch manchmal – nicht immer – bis zur Selbstaufgabe.
Der Film ist keine Handlungsanweisung für Pflegende
Zum andern ist der Film ja kein Manifest, keine Auftragsarbeit vom Pflegeverband. Den Titel darf man nicht zu wörtlich nehmen, die Figur Floria ist nicht entworfen als Vorbild für unsern Berufsstand. „Heldin“ ist nicht Propaganda, sondern Kino. Die Regisseurin hat im Krankenhaus einen Ort gefunden, an dem sie menschliche Beziehungen beobachten und darstellen kann.
Ein Beispiel sind die drei Begegnungen Florias mit der Patientin, die an Demenz leidet. Sie ist noch gar nicht richtig im Dienst, da hilft sie schon dem Kollegen, weil die alte Dame wegen ihrer Inkontinenz versorgt werden muss. Die beiden sind professionell in der Art, wie sie mit der Frau umgehen, kommunizieren. Das ist zugewandt und wertschätzend. Aber es muss auch alles sehr schnell gehen. Später ist die Patientin aufgebracht, sie weiß nicht, wo sie ist, will nach Hause zu ihrem Mann (der vielleicht gar nicht mehr lebt). Mit einem Gute-Nacht-Lied schafft Floria es, die Dame abzulenken und zu beruhigen – ein seltener Moment der Ruhe in dieser atemlosen Schicht. Beim Abendessen dann wieder Krise, die Auszubildende sollte helfen, aber war nicht da, die Patientin hat das Essen im ganzen Bett verteilt. Jetzt verliert Floria doch die Fassung, schnauzt die junge Kollegin an.
Am Ende sind alle drei Opfer eines Systems, das seit Jahren vor die Wand gefahren wird. Die Schuld geben sie sich aber gegenseitig.
