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Aus dem Leben des Pflege- und Putzproletariats

Im aktuellen SZ-Magazin ist ein Interview mit zwei Frauen erschienen, die jahrelang ihre jeweiligen Männer pflegen bzw. gepflegt und darüber Bücher geschrieben haben. Sie berichten darin auch von den extremen Belastungen und Einschränkungen, die sie hinnehmen. Kaum thematisiert wird im Gespräch, welche professionelle Hilfe Sie in Anspruch nehmen, in kurzen Bemerkungen klingt es aber an – und auch die üblichen Probleme.

Helga S. erzählt: „Ich kann zu Lesungen fahren, weil ich einer sehr guten Krankenschwester vertrauen kann. Sie übernachtet im Wintergarten, das Babyfon ist eingeschaltet, und ihr gebe ich 400 Euro für zwei Tage.“

Ich lese gerade das Buch „Alle_Zeit“ von Teresa Bücker. Sie macht aus dem Thema Zeit eine Gesellschaftsanalyse. Darin beschreibt sie auch, wie unsere Gesellschaft sich standhaft weigert, Pflege – und zwar Pflege im weitesten Sinne – als Arbeit anzuerkennen und sie damit als typische weibliche Beschäftigung sowohl sozial als auch wirtschaftlich abwertet.  Noch 2021 klagte eine Bulgarin dagegen, dass sie sich rund um die Uhr um eine Seniorin kümmerte, von dieser 24-h-Pflege aber nur sechs Stunden pro Tag als Arbeitszeit anerkannt wurden. Ihr Monatslohn: 950 Euro.

Wenn ich Helga S. richtig verstehe, erhält ihre Krankenschwester für 48 Stunden 400 Euro, also einen Stundenlohn von gut acht Euro, da ist man nicht mal in der Nähe des Mindestlohns. Ich habe eine ähnliche Arbeit vor vielen Jahren gemacht. Ich hatte einen festen Stundenlohn, der für die Tagesstunden genauso galt wie für die Nacht, in der ich geschlafen habe, aber meist auch mehrmals rausmusste. Etwa 400 Mark habe ich damals für 24 Stunden erhalten. Wenn man nun die Inflation einrechnet und sehr grob überschlägt, kann man sagen: Ich habe damals schon mehr als das Doppelte verdient. Und ich hatte nicht mal eine Ausbildung.

Helga S. sagt über die Kollegin: „Unsere Gemeinsamkeit ist, dass wir die Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen und ihm gegenüber loyal bleiben.“ Aber was ist der Unterschied zwischen den beiden? Dass Helga S. auf ihrer Lesereise einen deutlich höheren Stundenlohn erzielt als die Krankenschwester, und es sich deshalb leisten kann, sie zu beschäftigen. Die Pflegeversicherung wird dafür kaum reichen. Es ist für sie also profitabler, die Frau für sie arbeiten zu lassen als zu Hause zu bleiben. Und aus Sicht der Pflegerin? Der Mann von Helga Schubert hat eine Demenz und eine fortgeschrittene Krebserkrankung, er macht mit andern Worten sehr viel Arbeit. Sie wird zudem für zwei Tage aus ihrem normalen Leben herausgerissen. Warum? Offenbar aus Loyalität.

Gutverdiener kaufen sich freie Zeit – Niedriglöhner müssen doppelt putzen

Helga S. macht sich durchaus Gedanken über die soziale Komponente. Sie spricht an, dass andere Menschen es sich nicht leisten können, so wie sie eine Pflegerin auf private Rechnung zu engagieren. Aber könnte sie es sich auch dann noch leisten, wenn sie ihr einen angemessenen Lohn zahlen würde?

Keine Frage, Helga S. leistet Enormes. Ihr Leben dreht sich überwiegend um die Pflege ihres Mannes. Ich erlebe im beruflichen Alltag ständig solche Menschen, die – gerade wenn der Partner oder die Partnerin eine Demenz hat – in eine totale Überlastung hineingeraten. Der Aufwand ist riesig, die psychische Belastung enorm.  Insofern ist es gut, dass Helga Schubert sich Hilfe organisiert. Viele sind damit überfordert.

Ob die Krankenschwester den Job neben ihrer normalen Arbeit macht, um sich ein bisschen was dazuzuverdienen? Ich unterhalte mich bei uns im Haus manchmal mit den Kolleginnen vom Service, die u.a. das Essen verteilen. Sie haben eine Sechs-Tage-Woche mit mehr als 40 Stunden, arbeiten also an jedem Wochenende. Mehrere haben trotzdem noch einen zweiten Job, um das karge Gehalt etwas aufzubessern. Eine erzählte mir vor Kurzem, dass sie fünf Mal die Woche abends noch zwei Stunden putzen geht. Sie ist um die 60, glaube ich und ihr Gang sieht auch nicht mehr rund aus. Aber irgendwoher muss das Geld ja kommen.

Auch mit diesem Thema beschäftigt sich Teresa Bücker in ihrem Buch explizit und beleuchtet das Putzen in Privathaushalten. Wieder zeigt sie dabei die Bedeutung von Gehaltunterschieden. Die Mittel- und Oberschicht erkauft sich freie Zeit, weil ihre Arbeitsstunden mehr wert sind. Die Reinigungskraft hat diese Wahl nicht, sie muss putzen gehen und ihre eigene Hausarbeit machen. Bücker geht so weit zu fordern, auf die Putzhilfe zu verzichten. Und zwar indem sie ein komplettes Umdenken fordert: Weg vom Vollzeiterwerbsdenken mit 40-Stunden-Woche: Das bedeutet für die Gutverdiener ständigen Zeitdruck, denn die restliche Zeit des Tages besteht aus vielen andern Pflichten und nicht nur aus Freizeit. Besonders für Menschen mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. Oder für Frauen, die in der Regel deutlich mehr Erziehungs- und Hausarbeit leisten. Die Lösung muss sein, weniger zu arbeiten statt sich von Pflege oder Hausarbeit freizukaufen. Denn das bestehende Modell verstärkt nur die ungerechte Verteilung von Geld und von Zeit.

Lena auf Depri-Tour

Manche psychischen Krankheiten sind in den vergangenen Jahren in Mode gekommen: ADHS im Erwachsenenalter, Autismus, Depressionen. In dichter Folge outen sich immer wieder Schauspieler und andere Prominente, vor Kurzem war es Sängerin Lena Meyer-Landrut, deren Depression in einem großen Artikel in der Süddeutschen Zeitung beschrieben wurde.

Ich stutzte kurz und überlegte: Das Gesicht, das mich in einem Teaser auf Seite 1 schon traurig anblickte, hatte ich doch gerade erst gesehen. Ja, richtig, am Vortag war just in der SZ eine Eigenanzeige erschienen: 300 Konzertkarten für Lena zu gewinnen („nur für SZ-Abonnenten“). Sie ist gerade auf Tournee und hat eine neue Single herausgebracht. Da habe ich mich gefragt, ob es nicht journalistisch geboten gewesen wäre, auf eines der beiden zu verzichten: die PR-Aktion oder den Artikel. Beides so dicht hintereinander verträgt sich nicht mit journalistischer Unabhängigkeit.

Keine Ahnung, was Lena seit dem ESC-Gewinn so getrieben hat, es hat mich nicht interessiert. Es gibt nur eine Szene, die ich vor Jahren gesehen habe und die sich mir ins Gedächtnis gebrannt hat. Vielleicht war ich auch nur schlecht vorbereitet, weil ich nie Castingshows schaue. Lena war jedenfalls Jurorin bei einer Kinder-Casting-Show (The Voice Kids, glaube ich). Ein Junge war gerade herausgewählt worden, hatte die Bühne verlassen. Plötzlich sprang Lena auf, rannte ihm hinterher, dicht auf ihren Fersen natürlich die Kamera, die ihren Weg hinter den Kulissen zeigte und wie sie dann den Jungen einholte und offenbar spontan in den Arm nahm. Weil es ihr so leidtat, dass er nicht mehr dabei sein durfte.

Für mich war das ein Sinnbild von Verlogenheit. Jurorin in einer Castingshow mit der Aufgabe, reihenweise Kinder vor die Tür zu setzen. Und sich dann als großartiger Gefühlsmensch zu inszenieren. Ich bezweifle, dass der Auftritt wirklich spontan war.

Ich habe keine Ahnung von Lenas Gesundheitszustand. Ich will auch nicht bezweifeln, dass sie tatsächlich an Depressionen leidet. Woher soll ich das wissen? Ich will nur sagen, dass sie bei mir in punkto Glaubwürdigkeit nicht auf den vorderen Rängen liegt. Und nun hat sie sich offensichtlich entschieden, mit ihrer Depression an die Öffentlichkeit zu gehen. Im SZ-Artikel heißt es: „Lena Meyer-Landrut spricht mittlerweile offen über ihre Unsicherheit – aber nur mit Menschen denen sie vertraut.“ Es ist fast zu banal, um es auszusprechen, aber trotzdem: Sie spricht nur mit Menschen darüber, denen sie vertraut – und mit Journalistinnen, die es dann groß herausposaunen.

In dem Artikel werden auch Zeilen aus Lenas Liedtexten zitiert. „Goodbye to the doubts, I hate them”, heißt es da zum Beispiel. Oh wow, jetzt können die Fans verstehen, was die Texte wirklich bedeuten, das ist alles echt! Wer aber glaubt, dass es sich hier vielleicht um eine Imagekampagne handelt, der wird schon auf der Seite 1 der SZ-Ausgabe beruhigt. Unter besagtem Bild, auf dem Lena so traurig schaut, steht ein Satz von ihr: „Für mich ist die Depression etwas ganz Normales und nichts Sensationelles.“ Soll bloß keiner denken, sie will Aufmerksamkeit erregen.

Prominente, die sich zu ihren Depressionen bekennen, werden oft gelobt, weil sie das Verständnis für die Krankheit fördern. Vielleicht tragen sie aber auch zu einem verzerrten Bild bei. Eine Betroffene, die in einem schwarzen Loch steckt, wird sich vielleicht in Zukunft öfter anhören müssen: Stell dich mal nicht so an, Lena ist auch depressiv. Aber die geht auf Deutschland-Tournee!

Leistung lohnt sich nicht

Aktuelles Beispiel aus der SZ, die neue Arzt-Kolumne von Johannes Ahme. Darin bricht er eine Lanze für unsern Berufsstand, was ja erstmal löblich ist. „Hunderttausenden Pflegekräfte“, heißt es dann, verdienen „mehr Anerkennung für einen fantastischen Job.“ Ein solches Lob hätte er sich sparen können. Sämtliche Pflegenden über einen Kamm zu scheren, ist platt und anbiedernd. Aber typisch, denn das Klischee hält sich hartnäckig. Die selbstlose Krankenschwester, die sich für ihre Patienten aufopfert, voller Empathie, bei schlechtester Besetzung rennt sie über die Station, um die Leute zu versorgen, der Job ist für sie eine Berufung. Und so weiter. Wie so viele Stereotype ist auch dieses nur zu einem kleinen Teil richtig. Und es hat fatale Auswirkungen auf die Leistungskultur in unserm Beruf – es gibt nämlich quasi keine.

Wer die dreijährige Ausbildung zum examinierten Pfleger abgeschlossen hat, für den gibt es außer Studieren kaum noch Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Stationsleitung könnte man noch werden, aber die Jobs sind rar. Und die gute alte „Oberschwester“ gibt es schon lange nicht mehr. Auf meiner Station gibt es ein großes Team mit unterschiedlichen Qualifikationen, Praktikanten, Pflegehelfer und -assistenten, aber auch viele examinierte Pflegerinnen und Pfleger. Und es ist frappierend, wie extrem die Unterschiede sind, was Können und Leistungsbereitschaft anbetrifft. Natürlich gibt es diejenigen, die ein Berufsethos haben, die sich reinhängen und Gedanken über ihre Arbeit machen. Auf der andern Seite sind da aber auch viele Kollegen, die versuchen, mit minimalem Aufwand durch die Schicht zu kommen. Die kein Interesse haben, sich weiterzuentwickeln. Die oft Patienten als Menschen betrachten, die Arbeit verursachen, die angeblich „anstrengend“ sind oder „ständig klingeln“.

Jetzt würde man vielleicht denken, unser Krankenhaus als Arbeitgeber, hat ein Interesse daran, das Niveau der Pflege zu heben. Uns als Pflegende zu fördern, zu unterstützen, damit wir besser werden. Davon ist aber fast nichts zu spüren. Es gibt keine Personalgespräche, keine Kultur von Lob und Kritik. Bei den Guten ist man sicher froh, dass man sie hat, die Andern lässt man weitgehend in Ruhe. So ist jedenfalls auf meiner Station.

Vor einem Jahr habe ich die Initiative ergriffen und mich weitergebildet. Niemand im Haus war auf die Idee gekommen, mich zu fragen, ob ich Pläne habe. Ich wurde dann freigestellt und die Weiterbildung bezahlt, das ist aber eine Selbstverständlichkeit. Zumal viele Mitarbeiter mit der betreffenden Qualifikation fehlen. Nach dem Abschluss stellte sich dann heraus: Die magere Zulage, die mir nun laut einer Hausvereinbarung zusteht, bekomme ich doch nicht, sondern nur einen Bruchteil davon. Netto sind das rund 20 Euro im Monat, haha. Immerhin: In der Klinik, in der ich vorher war, sieht es noch schlechter aus. Da gab es für Leute mit dieser Weiterbildung keinen Cent. Ich würde das in beiden Fällen leistungsfeindlich nennen.

Wenn früher irgendwo Forderungen nach leistungsorientierter Bezahlung laut wurden, war ich vom Gefühl eher skeptisch. Werden da Arbeitnehmer gegeneinander ausgespielt? Wie lässt sich Leistung überhaupt messen? Jetzt denke ich mir, es ist zumindest ein möglicher Baustein, Leistung zu fördern. Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass sich jemand dafür interessiert, wie sie arbeiten. Dass Engagement geschätzt und belohnt wird. Überhaupt wahrgenommen wird.

Bei uns dagegen ist es so: Wer nicht aus sich selber heraus den Anspruch hat, überdurchschnittlich zu sein, sich zu verbessern und etwas zu bewegen, woher soll er oder sie den Antrieb nehmen? Aus dem direkten Umfeld kommt er jedenfalls nicht. Pflegende sind ja angeblich schon Überzeugungstäter, die muss man nicht motivieren.

Steckt vielleicht auch das Denken dahinter, dass Pflege kein sehr anspruchsvoller Job ist, den doch jede halbwegs vernünftig hinbekommen sollte? Glaube ich nicht einmal. Ich denke, dass auf den verantwortlichen Ebenen in unserm Haus durchaus das Bewusstsein dafür vorhanden ist, dass es große Unterschiede in der Qualität der Pflege gibt, auf jeder Station. Aber andererseits denkt man sich dort wahrscheinlich auch: „Was soll’s? Macht betriebswirtschaftlich keinen Unterschied. Läuft nicht ideal, aber läuft.“

Vor einiger Zeit wurde bei uns ein Programm für Frisch-Examinierte eingeführt, eine Art Crashkurs zum Berufsstart, wo es um Themen wie eine strukturierte Übergabe geht, Mobilisation von Patienten oder Aufnahme. Ich nahm auch teil. Regelmäßig mussten wir kleine schriftliche Arbeiten einreichen, als Belohnung wurde ein freier Tag versprochen. Erst gegen Ende des Programms kam ich dahinter, dass die meisten Kollegen nur selten etwas abgegeben hatten. Die freien Tage haben sie trotzdem bekommen.

Sensation – die FDP hat ihr Herz für Pflegende entdeckt!

Klingt wie eine gute Nachricht: Unser Verkehrsminister Volker Wissing von der FDP macht sich Sorgen um unsere Mobilität. Laut sueddeutsche.de geht es ihm darum, wie „der Krankenpfleger und die Krankenschwester auf dem Land zu flexiblen Zeiten ins Krankenhaus kommen“. Kurios ist allerdings seine Antwort. Er will das so genannte Dienstwagenprivileg erhalten, also ein typisch deutsches Besserverdiener-Gesetz, mit dem Nutzer von Dienstwagen steuerlich gefördert werden. Das kostet uns als Steuerzahler im Jahr mehr als 3 Milliarden Euro.

Wissings Logik: Durch das Dienstwagenprivileg wird der Verkauf von E-Autos angeschoben. Die landen dann irgendwann auf dem Gebrauchtwagenmarkt, wo sich arme Schlucker wie wir aus der Pflege dann auch ein E-Auto leisten können. „Wir reden da auch nicht über große Limousinen, wie viele meinen“, behauptet der Minister. „Der klassische Dienstwagen ist ein Standardfahrzeug.“ Das Dienstwagenprivileg ist also angeblich gut für die Pflegenden und für die Umwelt.

Stimmt aber nicht. Die SZ schreibt dazu: „Gerade große, teure Limousinen oder Geländewagen, mit denen die Hersteller die höchsten Gewinnmargen erreichen, werden fast ausschließlich als Dienstwagen verkauft.“ Es geht also für die FDP um Gefälligkeiten für ihre Wählerschaft. Nichts Anderes ist von einer Klientelpartei zu erwarten. Weniger zu erwarten ist, dass unserereiner demnächst auf dem Klinikparkplatz im Porsche Cayenne vorfährt.

Was mich am meisten an der Argumentation stört, ist aber das Gutsherrenartige: Wenn es den Wohlhabenden gutgeht, fällt bestimmt auch etwas für die kleinen Leute ab. Das Argumentationsmuster ist bekannt und wird auch auf dem Wohnungsmarkt angewendet. Seit Jahren steigen die Mieten in den Städten in skandalöser Weise und die Politik schaut zu. Das sei aber gar nicht so schlimm, sagen dann manche. Menschen mit Geld würden in teurere Wohnungen ziehen und damit günstigeren Wohnraum für die Einkommensschwachen freimachen. Das ist zum einen faktisch dubios, da bei der Neuvermietung die Miete häufig aufgeschlagen wird. Und außerdem bekannt ist, dass in den Großstädten unzählige Menschen an die Ränder gedrängt werden, weil sie sich die Mieten in zentralen Lagen nicht mehr leisten können.

Zum andern ist es verlogen, denn es soll verschleiern, wessen Interessen bedient werden. Im Falle des Dienstwagenprivilegs die von Gutverdienern sowie von BMW, Audi etc. Nicht meine.