Das Thema Zeitarbeit in der Pflege gerät gerade wieder in die Diskussion. In der SZ stand vor einiger Zeit ein Artikel darüber, unglaublich tendenziös und hanebüchen. Der Tenor, in zugespitzter Form: Zeitarbeit in der Pflege ist niederträchtig, Schuld daran haben nicht zuletzt die Pflegenden, aber es besteht noch Hoffnung, die Arbeitgeber kümmern sich.
Einen groben Überblick über das Thema habe ich vor längerer Zeit schon einmal hier geschrieben. Der SZ-Artikel zeigt nun, mit welchen Methoden Kliniken und Politik Stimmung gegen die Zeitarbeit machen. Das sind Leute, die sich jederzeit gern damit zitieren lassen, wie wichtig die Pflege ist und was wir für unschätzbare und tolle Arbeit leisten. Gleichzeitig agitieren sie gegen unsere Interesse. Und die SZ lässt sich vor ihren Karren spannen.
Die Überschrift des Artikels lautet „Leihen und Leiden“ (Was tut man nicht alles für eine Alliteration?), mit Leiden ist aber nicht das der Patienten gemeint, deren Versorgung tatsächlich unter Personalmangel leidet. Studien belegen erhöhte Mortalität bei schlechter personeller Besetzung, kurz gesagt: Die Überlebenschancen der Patienten sinken. Gemeint sind auch nicht die Pflegenden, die oft hohem Stress bei Unterbesetzung ausgesetzt sind oder in ihren Häusern auf andere, ihnen unbekannte Stationen geschickt werden, um Löcher zu stopfen. Nein, es geht offenbar um das Leid der Klinikmanager, die gramgebeugt über ihren Bilanzen sitzen. Denn Zeitarbeit verursacht höhere Kosten. Und die mögen Arbeitgeber bekanntlich nicht.
Das gilt sicher auch für Gerald Gaß, Vorsitzender der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft (DKG). So sagt er das aber nicht, sondern schwingt sich zum Anwalt von uns Pflegenden auf. Seine angebliche Sorge laut SZ ist, dass die Belegschaften durch die Leiharbeit „mehr und mehr gespalten“ würden. Über diese Frage könnte man in der Tat diskutieren, meiner Erfahrung entspricht die Aussage zwar nicht der Realität. Zudem führt das angesprochene Verschicken innerhalb der Häuser ebenfalls zu Missgunst, denn die Stationen werden dabei gegeneinander ausgespielt. Man kann dabei aber auch beobachten, dass die Solidarität über Stationsgrenzen hinweg doch bei vielen sehr begrenzt ist. Aber das ist ein anderes Thema, ich will nur sagen: Aus dem Mund von Gaß ist die Aussage verlogen, denn er ist nicht unser Anwalt, für uns zu sprechen ist anmaßend. Weiterhin behauptet er, die Leiharbeit entwickle sich „von der Ausnahme zum Regelfall“. Ein paar Absätze weiter reibt man sich als Leser verwundert die Augen, 3,1 Prozent beträgt der Anteil der Leiharbeitskräfte – der „Regelfall“?
In der Rhetorik der Arbeitgeber gilt der Staat meist als lästiger Regulierer, der die freien Kräfte des Marktes nicht in ihrer Entfaltung stören sollte. Nun hat es sich im Leiharbeitsmarkt der Krankenpflege so entwickelt, dass sich die Verhältnisse von Angebot und Nachfrage tatsächlich einmal zum Nutzen der Beschäftigten auswirken. In der Zeitarbeit kann man deutlich mehr verdienen als in Festanstellung auf Station. Das gilt bei Herrn Gaß nun als Teufelszeug und muss staatlich unterbunden werden.
Eine 180-Grad-Wende hat auch die CDU hingelegt. In jahrelanger Regierungsverantwortung wäre genug Zeit gewesen, das Thema Zeitarbeit anzupacken. Schon vor Jahren wurde die Diskussion zum Beispiel in Berlin auf Landesebene geführt, ob man die Zeitarbeit in der Pflege nicht einschränken oder gar verbieten sollte. Die Union hatte offensichtlich kein Interesse. Nun ist sie im Bund in der Opposition und kocht das Thema mit gespielter Empörung hoch. Ein gewisser Herr Müller findet, „die Leiharbeiter pervertieren das System“, Leiharbeit sei zudem „unsozial“.
Das ist schon harter Tobak, es ist sogar eine Unverschämtheit. Als Krankenpfleger habe ich selber darüber nachgedacht, in die Zeitarbeit zu wechseln. Ein höheres Gehalt ist schließlich kein schlechtes Argument. Und deswegen soll ich mir jetzt von Leuten wie Gaß und Müller ein schlechtes Gewissen einreden lassen? Davon abgesehen: Umsetzen werde ich den Plan eher nicht. SZ-Autorin Angelika Slavik behauptet zwar, die Zeitarbeiter*innen seien die einzige zufriedene Gruppe im Gesundheitswesen. Dabei unterschlägt sie die Nachteile: Es wird viel Flexibilität verlangt, die Anfahrtswege würden sich verlängern, man bewegt sich ständig in ungewohnter Umgebung, teilweise ungewohnten Fachgebieten, hat kein vertrautes Team von Kollegen, Ärzten etc. um sich. Wären die Zeitarbeiter tatsächlich wie im Artikel behauptet die einzige zufriedene Gruppe im Gesundheitswesen, warum liegt ihr Anteil dann bei 3,1 Prozent?
Perfide auch, wie die SZ die Zeitarbeiter darstellt. Angeblich genießen sie nur Vorteile, laut dem Teaser arbeiten immer mehr von ihnen „lieber“ für Zeitarbeitsfirmen. Mit solch kleinen Signalwörtern werden Bilder heraufbeschworen von Kollegen, die sich am Wochenende auf die Couch fläzen und sagen: „Och nö, ich habe keine Lust auf Festanstellung, ich mache Zeitarbeit. Mir doch egal, dass das unsozial ist.“ Nein, die Guten in diesem Artikel sind die Klinikbetreiber, zum Beispiel Helios, der kein Samariterverein, sondern als Privatunternehmer zur Profitmaximierung verdammt ist. „Die ersten Klinikbetreiber arbeiten schon daran, ohne Leiharbeitskräfte auf ihren Stationen auszukommen“, heißt es in der Bildunterzeile. Das klingt nach einem heldenhaften Kampf. Bei Helios in Leipzig, so ist zu lesen, komme man seit einiger Zeit sogar schon ohne Leiharbeiter aus. In der grotesken Logik der SZ offenbar eine tolle Sache. Was wir nicht erfahren: wie das umgesetzt wird. Was bedeutet das für die Beschäftigten auf den Stationen? Natürlich eine Verschlechterung, weniger Entlastung, mehr Stress.
Man kann sich denken, wie das abläuft. Die fehlenden Zeitarbeiter reißen ja Löcher. Also werden vermehrt festangestellte Kolleg*innen kurzfristig von ihren Stationen abgezogen und dahin geschickt, wo es gerade am meisten brennt – eine Maßnahme, die in vielen (oder in allen?) Kliniken an der Tagesordnung und in den Belegschaften extrem unbeliebt ist. Ob sich Herr Gaß – der mit der Sorge um die gespaltenen Belegschaften – wohl darüber auch den Kopf zerbricht?
