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Das Märchen von der „Altersdemenz“

Da war meine Mutter aber sehr entschieden. „Nein“, platzte es aus ihr heraus, mit leichter Empörung in der Stimme, „Alzheimer hat die Oma doch nicht gehabt, das war eine Altersdemenz!“ Es ging um meine Großmutter, die sie jahrelang gepflegt hat, das ist schon lange her. Ich erinnere mich noch, wie ich als Jugendlicher der Oma oft half, wenn sie wieder etwas verlegt hatte. Wie sie dann immer vergesslicher wurde und mich dann – viel später – einmal mit dem Namen meiner Tante ansprach.

Mit dem Wissen von heute würde ich sagen: ein typischer Verlauf der Alzheimer-Erkrankung. Wie meine Mutter darauf kommt, es habe sich um eine „Altersdemenz“ gehandelt, weiß ich nicht. Aber damit ist sie nicht allein, ich begegne dem Begriff im Krankenhaus sehr häufig. Das Problem: Altersdemenz gibt es überhaupt nicht. Aber der Begriff entwickelt eine fatale Dynamik.

Fast immer höre ich das Wort aus dem Mund von Angehörigen. Und fast immer hat es eine verharmlosende Aufgabe. Nein, nein, keine Demenz sei das bei der Mutter, höchstens eine Altersdemenz. Der Widerspruch wird übergangen.

Ich habe hier schon einmal beschrieben, dass viele ältere Menschen in unsere Klinik kommen mit nicht abgeklärten kognitiven Problemen. Spreche ich Familienmitglieder darauf an, ernte ich oft vorwurfsvolle Blicke: „Na hören sie mal, mit 84 …“, heißt es dann, als sei damit alles erklärt. Etwas „tüttelig“ sei der Vater geworden, aber nichts, was in diesem Alter nicht zu erwarten wäre.

Dass das menschliche Gehirn, genau wie der gesamte Organismus, einem Verfall unterworfen ist, weiß jeder. Mit circa 25 ist der Zenit erreicht, dann geht es bergab. Im hohen Alter ist man nicht mehr so auffassungsschnell wie mit 30, lernt nicht mehr so gut eine Sprache. Aber es ist ein entscheidender Unterschied, ob man beim Kopfrechnen etwas länger braucht als früher. Oder ob man nicht mehr weiß, welches Jahr wir gerade haben.

Kurz zu den Begriffen: Demenz ist der Oberbegriff einer Gruppe von Erkrankungen. Alzheimer ist eine mögliche Form davon, und zwar die mit Abstand häufigste. Natürliche Altersprozesse werden dagegen in der Gerontologie beschrieben. Bei dem einen setzen sie früher ein als bei der anderen. Menschen mit höherem Bildungsgrad oder höherer Intelligenz können sie eventuell besser kompensieren.

Die Wahrscheinlichkeit, demenzkrank zu werden, steigt mit hohem Alter erheblich. Das heißt aber nicht, dass die Grenzen zwischen altersgemäßem Abbau und Alzheimer verschwimmen. Bei Alzheimer laufen Prozesse ab, die zwar weiterhin nicht komplett verstanden sind, sich aber gut beobachten und beschreiben lassen – nicht zuletzt die dramatischen Folgen: Hirnzellen gehen rapide zugrunde, das Gehirn schrumpft. Die Folgen lassen sich vielleicht anfangs noch überspielen, irgendwann aber nicht mehr: Wenn Familienmitglieder nicht mehr erkannt werden und die Sprache verarmt bis zum kompletten Verlust.

Es stimmt zwar: Es gibt weiterhin keine adäquate Therapie für Alzheimer und andere Demenzformen. Trotzdem spricht einiges dafür, sich bei ersten Anzeichen Klarheit zu verschaffen. Zum Beispiel, um abzuklären, ob andere Ursachen infrage kommen. Und um Angehörigen die Gelegenheit zu geben, sich auf den zu erwartenden Verlauf einzustellen. Sich beraten zu lassen, Hilfe zu organisieren, sich gedanklich darauf einzustellen. Gerade Ehepartner laufen Gefahr, bei der Pflege in die Isolation und den Burnout zu schlittern.

Angehörigen würde ich daher raten, offen mit ersten Symptomen umzugehen. Hausärzte ansprechen, Klinikaufenthalte nutzen, um das Thema anzusprechen. Natürlich möchte niemand diese Diagnose hören. Sie zu verharmlosen ist aber auch keine Lösung. 

Patienten mit Demenz: Brücken bauen ohne Worte

„Pflege ist zu 90 Prozent Kommunikation.“ Den Satz sage ich manchmal zu jungen Auszubildenden. Besonders deutlich wird das, wenn wir im Klinikalltag mit Patienten zu tun haben, die auch an einer Demenz leiden. Die Brücke zu diesen Menschen zu schlagen, das ist im Krankenhaus umso wichtiger, da sie es hier besonders schwer haben. Weil sie sich oft nur schwer zurechtfinden, verunsichert sind, ängstlich, manchmal auch wütend. Für Pflegende ist das eine Herausforderung, genauso wie für Angehörige.

Vor Kurzem traf ich auf einer internistischen Station Frau R., eine Dame von Ende 80. Als ich mich mit einem Lächeln an ihre Bettkante setzte und ihren Namen sagte, reagierte sie sofort mit einem freudigen Blick und griff nach meinem Arm.

Erst da fiel mir auf, dass sie einige Monate zuvor schon einmal bei uns gewesen war. Wir hatten uns nur einmal gesehen, aber an die Begegnung konnte ich mich noch genau erinnern. Die Demenz war bei Frau R. so weit fortgeschritten, dass sie kaum noch sprach. Man merkte aber sofort, was für ein herzlicher und kontaktfreudiger Mensch sie ist, sie strahlte, ergriff meine Hand und suchte Blickkontakt. Sogar einen Satz brachte sie heraus: „Ich beiße dir in die Nase.“

Da sie offenbar keine Angehörigen hat, bat ich unser ehrenamtliches Team der „Grünen Damen und Herren“, einmal bei ihr vorbeizuschauen und ihr ein bisschen Gesellschaft zu leisten. Zwei Tage später sprach mich ein junger Stationsarzt auf dem Flur darauf an. Er hatte eine Grüne Dame im Zimmer getroffen und hielt das für ein Missverständnis, was habe sie denn bei dieser Patientin gewollt? Schließlich könne man sich mit Frau R. doch gar nicht unterhalten. Ratlos schüttelte er den Kopf: „Es geht doch darum, miteinander zu reden“, sagte er und fügte dann auch noch hinzu: „für die Seele.“

Frau R. zeigte sich auch bei unserer zweiten Begegnung wieder sehr zugewandt, wünschte sich sogar „ein Küsschen“. Den Wunsch konnte ich ihr nicht erfüllen, aber wir fanden eine andere Art des Austauschs, indem wir uns Stirn an Stirn berührten, was sie dann mit einem freudigen „Meine Güte!“ quittierte.

In einer Fortbildung hörte ich mal den Satz „Demenz ist eine Insel“. Was damit gemeint war: Wenn wir die Bewohner dieser Insel erreichen wollen, müssen wir eine Brücke zu ihnen bauen.

Alzheimer ohne Diagnose – warum tun so viele Häusärzte nichts?

Bei kaum einer Erkrankung funktioniert die Diagnostik auch nur annähernd so schlecht wie bei der Demenz. Im Krankenhaus merken wir das häufig bei der Aufnahme älterer Menschen: Es zeigen sich Hinweise auf Probleme mit Gedächtnis und Orientierung, also fragt man sich, was aus der Vorgeschichte vielleicht schon zu erfahren ist. Doch sehr häufig ist das Ergebnis: Fehlanzeige. Die Symptome sind offensichtlich, aber niemand hat etwas unternommen.

Erste Ansprechpartner sind die Angehörigen, denen die Probleme in der Regel schon längst aufgefallen sind. Doch ins Stocken gerät das System häufig bei den Hausärzt*innen. Ihnen kommt eine besondere Bedeutung zu, sie kennen die Patient*innen häufig gut, und sie haben in unserm Gesundheitssystem bekanntlich eine Scharnierfunktion. Doch beim Thema Demenz versagen viele.

Mal werden Symptome einfach ignoriert („Das Alter …“), mal Schnelldiagnosen gestellt, die keine Konsequenzen haben und die ein Allgemeinmediziner gar nicht stellen darf. Man müsste weitervermitteln, an eine Gedächtnisambulanz zum Beispiel oder eine Neurologin. Doch das geschieht viel zu selten.  Neulich habe ich mich mit einer Hausärztin über dieses Thema unterhalten, sie reagierte ungerührt: „Für einen Gedächtnistest habe ich keine Zeit.“ Was sie nicht sagte: Groß abrechnen lässt es sich wahrscheinlich auch nicht. Weiteres Argument der Kollegin: Im Umfeld würde kein einziger Neurologe noch neue Patienten aufnehmen. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Bekannt ist allerdings, dass die größte Gedächtnisambulanz Wartezeiten von teilweise mehr als sechs Monaten hat.

Die Betroffenen selber wehren sich oft gegen Arztbesuche

Auch viele Angehörige sind nicht wirklich hinterher. Zum einen sperren sich die Betroffenen nicht selten mit aller Kraft gegen Arztbesuche. Aber auch Eheleute und Kinder trösten sich mit laienhaften Fehleinschätzungen und sprechen von „Altersdemenz“ oder „Altersvergesslichkeit“. Manchmal scheint aber auch die Angst vor der furchtbaren Wahrheit dahinter zu stecken. Lieber nicht nachfragen, dann kann auch keiner „Alzheimer“ sagen.

Die Folge im Krankenhaus: Es schlagen häufig Patienten auf, die bei uns eine Risikogruppe darstellen, was aber niemand weiß. Denn diese Menschen haben häufig große Probleme, bei uns klarzukommen. Sie sind verwirrt, emotional im Stress, ziehen sich in der Folge Zugänge und Katheter, laufen weg. Wüsste man vorher von einer etwaigen Demenz, könnte man sich ganz anders auf sie einstellen. Stattdessen telefoniert man Hausärzten hinterher und bekommt oft schwammige Aussagen zu hören.

Und bei den genannten Problemen bleibt es oft nicht. Menschen mit Demenz haben auch ein stark erhöhtes Risiko, im Krankenhaus ein Delir zu erleiden. Die Folgen sind auch hier oft dramatisch: längere Verweildauer, schlechteres Outcome, höheres Sterberisiko, häufig neurologische Langzeitfolgen.

Doch auch ohne Krankenhausaufenthalt bleibt die fehlende Demenzdiagnostik ein Problem. Für Betroffene und ihr Umfeld ist es wichtig zu wissen, um welche Form der Demenz es sich handelt. Es gibt nicht nur Alzheimer. Eine Frontotemporale oder Lewy-Körper-Demenz gehen mit sehr unterschiedlichen Symptomen einher, etwa sozial sehr unangepasstem Verhalten oder starken Halluzinationen. Außerdem ist eine medikamentöse Therapie nur im frühen Stadium noch sinnvoll.

Auch der Umgang mit der Krankheit muss gelernt werden. Früher oder später brauchen Angehörige Beratung, Hilfe von außen, um den Alltag zu bewältigen. Wenn der vertraute Mensch sich im Wesen radikal verändert, dann auch den eigenen Umgang radikal zu verändern, das gelingt gerade zu Beginn den Wenigsten.  Je früher sie sich damit auseinandersetzen desto besser. Man kann zudem nur jedem raten, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen. Wer einmal in einer solchen Runde saß, weiß um die Verzweiflung und Ratlosigkeit, die fast alle erleben. Den Austausch empfinden sie meist als hilfreich und entlastend.

So bleibt eine seltsame Kluft zwischen den Sonntagsreden, dass das Thema Demenz immer größer und wichtiger wird, und dem laxen Umgang. Man kann nur raten, hinzuschauen und aktiv zu werden. Für Hausärzte muss es sich lohnen, einen ersten Test zu machen, von dem dann das weitere Vorgehen abhängt. Offensichtlich braucht es zudem mehr niedergelassene Neurologen, zumal der Bedarf steigen wird. Was aber auch zur Wahrheit gehört: Theoretisch könnte auch unser Haus die Diagnose Alzheimer stellen, obwohl wir keine Neurologie haben. Das ließe sich organisieren, wird aber praktisch nie gemacht. Der Aufwand rechnet sich nicht.

Aus dem Leben des Pflege- und Putzproletariats

Im aktuellen SZ-Magazin ist ein Interview mit zwei Frauen erschienen, die jahrelang ihre jeweiligen Männer pflegen bzw. gepflegt und darüber Bücher geschrieben haben. Sie berichten darin auch von den extremen Belastungen und Einschränkungen, die sie hinnehmen. Kaum thematisiert wird im Gespräch, welche professionelle Hilfe Sie in Anspruch nehmen, in kurzen Bemerkungen klingt es aber an – und auch die üblichen Probleme.

Helga S. erzählt: „Ich kann zu Lesungen fahren, weil ich einer sehr guten Krankenschwester vertrauen kann. Sie übernachtet im Wintergarten, das Babyfon ist eingeschaltet, und ihr gebe ich 400 Euro für zwei Tage.“

Ich lese gerade das Buch „Alle_Zeit“ von Teresa Bücker. Sie macht aus dem Thema Zeit eine Gesellschaftsanalyse. Darin beschreibt sie auch, wie unsere Gesellschaft sich standhaft weigert, Pflege – und zwar Pflege im weitesten Sinne – als Arbeit anzuerkennen und sie damit als typische weibliche Beschäftigung sowohl sozial als auch wirtschaftlich abwertet.  Noch 2021 klagte eine Bulgarin dagegen, dass sie sich rund um die Uhr um eine Seniorin kümmerte, von dieser 24-h-Pflege aber nur sechs Stunden pro Tag als Arbeitszeit anerkannt wurden. Ihr Monatslohn: 950 Euro.

Wenn ich Helga S. richtig verstehe, erhält ihre Krankenschwester für 48 Stunden 400 Euro, also einen Stundenlohn von gut acht Euro, da ist man nicht mal in der Nähe des Mindestlohns. Ich habe eine ähnliche Arbeit vor vielen Jahren gemacht. Ich hatte einen festen Stundenlohn, der für die Tagesstunden genauso galt wie für die Nacht, in der ich geschlafen habe, aber meist auch mehrmals rausmusste. Etwa 400 Mark habe ich damals für 24 Stunden erhalten. Wenn man nun die Inflation einrechnet und sehr grob überschlägt, kann man sagen: Ich habe damals schon mehr als das Doppelte verdient. Und ich hatte nicht mal eine Ausbildung.

Helga S. sagt über die Kollegin: „Unsere Gemeinsamkeit ist, dass wir die Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen und ihm gegenüber loyal bleiben.“ Aber was ist der Unterschied zwischen den beiden? Dass Helga S. auf ihrer Lesereise einen deutlich höheren Stundenlohn erzielt als die Krankenschwester, und es sich deshalb leisten kann, sie zu beschäftigen. Die Pflegeversicherung wird dafür kaum reichen. Es ist für sie also profitabler, die Frau für sie arbeiten zu lassen als zu Hause zu bleiben. Und aus Sicht der Pflegerin? Der Mann von Helga Schubert hat eine Demenz und eine fortgeschrittene Krebserkrankung, er macht mit andern Worten sehr viel Arbeit. Sie wird zudem für zwei Tage aus ihrem normalen Leben herausgerissen. Warum? Offenbar aus Loyalität.

Gutverdiener kaufen sich freie Zeit – Niedriglöhner müssen doppelt putzen

Helga S. macht sich durchaus Gedanken über die soziale Komponente. Sie spricht an, dass andere Menschen es sich nicht leisten können, so wie sie eine Pflegerin auf private Rechnung zu engagieren. Aber könnte sie es sich auch dann noch leisten, wenn sie ihr einen angemessenen Lohn zahlen würde?

Keine Frage, Helga S. leistet Enormes. Ihr Leben dreht sich überwiegend um die Pflege ihres Mannes. Ich erlebe im beruflichen Alltag ständig solche Menschen, die – gerade wenn der Partner oder die Partnerin eine Demenz hat – in eine totale Überlastung hineingeraten. Der Aufwand ist riesig, die psychische Belastung enorm.  Insofern ist es gut, dass Helga Schubert sich Hilfe organisiert. Viele sind damit überfordert.

Ob die Krankenschwester den Job neben ihrer normalen Arbeit macht, um sich ein bisschen was dazuzuverdienen? Ich unterhalte mich bei uns im Haus manchmal mit den Kolleginnen vom Service, die u.a. das Essen verteilen. Sie haben eine Sechs-Tage-Woche mit mehr als 40 Stunden, arbeiten also an jedem Wochenende. Mehrere haben trotzdem noch einen zweiten Job, um das karge Gehalt etwas aufzubessern. Eine erzählte mir vor Kurzem, dass sie fünf Mal die Woche abends noch zwei Stunden putzen geht. Sie ist um die 60, glaube ich und ihr Gang sieht auch nicht mehr rund aus. Aber irgendwoher muss das Geld ja kommen.

Auch mit diesem Thema beschäftigt sich Teresa Bücker in ihrem Buch explizit und beleuchtet das Putzen in Privathaushalten. Wieder zeigt sie dabei die Bedeutung von Gehaltunterschieden. Die Mittel- und Oberschicht erkauft sich freie Zeit, weil ihre Arbeitsstunden mehr wert sind. Die Reinigungskraft hat diese Wahl nicht, sie muss putzen gehen und ihre eigene Hausarbeit machen. Bücker geht so weit zu fordern, auf die Putzhilfe zu verzichten. Und zwar indem sie ein komplettes Umdenken fordert: Weg vom Vollzeiterwerbsdenken mit 40-Stunden-Woche: Das bedeutet für die Gutverdiener ständigen Zeitdruck, denn die restliche Zeit des Tages besteht aus vielen andern Pflichten und nicht nur aus Freizeit. Besonders für Menschen mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. Oder für Frauen, die in der Regel deutlich mehr Erziehungs- und Hausarbeit leisten. Die Lösung muss sein, weniger zu arbeiten statt sich von Pflege oder Hausarbeit freizukaufen. Denn das bestehende Modell verstärkt nur die ungerechte Verteilung von Geld und von Zeit.

Kollegen duzen – gern. Aber Patienten …?

„Komm, mach mal den Mund auf, ich habe hier was Leckeres!“ – Bei solchen Sätzen denkt man vielleicht an einen jungen Vater und seine 1-jährige Tochter, die zu Hause am Küchentisch sitzen. Aber auch in deutschen Krankenhäusern sind solche Sätze die Regel, und zwar nicht nur auf pädiatrischen Stationen. Ich höre es immer wieder, dass ältere Patienten von Kollegen ungefragt geduzt werden. Meistens sind das Menschen mit Demenz (nicht die Mitarbeiter, die Patienten ;-)), aber nicht nur. Ich finde das unprofessionell. Und respektlos.

Generell habe ich nichts gegen Duzen. Meine Frau bezeichnet mich manchmal als Duzmaschine. Auf meiner Station ist es normal, dass sich Pfleger und Ärzte duzen, die einzige Ausnahme ist der Chefarzt, den man aber auch nur alle Jubeljahre zu Gesicht bekommt. In der Regel duze ich auch die Kollegen von Physiotherapie, Essens-Service, Reinigung. Irgendwie haben wir alle dasselbe Ziel, wir begegnen uns auf Augenhöhe.

Manchmal duzen mich auch Patienten, überwiegend Männer, in der Regel ungefragt. Das stört mich fast nie. Manche fordern mich auf, zurückzuduzen: „Ich bin der Jürgen“, sagte neulich einer nach ein paar Tagen auf unserer Station. Ich könne ruhig du sagen – „wenn die Ärzte nicht dabei sind“, schob er noch hinterher. Ich bin da allerdings zurückhaltend. Auch wenn ich Patienten oft sehr nahekomme und eine Beziehung aufbaue, steht immer die berufliche Ebene im Vordergrund. Manchmal muss ich auch Dinge durchsetzen, die ein Patient nicht so toll findet. Für mich würde sich duzen total seltsam anfühlen.

Das Argument der Dementen-Duzer ist meistens: Diese Patienten fühlen sich im Krankenhaus verloren, das Du ermögliche einen Vertrauensaufbau, gebe ihnen Sicherheit. Ich glaube nicht, dass es für Frau Müller mit fortgeschrittener Alzheimer-Erkrankung einen Unterschied macht, ob ich sie duze oder sieze. In meiner Demenzfortbildung haben wir darüber gesprochen, unsere Demenzexpertin sah das genauso. Ihr fiel kein stichhaltiges Argument für das Duzen ein. Was im Umgang mit diesen Menschen wichtig ist, sind Mimik, Körpersprache, Geduld.

Mit Duzen allein baut man keine Beziehung auf. Man fällt nur mit der Tür ins Haus.

Einsam und verloren: Mit Demenz im Krankenhaus

Letzte Woche zu Beginn des Spätdienstes schaue ich mit meinem Kollegen kurz nach Patient H. Der Mann hat eine fortgeschrittene Demenz und ist schon einmal bei uns gestürzt. Als wir die Tür aufmachen, kommt er uns gerade entgegen: Nackt und orientierungslos klammert er sich an einen Stuhl, auf dem Boden ist überall Blut, das zähflüssig aus seinem Penis tropft. Offensichtlich hat er sich gerade den geblockten Blasenkatheter herausgezogen.

Demenz ist – abgesehen von Ausnahmen – eigentlich eine Kontraindikation für einen Blasenkatheter, also ein Ausschlusskriterium. Ich sehe bei uns trotzdem ständig Menschen mit Demenz und Blasenkatheter. Gerade Männer kommen oft nicht damit klar, dass da ein Schlauch in ihrem Penis steckt, und ziehen kräftig daran. Mit den immer gleichen Folgen, siehe oben. Solche Patienten bluten oft ausgiebig und brauchen dann manchmal Blutkonserven, was übrigens auch sehr viel Geld kostet. Außerdem benötigen sie nun wirklich einen Blasenkatheter, und zwar jetzt einen so genannten Spülkatheter, der verhindern soll, das Blutpfropfen die Harnröhre verstopfen. Ein Teufelskreis. Patient H haben wir Fäustlinge angezogen. Sie sehen etwa so aus wie Boxhandschuhe und verhindern, dass man den Katheterschlauch greifen und herausziehen kann. Oder sonst irgendetwas mit seinen Händen machen.

Man liest öfter den Satz, dass Krankenhäuser für Menschen mit Demenz gefährliche Orte sind. Das ist nicht übertrieben. Und es ist ein riesiges Problem, wenn man sich klar macht, dass in Deutschland ca. 1,7 Millionen Menschen an Demenz leiden und diese Gruppe allein altersbedingt sehr häufig in Kliniken eingeliefert wird. Die Krankenhäuser sind aber nicht eingestellt auf solche Menschen, weder personell noch vom pflegerischen Know-how. Und für diese Patienten bedeutet der Klinikaufenthalt oft einen negativen Schub in ihrer Erkrankung.

Ein wesentliches Problem: Diese Leute brauchen sehr viel Zuwendung, weil sie oft schon nicht verstehen, wo sie überhaupt sind und wieso. Sie brauchen ihre gewohnte Umgebung, um sich halbwegs im Alltag zu orientieren und sicher zu fühlen. Im Krankenhaus fällt das weg, alles ist neu und ungewohnt, das führt zu Verunsicherung und Angst. Jetzt finden sich die Leute noch schlechter in ihrem Leben zurecht, werden unruhiger, verwirrter – ein Teufelskreis. Das hat sich durch Corona mit den eingeschränkten Besuchsregeln noch verstärkt, tagelang schauen diese Patienten in kein bekanntes Gesicht und verzweifeln.

Oft spricht man am Telefon mit Verwandten und ist überrascht: Der Opa kam zu Hause noch ganz gut zurecht, bei uns bekommt er kaum einen sinnvollen Satz zustande. Was die Sache noch komplizierter macht: Oft ist auch ein Delir im Spiel, auch als „Durchgangssyndrom“ bekannt, das zum Teil ähnliche Symptome aufweist wie Demenz, aber sehr plötzlich auftritt – anders als viele glauben allerdings nicht nur nach Operationen: Jeder Krankenhausaufenthalt bringt für ältere Patienten ein erhöhtes Delir-Risiko mit sich.

Zudem sind solche Leute, wenn die Demenz fortschreitet, zunehmend unberechenbar, sie schmeißen Sachen um, legen sich ins falsche Bett, rufen unentwegt laut um Hilfe, ziehen sich venöse Zugänge (oder eben Katheter), versuchen abzuhauen und so weiter. Mit dem aktuellen Personalschlüssel auf Stationen wie meiner ist es unmöglich, solchen Leuten gerecht zu werden, gerade auf internistischen Stationen, wo manchmal 20 oder mehr Prozent der Patienten eine Demenz haben.

Ein weiteres Manko: Die Kommunikation mit diesen Patienten ist eine echte Herausforderung, mit der viele in der Pflege schlicht überfordert sind. In meiner Fortbildung fiel der Satz: Bei fortgeschrittener Demenz spielt Vernunft keine Rolle mehr, es geht nur noch um Gefühle. Und das Krankenhaus bringt für die Leute fast nur negative Gefühle mit sich: Sie wissen nicht, wo sie sind, vermissen vertraute Menschen, müssen schmerzhafte Behandlungen ertragen, Regeln einhalten, die sie nicht verstehen und sich nicht merken können etc. Darauf einzugehen, kostet für uns als Pflegende Geduld, Einfühlungsvermögen und Frustrationstoleranz.

Stattdessen wird im Alltag immer wieder an die Vernunft appelliert, auf Fehler hingewiesen und auf Regeln gepocht. Man redet einfach so, wie man es gewohnt ist, als hätte man einen klar denkenden Menschen vor sich. Alles sinnlos. Aber irgendwie auch verständlich, denn das System Krankenhaus funktioniert nicht ohne Regeln.

Immerhin: Wir haben ein Demenz-Team im Haus, aber es besteht nur aus zwei Kolleginnen. Sie entlasten im Frühdienst die Stationen bei der Pflege, was angesichts ihrer Personalstärke natürlich nur ein bescheidener Beitrag sein kann. Außerdem setzen sie sich für die betroffenen Patienten ein und sind im Hause auch sehr gut vernetzt. Und schrecken auch nicht davor zurück, sich mit Oberärzten anzulegen. Zum Beispiel, wenn es um Operationen mit fraglichem Nutzen geht oder um Verlegungen innerhalb des Hauses auf Privatstationen, die eben wieder einen zusätzlichen Ortswechsel bedingen und bei den Betroffenen meist zu noch mehr Desorientierung führen. Aber egal, Hauptsache, es bringt mehr Geld.

Außerdem bietet das Demenzteam Fortbildungen für die Pflege an. Das Interesse hält sich aber sehr in Grenzen, die Resonanz ist enttäuschend. Das Thema ist ja auch nicht gerade sexy.

P.S.: Gestern kam ich nach dem Wochenende zum Dienst und erfuhr, dass Patient R, der schon eine Weile bei uns liegt und sehr verwirrt ist, zwischendurch einen Blasenkatheter hatte. Ein Kollege hatte ihn kurzerhand gelegt, keiner wusste, wieso. Vielleicht weil er keine Lust hatte, mehrmals am Tag die Windel zu wechseln. Gebracht hat es ihm wenig. Als er das nächste Mal ins Zimmer kam, hatte R das Ding schon wieder rausgerissen.