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Generation Z und die Rosinen

Über die Generation Z und ihre mutmaßliche Einstellung zur Arbeitswelt hat man schon einiges gelesen, manchmal Plakatives. Vor Kurzem hatte ich ein Gespräch mit einer Vertreterin, sie steht bei uns kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung. Es ging auch darum, dass viele aus ihrem Jahrgang nicht übernommen werden wollen, teilweise in andere Kliniken abwandern, was für unser Haus natürlich bitter ist. Sie selber will bleiben, stellt allerdings Bedingungen.

Offensichtlich hat sie ein Gespräch mit unserm Pflegedirektor gehabt und dabei ihre Forderung formuliert: Sie will nicht in andere Häuser unseres Trägers in der Stadt abgezogen werden (was sowieso praktisch nie passiert und wenn auch nur freiwillig), wenn dort einmal akuter Personalmangel besteht. Und auch nicht auf andere Stationen innerhalb unseres Hauses. Dazu muss man wissen, dass zumindest in Deutschland das kurzfristige Aushelfen innerhalb der Häuser der Regelfall ist. Personalmangel herrscht ohnehin quasi überall, fallen dann irgendwo kurzfristig weitere Kollegen krankheitsbedingt aus, wird geschaut, auf welchen Stationen in der anstehenden Schicht die Not weniger groß ist. Und dann heißt es dort zu Dienstbeginn mal wieder: „Einer muss heute auf die HNO.“ Das ist bei fast allen Kolleg*innen extrem unbeliebt, es ist ja immer ein Sprung ins kalte Wasser. Man kennt die Kollegen nicht, die Patienten nicht, weiß nicht, was einen erwartet, im Zweifel aber Chaos. Für das Haus ist es dagegen – kurzfristig betrachtet – die billigste Art, Löcher zu stopfen. Zeitarbeit ist im Gegensatz dazu ziemlich teuer.

Ich kann also verstehen, dass meine junge Kollegin gern einen Freibrief hätte, von solchen Einsätzen verschont zu bleiben. Nur ist es ihren Kollegen gegenüber, also zum Beispiel mir, unsolidarisch. Das habe ich ihr auch mit etwas anderen Worten zu verstehen gegeben, aber sie schien den Punkt gar nicht zu beachten. Sie war vielmehr sehr verärgert darüber, dass die Pflegedienstleitung (PDL) keine Bereitschaft zeigte, ihr entgegenzukommen. Es hat sich da offenbar die Einstellung breitgemacht, dass wir in Zeiten des Pflegenotstands begehrt sind. Und dass man daraus persönliche Vorteile ziehen kann. Nun ist sie beleidigt, weil der Pflegedirektor ihr nicht entgegenkommt. Es scheint ihr völlig egal zu sein, dass das zulasten ihrer Kollegen gehen würde.

Ist das nun typisch Generation Z? Es passt zumindest zur oft gehörten These, dass die Bereitschaft nachlässt, sich für die Arbeit aufzuopfern. Dem Arbeitgeber zu signalisieren, dass man unser ständiges Versenden im Haus nicht gutheißt, finde ich erstmal richtig. Aber man müsste es anders angehen, nämlich gemeinschaftlich. Die Bereitschaft, sich über Betriebsrat oder Gewerkschaft zu engagieren, sehe ich aber nicht. Da fehlt mir eine politische Haltung anstelle dieser Ich-AG-Einstellung, für sich selber irgendwie Vorteile herauszuholen.

Aber woher kommt die? Anders erzogen als ihre Eltern sind viele aus dieser Generation bestimmt (was man wohl von den Vorgängergenerationen genauso annehmen kann, die Zeiten ändern sich). In diesem Fall hat sich das Verhältnis von Eltern und Kindern mehr in Richtung Freundschaft entwickelt. Die Kinder sollen selber entscheiden, das fühlt sich für viele Eltern liberaler an, ist aber manchmal auch einfach bequemer. Oft wird von den Kindern weniger gefordert, ihnen weniger zugemutet. Das gilt oft auch für die schmerzhafte Erkenntnis, die zum Großwerden gehört: dass man nicht immer alles haben kann, was man sich wünscht, denn manchmal ist es zu teuer oder zu ungesund oder es geht auf Kosten anderer. Oder dass manche Ziele auch größere Anstrengungen erfordern. Und dass nicht immer die anderen schuld sind, wenn etwas nicht klappt.

Was allerdings den gewerkschaftlichen Organisationsgrad betrifft, sieht es in den älteren Generationen in der Pflege auch nicht besser aus (oder kaum? Ich habe da keine Zahlen). Die wenigsten sind bei Verdi. Entsprechend armselig war die Beteiligung bei den Streiks im Frühjahr. Wir haben Glück, dass wir gemeinsam mit Busfahrerinnen und Erzieherinnen streiken, sonst würde sich überhaupt niemand dafür interessieren. Der Betrieb in den Kliniken lief ja normal weiter. Was vorher als „Notbesetzung an Streiktagen“ vereinbart wurde, entspricht ungefähr dem, was auch an normalen Tagen an Pflegepersonal anwesend ist. Aber das ist ein anderes Thema.