Schlagwort-Archive: Süddeutsche Zeitung

Aus dem Leben des Pflege- und Putzproletariats

Im aktuellen SZ-Magazin ist ein Interview mit zwei Frauen erschienen, die jahrelang ihre jeweiligen Männer pflegen bzw. gepflegt und darüber Bücher geschrieben haben. Sie berichten darin auch von den extremen Belastungen und Einschränkungen, die sie hinnehmen. Kaum thematisiert wird im Gespräch, welche professionelle Hilfe Sie in Anspruch nehmen, in kurzen Bemerkungen klingt es aber an – und auch die üblichen Probleme.

Helga S. erzählt: „Ich kann zu Lesungen fahren, weil ich einer sehr guten Krankenschwester vertrauen kann. Sie übernachtet im Wintergarten, das Babyfon ist eingeschaltet, und ihr gebe ich 400 Euro für zwei Tage.“

Ich lese gerade das Buch „Alle_Zeit“ von Teresa Bücker. Sie macht aus dem Thema Zeit eine Gesellschaftsanalyse. Darin beschreibt sie auch, wie unsere Gesellschaft sich standhaft weigert, Pflege – und zwar Pflege im weitesten Sinne – als Arbeit anzuerkennen und sie damit als typische weibliche Beschäftigung sowohl sozial als auch wirtschaftlich abwertet.  Noch 2021 klagte eine Bulgarin dagegen, dass sie sich rund um die Uhr um eine Seniorin kümmerte, von dieser 24-h-Pflege aber nur sechs Stunden pro Tag als Arbeitszeit anerkannt wurden. Ihr Monatslohn: 950 Euro.

Wenn ich Helga S. richtig verstehe, erhält ihre Krankenschwester für 48 Stunden 400 Euro, also einen Stundenlohn von gut acht Euro, da ist man nicht mal in der Nähe des Mindestlohns. Ich habe eine ähnliche Arbeit vor vielen Jahren gemacht. Ich hatte einen festen Stundenlohn, der für die Tagesstunden genauso galt wie für die Nacht, in der ich geschlafen habe, aber meist auch mehrmals rausmusste. Etwa 400 Mark habe ich damals für 24 Stunden erhalten. Wenn man nun die Inflation einrechnet und sehr grob überschlägt, kann man sagen: Ich habe damals schon mehr als das Doppelte verdient. Und ich hatte nicht mal eine Ausbildung.

Helga S. sagt über die Kollegin: „Unsere Gemeinsamkeit ist, dass wir die Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen und ihm gegenüber loyal bleiben.“ Aber was ist der Unterschied zwischen den beiden? Dass Helga S. auf ihrer Lesereise einen deutlich höheren Stundenlohn erzielt als die Krankenschwester, und es sich deshalb leisten kann, sie zu beschäftigen. Die Pflegeversicherung wird dafür kaum reichen. Es ist für sie also profitabler, die Frau für sie arbeiten zu lassen als zu Hause zu bleiben. Und aus Sicht der Pflegerin? Der Mann von Helga Schubert hat eine Demenz und eine fortgeschrittene Krebserkrankung, er macht mit andern Worten sehr viel Arbeit. Sie wird zudem für zwei Tage aus ihrem normalen Leben herausgerissen. Warum? Offenbar aus Loyalität.

Gutverdiener kaufen sich freie Zeit – Niedriglöhner müssen doppelt putzen

Helga S. macht sich durchaus Gedanken über die soziale Komponente. Sie spricht an, dass andere Menschen es sich nicht leisten können, so wie sie eine Pflegerin auf private Rechnung zu engagieren. Aber könnte sie es sich auch dann noch leisten, wenn sie ihr einen angemessenen Lohn zahlen würde?

Keine Frage, Helga S. leistet Enormes. Ihr Leben dreht sich überwiegend um die Pflege ihres Mannes. Ich erlebe im beruflichen Alltag ständig solche Menschen, die – gerade wenn der Partner oder die Partnerin eine Demenz hat – in eine totale Überlastung hineingeraten. Der Aufwand ist riesig, die psychische Belastung enorm.  Insofern ist es gut, dass Helga Schubert sich Hilfe organisiert. Viele sind damit überfordert.

Ob die Krankenschwester den Job neben ihrer normalen Arbeit macht, um sich ein bisschen was dazuzuverdienen? Ich unterhalte mich bei uns im Haus manchmal mit den Kolleginnen vom Service, die u.a. das Essen verteilen. Sie haben eine Sechs-Tage-Woche mit mehr als 40 Stunden, arbeiten also an jedem Wochenende. Mehrere haben trotzdem noch einen zweiten Job, um das karge Gehalt etwas aufzubessern. Eine erzählte mir vor Kurzem, dass sie fünf Mal die Woche abends noch zwei Stunden putzen geht. Sie ist um die 60, glaube ich und ihr Gang sieht auch nicht mehr rund aus. Aber irgendwoher muss das Geld ja kommen.

Auch mit diesem Thema beschäftigt sich Teresa Bücker in ihrem Buch explizit und beleuchtet das Putzen in Privathaushalten. Wieder zeigt sie dabei die Bedeutung von Gehaltunterschieden. Die Mittel- und Oberschicht erkauft sich freie Zeit, weil ihre Arbeitsstunden mehr wert sind. Die Reinigungskraft hat diese Wahl nicht, sie muss putzen gehen und ihre eigene Hausarbeit machen. Bücker geht so weit zu fordern, auf die Putzhilfe zu verzichten. Und zwar indem sie ein komplettes Umdenken fordert: Weg vom Vollzeiterwerbsdenken mit 40-Stunden-Woche: Das bedeutet für die Gutverdiener ständigen Zeitdruck, denn die restliche Zeit des Tages besteht aus vielen andern Pflichten und nicht nur aus Freizeit. Besonders für Menschen mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. Oder für Frauen, die in der Regel deutlich mehr Erziehungs- und Hausarbeit leisten. Die Lösung muss sein, weniger zu arbeiten statt sich von Pflege oder Hausarbeit freizukaufen. Denn das bestehende Modell verstärkt nur die ungerechte Verteilung von Geld und von Zeit.

Lena auf Depri-Tour

Manche psychischen Krankheiten sind in den vergangenen Jahren in Mode gekommen: ADHS im Erwachsenenalter, Autismus, Depressionen. In dichter Folge outen sich immer wieder Schauspieler und andere Prominente, vor Kurzem war es Sängerin Lena Meyer-Landrut, deren Depression in einem großen Artikel in der Süddeutschen Zeitung beschrieben wurde.

Ich stutzte kurz und überlegte: Das Gesicht, das mich in einem Teaser auf Seite 1 schon traurig anblickte, hatte ich doch gerade erst gesehen. Ja, richtig, am Vortag war just in der SZ eine Eigenanzeige erschienen: 300 Konzertkarten für Lena zu gewinnen („nur für SZ-Abonnenten“). Sie ist gerade auf Tournee und hat eine neue Single herausgebracht. Da habe ich mich gefragt, ob es nicht journalistisch geboten gewesen wäre, auf eines der beiden zu verzichten: die PR-Aktion oder den Artikel. Beides so dicht hintereinander verträgt sich nicht mit journalistischer Unabhängigkeit.

Keine Ahnung, was Lena seit dem ESC-Gewinn so getrieben hat, es hat mich nicht interessiert. Es gibt nur eine Szene, die ich vor Jahren gesehen habe und die sich mir ins Gedächtnis gebrannt hat. Vielleicht war ich auch nur schlecht vorbereitet, weil ich nie Castingshows schaue. Lena war jedenfalls Jurorin bei einer Kinder-Casting-Show (The Voice Kids, glaube ich). Ein Junge war gerade herausgewählt worden, hatte die Bühne verlassen. Plötzlich sprang Lena auf, rannte ihm hinterher, dicht auf ihren Fersen natürlich die Kamera, die ihren Weg hinter den Kulissen zeigte und wie sie dann den Jungen einholte und offenbar spontan in den Arm nahm. Weil es ihr so leidtat, dass er nicht mehr dabei sein durfte.

Für mich war das ein Sinnbild von Verlogenheit. Jurorin in einer Castingshow mit der Aufgabe, reihenweise Kinder vor die Tür zu setzen. Und sich dann als großartiger Gefühlsmensch zu inszenieren. Ich bezweifle, dass der Auftritt wirklich spontan war.

Ich habe keine Ahnung von Lenas Gesundheitszustand. Ich will auch nicht bezweifeln, dass sie tatsächlich an Depressionen leidet. Woher soll ich das wissen? Ich will nur sagen, dass sie bei mir in punkto Glaubwürdigkeit nicht auf den vorderen Rängen liegt. Und nun hat sie sich offensichtlich entschieden, mit ihrer Depression an die Öffentlichkeit zu gehen. Im SZ-Artikel heißt es: „Lena Meyer-Landrut spricht mittlerweile offen über ihre Unsicherheit – aber nur mit Menschen denen sie vertraut.“ Es ist fast zu banal, um es auszusprechen, aber trotzdem: Sie spricht nur mit Menschen darüber, denen sie vertraut – und mit Journalistinnen, die es dann groß herausposaunen.

In dem Artikel werden auch Zeilen aus Lenas Liedtexten zitiert. „Goodbye to the doubts, I hate them”, heißt es da zum Beispiel. Oh wow, jetzt können die Fans verstehen, was die Texte wirklich bedeuten, das ist alles echt! Wer aber glaubt, dass es sich hier vielleicht um eine Imagekampagne handelt, der wird schon auf der Seite 1 der SZ-Ausgabe beruhigt. Unter besagtem Bild, auf dem Lena so traurig schaut, steht ein Satz von ihr: „Für mich ist die Depression etwas ganz Normales und nichts Sensationelles.“ Soll bloß keiner denken, sie will Aufmerksamkeit erregen.

Prominente, die sich zu ihren Depressionen bekennen, werden oft gelobt, weil sie das Verständnis für die Krankheit fördern. Vielleicht tragen sie aber auch zu einem verzerrten Bild bei. Eine Betroffene, die in einem schwarzen Loch steckt, wird sich vielleicht in Zukunft öfter anhören müssen: Stell dich mal nicht so an, Lena ist auch depressiv. Aber die geht auf Deutschland-Tournee!

Verantwortungsgemeinschaft – viel Lärm um nichts

Die FDP hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker zur Klientelpartei für Besser- und Bestverdiener entwickelt. Damit das nicht zu sehr auffällt, muss hin und wieder mal ein wirtschaftsfernes liberales Projekt präsentiert werden, in dem zum Beispiel klassiche Familienstrukturen überwunden werden. Das heißt jetzt nicht, dass die Liberalen über das Ende des Ehegattensplittings nachdenken würden, das ist mit Christian Lindner nicht zu machen. Stattdessen hat man sich das Projekt „Verantwortungsgemeinschaft“ ausgedacht, laut Justizminister Buschmann „etwas völlig Neues“. Aber mit dieser Aussage verhält es sich wie so oft in der Werbung: Das Gegenteil ist der Fall. Die Qualitätsmedien schert das nicht, es wird fleißig, aber planlos berichtet.

Ein wesentlicher Pfeiler der Idee: Wenn zum Beispiel jemand ins Krankenhaus kommt und nicht mehr selber in der Lage ist, über Behandlung und Maßnahmen zu entscheiden, wer soll es tun? Da will die FDP Menschen außerhalb der Kernfamilie ins Spiel bringen. Jeder soll in der Verantwortungsgemeinschaft autorisiert werden können, also vor allem befreundete Vertrauenspersonen. Klingt nach einer progressiven Idee, gibt es aber längst, und zwar in Form der Vorsorgevollmacht.

Das Thema ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt, viele denken, dass in Krisenfällen zum Beispiel Eheleute im Krankenhaus sofort Auskunft erhalten und in Absprache mit Ärztinnen Entscheidungen treffen können. Das stimmt aber nicht. Erst seit dem Vorjahr gibt es immerhin das Notvertretungsrecht, das in solchen Fällen greift, aber auf sechs Monate befristet ist. Das Entscheidende ist die Vorsorgevollmacht. In den Augen vieler Experten ist sie wichtiger als eine Patientenverfügung.

Dringend notwendig ist sie zum Beispiel bei Patienten, die aufgrund einer Demenz nicht mehr entscheidungsfähig sind oder die an einer tödlichen Krankheit leiden. Hat der Partner – egal ob verheiratet oder nicht – keine Vollmacht, kann er auch nichts bestimmen. Kinder genauso wenig. Stehen dann wegweisende Entscheidungen an, zum Beispiel über den Abbruch einer Behandlung oder eine Verlegung ins Heim, muss ein gesetzlicher Betreuer eingesetzt werden, dessen einzige Aufgabe es ist, im mutmaßlichen Sinne des Patienten zu handeln. Leider dauert es in der Regel viele Wochen, bis ein Betreuer über eine Richterin gefunden und autorisiert ist.

Der Justizminister präsentiert „etwas völlig Neues“, das es schon gibt

Dagegen kann man in einer Vorsorgevollmacht viele Kompetenzen an beliebige Menschen seines oder ihres Vertrauens übertragen, auch an mehrere: von gesundheitlichen Fragen über organisatorische oder finanzielle. In der Regel reicht die Unterschrift von beiden Seiten. Man kann also schon längst Verantwortungsgemeinschaften bilden, sie heißen nur nicht so.

Vor Kurzem hat die Süddeutsche den Plänen der FDP ein großen Artikel gewidmet, die „Vorsorgevollmacht“ taucht darin aber nur ganz am Rande auf. Die drängende Frage, wie die beiden Konzepte zueinander stehen, wird gar nicht gestellt. Für die Autorin Constanze von Bullion ist es viel wichtiger, der Frage nachzugehen, ob mit den Plänen die privilegierte Stellung der Ehe bedroht ist. Womit sie schon auf das Spielchen der FDP hereingefallen ist.

Nun muss man erwähnen, dass die Verantwortungsgemeinschaft noch weitere Elemente haben könnte. Die Pläne sehen etwa vor, dass zum Beispiel Menschen aus dem persönlichen Umfeld zusätzliche Rechte erhalten, die bislang nur für Familienmitglieder gelten, zum Beispiel Freistellungen vom Job, um Zeit für Pflege zu haben, bzw. finanzielle Entschädigungen. Das Problem ist nur: Eine Finanzierung dafür steht in den Sternen. Und bekanntlich ist die FDP eher eine Partei der Haushaltsdisziplin und weniger der Sozialausgaben.

Expertin im Studio: eine FDP-Politikerin, die sich nicht auskennt

Groß berichtet hat auch WDR 5, es gab einen 45-Minuten-Beitrag mit Zuhörerbeteiligung (hier der Link dazu). Auch hier wird die Gesetzesinitiative als Epochensprung präsentiert und viel Bohei um eine Neuerung gemacht, die es längst gibt. Im Studio sitzt normalerweise eine Moderatorin zusammen mit einer Expertin, die dann die Kommentare der Anrufer einordnet. In diesem Fall gab es bei der Expertin aber zwei Probleme: Ria Schröder war als am Gesetzesvorhaben beteiligte FDP-Politikerin nicht ganz unabhängig. Und sie war schlecht vorbereitet.

Es dauerte eine Weile, bis sich eine Hörerin mit dem Einwand zu Wort meldete, das Vorhaben sei überwiegend überflüssig: „Es gibt ja schon die Vorsorgevollmacht.“ Nun stellte sich heraus, dass Ria Schröder, die angeblich an der Entstehung des neuen Gesetzes beteiligt ist, über die Vorsorgevollmacht schlecht informiert ist („Ich bin keine Medizinrechtlerin“). Sie weiß gar nicht, was man damit alles regeln kann. Eigentlich grotesk. Vermutlich wird es der Karriere der fotogenen Nachwuchspolitikerin (2018-2020 Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen) aber nicht schaden.

Übrigens würde sich mit der Verantwortungsgemeinschaft doch etwas ändern. Laut SZ müsste man sich die entsprechende Vereinbarung in jedem Fall von einem Notar oder einer Notarin beurkunden lassen (Bei der Vorsorgevollmacht ist das nur notwendig, wenn man Kompetenzen übertragen will, die sich auf Immobilienbesitz beziehen). Über diese Neuerung würde sich bestimmt eine Berufsgruppe freuen, die üppige Honorare für ihre Dienstleistungen veranschlagt – und laut einem verbreiteten Klischee gern die FDP wählt.

Leistung lohnt sich nicht

Aktuelles Beispiel aus der SZ, die neue Arzt-Kolumne von Johannes Ahme. Darin bricht er eine Lanze für unsern Berufsstand, was ja erstmal löblich ist. „Hunderttausenden Pflegekräfte“, heißt es dann, verdienen „mehr Anerkennung für einen fantastischen Job.“ Ein solches Lob hätte er sich sparen können. Sämtliche Pflegenden über einen Kamm zu scheren, ist platt und anbiedernd. Aber typisch, denn das Klischee hält sich hartnäckig. Die selbstlose Krankenschwester, die sich für ihre Patienten aufopfert, voller Empathie, bei schlechtester Besetzung rennt sie über die Station, um die Leute zu versorgen, der Job ist für sie eine Berufung. Und so weiter. Wie so viele Stereotype ist auch dieses nur zu einem kleinen Teil richtig. Und es hat fatale Auswirkungen auf die Leistungskultur in unserm Beruf – es gibt nämlich quasi keine.

Wer die dreijährige Ausbildung zum examinierten Pfleger abgeschlossen hat, für den gibt es außer Studieren kaum noch Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Stationsleitung könnte man noch werden, aber die Jobs sind rar. Und die gute alte „Oberschwester“ gibt es schon lange nicht mehr. Auf meiner Station gibt es ein großes Team mit unterschiedlichen Qualifikationen, Praktikanten, Pflegehelfer und -assistenten, aber auch viele examinierte Pflegerinnen und Pfleger. Und es ist frappierend, wie extrem die Unterschiede sind, was Können und Leistungsbereitschaft anbetrifft. Natürlich gibt es diejenigen, die ein Berufsethos haben, die sich reinhängen und Gedanken über ihre Arbeit machen. Auf der andern Seite sind da aber auch viele Kollegen, die versuchen, mit minimalem Aufwand durch die Schicht zu kommen. Die kein Interesse haben, sich weiterzuentwickeln. Die oft Patienten als Menschen betrachten, die Arbeit verursachen, die angeblich „anstrengend“ sind oder „ständig klingeln“.

Jetzt würde man vielleicht denken, unser Krankenhaus als Arbeitgeber, hat ein Interesse daran, das Niveau der Pflege zu heben. Uns als Pflegende zu fördern, zu unterstützen, damit wir besser werden. Davon ist aber fast nichts zu spüren. Es gibt keine Personalgespräche, keine Kultur von Lob und Kritik. Bei den Guten ist man sicher froh, dass man sie hat, die Andern lässt man weitgehend in Ruhe. So ist jedenfalls auf meiner Station.

Vor einem Jahr habe ich die Initiative ergriffen und mich weitergebildet. Niemand im Haus war auf die Idee gekommen, mich zu fragen, ob ich Pläne habe. Ich wurde dann freigestellt und die Weiterbildung bezahlt, das ist aber eine Selbstverständlichkeit. Zumal viele Mitarbeiter mit der betreffenden Qualifikation fehlen. Nach dem Abschluss stellte sich dann heraus: Die magere Zulage, die mir nun laut einer Hausvereinbarung zusteht, bekomme ich doch nicht, sondern nur einen Bruchteil davon. Netto sind das rund 20 Euro im Monat, haha. Immerhin: In der Klinik, in der ich vorher war, sieht es noch schlechter aus. Da gab es für Leute mit dieser Weiterbildung keinen Cent. Ich würde das in beiden Fällen leistungsfeindlich nennen.

Wenn früher irgendwo Forderungen nach leistungsorientierter Bezahlung laut wurden, war ich vom Gefühl eher skeptisch. Werden da Arbeitnehmer gegeneinander ausgespielt? Wie lässt sich Leistung überhaupt messen? Jetzt denke ich mir, es ist zumindest ein möglicher Baustein, Leistung zu fördern. Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass sich jemand dafür interessiert, wie sie arbeiten. Dass Engagement geschätzt und belohnt wird. Überhaupt wahrgenommen wird.

Bei uns dagegen ist es so: Wer nicht aus sich selber heraus den Anspruch hat, überdurchschnittlich zu sein, sich zu verbessern und etwas zu bewegen, woher soll er oder sie den Antrieb nehmen? Aus dem direkten Umfeld kommt er jedenfalls nicht. Pflegende sind ja angeblich schon Überzeugungstäter, die muss man nicht motivieren.

Steckt vielleicht auch das Denken dahinter, dass Pflege kein sehr anspruchsvoller Job ist, den doch jede halbwegs vernünftig hinbekommen sollte? Glaube ich nicht einmal. Ich denke, dass auf den verantwortlichen Ebenen in unserm Haus durchaus das Bewusstsein dafür vorhanden ist, dass es große Unterschiede in der Qualität der Pflege gibt, auf jeder Station. Aber andererseits denkt man sich dort wahrscheinlich auch: „Was soll’s? Macht betriebswirtschaftlich keinen Unterschied. Läuft nicht ideal, aber läuft.“

Vor einiger Zeit wurde bei uns ein Programm für Frisch-Examinierte eingeführt, eine Art Crashkurs zum Berufsstart, wo es um Themen wie eine strukturierte Übergabe geht, Mobilisation von Patienten oder Aufnahme. Ich nahm auch teil. Regelmäßig mussten wir kleine schriftliche Arbeiten einreichen, als Belohnung wurde ein freier Tag versprochen. Erst gegen Ende des Programms kam ich dahinter, dass die meisten Kollegen nur selten etwas abgegeben hatten. Die freien Tage haben sie trotzdem bekommen.

Sensation – die FDP hat ihr Herz für Pflegende entdeckt!

Klingt wie eine gute Nachricht: Unser Verkehrsminister Volker Wissing von der FDP macht sich Sorgen um unsere Mobilität. Laut sueddeutsche.de geht es ihm darum, wie „der Krankenpfleger und die Krankenschwester auf dem Land zu flexiblen Zeiten ins Krankenhaus kommen“. Kurios ist allerdings seine Antwort. Er will das so genannte Dienstwagenprivileg erhalten, also ein typisch deutsches Besserverdiener-Gesetz, mit dem Nutzer von Dienstwagen steuerlich gefördert werden. Das kostet uns als Steuerzahler im Jahr mehr als 3 Milliarden Euro.

Wissings Logik: Durch das Dienstwagenprivileg wird der Verkauf von E-Autos angeschoben. Die landen dann irgendwann auf dem Gebrauchtwagenmarkt, wo sich arme Schlucker wie wir aus der Pflege dann auch ein E-Auto leisten können. „Wir reden da auch nicht über große Limousinen, wie viele meinen“, behauptet der Minister. „Der klassische Dienstwagen ist ein Standardfahrzeug.“ Das Dienstwagenprivileg ist also angeblich gut für die Pflegenden und für die Umwelt.

Stimmt aber nicht. Die SZ schreibt dazu: „Gerade große, teure Limousinen oder Geländewagen, mit denen die Hersteller die höchsten Gewinnmargen erreichen, werden fast ausschließlich als Dienstwagen verkauft.“ Es geht also für die FDP um Gefälligkeiten für ihre Wählerschaft. Nichts Anderes ist von einer Klientelpartei zu erwarten. Weniger zu erwarten ist, dass unserereiner demnächst auf dem Klinikparkplatz im Porsche Cayenne vorfährt.

Was mich am meisten an der Argumentation stört, ist aber das Gutsherrenartige: Wenn es den Wohlhabenden gutgeht, fällt bestimmt auch etwas für die kleinen Leute ab. Das Argumentationsmuster ist bekannt und wird auch auf dem Wohnungsmarkt angewendet. Seit Jahren steigen die Mieten in den Städten in skandalöser Weise und die Politik schaut zu. Das sei aber gar nicht so schlimm, sagen dann manche. Menschen mit Geld würden in teurere Wohnungen ziehen und damit günstigeren Wohnraum für die Einkommensschwachen freimachen. Das ist zum einen faktisch dubios, da bei der Neuvermietung die Miete häufig aufgeschlagen wird. Und außerdem bekannt ist, dass in den Großstädten unzählige Menschen an die Ränder gedrängt werden, weil sie sich die Mieten in zentralen Lagen nicht mehr leisten können.

Zum andern ist es verlogen, denn es soll verschleiern, wessen Interessen bedient werden. Im Falle des Dienstwagenprivilegs die von Gutverdienern sowie von BMW, Audi etc. Nicht meine.

Von perversen Zeitarbeitern und dem heldenhaften Helios-Konzern

Das Thema Zeitarbeit in der Pflege gerät gerade wieder in die Diskussion. In der SZ stand vor einiger Zeit ein Artikel darüber, unglaublich tendenziös und hanebüchen. Der Tenor, in zugespitzter Form: Zeitarbeit in der Pflege ist niederträchtig, Schuld daran haben nicht zuletzt die Pflegenden, aber es besteht noch Hoffnung, die Arbeitgeber kümmern sich.

Einen groben Überblick über das Thema habe ich vor längerer Zeit schon einmal hier geschrieben. Der SZ-Artikel zeigt nun, mit welchen Methoden Kliniken und Politik Stimmung gegen die Zeitarbeit machen. Das sind Leute, die sich jederzeit gern damit zitieren lassen, wie wichtig die Pflege ist und was wir für unschätzbare und tolle Arbeit leisten. Gleichzeitig agitieren sie gegen unsere Interesse. Und die SZ lässt sich vor ihren Karren spannen.

Die Überschrift des Artikels lautet „Leihen und Leiden“ (Was tut man nicht alles für eine Alliteration?), mit Leiden ist aber nicht das der Patienten gemeint, deren Versorgung tatsächlich unter Personalmangel leidet. Studien belegen erhöhte Mortalität bei schlechter personeller Besetzung, kurz gesagt: Die Überlebenschancen der Patienten sinken. Gemeint sind auch nicht die Pflegenden, die oft hohem Stress bei Unterbesetzung ausgesetzt sind oder in ihren Häusern auf andere, ihnen unbekannte Stationen geschickt werden, um Löcher zu stopfen. Nein, es geht offenbar um das Leid der Klinikmanager, die gramgebeugt über ihren Bilanzen sitzen. Denn Zeitarbeit verursacht höhere Kosten. Und die mögen Arbeitgeber bekanntlich nicht.

Das gilt sicher auch für Gerald Gaß, Vorsitzender der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft (DKG). So sagt er das aber nicht, sondern schwingt sich zum Anwalt von uns Pflegenden auf. Seine angebliche Sorge laut SZ ist, dass die Belegschaften durch die Leiharbeit „mehr und mehr gespalten“ würden. Über diese Frage könnte man in der Tat diskutieren, meiner Erfahrung entspricht die Aussage zwar nicht der Realität. Zudem führt das angesprochene Verschicken innerhalb der Häuser ebenfalls zu Missgunst, denn die Stationen werden dabei gegeneinander ausgespielt. Man kann dabei aber auch beobachten, dass die Solidarität über Stationsgrenzen hinweg doch bei vielen sehr begrenzt ist. Aber das ist ein anderes Thema, ich will nur sagen: Aus dem Mund von Gaß ist die Aussage verlogen, denn er ist nicht unser Anwalt, für uns zu sprechen ist anmaßend. Weiterhin behauptet er, die Leiharbeit entwickle sich „von der Ausnahme zum Regelfall“. Ein paar Absätze weiter reibt man sich als Leser verwundert die Augen, 3,1 Prozent beträgt der Anteil der Leiharbeitskräfte – der „Regelfall“?

In der Rhetorik der Arbeitgeber gilt der Staat meist als lästiger Regulierer, der die freien Kräfte des Marktes nicht in ihrer Entfaltung stören sollte. Nun hat es sich im Leiharbeitsmarkt der Krankenpflege so entwickelt, dass sich die Verhältnisse von Angebot und Nachfrage tatsächlich einmal zum Nutzen der Beschäftigten auswirken. In der Zeitarbeit kann man deutlich mehr verdienen als in Festanstellung auf Station. Das gilt bei Herrn Gaß nun als Teufelszeug und muss staatlich unterbunden werden.

Eine 180-Grad-Wende hat auch die CDU hingelegt. In jahrelanger Regierungsverantwortung wäre genug Zeit gewesen, das Thema Zeitarbeit anzupacken. Schon vor Jahren wurde die Diskussion zum Beispiel in Berlin auf Landesebene geführt, ob man die Zeitarbeit in der Pflege nicht einschränken oder gar verbieten sollte. Die Union hatte offensichtlich kein Interesse. Nun ist sie im Bund in der Opposition und kocht das Thema mit gespielter Empörung hoch. Ein gewisser Herr Müller findet, „die Leiharbeiter pervertieren das System“, Leiharbeit sei zudem „unsozial“.

Das ist schon harter Tobak, es ist sogar eine Unverschämtheit. Als Krankenpfleger habe ich selber darüber nachgedacht, in die Zeitarbeit zu wechseln. Ein höheres Gehalt ist schließlich kein schlechtes Argument. Und deswegen soll ich mir jetzt von Leuten wie Gaß und Müller ein schlechtes Gewissen einreden lassen? Davon abgesehen: Umsetzen werde ich den Plan eher nicht. SZ-Autorin Angelika Slavik behauptet zwar, die Zeitarbeiter*innen seien die einzige zufriedene Gruppe im Gesundheitswesen. Dabei unterschlägt sie die Nachteile: Es wird viel Flexibilität verlangt, die Anfahrtswege würden sich verlängern, man bewegt sich ständig in ungewohnter Umgebung, teilweise ungewohnten Fachgebieten, hat kein vertrautes Team von Kollegen, Ärzten etc. um sich. Wären die Zeitarbeiter tatsächlich wie im Artikel behauptet die einzige zufriedene Gruppe im Gesundheitswesen, warum liegt ihr Anteil dann bei 3,1 Prozent?

Perfide auch, wie die SZ die Zeitarbeiter darstellt. Angeblich genießen sie nur Vorteile, laut dem Teaser arbeiten immer mehr von ihnen „lieber“ für Zeitarbeitsfirmen. Mit solch kleinen Signalwörtern werden Bilder heraufbeschworen von Kollegen, die sich am Wochenende auf die Couch fläzen und sagen: „Och nö, ich habe keine Lust auf Festanstellung, ich mache Zeitarbeit. Mir doch egal, dass das unsozial ist.“ Nein, die Guten in diesem Artikel sind die Klinikbetreiber, zum Beispiel Helios, der kein Samariterverein, sondern als Privatunternehmer zur Profitmaximierung verdammt ist. „Die ersten Klinikbetreiber arbeiten schon daran, ohne Leiharbeitskräfte auf ihren Stationen auszukommen“, heißt es in der Bildunterzeile. Das klingt nach einem heldenhaften Kampf. Bei Helios in Leipzig, so ist zu lesen, komme man seit einiger Zeit sogar schon ohne Leiharbeiter aus. In der grotesken Logik der SZ offenbar eine tolle Sache. Was wir nicht erfahren: wie das umgesetzt wird. Was bedeutet das für die Beschäftigten auf den Stationen? Natürlich eine Verschlechterung, weniger Entlastung, mehr Stress.

Man kann sich denken, wie das abläuft. Die fehlenden Zeitarbeiter reißen ja Löcher. Also werden vermehrt festangestellte Kolleg*innen kurzfristig von ihren Stationen abgezogen und dahin geschickt, wo es gerade am meisten brennt – eine Maßnahme, die in vielen (oder in allen?) Kliniken an der Tagesordnung und in den Belegschaften extrem unbeliebt ist. Ob sich Herr Gaß – der mit der Sorge um die gespaltenen Belegschaften – wohl darüber auch den Kopf zerbricht?