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Streikrecht einschränken? – Im Gegenteil!

Arbeitgeber mögen keine Streiks, das war schon immer so. Kein Wunder also, dass CDU und FDP gerade mal wieder versuchen, das Streikrecht einzuschränken. Nach dem quälend langen Konflikt zwischen Bahn und GDL scheint der Moment günstig. Dabei ist jetzt viel von der kritischen Infrastruktur die Rede, die angeblich geschützt werden muss, auch die Pflege wird genannt. Was natürlich paradox ist, denn das Problem in der Pflege ist ja, das viel zu wenig gestreikt wird.

Mal ein Rückblick auf den letzten Streik im öffentlichen Dienst, der auch die kommunalen Kliniken betraf, Anfang 2023 war das: Wir hatten gerade ein Jahr extremer Inflation hinter uns, die realen Einkommen waren dramatisch abgestürzt. Und dann gibt es da ja noch den Pflegenotstand und die Einsicht, dass der Beruf massiv aufgewertet werden muss. Sehr gute Gründe also für deutliche Tariferhöhungen. Hat aber alles nichts genutzt, der Abschluss, den Verdi aushandelte, war die reinste Enttäuschung. Die kommunalen Arbeitgeber stellten sich einfach hin und sagten: Die Kassen sind leer. Die paar Streiks haben sie ausgesessen.

In meinem Haus wurde auch gestreikt, aber die Beteiligung war wie immer ein Witz. Der eine wesentliche Grund dafür ist bekannt, die klassische Krankenschwester ist nicht in der Gewerkschaft und streikt nicht gern. Bei den männlichen Kollegen sieht es auch nicht besser aus. Aber es gibt noch einen weiteren Grund. Vor den Streiktagen werden Notdienstpläne geschrieben, die eine Mindestbesetzung für jede Station und Abteilung vorschreiben. Dadurch wird sichergestellt, dass der Normalbetrieb weiterlaufen kann. Ironie des Pflegenotstands: Die Notdienstpläne unterscheiden sich kaum von der ganz normalen täglichen Unterbesetzung. Jeder Streik wird damit ad absurdum geführt. Das ist so, als würde die GDL sagen: Wir streiken morgen, aber es fahren alle Züge.

Die gängige Begründung: Man kann die Patienten nicht alleinlassen. Das stimmt aber nur zum Teil. Klar muss ein gewissen Niveau sichergestellt sein, damit dringende OPs laufen, Notfälle versorgt werden etc. Aber was uns Corona gezeigt hat: Wenn es sein muss, können Krankenhäuser ihren Betrieb deutlich herunterfahren. Viele langfristig geplante Eingriffe und Untersuchungen können verschoben werden, ohne dass damit die Gesundheit von Patienten gefährdet wird.

Das Entscheidende daran ist, dass die Arbeitgeber bei diesem Szenario etwas zu verlieren haben. OPs und Untersuchungen, die nicht stattfinden, bedeuten finanzielle Einbußen. Erst damit wäre dann der Grundgedanke eines Streiks erfüllt: Druck machen auf die Arbeitgeber, die sich dann überlegen müssen, was mehr Geld kostet – noch mehr Streiks oder Gehaltserhöhungen. Die IG Metall hat diesen Hebel und erreicht damit immer wieder gute Abschlüsse. Prinzipiell könnten wir ihn auch haben.

Das ist etwas völlig Anderes als z.B. unser Streik im Vorjahr, der eine Abfolge von Ritualen darstellte, die am Ende auf die Medien zielen. Das ist kein Arbeitskampf im klassischen Sinne, sondern der Versuch, die Öffentlichkeit auf seine Seite zu ziehen. Eine PR-Schlacht.

Ich weiß nicht, ob man eine Streikausweitung auf der augenblicklichen rechtlichen Grundlage machen könnte. Die Notdienstpläne werden aber meines Wissens zwischen Verdi und den einzelnen Kliniken ausgehandelt. Da hat sich auf jeden Fall ein Vorgehen eingebürgert, das nicht im Interesse der Pflegenden ist. Warum nur?

Natürlich würde die Gegenseite versuchen, uns an den Karren zu fahren, wenn wir mal ernsthaft streiken, anstatt nur so zu tun. Schon jetzt müssen wir uns bei unsern Ministreiks schon anhören, wir wären gierig, würden rücksichtlos die Inflation anheizen und uns nicht um unsere Patienten scheren. Aber Arbeitskämpfe sind nun mal kein Zuckerschlecken. Widersprechen, weitermachen. Die GDL hat gerade vorgemacht, wie es geht.

Generation Z und die Rosinen

Über die Generation Z und ihre mutmaßliche Einstellung zur Arbeitswelt hat man schon einiges gelesen, manchmal Plakatives. Vor Kurzem hatte ich ein Gespräch mit einer Vertreterin, sie steht bei uns kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung. Es ging auch darum, dass viele aus ihrem Jahrgang nicht übernommen werden wollen, teilweise in andere Kliniken abwandern, was für unser Haus natürlich bitter ist. Sie selber will bleiben, stellt allerdings Bedingungen.

Offensichtlich hat sie ein Gespräch mit unserm Pflegedirektor gehabt und dabei ihre Forderung formuliert: Sie will nicht in andere Häuser unseres Trägers in der Stadt abgezogen werden (was sowieso praktisch nie passiert und wenn auch nur freiwillig), wenn dort einmal akuter Personalmangel besteht. Und auch nicht auf andere Stationen innerhalb unseres Hauses. Dazu muss man wissen, dass zumindest in Deutschland das kurzfristige Aushelfen innerhalb der Häuser der Regelfall ist. Personalmangel herrscht ohnehin quasi überall, fallen dann irgendwo kurzfristig weitere Kollegen krankheitsbedingt aus, wird geschaut, auf welchen Stationen in der anstehenden Schicht die Not weniger groß ist. Und dann heißt es dort zu Dienstbeginn mal wieder: „Einer muss heute auf die HNO.“ Das ist bei fast allen Kolleg*innen extrem unbeliebt, es ist ja immer ein Sprung ins kalte Wasser. Man kennt die Kollegen nicht, die Patienten nicht, weiß nicht, was einen erwartet, im Zweifel aber Chaos. Für das Haus ist es dagegen – kurzfristig betrachtet – die billigste Art, Löcher zu stopfen. Zeitarbeit ist im Gegensatz dazu ziemlich teuer.

Ich kann also verstehen, dass meine junge Kollegin gern einen Freibrief hätte, von solchen Einsätzen verschont zu bleiben. Nur ist es ihren Kollegen gegenüber, also zum Beispiel mir, unsolidarisch. Das habe ich ihr auch mit etwas anderen Worten zu verstehen gegeben, aber sie schien den Punkt gar nicht zu beachten. Sie war vielmehr sehr verärgert darüber, dass die Pflegedienstleitung (PDL) keine Bereitschaft zeigte, ihr entgegenzukommen. Es hat sich da offenbar die Einstellung breitgemacht, dass wir in Zeiten des Pflegenotstands begehrt sind. Und dass man daraus persönliche Vorteile ziehen kann. Nun ist sie beleidigt, weil der Pflegedirektor ihr nicht entgegenkommt. Es scheint ihr völlig egal zu sein, dass das zulasten ihrer Kollegen gehen würde.

Ist das nun typisch Generation Z? Es passt zumindest zur oft gehörten These, dass die Bereitschaft nachlässt, sich für die Arbeit aufzuopfern. Dem Arbeitgeber zu signalisieren, dass man unser ständiges Versenden im Haus nicht gutheißt, finde ich erstmal richtig. Aber man müsste es anders angehen, nämlich gemeinschaftlich. Die Bereitschaft, sich über Betriebsrat oder Gewerkschaft zu engagieren, sehe ich aber nicht. Da fehlt mir eine politische Haltung anstelle dieser Ich-AG-Einstellung, für sich selber irgendwie Vorteile herauszuholen.

Aber woher kommt die? Anders erzogen als ihre Eltern sind viele aus dieser Generation bestimmt (was man wohl von den Vorgängergenerationen genauso annehmen kann, die Zeiten ändern sich). In diesem Fall hat sich das Verhältnis von Eltern und Kindern mehr in Richtung Freundschaft entwickelt. Die Kinder sollen selber entscheiden, das fühlt sich für viele Eltern liberaler an, ist aber manchmal auch einfach bequemer. Oft wird von den Kindern weniger gefordert, ihnen weniger zugemutet. Das gilt oft auch für die schmerzhafte Erkenntnis, die zum Großwerden gehört: dass man nicht immer alles haben kann, was man sich wünscht, denn manchmal ist es zu teuer oder zu ungesund oder es geht auf Kosten anderer. Oder dass manche Ziele auch größere Anstrengungen erfordern. Und dass nicht immer die anderen schuld sind, wenn etwas nicht klappt.

Was allerdings den gewerkschaftlichen Organisationsgrad betrifft, sieht es in den älteren Generationen in der Pflege auch nicht besser aus (oder kaum? Ich habe da keine Zahlen). Die wenigsten sind bei Verdi. Entsprechend armselig war die Beteiligung bei den Streiks im Frühjahr. Wir haben Glück, dass wir gemeinsam mit Busfahrerinnen und Erzieherinnen streiken, sonst würde sich überhaupt niemand dafür interessieren. Der Betrieb in den Kliniken lief ja normal weiter. Was vorher als „Notbesetzung an Streiktagen“ vereinbart wurde, entspricht ungefähr dem, was auch an normalen Tagen an Pflegepersonal anwesend ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Sie haben uns wieder über den Tisch gezogen

Vor Kurzem habe ich eine Meldung gelesen, wonach bei den Arbeitnehmern in Deutschland die Reallöhne in den ersten Monaten dieses Jahres deutlich gesunken sind. Nach dem Katastrophenjahr 2022 geht der Trend also weiter: Wir als Arbeitnehmer werden ärmer. Und das obwohl durch tarifliche Anpassungen die Gehälter in den letzten Monaten generell stark gestiegen seien. Die Kaufkraft hat trotzdem weiter abgenommen. Die Inflation hat also die ganzen Lohnzuwächse aufgefressen und noch mehr. Was für mich daran besonders bitter ist: Bei mir ist der Kaufkraftverlust noch viel höher, denn obwohl es einen Tarifabschluss zum 1. Januar 2023 für die Pflege und andere Verdi-Berufsgruppen gegeben hat, ist mein Gehalt seitdem um keinen einzigen Cent gestiegen.

Unser System, das auf Wachstum angewiesen ist, ohne Wachstum zusammenbricht, beschert uns seit anderthalb Jahren also gar kein Wachstum. Nicht mal Stagnation, sondern radikale Schrumpfung.

Es klingt kurios und ist in der ganzen Diskussion während der Streiks im öffentlichen Dienst irgendwie untergegangen. Aber der Abschluss bedeutet, dass wir monatelang überhaupt nichts bekommen. Ende dieses Monats wird endlich die erste Rate des Inflationsausgleichs fällig. Die tarifliche Anpassung, die aber viel wichtiger ist, weil sie sich ja auch auf Rentenansprüche auswirkt, gibt es dieses Jahr überhaupt nicht. Null. Die Gehälter steigen erst schrittweise ab dem 1. März 2024. Nicht 2023, sondern 2024. Wenn ich es so schreibe, kann ich es selber kaum glauben, aber es stimmt.

Man kann das eigentlich niemandem erzählen. Nach einem Jahr wahnsinniger Inflation, die für Millionen Menschen mit niedrigen bis mittleren Einkommen eine finanzielle Katastrophe darstellt, stand für den 1.1.2023 endlich eine Tariferhöhung an. Und worauf haben sich Verdi und die Arbeitgeber geeinigt? Um es nochmal zu sagen: darauf, dass wir erstmal gar nichts bekommen.

Grotesk.

Anerkennung? Ja, schon, aber denkt auch an die Butterpreise!

Für die Pflege stehen die nächsten Tarifverhandlungen an, die Forderung von Verdi mit gut 10 Prozent mehr hört sich erstmal nicht schlecht an. Natürlich werden wir die nicht bekommen. In der Süddeutschen las ich neulich mal wieder die Warnung eines „Ökonomen“, das sei deutlich zu hoch gegriffen. Mit dem bekannten Argument, durch solche Abschlüsse würde die Inflation noch weiter angeheizt. Eine Unverschämtheit.

In Deutschland driften seit Jahrzehnten die Einkommen auseinander, die Reichen entfernen sich immer mehr von der Basis. Was zwar regelmäßig erwähnt und zuweilen auch bedauert, aber niemals geändert wird. Selten liest man aber zum Beispiel, dass die teilweise skurrilen Einkommenssteigerungen der Reichen die Inflation weiter in die Höhe treiben. Allerdings würde das auch nicht ganz stimmen, weil ab einem bestimmten Einkommen relativ gesehen immer weniger für Konsum ausgegeben wird, stattdessen legt man an. Man weiß einfach nicht mehr, wohin mit dem ganzen Geld. Arme Reiche!

Unterdessen wirft unser lustiger Finanzminister, der sich wahrscheinlich genauso wie Friedrich Merz zur Mittelschicht zählt, weiterhin Leuten, die es nicht nötig haben, das Geld hinterher, zum Beispiel mit dem Tankrabatt oder dem Dienstwagenprivileg. Sagt aber, dass Steuererhöhungen „mit mir“ nicht zu machen seien. Ich freue mich schon auf die Tarifverhandlungen. Es wird von Arbeitgeberseite wieder heißen, gerade sei nun wirklich kein Geld da …

Woher kommt der Hass auf die Pflegekammer?

Vor einiger Zeit habe ich hier einen kritischen Text über den „Fehlstart“ der Pflegekammer NRW geschrieben. Inzwischen schaue ich ein bisschen anders auf das Thema. Zwar finde ich die Kommunikation weiterhin miserabel, mit der versucht wird, die neue Kammer gegen großen Widerstand durchzudrücken. Andererseits bleibt ein zentrales Argument stichhaltig, warum wir eine solche Kammer brauchen: Im Vergleich zu andern Berufsständen – nicht zuletzt, zu den Ärzten, die seit Langem sehr öffentlichkeitswirksam und professionell ihre Interessen vertreten – haben wir in der Pflege keine vernünftige Lobby. Es fehlt ein Gremium, das direkt an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt ist. In einer Zeit, wo alle darüber reden, dass in der Pflege ganz viel verändert und verbessert werden muss.

Und da finde ich, dass man seine Ablehnung gegenüber der geplanten Kammer schon gut begründen muss. Stattdessen höre ich aber eher emotionale als sachliche Argumente. Es geht oft in die Richtung, da wird uns etwas übergestülpt, irgendwelche Leute da oben wollen ihre eigenen Interessen durchsetzen und sich Posten sichern, um uns geht es gar nicht. Vielleicht ist das Misstrauen zum Teil nicht ganz unbegründet. Wir müssen zwar zunächst keine Beiträge zahlen, weil die NRW-Regierung einen finanziellen Vorschuss leistet. Was dann aber auf uns zukommt, da herrscht keine Transparenz. Andererseits: Vielleicht kann eine Kammer in Zukunft doch etwas für uns ausrichten.

Aber viele der lauten Kritiker, würde ich behaupten, sind nicht einmal bei Verdi. Man kann das schon allein deswegen annehmen, weil auch bei uns im Haus die Quote der Gewerkschaftsmitglieder erschreckend niedrig ist. Im kleinen Kreis herumzujammern hilft definitiv nicht viel, man muss schon einen größeren Stein ins Rollen bringen. Eine Pflegekammer im größten Bundesland wäre zumindest ein Signal.

Verdi ist ganz klar gegen die Pflegekammer. Aber vertreten sie damit nur unsere Interessen? Vielleicht liegt es auch daran, dass sie neue Konkurrenz fürchten. Denn wer zahlt von seinem kargen Pflegerinnengehalt schon gern zweimal Mitgliedsbeiträge, einmal für die Gewerkschaft und einmal für die Kammer? Es wäre auf jeden Fall ein Eigentor für die Pflege, wenn aus diesem Grund auch noch einige der viel zu wenigen Verdi-Mitglieder kündigen. Bei Verdi ist man freiwillig, aus der Kammer kommt man dagegen nicht raus.

Verdi hat vor einigen Tagen eine Mail herumgeschickt. Sie fordern jetzt dazu auf, sich bei der Kammer zu registrieren. Man habe ohnehin keine Wahl. Wie bei andern berufsständischen Kammern müssen alle eintreten. Und nur wer registriert ist, kann im Herbst an der ersten Kammerwahl teilnehmen, einer Art Parlamentswahl der Pflegekammer, bei der auch Verdi kandidiert. Der Plan: Wenn Verdi gut abschneidet, soll die erste Initiative sein: eine Abstimmung unter allen Pflegenden abhalten, ob die neue Kammer überhaupt gewollt ist. Und sie damit beim zu erwartenden schlechten Ergebnis gleich wieder zu Fall bringen. Aber ob uns das weiterbringt?

Das Streikrecht ist uns heilig – aber doch nicht jetzt!

Ein Tag Warnstreik an fünf Unikliniken in NRW, das Medienecho ist groß und oft lautet die Überschrift: „Pflegekräfte streiken trotz Corona“. Ein schöner Kommentar dazu kommt vom Ärztlichen Direktor der Universitätsmedizin Essen. „Selbstverständlich gehört das Streikrecht zu den Grundfesten unserer Wirtschaftsordnung“, wird Professor Jochen A. Werner von dpa zitiert. Was eine typische Eröffnung im Stile von „Ich bin keine Rassist, aber …“ ist. Denn Gründe, warum das hochgehaltene Streikrecht gerade in diesem Fall zurückstehen muss, finden sich ja immer. Wenn Lokführer streiken, geht es auf Kosten der unschuldigen Pendler, und außerdem stecken bestimmt unlautere Motive dahinter. Bei den Pflegekräften stehen angeblich Menschenleben auf dem Spiel.

Das Argument gab es auch schon vor Corona und ist wohl mit ein Grund dafür, dass es in der Krankenpflege traditionell überhaupt keine nennenswerten Streiks gibt, mal abgesehen eben von den Unikliniken, wo der gewerkschaftliche Organisationsgrad höher ist, da es sich um Landesbetriebe handelt. Als ich bei einer konfessionellen Klinik gearbeitet habe, hörte ich öfter den Satz: „Streiken ist hier gar nicht erlaubt.“ Das muss man sich mal vorstellen. Ob man dort wohl entlassen wird, wenn man streikt? Oder exkommuniziert?

Nun finden aber gerade jetzt die Tarifverhandlungen im Öffentlichen Dienst statt, und die werden wegen Corona nicht auf den nächsten Sommer verschoben. Auch wenn die Arbeitgeber sicher nichts dagegen hätten. Was also bleibt Verdi anderes übrig, als jetzt für bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen zu kämpfen?  Natürlich gibt es eine Notdienstvereinbarung.

Dass der Applaus des Frühjahrs 2020 uns Pflegenden wenig gebracht hat, ist ja längst ein Allgemeinplatz geworden. Leider stimmt es aber. Alle sind sich einig, dass sich unbedingt etwas tun muss, dass die Bedingungen in der Pflege endlich verbessert werden müssen. Erreicht worden ist wenig bis gar nichts. Man kennt das aus anderen Bereichen: Es sind sich ja auch fast alle einig darin, dass das mit dem Klimawandel so nicht weiter gehen kann, die Mieten nicht weiter rasant steigen dürfen und die Schere zwischen Arm und Reich sich weiter öffnen. Trotzdem passiert genau das.

Von den Folgen liest man jetzt täglich, wenn es um die vierte Welle geht: Die Krankenhäuser können nicht mehr so viele Patienten aufnehmen, weil seit Beginn der Pandemie viele Pflegekräfte hingeschmissen haben. Sie haben die Belastung in ihrem Job nicht mehr ausgehalten. Zu Beginn von Corona wurde eifrig darüber diskutiert, dass wir die Kapazitäten in den Krankenhäusern ausbauen müssen, um auf solche Krisen reagieren zu können. Aber stattdessen sind die Kapazitäten geschrumpft. Und nun sagt der oben zitierte Ärztliche Direktor, dass er es „nicht nachvollziehen“ kann, dass die Pflegekräfte gerade jetzt streiken. Damit ist ihm wieder eine weitere Variante des alten Spiels eingefallen: Das Streikrecht ist uns heilig, aber doch nicht jetzt! Es sollten doch bitte die anderen Berufsgruppen streiken, die von den momentanen Verhandlungen betroffen sind, sagt Werner. Die Krankenschwestern und Pfleger sollen also schön brav weiterschuften und die Klappe halten.

Fehlstart für die Pflegekammer NRW

Vor kurzem habe ich Post bekommen, ich soll mich für die künftige Pflegekammer NRW registrieren. Ich habe noch nicht reagiert, jetzt kam schon die zweite Aufforderung.

Ich glaube, das Thema Pflegekammer ist kompliziert. Schaut man sich die Diskussion an, prallen wie so oft polarisierte Meinungen aufeinander. Dann ist die künftige Kammer entweder sinnlos und unverschämt oder das alternativlose Zaubermittel zur Rettung der Pflege. Dermaßen einseitige Standpunkte sind meistens falsch.

Die Gegner benutzen gern das Schlagwort der Zwangsmitgliedschaft. Dieser Aspekt ist für mich auch abschreckend. Ich zahle schon jeden Monat einen Beitrag an Verdi, der mir ein bisschen wehtut. Bald noch ein Kammerbeitrag obendrauf? Keine Lust. Zu befürchten ist, dass manche Leute dann überlegen, ob sie bei Verdi wieder austreten. Dann hätte die Kammer der Pflege einen echten Bärendienst erwiesen. Zumal die Kammer ja für ein zentrales Anliegen überhaupt nicht zuständig ist: die Löhne.

Was den Zwang betrifft. Wir wären jetzt nicht die erste Berufsgruppe mit diesem Prinzip. Handwerk, Ärzte, Anwälte können sich das auch nicht aussuchen. Wie das rechtlich begründet wird, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Wenn ich mir allerdings den gewerkschaftlichen Organisationsgrad in der Pflege anschaue, denke ich manchmal: Wieso eigentlich keine Zwangsmitgliedschaft bei Verdi? Dann hätten wir nicht lächerliche zehn (?) Prozent, sondern 100. Dann müssten wir nicht länger Sonntagsreden über höhere Löhne anhören. Das ginge dann ganz schnell.

Die Gegenseite sieht die Zwangsmitgliedschaft naturgemäß als Vorteil. Rund 220.000 Mitglieder allein in NRW sollen dem Berufsstand eine starke Stimme verleihen. In einem aktuellen Flyer werden Anliegen genannt: bessere Rahmenbedingungen, klarere Personalschlüssel, Mitspracherecht in Entscheidungsgremien. Klingt nicht schlecht, aber auch ziemlich abstrakt. Die Bilanz der Kammern in anderen Bundesländern scheint auch nicht berauschend. Niedersachsen ist kurz nach dem Start wieder am Ende. Ich habe versucht, beim Vorzeigeland Rheinland-Pfalz per Internetrecherche herauszufinden, was die Kammer bislang vorzuweisen hat. Gefunden habe ich gar nichts. Ich frage mich da schon: Das Versprechen, dass wir nun mit der Kammer plötzlich von der Politik gehört werden, stimmt das auch? Niemand kann das jetzt vorhersagen. Die Argumente, welche die Pflegekammer mutmaßlich vorbringen wird, sind der Politik ja bekannt.

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Die Schwester Der Pfleger“ war die Kammer das große Aufmacherthema. Ganz vorn ein langes Interview mit Sandra Postel und Anja Wiedermann. Die Überschrift – wie bei Interviews üblich – ein Zitat: „Nur eine Pflegekammer bringt die Pflege voran“. Jedes Kind kann erkennen, dass ein solcher Satz Blödsinn ist. Er besagt, dass es außer einer Pflegekammer kein Mittel gibt, irgendetwas für die Pflege zu erreichen. Das ist nicht nur absurd, sondern auch frech. Da frage ich mich auch, was ist das für ein Journalismus, so einen Quark für die Überschrift auszuwählen? Liest man das Interview, wird es nicht besser. Keine kritischen Fragen. Postel und Wiedermann stellen Kritiker als entweder verblendet oder desinformiert hin. Was die Kammer am Ende wirklich bringen könnte, ist mir bei der Lektüre nicht klar geworden. Interessant wäre noch die Frage: Was glauben Frau Postel und Frau Wiedermann, wie hoch könnte denn mittelfristig der Mitgliedsbeitrag ausfallen? Wurde natürlich nicht gestellt.

Ich glaube nicht, dass man auf diese Art die vielen Pflegenden überzeugt, die der Kammer entweder kritisch oder gleichgültig gegenüberstehen. Wer sein Projekt so schlecht begründet, darf keine große Zustimmung erwarten. Das Bürokratendeutsch von Leuten wie Sandra Postel ist nicht nur abschreckend, es macht auch misstrauisch. Transparenz in Bezug auf die Mitgliedsbeiträge müssen eine Selbstverständlichkeit sein. Geworben wird mit Kollegen aus der Pflege, die sagen, wir brauchen unbedingt eine Kammer, damit unsere Interessen vertreten werden. Aber wie viele von uns denken wirklich so? Bei 220.000 zu erwartenden Mitgliedern wurden 5000 befragt, ob sie für oder gegen die Kammer sind.