Schlagwort-Archive: Pflegenotstand

Kinofilm: Die „Heldin“ taugt nicht als Vorbild

Ich schaue keine Arztserien, mir fehlt also der Vergleich. Aber ich war schon überrascht, dass der Film „Heldin“ über den Spätdienst einer Krankenpflegerin mir in vielen Aspekten sehr realistisch erschien.  Aus der Pflege selber habe ich enthusiastische Reaktionen wahrgenommen, aber auch sehr emotionale Ablehnung. Letztere halte ich in Teilen für ein Missverständnis.

Die Inszenierung von Regisseurin Petra Volpe vermittelt von der ersten Minute an einen Eindruck von Gehetzt-Sein, der sich von Pflegerin Floria mit voller Wucht auf die geneigten ZuschauerInnen überträgt. Das funktioniert, weil man ständig in den Konflikten mitleidet, in welche die Hauptdarstellerin in rasanter Folge schlittert: Erst der dringende Transport oder das vehement eingeforderte Antibiotikum? Erst das Schmerzmittel für Zimmer 7 oder der Tee für den fordernden Privatpatienten? Nochmal für den todkranken, aber nicht aufgeklärten Patienten intervenieren oder weiter im Rundgang, es sind ja noch gar nicht alle Patienten gesehen worden …

Andererseits hat Realismus im Kino seine Grenzen, Florias Konflikte mit Kolleginnen, Patienten, Angehörigen werden zugespitzt und dramatisiert. Was ich dagegen im Krankenhaus erlebe, bei allem Pflegenotstand und Stress: Die große Mehrzahl der Begegnungen – vor allem mit Patienten – sind positiv. Die körperliche Nähe bei der Pflege, die Ausnahmesituation, in der die PatientInnen sich befinden, da kommt man sich oft auch menschlich sehr schnell sehr nah. Die Leute spüren, wenn man sie nicht vor allem als PatientInnen, sondern als Menschen behandelt, und sind dafür sehr dankbar. Natürlich habe ich Verantwortung als Pflegekraft. Aber ich mache das ja nicht aus reinem Altruismus, ich bin keine Florence Nightingale. Ich bekomme auch wahnsinnig viel zurück. Die Leute spiegeln einen und zeigen ihre Dankbarkeit oft sehr unverstellt.

Diese Menschlichkeit existiert im Krankenhaus weiterhin. Das wird auch in vielen Begegnungen von Floria angedeutet. Aber sie ist eben auch bedroht, weil sie ausgebeutet wird. Das ist der Kern des Films.

Trotzdem kritisieren manche Kollegen ihn, weil er eine Pflegende zeigt, die sich bis zur Erschöpfung aufopfert und vieles runterschluckt. Sie sei ein schlechtes Vorbild. Zum einen finde ich das zu grobschlächtig, Floria ist trotzdem in erster Linie eine positive Figur, die pflichtbewusst ist, sehr professionell, engagiert, die versucht, zu deeskalieren, wenn auch manchmal – nicht immer – bis zur Selbstaufgabe.

Der Film ist keine Handlungsanweisung für Pflegende

Zum andern ist der Film ja kein Manifest, keine Auftragsarbeit vom Pflegeverband. Den Titel darf man nicht zu wörtlich nehmen, die Figur Floria ist nicht entworfen als Vorbild für unsern Berufsstand. „Heldin“ ist nicht Propaganda, sondern Kino. Die Regisseurin hat im Krankenhaus einen Ort gefunden, an dem sie menschliche Beziehungen beobachten und darstellen kann.

Ein Beispiel sind die drei Begegnungen Florias mit der Patientin, die an Demenz leidet. Sie ist noch gar nicht richtig im Dienst, da hilft sie schon dem Kollegen, weil die alte Dame wegen ihrer Inkontinenz versorgt werden muss. Die beiden sind professionell in der Art, wie sie mit der Frau umgehen, kommunizieren. Das ist zugewandt und wertschätzend. Aber es muss auch alles sehr schnell gehen. Später ist die Patientin aufgebracht, sie weiß nicht, wo sie ist, will nach Hause zu ihrem Mann (der vielleicht gar nicht mehr lebt). Mit einem Gute-Nacht-Lied schafft Floria es, die Dame abzulenken und zu beruhigen – ein seltener Moment der Ruhe in dieser atemlosen Schicht. Beim Abendessen dann wieder Krise, die Auszubildende sollte helfen, aber war nicht da, die Patientin hat das Essen im ganzen Bett verteilt. Jetzt verliert Floria doch die Fassung, schnauzt die junge Kollegin an.

Am Ende sind alle drei Opfer eines Systems, das seit Jahren vor die Wand gefahren wird. Die Schuld geben sie sich aber gegenseitig.

Die Patientenschelle als Auslaufmodell

Neulich war ich im Haus unterwegs, internistische Station. Jemand hatte geschellt, es klingelte und klingelte. Irgendwann waren dann verzweifelte Rufe zu hören: „Hallo! … Hallo!“ Ich schaute nach, wollte einen Kollegen von der Station herbeiholen, da sah ich den Patienten schon in der Tür stehen. Er hatte sich mit dem Infusionsständer im Türrahmen eingeklemmt, ein Blasenkatheter und eine Drainage hingen auch noch irgendwo an ihm.

Ich befreite ihn also erstmal aus der Zwangslage. Der Mann musste dringend auf Toilette, hatte es aber mit dem ausgefahrenen Infusionsständer nicht durch die WC-Tür geschafft. Erst als ich das Zimmer wieder verließ und die Tür zumachte, sah ich das Warnschild auf der Außenseite: Der Patient war mit Covid isoliert, ich hatte nicht mal eine Maske angehabt.

Wenn ich Patienten die Schelle hinlege und bitte, sich bei Bedarf zu melden, höre ich häufig den Einwand: „Es kommt doch eh keiner.“ Das ist natürlich zugespitzt und übertrieben. Aber viel zu häufig stimmt es leider.

Im vergangenen Jahr hatte die bekannte Pflegewissenschaftlerin Angelika Zegelin Gelegenheit, die Perspektive zu wechseln. Sie ist bereits über 70 Jahre alt und lag nach Hüft-OP in einer Dortmunder Klinik. Die Erfahrungen, die sie während der zwei Wochen dort mit der Pflege gemacht hat, nennt sie „desaströs“. Besonders sei ihr aber die Reaktion auf die Patientenschelle in Erinnerung geblieben: „Es kam niemand.“ Zegelin schildert eine nächtliche Szene, wo sie mit starken Schmerzen klingelte und keine Reaktion erlebte. Nach anderthalb Stunden habe sie mit ihrem Handy die 112 angerufen. Kurz darauf sei dann eine Schwester aufgetaucht. Nicht um zu helfen, sondern um sie „zur Schnecke zu machen.“

Warum wird die Schelle so wenig ernst genommen? In meinem Fall traf ich die Kollegin kurze Zeit später auf dem Flur, sie war damit beschäftigt, Mittagsmedikamente zu verteilen. Wieso sie nicht reagiert hatte, ließ sich nicht klären. Sie hatte wohl andere Prioritäten. Gewundert hat es mich nicht. Ich weiß nicht, ob es früher anders war – die Schelle wird doch inzwischen mit einer gewissen Lässigkeit betrachtet.

Es beginnt schon damit, dass hilfsbedürftige Patienten oft gar nicht schellen können, weil sie nicht an die Klingel kommen. Dabei ist es eine Selbstverständlichkeit, darauf zu achten, wenn man das Zimmer verlässt. Geschieht aber häufig nicht. Ich erinnere mich an den Fall einer Patientin, die im privaten Einzelzimmer lag und schwer zu händeln war. Abends wollte sie sich melden, aber die Schelle war nicht am Bett. Unachtsamkeit? Oder Absicht? Es gab eine Beschwerde des Sohns, die Pflegerin hätte sie bewusst außer Reichweite platziert. Dann Gespräche mit der Stationsleitung, die das irgendwie abwiegelte. Gut für das Haus, dass der Sohn die Sache nicht weiterverfolgte. Ob es da juristische Handhabe gibt? Ich muss zugeben, ich weiß es nicht.

Klar, es hat selten dramatische Gründe, wenn Patienten schellen. Das heißt aber nicht, dass man sie ewig warten lässt. Und andererseits gibt es im Krankenhaus viele dringende Anlässe, sich zu melden: Schmerzen, Erbrechen, Blutungen, Luftnot etc. Alles keine Seltenheit.

Angelika Zegelin sieht das Problem im Pflegenotstand, in der chronischen Unterbesetzung auf Station. Das mag zum Teil auch stimmen. Ein weiterer Grund scheint mir aber auch ein Wandel der Grundeinstellung zu sein. Viele Kollegen sehen die Schelle nicht als nützliches Instrument für Patienten, sondern als Störsender. Gerade hat man sich im Dienstzimmer hingesetzt, schellt wieder einer – Unverschämtheit!

Heute hörte ich wieder, wie es auf dem Flur der Nachbarstation immer lauter wurde, mehrere Schellen gleichzeitig, keiner fühlte sich zuständig. Irgendwann kamen Hilferufe aus einem Zimmer. Zwei Kollegen, die auf dem Flur waren, machten keinerlei Anstalten zu reagieren. Als schließlich eine Angehörige auf dem Flur auftauchte und nachhakte, hieß es in aller Seelenruhe: „Wir machen gerade Übergabe.“ Es wird offensichtlich mittlerweile von vielen Kollegen erwartet, dass die Patienten zwischen Früh- und Spätdienst aufs Schellen verzichten.

Ich kann mich noch gut erinnern, dass früher Praktikanten oder Auszubildende in solchen Situationen abgestellt wurden. Möglich wäre das im heutigen Fall auch gewesen, trotz Pflegenotstand. Man muss es aber wollen.

Nachfolgerin für Schwester Rabiata gesucht

Früher waren die prägenden Rollenbilder der klassischen Krankenschwester: die barmherzige und selbstlose Helferin à la Florence Nightingale, später dann in der Abwandlung „Schwester Rabiata“ – die Krankenschwester mit Haaren auf den Zähnen, besonders in ihrer bedrohlichen Extremvariante der „Oberschwester“ als unanfechtbare Autorität am Krankenbett. Die Patientinnen und Patienten hatten zu kuschen. Hat beides mit der heutigen Realität nicht mehr viel zu tun, hatte aber einen Vorteil: Die Mitglieder unseres Berufsstandes hatten eine klare Vorstellung, wofür sie standen, was von ihnen erwartet wurde und welchen Anspruch sie an sich selbst hatten.

Die Zeiten haben sich geändert. Achtsamkeit und Yoga haben sich ausgebreitet, Schwester Rabiata hat ausgedient. Und die selbstlose Florence Nightingale scheint auch vom Aussterben bedroht. Zwar sagen im Vorstellungsgespräch immer noch 100 Prozent der Bewerber, dass sie gern „Menschen helfen möchten“. Aber die Hilfsbereitschaft stößt doch häufig an ihre Grenzen. Florence 2.0 kommt mit der Arbeit nicht hinterher und versteckt sich gern mal hinter ihrem Computer – „zum Dokumentieren“.

Bleibt die Frage: Wo ist die Ersatzerzählung für die Pflegenden von heute? Bis jetzt ist keine gefunden, aber sie würde dem Berufsstand guttun.

Zwar sind die Autorität der Oberschwester einerseits und der Florence-hafte intensive Einsatz andererseits in Zeiten von Pflegenotstand nur noch schwer aufrechtzuerhalten. Andererseits wird die allgegenwärtige Personalknappheit auch zur Ausrede, die manchen willkommen erscheint. An Tagen mit minimaler Besetzung wird man von den schlecht bis gar nicht versorgten Patienten nicht nur Verständnis, sondern sogar Mitleid ernten können. Die Ansprüche sind längst dramatisch gesunken.

Ist dann aber mal ein paar Tage lang die Station nicht so voll oder die Besetzung zufälligerweise deutlich besser, zeigt sich häufig, dass sich viele Teams längst an gesunkene Standards gewöhnt haben. Nun hat man einmal deutlich weniger Patienten zu versorgen und könnte die gewonnene Zeit für tausend Dinge nutzen: Gespräche, Aktivierung, vernünftige Körperpflege und Essensbegleitung, Verbandswechsel ausnahmsweise mal steril durchführen, so wie es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein müsste, aber praktisch nie gemacht wird.

Genau diese Dinge sieht man aber auch an solchen Tagen zu wenig. Stattdessen beginnt der Dienst schon in der Übergabe oft mit Klagen über angeblich allzu fordernde und ständig schellende Patienten. Die erste Runde wird dann schnellstmöglich absolviert, im Dienstzimmer findet sich bestimmt Zeit für ein Schwätzchen oder einen Blick aufs Smartphone. Nie vergessen werde ich den Satz einer Kollegin, gehört nach wenigen Wochen auf meiner ersten Station: „Die meisten Patienten sind doch eher nervig.“ Manchmal denke ich, viele in der Pflege haben gar nicht das Problem, kurz vor dem Burn-out zu stehen. Vielen fehlt eher die  Motiviation.

Die Debatten zum Thema Pflege kreisen heute aber um ganz andere Themen: dass wir keine politische Lobby haben, um Digitalisierung, Zeiterfassungsinstrumente und die Integration internationaler Kollegen. Aber bei was integrieren wir sie, was wollen wir ihnen vorleben? Mit der Frage müssten wir uns mehr beschäftigen.

Mit Sicherheit ist der Beruf nicht einfach. Wenn man darin trotzdem glücklich und nicht nach einigen Jahren ausgelaugt werden will, braucht man einen Anspruch an sich selbst. Man muss gut darin sein und besser werden wollen anstatt sich irgendwie durchzuwursteln. Und nach dem Dienst das Gefühl haben, etwas Sinnvolles getan zu haben. Begegnungen mit Menschen – Patientinnen, Kollegen, Angehörigen – gehabt haben, von denen beide Seiten profitiert haben.

Streikrecht einschränken? – Im Gegenteil!

Arbeitgeber mögen keine Streiks, das war schon immer so. Kein Wunder also, dass CDU und FDP gerade mal wieder versuchen, das Streikrecht einzuschränken. Nach dem quälend langen Konflikt zwischen Bahn und GDL scheint der Moment günstig. Dabei ist jetzt viel von der kritischen Infrastruktur die Rede, die angeblich geschützt werden muss, auch die Pflege wird genannt. Was natürlich paradox ist, denn das Problem in der Pflege ist ja, das viel zu wenig gestreikt wird.

Mal ein Rückblick auf den letzten Streik im öffentlichen Dienst, der auch die kommunalen Kliniken betraf, Anfang 2023 war das: Wir hatten gerade ein Jahr extremer Inflation hinter uns, die realen Einkommen waren dramatisch abgestürzt. Und dann gibt es da ja noch den Pflegenotstand und die Einsicht, dass der Beruf massiv aufgewertet werden muss. Sehr gute Gründe also für deutliche Tariferhöhungen. Hat aber alles nichts genutzt, der Abschluss, den Verdi aushandelte, war die reinste Enttäuschung. Die kommunalen Arbeitgeber stellten sich einfach hin und sagten: Die Kassen sind leer. Die paar Streiks haben sie ausgesessen.

In meinem Haus wurde auch gestreikt, aber die Beteiligung war wie immer ein Witz. Der eine wesentliche Grund dafür ist bekannt, die klassische Krankenschwester ist nicht in der Gewerkschaft und streikt nicht gern. Bei den männlichen Kollegen sieht es auch nicht besser aus. Aber es gibt noch einen weiteren Grund. Vor den Streiktagen werden Notdienstpläne geschrieben, die eine Mindestbesetzung für jede Station und Abteilung vorschreiben. Dadurch wird sichergestellt, dass der Normalbetrieb weiterlaufen kann. Ironie des Pflegenotstands: Die Notdienstpläne unterscheiden sich kaum von der ganz normalen täglichen Unterbesetzung. Jeder Streik wird damit ad absurdum geführt. Das ist so, als würde die GDL sagen: Wir streiken morgen, aber es fahren alle Züge.

Die gängige Begründung: Man kann die Patienten nicht alleinlassen. Das stimmt aber nur zum Teil. Klar muss ein gewissen Niveau sichergestellt sein, damit dringende OPs laufen, Notfälle versorgt werden etc. Aber was uns Corona gezeigt hat: Wenn es sein muss, können Krankenhäuser ihren Betrieb deutlich herunterfahren. Viele langfristig geplante Eingriffe und Untersuchungen können verschoben werden, ohne dass damit die Gesundheit von Patienten gefährdet wird.

Das Entscheidende daran ist, dass die Arbeitgeber bei diesem Szenario etwas zu verlieren haben. OPs und Untersuchungen, die nicht stattfinden, bedeuten finanzielle Einbußen. Erst damit wäre dann der Grundgedanke eines Streiks erfüllt: Druck machen auf die Arbeitgeber, die sich dann überlegen müssen, was mehr Geld kostet – noch mehr Streiks oder Gehaltserhöhungen. Die IG Metall hat diesen Hebel und erreicht damit immer wieder gute Abschlüsse. Prinzipiell könnten wir ihn auch haben.

Das ist etwas völlig Anderes als z.B. unser Streik im Vorjahr, der eine Abfolge von Ritualen darstellte, die am Ende auf die Medien zielen. Das ist kein Arbeitskampf im klassischen Sinne, sondern der Versuch, die Öffentlichkeit auf seine Seite zu ziehen. Eine PR-Schlacht.

Ich weiß nicht, ob man eine Streikausweitung auf der augenblicklichen rechtlichen Grundlage machen könnte. Die Notdienstpläne werden aber meines Wissens zwischen Verdi und den einzelnen Kliniken ausgehandelt. Da hat sich auf jeden Fall ein Vorgehen eingebürgert, das nicht im Interesse der Pflegenden ist. Warum nur?

Natürlich würde die Gegenseite versuchen, uns an den Karren zu fahren, wenn wir mal ernsthaft streiken, anstatt nur so zu tun. Schon jetzt müssen wir uns bei unsern Ministreiks schon anhören, wir wären gierig, würden rücksichtlos die Inflation anheizen und uns nicht um unsere Patienten scheren. Aber Arbeitskämpfe sind nun mal kein Zuckerschlecken. Widersprechen, weitermachen. Die GDL hat gerade vorgemacht, wie es geht.

Mama, Mama, er hat überhaupt nicht geputzt!

Es ist schon paradox: Zähne (oder Zahnprothesen) putzen gehört eigentlich für jeden Menschen zum Alltag, im Krankenhaus muss das Teil der Grundpflege sein. An Expertise zum Thema mangelt es nicht, natürlich ist das Teil der pflegerischen Ausbildung, es gibt einen so genannten Expertenstandard dazu, mit viel Aufwand erstellt vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP), „Die Schwester Der Pfleger“ (DSDP) hat das Thema aus diesem Anlass über zwei Ausgaben breitgetreten, Wissenschaftler machen Studien, schreiben Artikel etc. Wenn ich mich allerdings umschaue, bekomme ich den Eindruck, dass das alles überhaupt nichts bringt. Ich würde behaupten, dass die Qualität der Mundpflege auf vielen Stationen katastrophal ist. Sie findet praktisch kaum statt.

Dabei ist der Bedarf bei uns enorm. Wie schon öfter hier beschrieben, sind unsere Patienten im Schnitt sehr alt, viele multimorbide und/oder dement und bettlägerig. Viele sind also auf unsere Hilfe bei der Zahnpflege angewiesen. Aber das passiert meistens nicht. Wenn man dann Frau Schulz (89) mal bittet, ihre Prothese herauszunehmen (oder versucht, sie ihr selber aus dem Mund herauszubefördern), damit man mit der Bürste darübergeht , bietet sich oft ein sehr unappetetlicher Anblick, um es vorsichtig auszudrücken. Ist die Patientin gerade erst aufgenommen, kann man es vielleicht noch auf das Heim oder den Pflegedienst schieben, wenn man verkommene Überreste von Mahlzeiten der vergangenen zwei Wochen findet. Ist Frau Schulz dagegen schon etwas länger bei uns, müssen wir dann schon vor der eigenen Tür kehren.

Wie gesagt, das Paradoxe daran ist, dass ein wahnsinniger Aufwand betrieben wird, die theoretischen Grundlagen für Zahnpflege, Techniken, Notwendigkeiten und so weiter zu legen. Aber gleichzeitig wird es seit Jahren zugelassen, dass die Arbeitsbedinungen für die Pflege sich immer weiter verschlechtern – und damit, so darf man mutmaßen, auch die Qualität der Mundhygiene. Im DSDP-Schwerpunkt heißt es dazu nur lakonisch: „Mundpflege muss … einen hohen Stellenwert in der pflegerischen Versorgung haben. Aus verschiedenen Gründen, die bisher nicht ausreichend erforscht sind, ist dies jedoch nicht der Fall. Bekannt ist, dass Mundpflege häufig aus Zeitmangel vernachlässigt wird.“ Wenn morgens zu viele Patienten gewaschen werden müssen, zu viele Transporte gemacht, Anordnungen umgesetzt, Tabletten kontrolliert und verteilt, Infusionen angehängt, Katheterbeutel geleert, Windeln gewechselt, Beine gewickelt und Blutzucker gemessen werden müssen – von zu wenigen Pflegekräften -, fällt das Zähne putzen eben unter den Tisch.

Das Traurige an der Sache ist allerdings auch: Auf Seiten der Pflege hat man sich offenbar daran gewöhnt, die Zahnpflege als Luxus zu betrachten. Dabei ist die Wichtigkeit eigentlich jedem bekannt: Es geht nicht nur um Ästhtetik und gesunde Zähne, sondern auch um Schutz vor Pilzerkrankungen im Mundraum und generell vor Infektionskrankheiten wie Lungenentzündung. Ist die Besetzung dann mal gut, was durchaus vorkommt, kommen aber die wenigsten Kollegen auf die Idee, jetzt mal wieder zur Zahnbürste zu greifen. Wo ist gerade eine Nierenschale, die ich bräuchte, damit Frau Schulz irgendwo hineinspucken kann, wenn sie ausspült? Hat Frau Schulz überhaupt eine Zahnbürste? Es beschwert sich ja niemand, wenn man heute mal darauf verzichtet. Den Satz „Ich möchte mir die Zähne putzen“ hört man von Frau Schulz und ihresgleichen niemals. Wirklich praktisch nie.

Aber immerhin haben wir jetzt einen Expertenstandard.

P.S. Für alle, denen die Überschrift komisch vorkommt, das ist eine Anspielung auf eine Zahnpastawerbung aus den 70ern.

Generation Z und die Rosinen

Über die Generation Z und ihre mutmaßliche Einstellung zur Arbeitswelt hat man schon einiges gelesen, manchmal Plakatives. Vor Kurzem hatte ich ein Gespräch mit einer Vertreterin, sie steht bei uns kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung. Es ging auch darum, dass viele aus ihrem Jahrgang nicht übernommen werden wollen, teilweise in andere Kliniken abwandern, was für unser Haus natürlich bitter ist. Sie selber will bleiben, stellt allerdings Bedingungen.

Offensichtlich hat sie ein Gespräch mit unserm Pflegedirektor gehabt und dabei ihre Forderung formuliert: Sie will nicht in andere Häuser unseres Trägers in der Stadt abgezogen werden (was sowieso praktisch nie passiert und wenn auch nur freiwillig), wenn dort einmal akuter Personalmangel besteht. Und auch nicht auf andere Stationen innerhalb unseres Hauses. Dazu muss man wissen, dass zumindest in Deutschland das kurzfristige Aushelfen innerhalb der Häuser der Regelfall ist. Personalmangel herrscht ohnehin quasi überall, fallen dann irgendwo kurzfristig weitere Kollegen krankheitsbedingt aus, wird geschaut, auf welchen Stationen in der anstehenden Schicht die Not weniger groß ist. Und dann heißt es dort zu Dienstbeginn mal wieder: „Einer muss heute auf die HNO.“ Das ist bei fast allen Kolleg*innen extrem unbeliebt, es ist ja immer ein Sprung ins kalte Wasser. Man kennt die Kollegen nicht, die Patienten nicht, weiß nicht, was einen erwartet, im Zweifel aber Chaos. Für das Haus ist es dagegen – kurzfristig betrachtet – die billigste Art, Löcher zu stopfen. Zeitarbeit ist im Gegensatz dazu ziemlich teuer.

Ich kann also verstehen, dass meine junge Kollegin gern einen Freibrief hätte, von solchen Einsätzen verschont zu bleiben. Nur ist es ihren Kollegen gegenüber, also zum Beispiel mir, unsolidarisch. Das habe ich ihr auch mit etwas anderen Worten zu verstehen gegeben, aber sie schien den Punkt gar nicht zu beachten. Sie war vielmehr sehr verärgert darüber, dass die Pflegedienstleitung (PDL) keine Bereitschaft zeigte, ihr entgegenzukommen. Es hat sich da offenbar die Einstellung breitgemacht, dass wir in Zeiten des Pflegenotstands begehrt sind. Und dass man daraus persönliche Vorteile ziehen kann. Nun ist sie beleidigt, weil der Pflegedirektor ihr nicht entgegenkommt. Es scheint ihr völlig egal zu sein, dass das zulasten ihrer Kollegen gehen würde.

Ist das nun typisch Generation Z? Es passt zumindest zur oft gehörten These, dass die Bereitschaft nachlässt, sich für die Arbeit aufzuopfern. Dem Arbeitgeber zu signalisieren, dass man unser ständiges Versenden im Haus nicht gutheißt, finde ich erstmal richtig. Aber man müsste es anders angehen, nämlich gemeinschaftlich. Die Bereitschaft, sich über Betriebsrat oder Gewerkschaft zu engagieren, sehe ich aber nicht. Da fehlt mir eine politische Haltung anstelle dieser Ich-AG-Einstellung, für sich selber irgendwie Vorteile herauszuholen.

Aber woher kommt die? Anders erzogen als ihre Eltern sind viele aus dieser Generation bestimmt (was man wohl von den Vorgängergenerationen genauso annehmen kann, die Zeiten ändern sich). In diesem Fall hat sich das Verhältnis von Eltern und Kindern mehr in Richtung Freundschaft entwickelt. Die Kinder sollen selber entscheiden, das fühlt sich für viele Eltern liberaler an, ist aber manchmal auch einfach bequemer. Oft wird von den Kindern weniger gefordert, ihnen weniger zugemutet. Das gilt oft auch für die schmerzhafte Erkenntnis, die zum Großwerden gehört: dass man nicht immer alles haben kann, was man sich wünscht, denn manchmal ist es zu teuer oder zu ungesund oder es geht auf Kosten anderer. Oder dass manche Ziele auch größere Anstrengungen erfordern. Und dass nicht immer die anderen schuld sind, wenn etwas nicht klappt.

Was allerdings den gewerkschaftlichen Organisationsgrad betrifft, sieht es in den älteren Generationen in der Pflege auch nicht besser aus (oder kaum? Ich habe da keine Zahlen). Die wenigsten sind bei Verdi. Entsprechend armselig war die Beteiligung bei den Streiks im Frühjahr. Wir haben Glück, dass wir gemeinsam mit Busfahrerinnen und Erzieherinnen streiken, sonst würde sich überhaupt niemand dafür interessieren. Der Betrieb in den Kliniken lief ja normal weiter. Was vorher als „Notbesetzung an Streiktagen“ vereinbart wurde, entspricht ungefähr dem, was auch an normalen Tagen an Pflegepersonal anwesend ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Von perversen Zeitarbeitern und dem heldenhaften Helios-Konzern

Das Thema Zeitarbeit in der Pflege gerät gerade wieder in die Diskussion. In der SZ stand vor einiger Zeit ein Artikel darüber, unglaublich tendenziös und hanebüchen. Der Tenor, in zugespitzter Form: Zeitarbeit in der Pflege ist niederträchtig, Schuld daran haben nicht zuletzt die Pflegenden, aber es besteht noch Hoffnung, die Arbeitgeber kümmern sich.

Einen groben Überblick über das Thema habe ich vor längerer Zeit schon einmal hier geschrieben. Der SZ-Artikel zeigt nun, mit welchen Methoden Kliniken und Politik Stimmung gegen die Zeitarbeit machen. Das sind Leute, die sich jederzeit gern damit zitieren lassen, wie wichtig die Pflege ist und was wir für unschätzbare und tolle Arbeit leisten. Gleichzeitig agitieren sie gegen unsere Interesse. Und die SZ lässt sich vor ihren Karren spannen.

Die Überschrift des Artikels lautet „Leihen und Leiden“ (Was tut man nicht alles für eine Alliteration?), mit Leiden ist aber nicht das der Patienten gemeint, deren Versorgung tatsächlich unter Personalmangel leidet. Studien belegen erhöhte Mortalität bei schlechter personeller Besetzung, kurz gesagt: Die Überlebenschancen der Patienten sinken. Gemeint sind auch nicht die Pflegenden, die oft hohem Stress bei Unterbesetzung ausgesetzt sind oder in ihren Häusern auf andere, ihnen unbekannte Stationen geschickt werden, um Löcher zu stopfen. Nein, es geht offenbar um das Leid der Klinikmanager, die gramgebeugt über ihren Bilanzen sitzen. Denn Zeitarbeit verursacht höhere Kosten. Und die mögen Arbeitgeber bekanntlich nicht.

Das gilt sicher auch für Gerald Gaß, Vorsitzender der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft (DKG). So sagt er das aber nicht, sondern schwingt sich zum Anwalt von uns Pflegenden auf. Seine angebliche Sorge laut SZ ist, dass die Belegschaften durch die Leiharbeit „mehr und mehr gespalten“ würden. Über diese Frage könnte man in der Tat diskutieren, meiner Erfahrung entspricht die Aussage zwar nicht der Realität. Zudem führt das angesprochene Verschicken innerhalb der Häuser ebenfalls zu Missgunst, denn die Stationen werden dabei gegeneinander ausgespielt. Man kann dabei aber auch beobachten, dass die Solidarität über Stationsgrenzen hinweg doch bei vielen sehr begrenzt ist. Aber das ist ein anderes Thema, ich will nur sagen: Aus dem Mund von Gaß ist die Aussage verlogen, denn er ist nicht unser Anwalt, für uns zu sprechen ist anmaßend. Weiterhin behauptet er, die Leiharbeit entwickle sich „von der Ausnahme zum Regelfall“. Ein paar Absätze weiter reibt man sich als Leser verwundert die Augen, 3,1 Prozent beträgt der Anteil der Leiharbeitskräfte – der „Regelfall“?

In der Rhetorik der Arbeitgeber gilt der Staat meist als lästiger Regulierer, der die freien Kräfte des Marktes nicht in ihrer Entfaltung stören sollte. Nun hat es sich im Leiharbeitsmarkt der Krankenpflege so entwickelt, dass sich die Verhältnisse von Angebot und Nachfrage tatsächlich einmal zum Nutzen der Beschäftigten auswirken. In der Zeitarbeit kann man deutlich mehr verdienen als in Festanstellung auf Station. Das gilt bei Herrn Gaß nun als Teufelszeug und muss staatlich unterbunden werden.

Eine 180-Grad-Wende hat auch die CDU hingelegt. In jahrelanger Regierungsverantwortung wäre genug Zeit gewesen, das Thema Zeitarbeit anzupacken. Schon vor Jahren wurde die Diskussion zum Beispiel in Berlin auf Landesebene geführt, ob man die Zeitarbeit in der Pflege nicht einschränken oder gar verbieten sollte. Die Union hatte offensichtlich kein Interesse. Nun ist sie im Bund in der Opposition und kocht das Thema mit gespielter Empörung hoch. Ein gewisser Herr Müller findet, „die Leiharbeiter pervertieren das System“, Leiharbeit sei zudem „unsozial“.

Das ist schon harter Tobak, es ist sogar eine Unverschämtheit. Als Krankenpfleger habe ich selber darüber nachgedacht, in die Zeitarbeit zu wechseln. Ein höheres Gehalt ist schließlich kein schlechtes Argument. Und deswegen soll ich mir jetzt von Leuten wie Gaß und Müller ein schlechtes Gewissen einreden lassen? Davon abgesehen: Umsetzen werde ich den Plan eher nicht. SZ-Autorin Angelika Slavik behauptet zwar, die Zeitarbeiter*innen seien die einzige zufriedene Gruppe im Gesundheitswesen. Dabei unterschlägt sie die Nachteile: Es wird viel Flexibilität verlangt, die Anfahrtswege würden sich verlängern, man bewegt sich ständig in ungewohnter Umgebung, teilweise ungewohnten Fachgebieten, hat kein vertrautes Team von Kollegen, Ärzten etc. um sich. Wären die Zeitarbeiter tatsächlich wie im Artikel behauptet die einzige zufriedene Gruppe im Gesundheitswesen, warum liegt ihr Anteil dann bei 3,1 Prozent?

Perfide auch, wie die SZ die Zeitarbeiter darstellt. Angeblich genießen sie nur Vorteile, laut dem Teaser arbeiten immer mehr von ihnen „lieber“ für Zeitarbeitsfirmen. Mit solch kleinen Signalwörtern werden Bilder heraufbeschworen von Kollegen, die sich am Wochenende auf die Couch fläzen und sagen: „Och nö, ich habe keine Lust auf Festanstellung, ich mache Zeitarbeit. Mir doch egal, dass das unsozial ist.“ Nein, die Guten in diesem Artikel sind die Klinikbetreiber, zum Beispiel Helios, der kein Samariterverein, sondern als Privatunternehmer zur Profitmaximierung verdammt ist. „Die ersten Klinikbetreiber arbeiten schon daran, ohne Leiharbeitskräfte auf ihren Stationen auszukommen“, heißt es in der Bildunterzeile. Das klingt nach einem heldenhaften Kampf. Bei Helios in Leipzig, so ist zu lesen, komme man seit einiger Zeit sogar schon ohne Leiharbeiter aus. In der grotesken Logik der SZ offenbar eine tolle Sache. Was wir nicht erfahren: wie das umgesetzt wird. Was bedeutet das für die Beschäftigten auf den Stationen? Natürlich eine Verschlechterung, weniger Entlastung, mehr Stress.

Man kann sich denken, wie das abläuft. Die fehlenden Zeitarbeiter reißen ja Löcher. Also werden vermehrt festangestellte Kolleg*innen kurzfristig von ihren Stationen abgezogen und dahin geschickt, wo es gerade am meisten brennt – eine Maßnahme, die in vielen (oder in allen?) Kliniken an der Tagesordnung und in den Belegschaften extrem unbeliebt ist. Ob sich Herr Gaß – der mit der Sorge um die gespaltenen Belegschaften – wohl darüber auch den Kopf zerbricht?

„Erstmals wird das System infrage gestellt“

Nadja Rakowitz engagiert sich für ein besseres Gesundheitssystem. Sie ist Geschäftsführerin beim „verein demokratischer ärzt*innen“ und engagiert sich im Bündnis „Krankenhaus statt Fabrik“. Mit dem Pflegeblog sprach die Medizinsoziologin über die Pläne von Gesundheitsminister Karl Lauterbach für eine Reform des Gesundheitswesens – über Widersprüche der bisherigen Äußerungen, wo Deutschland bei der Pflege international „unterirdisch“ abschneidet und wieso die Ärzte heute zwischen den Stühlen sitzen.

Was halten Sie von den Vorschlägen für eine Reform des Gesundheitswesens, wie sie Karl Lauterbach ins Spiel gebracht hat?

Erstmal finde ich interessant, dass die Analyse der bestehenden Probleme eine wirklich neue Qualität hatte. Bei der Vorstellung der Pläne von Lauterbach und drei Mitgliedern der zuständigen Kommission hieß es nicht wie sonst immer: Wir drehen an Stellschrauben. Stattdessen wird erstmals das System infrage gestellt. Das war eine Bankrotterklärung der DRGs, die seit fast 20 Jahren ein Grundpfeiler sind. Das Fallpauschalensystem setzt Fehlanreize, Entscheidungen werden aus ökonomischen Gründen statt aus medizinischen gefällt. Wir brauchen eine dramatische Entökonomisierung, das war der Tenor. Die Überwindung der DRGs wurde angekündigt.

Das klingt nach einem Umdenken.

Das wird man beobachten müssen. Weiterhin grenzten sich Karl Lauterbach und Christian Karagiannidis mehrmals von der Selbstkostendeckung ab, früher hat man das Wort nicht einmal in den Mund genommen. Dabei geht es darum, den Kliniken ihre angefallenen Kosten für das, was medizinisch notwendig ist, 1:1 zu erstatten. Das sind durchaus bemerkenswerte Signale.

Was sind nun die konkreten Veränderungen, die ins Spiel gebracht werden?

Erstens gibt es die organisatorische Idee, die Kliniklandschaft in drei Level aufzuteilen, von kleinen Häusern für die Grundversorgung (Level 1) bis zu großen, hochspezialisierten wie z.B. die Uni-Kliniken. Darüber hinaus werden die Leistungen in einzelne Leistungsgruppen kategorisiert, die Fachabteilungen der Kliniken zugeordnet werden. Das soll gewährleisten, dass bestimmte Behandlungen dort gemacht werden, wo die Versorgung mutmaßlich am besten ist. Nach unserer Ansicht ist das ein starker politischer Eingriff ist, den wir begrüßen. Es gibt aber einen Nebeneffekt, der vielleicht sogar der gewollte Haupteffekt ist: Man kann damit Schließungen von Krankenhäusern begründen, vor allem beim Level I. Kliniken ohne Notaufnahme (Level 1i) könnten schnell unter Druck geraten und als eine Art bessere Pflegeheime enden.

Sie haben die Finanzierung angesprochen, wie sieht es da aus?

Eine vernünftige Finanzierung wäre nach unserer Auffassung dieselbe wie bei der Feuerwehr. Die Kollegen werden dort dafür bezahlt, dass sie abrufbereit sind, nicht nach Einsätzen. Nun wird so getan, als wären wir bei den Kliniken auf dem Weg dorthin, aber das ist ein Etikettenschwindel, die Rede ist von Vorhaltepauschalen über 20 % des DRG-Volumens. Die DRGs sollen also bestehen bleiben, es gibt auch nicht mehr Geld, sondern nur eine andere Art der Verteilung von einem Teil der Erlössumme der Krankenhäuser. Und es gibt wieder ökonomische Kriterien. Beim Pflegebudget, das seit 2020 für Pflege am Bett gilt, ist das anders: Hier wird jede Stelle voll refinanziert. Was allerdings auch schwierig ist in einer ökonomisierten Umgebung und den Druck auf andere Berufsgruppen erhöht, denn Gewinne können ja nur aus den DRGs gezogen werden. Wir sagen stattdessen: Solange die DRGs nicht ersetzt werden durch ein Selbstkostendeckungsprinzip müssen alle Berufsgruppen raus aus den DRGs.

Eine vernünftige Finanzierung wäre nach unserer Auffassung
dieselbe wie bei der Feuerwehr“

Nadja Rakowitz

Die Abkehr von den ökonomischen Zwängen ist bei den jetzigen Plänen also nur halbherzig?

Genau, deshalb brauchen wir ein Selbstkostendeckungsprinzip! Ein Einwand dagegen ist immer, dass man so einen Selbstbedienungsladen schaffe. Das kann man aber mit entsprechenden Kontrollen verhindern. Private Betreiber könnten innerhalb dieses Prinzips sowieso keine Gewinne mehr rausziehen. Die Privaten haben sich schon beschwert, als die Pflege aus den DRGs herausgenommen wurde, weil sie aus der Pflege keine Gewinne mehr ziehen können. Das Problem der DRGs ist: Auch die Nonprofit-Häuser (öffentliche und freigemeinnützige) werden gezwungen, sich wie Private zu verhalten, dem ökonomischen Druck kann sich keiner entziehen.

Sie haben von Widersprüchen in dem Papier gesprochen. Können Sie das näher erläutern?

Das Papier ist voller Widersprüche, z.B. werden die vorgeschlagenen Vorhaltepauschalen sofort wieder infrage gestellt und gesagt: Kann man denn Geld verteilen, wo noch keine Leistung erbracht wurde? Man muss aufpassen, dass nicht wieder falsche Anreize entstehen, das zeigen die Pflegepersonaluntergrenzen von Jens Spahn.

Inwiefern?

Weil unter den aktuellen Konkurrenzbedingungen die Kliniken aktuell ermuntert wurden, Personal abzubauen, wenn sie oberhalb dieser Untergrenzen liegen. Man muss bedenken: Im Vergleich mit andern Ländern steht Deutschland beim Verhältnis Pflegekräfte /Patienten unterirdisch da.

Mit welchen Widerständen ist zu rechnen und durch welche Gruppen?

Die Krankenkassen sind der schärfste neoliberale Akteur. Sie setzen sich für Krankenhaus-Schließungen ein und haben Möglichkeiten, selektive Verträge abzuschließen, womit sie die Kliniken gegeneinander ausspielen. Obwohl sie wissen, dass viele überflüssige Knie- und Wirbelsäulen-OPs gemacht werden. Bei den Krankenkassen hat es eine ähnliche Entwicklung wie bei den Kliniken gegeben, sie wurden von innen heraus verändert und agieren heute auch wie Unternehmen.

Wer sind die Profiteure der Privatisierung der letzten Jahrzehnte?

Es sind vor allem private Krankenhauskonzerne; Private-Equity-Fonds haben sich in diesem Bereich noch nicht so breitgemacht, sie agieren aktuell mehr im Pflegebereich und im ambulanten Sektor. Die privaten Konzerne machen gute Profite mit den Krankenhäusern. Für sie gibt es bislang nicht so viel Grund zur Beschwerde. Die jetzigen Pläne bedeuten allerdings mehr Bürokratie in den Kliniken. Auf der andern Seite glaube ich, der Widerstand der Beschäftigten wird sich fortsetzen. Die Bewegung in der Pflege seit 2015 hat das in Gang gebracht, was wir gerade beobachten. Wenn man sich die Streiks in Berlin oder in NRW für einen Tarifvertrag Entlastung anschaut, sind diese beeindruckend. Es passiert sehr viel.

Wie sehen sie die Rolle der Ärzteschaft? Profitieren nicht Chefärzte vom jetzigen System, wenn sie am Jahresende Boni einstreichen?

Ja, solche Verträge gibt es, in denen z.B. Zielzahlen für bestimmte OPs genannt werden. Aber ich würde die Ärzteschaft nicht zu den Profiteuren zählen. Viele leiden nach meinem Eindruck, weil sie nicht mehr die Hoheit über ihr Tun haben. Jetzt haben sie einen Ökonomen über sich. Das finden Ärzte nicht gut, egal ob sie Linke sind oder Konservative.

„Das Wort Personalmix im Koalitionsvertrag ist verräterisch“

Nadja Rakowitz

Deutschland hat im Vergleich zu Ländern wie den Niederlanden sehr viele Krankenhausbetten pro Einwohner. Warum ist das so?

In Dänemark ist es ähnlich wie in den Niederlanden, aber ich halte das für eine schwierige Diskussion. Es werden auch unterschiedliche Zahlen genannt, die außerdem schwer zu vergleichen sind, weil andere Strukturen unter den Tisch fallen. Dass bei uns zurzeit tatsächlich Betten fehlen, sieht man an den schlimmen Zuständen auf den pädiatrischen Stationen. Man müsste sich die Situation in Ländern wie Dänemark genauer anschauen, ist das gut für die Bevölkerung, welche ambulanten Angebote gibt es dort? Bevor wir von einer Überversorgung sprechen, müssen wir zuerst die Frage klären: Was ist der Bedarf? Der ist im Moment nämlich ökonomisch und damit auch durch Fehlanreize definiert. Wenn die Gesundheitsökonomen und -politiker heute einfach Dänemark zum Maßstab nehmen und von dieser Warte Schließung als Ziel vorgegeben, basiert das auf einfachen Rechenvergleichen zwischen Bevölkerungszahlen und Krankenhauszahlen. So einfach geht das aber nicht. Es gibt sehr viele andere Faktoren, die hier berücksichtigt werden müssen.

Zurzeit wird an einem neuen Instrument für einen bedarfsgerechten Personalschlüssel gearbeitet. Glauben Sie, die Koalition bringt etwas Ernstzunehmendes auf die Beine?

Das Thema halte ich jedenfalls für sehr wichtig. Und man müsste allerdings alle Beschäftigten miteinbeziehen, also auch diejenigen, die in den Kliniken Essen verteilen, Patiententransporte machen usw. Spahn hat gesagt, er wolle nur einen Anstoß geben, die Beteiligten, also DKG, ver.di und der Deutsche Pflegerat, sollen selbst ein Instrument entwickeln. Das haben sie mit der PPR 2.0 auch getan und pünktlich vorgelegt. Dann kam aber Corona und alles wurde verschoben. Nun arbeitet Lauterbach an etwas Neuem. Im Koalitionsvertrag stand allerdings, dass ein „Personalmix“ eingeführt werden müsse – ein verräterisches Wort, das letztlich auf eine Absenkung des Qualifikationsniveaus zielt. Die Privaten arbeiten schon länger daran, ein Stichwort ist der 60/40-Mix, wonach nur noch gut die Hälfte der Pflegenden eine dreijährige Ausbildung hätten.

Andererseits ist viel von Akademisierung in der Pflege die Rede. Wohin glauben Sie geht die Entwicklung?

Dahinter steckt die Idee einer neuen Arbeitsteilung, und die passt zu dem angesprochenen Qualifikationsmix. Auf der einen Seite haben sie dann eine kleine Gruppe Akademisierte, auf der andern Hilfskräfte, die die Arbeit machen. Grundsätzlich ist aber die Idee begrüßenswert, Leuten mit dreijähriger Ausbildung eine akademische Weiterbildung zu ermöglichen und die horizontale Durchlässigkeit zu erhöhen.

Und die Ärzte – schaut man sich die Situation nachts und an Wochenenden in den Kliniken an, bekommt man den Eindruck eines dramatischen Mangels. Auch die Belastung in der fünfjährigen Assistenzarztzeit ist enorm.

Das ist schwer zu beurteilen. Es scheint tatsächlich ein Mangel zu bestehen, obwohl die Zahl der Ärzte in den Kliniken angestiegen war, während die der Pflegekräfte sank. Das liegt zum Teil auch dem Urteil des EuGH zum Bereitschaftsdienst. Ökonomisch erschient es bislang so: Der Arzt „sitzt an der Kasse“, steht also auf der Einnahmen-Seite, weil er geldwerte Diagnostik und Therapie anordnet. Die anderen Beschäftigten-Gruppen verursachen dagegen Kosten. Die Pflegebudgets haben daran etwas geändert, weil dieser Posten nun voll refinanziert wird und deshalb aus der DRG-Betrachtung rausfällt. Heute haben wir mit dem Pflegebudget aber den Anreiz, auch Ärzte einzusparen – deren Leistungen müsste man dann wohl auf die übriggebliebenen Ärzte und die Pflegekräfte verteilen. Helios hat vor einiger Zeit angekündigt, sie wollen 10 % der Ärzte einsparen.

Aus „Schwester Gabi“ wird „Gabi Müller (M.A.)“

Meine Kollegin Fabienne hat vor einiger Zeit angefangen, nebenher zu studieren, irgendwas Pflegewissenschaftliches. Vor ein paar Tagen unterhielten wir uns darüber, was sie mit dem Abschluss anfängt. Vielleicht mal im organisatorischen Bereich arbeiten, sagte sie, z.B. Pflegedienstleitung, oder als Dozentin in die schulische Ausbildung von künftigen Pflegern. Mit andern Worten: Mit der eigentlichen Krankenpflege ist es dann vorbei.

Die Akademisierung ist seit einiger Zeit eins der großen Themen in der Pflege, vor Kurzem ist ein bundesweites Pilotprojekt „360° Pflege“ mit einem großen Bericht der Robert-Bosch-Stiftung abgeschlossen worden, unser Zentralorgan „Die Schwester Der Pfleger“ hat daraus jetzt ein Titelthema gemacht. Auch in meiner Ausbildung hieß es immer wieder, wir müssten uns professionalisieren. Ohne das weiter infrage zu stellen, habe ich nie so richtig verstanden, wo diese Professionalisierung hinführen soll.

Photo by Joshua Mcknight on Pexels.com

Klar ist, dass in der Pflege immer schnell ein Bezug zu unserer Partnerdisziplin hergestellt wird, den Ärztinnen und Ärzten. Die mit Studium, Praktika und PJ naturgemäß eine deutlich anspruchsvollere Ausbildung durchlaufen. Die Akademisierungsverfechter empfehlen der Pflege dann oft auch ein größeres Selbstbewusstsein, was ja durchaus verständlich ist. Die eigenen Kompetenzen zu erweitern kann sicher nicht schaden.

Zudem geht der Blick häufig in andere Länder wie Großbritannien, wo der Weg in die Pflege gar nicht über eine Ausbildung führt, sondern über ein Studium. Sind die Kollegen in solchen Ländern damit besser qualifiziert als wir in Deutschland? Wenn man das so sieht, müsste man da nicht zuerst fragen, wie man die Ausbildung selber aufwertet? Stattdessen ist hier vor einiger Zeit die generalistische Ausbildung eingeführt (darüber habe ich hier mal etwas geschrieben) und damit meiner Ansicht nach genau der entgegengesetzte Weg eingeschlagen worden. Kranken- und Altenpflege wurden in einen Topf geworfen, was zwangsläufig zu einer Verwässerung der Ausbildung führt. Packt man zwei Ausbildungen in eine, bleiben Inhalte auf der Strecke.

Der übliche Karriereweg sieht also so aus: Erst die Ausbildung machen, und wenn man fit ist und sich berufen fühlt, irgendwann einen Bachelor oder Master hinterherschieben. Dann stellt sich dieselbe Frage wie für Fabienne. In den Pilotprojekten von „360° Pflege° gibt es tatsächlich einige Beispiele, wo Kollegen mit akademischem Abschluss weiterhin auf Station arbeiten, dort aber zum Beispiel Patienten mit bestimmten Krankheitsbildern intensiv betreuen oder Aufgaben übernehmen, die mehr mit Schulung und Beratung zu tun haben. Wenn so etwas gelingt, entstehen neue Möglichkeiten, sich innerhalb der Pflege weiterzuentwickeln, und das mit besserer Bezahlung (wobei ich nicht weiß, was solche Leute tatsächlich verdienen).

Nur denke ich, dass solche Jobs bislang die absolute Ausnahme sind, ich bin noch keinem Kollegen begegnet, der so arbeitet. Mit andern Worten: Nach dem Studium sind die meisten weg. Und dann erinnert mich das Ganze an die Klagen, die seit Jahren zum Beispiel aus Branchen wie dem Handwerk zu hören sind: Es herrscht zunehmender Personalmangel, denn die Schulabgänger haben immer weniger Lust auf Ausbildung und praktische Arbeit, sondern wollen lieber studieren. Den Machern von „360° Pflege“ ist das Problem durchaus bewusst. Die Akademiker auf Station zu beschäftigen bedeutet höhere Personalkosten – welcher Klinikbetreiber will das schon? Und so müssen die Autorinnen im Abschlussbericht genau das zugeben, wenn auch etwas verschämt und verschwurbelt: „Auch die Einschätzung, dass in Deutschland mit einer akademischen Qualifikation in der Pflege i.d.R. eine Abwendung aus den Versorgungsbereichen einhergeht, ist weit verbreitet und […] nicht ganz falsch.“

Solange sich daran nichts ändert, sind viele Kolleginnen und Kollegen nach dem Studium für die Pflege verloren. Ein Teil geht wie gesagt in die Ausbildung, die Pflegeschulen suchen Dozenten. Doch das Gesundheitswesen, inklusive der Verwaltungsebenen der Kliniken, ist groß, da gibt es viele Jobs. Will man die Leute in der Pflege halten, müssen schleunigst Arbeitsmöglichkeiten am Patientenbett geschaffen werden. Sonst entpuppt sich die Akademisierung als Eigentor.

Woher kommt der Hass auf die Pflegekammer?

Vor einiger Zeit habe ich hier einen kritischen Text über den „Fehlstart“ der Pflegekammer NRW geschrieben. Inzwischen schaue ich ein bisschen anders auf das Thema. Zwar finde ich die Kommunikation weiterhin miserabel, mit der versucht wird, die neue Kammer gegen großen Widerstand durchzudrücken. Andererseits bleibt ein zentrales Argument stichhaltig, warum wir eine solche Kammer brauchen: Im Vergleich zu andern Berufsständen – nicht zuletzt, zu den Ärzten, die seit Langem sehr öffentlichkeitswirksam und professionell ihre Interessen vertreten – haben wir in der Pflege keine vernünftige Lobby. Es fehlt ein Gremium, das direkt an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt ist. In einer Zeit, wo alle darüber reden, dass in der Pflege ganz viel verändert und verbessert werden muss.

Und da finde ich, dass man seine Ablehnung gegenüber der geplanten Kammer schon gut begründen muss. Stattdessen höre ich aber eher emotionale als sachliche Argumente. Es geht oft in die Richtung, da wird uns etwas übergestülpt, irgendwelche Leute da oben wollen ihre eigenen Interessen durchsetzen und sich Posten sichern, um uns geht es gar nicht. Vielleicht ist das Misstrauen zum Teil nicht ganz unbegründet. Wir müssen zwar zunächst keine Beiträge zahlen, weil die NRW-Regierung einen finanziellen Vorschuss leistet. Was dann aber auf uns zukommt, da herrscht keine Transparenz. Andererseits: Vielleicht kann eine Kammer in Zukunft doch etwas für uns ausrichten.

Aber viele der lauten Kritiker, würde ich behaupten, sind nicht einmal bei Verdi. Man kann das schon allein deswegen annehmen, weil auch bei uns im Haus die Quote der Gewerkschaftsmitglieder erschreckend niedrig ist. Im kleinen Kreis herumzujammern hilft definitiv nicht viel, man muss schon einen größeren Stein ins Rollen bringen. Eine Pflegekammer im größten Bundesland wäre zumindest ein Signal.

Verdi ist ganz klar gegen die Pflegekammer. Aber vertreten sie damit nur unsere Interessen? Vielleicht liegt es auch daran, dass sie neue Konkurrenz fürchten. Denn wer zahlt von seinem kargen Pflegerinnengehalt schon gern zweimal Mitgliedsbeiträge, einmal für die Gewerkschaft und einmal für die Kammer? Es wäre auf jeden Fall ein Eigentor für die Pflege, wenn aus diesem Grund auch noch einige der viel zu wenigen Verdi-Mitglieder kündigen. Bei Verdi ist man freiwillig, aus der Kammer kommt man dagegen nicht raus.

Verdi hat vor einigen Tagen eine Mail herumgeschickt. Sie fordern jetzt dazu auf, sich bei der Kammer zu registrieren. Man habe ohnehin keine Wahl. Wie bei andern berufsständischen Kammern müssen alle eintreten. Und nur wer registriert ist, kann im Herbst an der ersten Kammerwahl teilnehmen, einer Art Parlamentswahl der Pflegekammer, bei der auch Verdi kandidiert. Der Plan: Wenn Verdi gut abschneidet, soll die erste Initiative sein: eine Abstimmung unter allen Pflegenden abhalten, ob die neue Kammer überhaupt gewollt ist. Und sie damit beim zu erwartenden schlechten Ergebnis gleich wieder zu Fall bringen. Aber ob uns das weiterbringt?