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Aus dem Leben des Pflege- und Putzproletariats

Im aktuellen SZ-Magazin ist ein Interview mit zwei Frauen erschienen, die jahrelang ihre jeweiligen Männer pflegen bzw. gepflegt und darüber Bücher geschrieben haben. Sie berichten darin auch von den extremen Belastungen und Einschränkungen, die sie hinnehmen. Kaum thematisiert wird im Gespräch, welche professionelle Hilfe Sie in Anspruch nehmen, in kurzen Bemerkungen klingt es aber an – und auch die üblichen Probleme.

Helga S. erzählt: „Ich kann zu Lesungen fahren, weil ich einer sehr guten Krankenschwester vertrauen kann. Sie übernachtet im Wintergarten, das Babyfon ist eingeschaltet, und ihr gebe ich 400 Euro für zwei Tage.“

Ich lese gerade das Buch „Alle_Zeit“ von Teresa Bücker. Sie macht aus dem Thema Zeit eine Gesellschaftsanalyse. Darin beschreibt sie auch, wie unsere Gesellschaft sich standhaft weigert, Pflege – und zwar Pflege im weitesten Sinne – als Arbeit anzuerkennen und sie damit als typische weibliche Beschäftigung sowohl sozial als auch wirtschaftlich abwertet.  Noch 2021 klagte eine Bulgarin dagegen, dass sie sich rund um die Uhr um eine Seniorin kümmerte, von dieser 24-h-Pflege aber nur sechs Stunden pro Tag als Arbeitszeit anerkannt wurden. Ihr Monatslohn: 950 Euro.

Wenn ich Helga S. richtig verstehe, erhält ihre Krankenschwester für 48 Stunden 400 Euro, also einen Stundenlohn von gut acht Euro, da ist man nicht mal in der Nähe des Mindestlohns. Ich habe eine ähnliche Arbeit vor vielen Jahren gemacht. Ich hatte einen festen Stundenlohn, der für die Tagesstunden genauso galt wie für die Nacht, in der ich geschlafen habe, aber meist auch mehrmals rausmusste. Etwa 400 Mark habe ich damals für 24 Stunden erhalten. Wenn man nun die Inflation einrechnet und sehr grob überschlägt, kann man sagen: Ich habe damals schon mehr als das Doppelte verdient. Und ich hatte nicht mal eine Ausbildung.

Helga S. sagt über die Kollegin: „Unsere Gemeinsamkeit ist, dass wir die Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen und ihm gegenüber loyal bleiben.“ Aber was ist der Unterschied zwischen den beiden? Dass Helga S. auf ihrer Lesereise einen deutlich höheren Stundenlohn erzielt als die Krankenschwester, und es sich deshalb leisten kann, sie zu beschäftigen. Die Pflegeversicherung wird dafür kaum reichen. Es ist für sie also profitabler, die Frau für sie arbeiten zu lassen als zu Hause zu bleiben. Und aus Sicht der Pflegerin? Der Mann von Helga Schubert hat eine Demenz und eine fortgeschrittene Krebserkrankung, er macht mit andern Worten sehr viel Arbeit. Sie wird zudem für zwei Tage aus ihrem normalen Leben herausgerissen. Warum? Offenbar aus Loyalität.

Gutverdiener kaufen sich freie Zeit – Niedriglöhner müssen doppelt putzen

Helga S. macht sich durchaus Gedanken über die soziale Komponente. Sie spricht an, dass andere Menschen es sich nicht leisten können, so wie sie eine Pflegerin auf private Rechnung zu engagieren. Aber könnte sie es sich auch dann noch leisten, wenn sie ihr einen angemessenen Lohn zahlen würde?

Keine Frage, Helga S. leistet Enormes. Ihr Leben dreht sich überwiegend um die Pflege ihres Mannes. Ich erlebe im beruflichen Alltag ständig solche Menschen, die – gerade wenn der Partner oder die Partnerin eine Demenz hat – in eine totale Überlastung hineingeraten. Der Aufwand ist riesig, die psychische Belastung enorm.  Insofern ist es gut, dass Helga Schubert sich Hilfe organisiert. Viele sind damit überfordert.

Ob die Krankenschwester den Job neben ihrer normalen Arbeit macht, um sich ein bisschen was dazuzuverdienen? Ich unterhalte mich bei uns im Haus manchmal mit den Kolleginnen vom Service, die u.a. das Essen verteilen. Sie haben eine Sechs-Tage-Woche mit mehr als 40 Stunden, arbeiten also an jedem Wochenende. Mehrere haben trotzdem noch einen zweiten Job, um das karge Gehalt etwas aufzubessern. Eine erzählte mir vor Kurzem, dass sie fünf Mal die Woche abends noch zwei Stunden putzen geht. Sie ist um die 60, glaube ich und ihr Gang sieht auch nicht mehr rund aus. Aber irgendwoher muss das Geld ja kommen.

Auch mit diesem Thema beschäftigt sich Teresa Bücker in ihrem Buch explizit und beleuchtet das Putzen in Privathaushalten. Wieder zeigt sie dabei die Bedeutung von Gehaltunterschieden. Die Mittel- und Oberschicht erkauft sich freie Zeit, weil ihre Arbeitsstunden mehr wert sind. Die Reinigungskraft hat diese Wahl nicht, sie muss putzen gehen und ihre eigene Hausarbeit machen. Bücker geht so weit zu fordern, auf die Putzhilfe zu verzichten. Und zwar indem sie ein komplettes Umdenken fordert: Weg vom Vollzeiterwerbsdenken mit 40-Stunden-Woche: Das bedeutet für die Gutverdiener ständigen Zeitdruck, denn die restliche Zeit des Tages besteht aus vielen andern Pflichten und nicht nur aus Freizeit. Besonders für Menschen mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. Oder für Frauen, die in der Regel deutlich mehr Erziehungs- und Hausarbeit leisten. Die Lösung muss sein, weniger zu arbeiten statt sich von Pflege oder Hausarbeit freizukaufen. Denn das bestehende Modell verstärkt nur die ungerechte Verteilung von Geld und von Zeit.

Lena auf Depri-Tour

Manche psychischen Krankheiten sind in den vergangenen Jahren in Mode gekommen: ADHS im Erwachsenenalter, Autismus, Depressionen. In dichter Folge outen sich immer wieder Schauspieler und andere Prominente, vor Kurzem war es Sängerin Lena Meyer-Landrut, deren Depression in einem großen Artikel in der Süddeutschen Zeitung beschrieben wurde.

Ich stutzte kurz und überlegte: Das Gesicht, das mich in einem Teaser auf Seite 1 schon traurig anblickte, hatte ich doch gerade erst gesehen. Ja, richtig, am Vortag war just in der SZ eine Eigenanzeige erschienen: 300 Konzertkarten für Lena zu gewinnen („nur für SZ-Abonnenten“). Sie ist gerade auf Tournee und hat eine neue Single herausgebracht. Da habe ich mich gefragt, ob es nicht journalistisch geboten gewesen wäre, auf eines der beiden zu verzichten: die PR-Aktion oder den Artikel. Beides so dicht hintereinander verträgt sich nicht mit journalistischer Unabhängigkeit.

Keine Ahnung, was Lena seit dem ESC-Gewinn so getrieben hat, es hat mich nicht interessiert. Es gibt nur eine Szene, die ich vor Jahren gesehen habe und die sich mir ins Gedächtnis gebrannt hat. Vielleicht war ich auch nur schlecht vorbereitet, weil ich nie Castingshows schaue. Lena war jedenfalls Jurorin bei einer Kinder-Casting-Show (The Voice Kids, glaube ich). Ein Junge war gerade herausgewählt worden, hatte die Bühne verlassen. Plötzlich sprang Lena auf, rannte ihm hinterher, dicht auf ihren Fersen natürlich die Kamera, die ihren Weg hinter den Kulissen zeigte und wie sie dann den Jungen einholte und offenbar spontan in den Arm nahm. Weil es ihr so leidtat, dass er nicht mehr dabei sein durfte.

Für mich war das ein Sinnbild von Verlogenheit. Jurorin in einer Castingshow mit der Aufgabe, reihenweise Kinder vor die Tür zu setzen. Und sich dann als großartiger Gefühlsmensch zu inszenieren. Ich bezweifle, dass der Auftritt wirklich spontan war.

Ich habe keine Ahnung von Lenas Gesundheitszustand. Ich will auch nicht bezweifeln, dass sie tatsächlich an Depressionen leidet. Woher soll ich das wissen? Ich will nur sagen, dass sie bei mir in punkto Glaubwürdigkeit nicht auf den vorderen Rängen liegt. Und nun hat sie sich offensichtlich entschieden, mit ihrer Depression an die Öffentlichkeit zu gehen. Im SZ-Artikel heißt es: „Lena Meyer-Landrut spricht mittlerweile offen über ihre Unsicherheit – aber nur mit Menschen denen sie vertraut.“ Es ist fast zu banal, um es auszusprechen, aber trotzdem: Sie spricht nur mit Menschen darüber, denen sie vertraut – und mit Journalistinnen, die es dann groß herausposaunen.

In dem Artikel werden auch Zeilen aus Lenas Liedtexten zitiert. „Goodbye to the doubts, I hate them”, heißt es da zum Beispiel. Oh wow, jetzt können die Fans verstehen, was die Texte wirklich bedeuten, das ist alles echt! Wer aber glaubt, dass es sich hier vielleicht um eine Imagekampagne handelt, der wird schon auf der Seite 1 der SZ-Ausgabe beruhigt. Unter besagtem Bild, auf dem Lena so traurig schaut, steht ein Satz von ihr: „Für mich ist die Depression etwas ganz Normales und nichts Sensationelles.“ Soll bloß keiner denken, sie will Aufmerksamkeit erregen.

Prominente, die sich zu ihren Depressionen bekennen, werden oft gelobt, weil sie das Verständnis für die Krankheit fördern. Vielleicht tragen sie aber auch zu einem verzerrten Bild bei. Eine Betroffene, die in einem schwarzen Loch steckt, wird sich vielleicht in Zukunft öfter anhören müssen: Stell dich mal nicht so an, Lena ist auch depressiv. Aber die geht auf Deutschland-Tournee!

Streikrecht einschränken? – Im Gegenteil!

Arbeitgeber mögen keine Streiks, das war schon immer so. Kein Wunder also, dass CDU und FDP gerade mal wieder versuchen, das Streikrecht einzuschränken. Nach dem quälend langen Konflikt zwischen Bahn und GDL scheint der Moment günstig. Dabei ist jetzt viel von der kritischen Infrastruktur die Rede, die angeblich geschützt werden muss, auch die Pflege wird genannt. Was natürlich paradox ist, denn das Problem in der Pflege ist ja, das viel zu wenig gestreikt wird.

Mal ein Rückblick auf den letzten Streik im öffentlichen Dienst, der auch die kommunalen Kliniken betraf, Anfang 2023 war das: Wir hatten gerade ein Jahr extremer Inflation hinter uns, die realen Einkommen waren dramatisch abgestürzt. Und dann gibt es da ja noch den Pflegenotstand und die Einsicht, dass der Beruf massiv aufgewertet werden muss. Sehr gute Gründe also für deutliche Tariferhöhungen. Hat aber alles nichts genutzt, der Abschluss, den Verdi aushandelte, war die reinste Enttäuschung. Die kommunalen Arbeitgeber stellten sich einfach hin und sagten: Die Kassen sind leer. Die paar Streiks haben sie ausgesessen.

In meinem Haus wurde auch gestreikt, aber die Beteiligung war wie immer ein Witz. Der eine wesentliche Grund dafür ist bekannt, die klassische Krankenschwester ist nicht in der Gewerkschaft und streikt nicht gern. Bei den männlichen Kollegen sieht es auch nicht besser aus. Aber es gibt noch einen weiteren Grund. Vor den Streiktagen werden Notdienstpläne geschrieben, die eine Mindestbesetzung für jede Station und Abteilung vorschreiben. Dadurch wird sichergestellt, dass der Normalbetrieb weiterlaufen kann. Ironie des Pflegenotstands: Die Notdienstpläne unterscheiden sich kaum von der ganz normalen täglichen Unterbesetzung. Jeder Streik wird damit ad absurdum geführt. Das ist so, als würde die GDL sagen: Wir streiken morgen, aber es fahren alle Züge.

Die gängige Begründung: Man kann die Patienten nicht alleinlassen. Das stimmt aber nur zum Teil. Klar muss ein gewissen Niveau sichergestellt sein, damit dringende OPs laufen, Notfälle versorgt werden etc. Aber was uns Corona gezeigt hat: Wenn es sein muss, können Krankenhäuser ihren Betrieb deutlich herunterfahren. Viele langfristig geplante Eingriffe und Untersuchungen können verschoben werden, ohne dass damit die Gesundheit von Patienten gefährdet wird.

Das Entscheidende daran ist, dass die Arbeitgeber bei diesem Szenario etwas zu verlieren haben. OPs und Untersuchungen, die nicht stattfinden, bedeuten finanzielle Einbußen. Erst damit wäre dann der Grundgedanke eines Streiks erfüllt: Druck machen auf die Arbeitgeber, die sich dann überlegen müssen, was mehr Geld kostet – noch mehr Streiks oder Gehaltserhöhungen. Die IG Metall hat diesen Hebel und erreicht damit immer wieder gute Abschlüsse. Prinzipiell könnten wir ihn auch haben.

Das ist etwas völlig Anderes als z.B. unser Streik im Vorjahr, der eine Abfolge von Ritualen darstellte, die am Ende auf die Medien zielen. Das ist kein Arbeitskampf im klassischen Sinne, sondern der Versuch, die Öffentlichkeit auf seine Seite zu ziehen. Eine PR-Schlacht.

Ich weiß nicht, ob man eine Streikausweitung auf der augenblicklichen rechtlichen Grundlage machen könnte. Die Notdienstpläne werden aber meines Wissens zwischen Verdi und den einzelnen Kliniken ausgehandelt. Da hat sich auf jeden Fall ein Vorgehen eingebürgert, das nicht im Interesse der Pflegenden ist. Warum nur?

Natürlich würde die Gegenseite versuchen, uns an den Karren zu fahren, wenn wir mal ernsthaft streiken, anstatt nur so zu tun. Schon jetzt müssen wir uns bei unsern Ministreiks schon anhören, wir wären gierig, würden rücksichtlos die Inflation anheizen und uns nicht um unsere Patienten scheren. Aber Arbeitskämpfe sind nun mal kein Zuckerschlecken. Widersprechen, weitermachen. Die GDL hat gerade vorgemacht, wie es geht.

Verantwortungsgemeinschaft – viel Lärm um nichts

Die FDP hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker zur Klientelpartei für Besser- und Bestverdiener entwickelt. Damit das nicht zu sehr auffällt, muss hin und wieder mal ein wirtschaftsfernes liberales Projekt präsentiert werden, in dem zum Beispiel klassiche Familienstrukturen überwunden werden. Das heißt jetzt nicht, dass die Liberalen über das Ende des Ehegattensplittings nachdenken würden, das ist mit Christian Lindner nicht zu machen. Stattdessen hat man sich das Projekt „Verantwortungsgemeinschaft“ ausgedacht, laut Justizminister Buschmann „etwas völlig Neues“. Aber mit dieser Aussage verhält es sich wie so oft in der Werbung: Das Gegenteil ist der Fall. Die Qualitätsmedien schert das nicht, es wird fleißig, aber planlos berichtet.

Ein wesentlicher Pfeiler der Idee: Wenn zum Beispiel jemand ins Krankenhaus kommt und nicht mehr selber in der Lage ist, über Behandlung und Maßnahmen zu entscheiden, wer soll es tun? Da will die FDP Menschen außerhalb der Kernfamilie ins Spiel bringen. Jeder soll in der Verantwortungsgemeinschaft autorisiert werden können, also vor allem befreundete Vertrauenspersonen. Klingt nach einer progressiven Idee, gibt es aber längst, und zwar in Form der Vorsorgevollmacht.

Das Thema ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt, viele denken, dass in Krisenfällen zum Beispiel Eheleute im Krankenhaus sofort Auskunft erhalten und in Absprache mit Ärztinnen Entscheidungen treffen können. Das stimmt aber nicht. Erst seit dem Vorjahr gibt es immerhin das Notvertretungsrecht, das in solchen Fällen greift, aber auf sechs Monate befristet ist. Das Entscheidende ist die Vorsorgevollmacht. In den Augen vieler Experten ist sie wichtiger als eine Patientenverfügung.

Dringend notwendig ist sie zum Beispiel bei Patienten, die aufgrund einer Demenz nicht mehr entscheidungsfähig sind oder die an einer tödlichen Krankheit leiden. Hat der Partner – egal ob verheiratet oder nicht – keine Vollmacht, kann er auch nichts bestimmen. Kinder genauso wenig. Stehen dann wegweisende Entscheidungen an, zum Beispiel über den Abbruch einer Behandlung oder eine Verlegung ins Heim, muss ein gesetzlicher Betreuer eingesetzt werden, dessen einzige Aufgabe es ist, im mutmaßlichen Sinne des Patienten zu handeln. Leider dauert es in der Regel viele Wochen, bis ein Betreuer über eine Richterin gefunden und autorisiert ist.

Der Justizminister präsentiert „etwas völlig Neues“, das es schon gibt

Dagegen kann man in einer Vorsorgevollmacht viele Kompetenzen an beliebige Menschen seines oder ihres Vertrauens übertragen, auch an mehrere: von gesundheitlichen Fragen über organisatorische oder finanzielle. In der Regel reicht die Unterschrift von beiden Seiten. Man kann also schon längst Verantwortungsgemeinschaften bilden, sie heißen nur nicht so.

Vor Kurzem hat die Süddeutsche den Plänen der FDP ein großen Artikel gewidmet, die „Vorsorgevollmacht“ taucht darin aber nur ganz am Rande auf. Die drängende Frage, wie die beiden Konzepte zueinander stehen, wird gar nicht gestellt. Für die Autorin Constanze von Bullion ist es viel wichtiger, der Frage nachzugehen, ob mit den Plänen die privilegierte Stellung der Ehe bedroht ist. Womit sie schon auf das Spielchen der FDP hereingefallen ist.

Nun muss man erwähnen, dass die Verantwortungsgemeinschaft noch weitere Elemente haben könnte. Die Pläne sehen etwa vor, dass zum Beispiel Menschen aus dem persönlichen Umfeld zusätzliche Rechte erhalten, die bislang nur für Familienmitglieder gelten, zum Beispiel Freistellungen vom Job, um Zeit für Pflege zu haben, bzw. finanzielle Entschädigungen. Das Problem ist nur: Eine Finanzierung dafür steht in den Sternen. Und bekanntlich ist die FDP eher eine Partei der Haushaltsdisziplin und weniger der Sozialausgaben.

Expertin im Studio: eine FDP-Politikerin, die sich nicht auskennt

Groß berichtet hat auch WDR 5, es gab einen 45-Minuten-Beitrag mit Zuhörerbeteiligung (hier der Link dazu). Auch hier wird die Gesetzesinitiative als Epochensprung präsentiert und viel Bohei um eine Neuerung gemacht, die es längst gibt. Im Studio sitzt normalerweise eine Moderatorin zusammen mit einer Expertin, die dann die Kommentare der Anrufer einordnet. In diesem Fall gab es bei der Expertin aber zwei Probleme: Ria Schröder war als am Gesetzesvorhaben beteiligte FDP-Politikerin nicht ganz unabhängig. Und sie war schlecht vorbereitet.

Es dauerte eine Weile, bis sich eine Hörerin mit dem Einwand zu Wort meldete, das Vorhaben sei überwiegend überflüssig: „Es gibt ja schon die Vorsorgevollmacht.“ Nun stellte sich heraus, dass Ria Schröder, die angeblich an der Entstehung des neuen Gesetzes beteiligt ist, über die Vorsorgevollmacht schlecht informiert ist („Ich bin keine Medizinrechtlerin“). Sie weiß gar nicht, was man damit alles regeln kann. Eigentlich grotesk. Vermutlich wird es der Karriere der fotogenen Nachwuchspolitikerin (2018-2020 Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen) aber nicht schaden.

Übrigens würde sich mit der Verantwortungsgemeinschaft doch etwas ändern. Laut SZ müsste man sich die entsprechende Vereinbarung in jedem Fall von einem Notar oder einer Notarin beurkunden lassen (Bei der Vorsorgevollmacht ist das nur notwendig, wenn man Kompetenzen übertragen will, die sich auf Immobilienbesitz beziehen). Über diese Neuerung würde sich bestimmt eine Berufsgruppe freuen, die üppige Honorare für ihre Dienstleistungen veranschlagt – und laut einem verbreiteten Klischee gern die FDP wählt.

Delir – die tödliche Unbekannte

Es begann an einem Mittwoch mit den ersten Warnzeichen. Patientin Frau M.*, Anfang 80, wirkte unruhig, später zog sie sich die Infusionsnadel aus dem Arm. Bis dahin wurde das als übliche Krankenhausroutine behandelt. Doch in den nächsten Tagen eskalierte die Situation dramatisch, Frau M. wurde immer unruhiger, unkooperativer, begann teilweise zu randalieren. Betrachtet man den Fall im nachhinein, drängt sich der Verdacht auf, dass die Patientin ein Delir entwickelt hatte. Doch obwohl sie von Ärzten und Pflegern umringt war, die darauf spezialisiert sein müssten, taucht der Begriff „Delir“ kein einziges Mal auf. Und es finden sich auch keinerlei Hinweise auf eine adäquate Reaktion, wie sie dieses Krankheitsbild erfordert. Einige Tage später war Frau M. tot.

Das Delir ist so etwas wie der Elefant im Raum des deutschen Gesundheitswesens. In Öffentlichkeit und Medien erfährt man kaum etwas darüber. Dabei ist die Zahl der Fälle in Krankenhäusern enorm. Auf Intensivstationen sind Patienten, die kein Delir entwickeln, je nach Statistik sogar in der Minderheit. Eine Vollnarkose ist anders als häufig angenommen nur einer von vielen Risikofaktoren und Auslösern. Und was Statistiken außerdem belegen, auch wenn die Gründe teilweise unklar sind: Ein Delir verkürzt statistisch die Lebenserwartung.

Früher war oft verharmlosend von einem „Durchgangssyndrom“ die Rede, nach dem Motto: geht schnell vorüber. Tatsächlich kann es nach wenigen Tagen wieder vorbei sein. Aber auch erst nach Wochen. Für die Betroffenen ist es oft die Hölle, zumindest in der so genannten hyperaktiven Form. Sie verlieren phasenweise den Halt, haben Halluzinationen und wahnhafte Gedanken, wirken getrieben. Oft mündet das in Paranoia und zunehmendes Misstrauen. Die Patienten fühlen sich ausgeliefert, getäuscht, bestohlen oder vergiftet. Die Behandlung der eigentlichen Erkrankung wird dadurch oft erschwert bis unmöglich. Appelle an die Vernunft sind vollkommen aussichtlos, man erreicht diese Menschen in dem Stadium nur schwer.

In einem Artikel im Ärzteblatt von 2019 werden bedrückende Zahlen genannt. Demnach entwickeln unter den über 70-jährigen internistischen Klinikpatienten mehr als 3o % ein Delir, auf chirurgischen Stationen ist nach schweren Eingriffen von ca. 50 % die Rede. Die Folgen: deutlich längere Verweildauer, im Schnitt schlechteres Outcome und eine erhöhte Sterblichkeit. Viele Betroffene erholen sich zudem kognitiv nicht mehr komplett.

Generell kann man sagen, die Krankenhäuser tun sich schwer im Umgang mit dem Delir. Verfahrensanweisungen zu Prophylaxe, Erkennung und Behandlung sind geschrieben, aber werden sie auch angewendet? Im Alltag werden vorbeugende Maßnahmen eher vernachlässigt. Wenn ein Delir dann beginnt, wird es immer wieder zu spät erkannt und dann auch noch falsch darauf reagiert. Ein Teil des Problems ist, dass die Prozesse, die im Gehirn ablaufen, nicht erforscht und verstanden sind. Die Symptome sind uneindeutig und schwankend, die Betroffenen oft schwer zu händeln. Eine verlässliche Therapie existiert noch nicht. Was die Erfahrung aber zeigt: Die Betroffenen brauchen Ruhe, Zuwendung, Orientierung, gutes Schmerzmanagemant und vieles mehr. Doch häufig erfahren sie Druck, Widerstand oder Ignoranz – ein deliranter Patient ist das letzte, was die meist überlasteten Stationen gebrauchen können.

An der Geschichte von Frau M. lässt sich beobachten, wie ein ganz typisches Delir in die totale Überforderung und schließlich in die Katastrophe mündet. Schon bald nach der Aufnahme war sie mit sonderbarem Verhalten aufgefallen, teils war sie sehr unfreundlich, dann ängstlich oder ablehnend. Die Dokumentation dazu hat oft einen verständnislosen und vorwurfsvollen Tenor.

Nach mehreren Tagen eskaliert die Lage dann, Frau M. wirft mit Gegenständen um sich, ist misstrauisch und sprunghaft. Einen weiteren Tag später verliert sie dann komplett den Kontakt zur Realität, wirkt wahnhaft und ist nicht mehr mit Worten erreichbar. Die Reaktion einer Pflegerin: Frau M. wird ermahnt und zurechtgewiesen. Offenbar kommt die Kollegin nicht auf die Idee, ihre Patientin könnte an einem Delir leiden – also einer akuten kognitiven Störung – und dringend hilfsbedürftig sein. Später stürzen sich mehrere Pflegekräfte auf die Frau, ihr wird ein starkes Beruhigungsmittel gespritzt.

Auch von ärztlicher Seite ist vor allem Überforderung erkennbar. Ein Psychiater soll gerufen werden. Die Diagnose Delir wird nicht in Betracht gezogen und damit auch keine der Maßnahmen, die angebracht wären: Gabe eines geeigneten Neuroleptikums, intensive Begleitung durch eine Bezugsperson, Hilfe bei der Orientierung, Ruhe. Der einzig richtige Gedanke: Verwandte werden gebeten, die Patientin zu beruhigen, schaffen es aber nicht zu kommen. Am nächsten Morgen ist Frau M. tot.

* Der Fall ist real, Name und Details sind aber abgewandelt.

Leistung lohnt sich nicht

Aktuelles Beispiel aus der SZ, die neue Arzt-Kolumne von Johannes Ahme. Darin bricht er eine Lanze für unsern Berufsstand, was ja erstmal löblich ist. „Hunderttausenden Pflegekräfte“, heißt es dann, verdienen „mehr Anerkennung für einen fantastischen Job.“ Ein solches Lob hätte er sich sparen können. Sämtliche Pflegenden über einen Kamm zu scheren, ist platt und anbiedernd. Aber typisch, denn das Klischee hält sich hartnäckig. Die selbstlose Krankenschwester, die sich für ihre Patienten aufopfert, voller Empathie, bei schlechtester Besetzung rennt sie über die Station, um die Leute zu versorgen, der Job ist für sie eine Berufung. Und so weiter. Wie so viele Stereotype ist auch dieses nur zu einem kleinen Teil richtig. Und es hat fatale Auswirkungen auf die Leistungskultur in unserm Beruf – es gibt nämlich quasi keine.

Wer die dreijährige Ausbildung zum examinierten Pfleger abgeschlossen hat, für den gibt es außer Studieren kaum noch Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln. Stationsleitung könnte man noch werden, aber die Jobs sind rar. Und die gute alte „Oberschwester“ gibt es schon lange nicht mehr. Auf meiner Station gibt es ein großes Team mit unterschiedlichen Qualifikationen, Praktikanten, Pflegehelfer und -assistenten, aber auch viele examinierte Pflegerinnen und Pfleger. Und es ist frappierend, wie extrem die Unterschiede sind, was Können und Leistungsbereitschaft anbetrifft. Natürlich gibt es diejenigen, die ein Berufsethos haben, die sich reinhängen und Gedanken über ihre Arbeit machen. Auf der andern Seite sind da aber auch viele Kollegen, die versuchen, mit minimalem Aufwand durch die Schicht zu kommen. Die kein Interesse haben, sich weiterzuentwickeln. Die oft Patienten als Menschen betrachten, die Arbeit verursachen, die angeblich „anstrengend“ sind oder „ständig klingeln“.

Jetzt würde man vielleicht denken, unser Krankenhaus als Arbeitgeber, hat ein Interesse daran, das Niveau der Pflege zu heben. Uns als Pflegende zu fördern, zu unterstützen, damit wir besser werden. Davon ist aber fast nichts zu spüren. Es gibt keine Personalgespräche, keine Kultur von Lob und Kritik. Bei den Guten ist man sicher froh, dass man sie hat, die Andern lässt man weitgehend in Ruhe. So ist jedenfalls auf meiner Station.

Vor einem Jahr habe ich die Initiative ergriffen und mich weitergebildet. Niemand im Haus war auf die Idee gekommen, mich zu fragen, ob ich Pläne habe. Ich wurde dann freigestellt und die Weiterbildung bezahlt, das ist aber eine Selbstverständlichkeit. Zumal viele Mitarbeiter mit der betreffenden Qualifikation fehlen. Nach dem Abschluss stellte sich dann heraus: Die magere Zulage, die mir nun laut einer Hausvereinbarung zusteht, bekomme ich doch nicht, sondern nur einen Bruchteil davon. Netto sind das rund 20 Euro im Monat, haha. Immerhin: In der Klinik, in der ich vorher war, sieht es noch schlechter aus. Da gab es für Leute mit dieser Weiterbildung keinen Cent. Ich würde das in beiden Fällen leistungsfeindlich nennen.

Wenn früher irgendwo Forderungen nach leistungsorientierter Bezahlung laut wurden, war ich vom Gefühl eher skeptisch. Werden da Arbeitnehmer gegeneinander ausgespielt? Wie lässt sich Leistung überhaupt messen? Jetzt denke ich mir, es ist zumindest ein möglicher Baustein, Leistung zu fördern. Mitarbeitern das Gefühl zu geben, dass sich jemand dafür interessiert, wie sie arbeiten. Dass Engagement geschätzt und belohnt wird. Überhaupt wahrgenommen wird.

Bei uns dagegen ist es so: Wer nicht aus sich selber heraus den Anspruch hat, überdurchschnittlich zu sein, sich zu verbessern und etwas zu bewegen, woher soll er oder sie den Antrieb nehmen? Aus dem direkten Umfeld kommt er jedenfalls nicht. Pflegende sind ja angeblich schon Überzeugungstäter, die muss man nicht motivieren.

Steckt vielleicht auch das Denken dahinter, dass Pflege kein sehr anspruchsvoller Job ist, den doch jede halbwegs vernünftig hinbekommen sollte? Glaube ich nicht einmal. Ich denke, dass auf den verantwortlichen Ebenen in unserm Haus durchaus das Bewusstsein dafür vorhanden ist, dass es große Unterschiede in der Qualität der Pflege gibt, auf jeder Station. Aber andererseits denkt man sich dort wahrscheinlich auch: „Was soll’s? Macht betriebswirtschaftlich keinen Unterschied. Läuft nicht ideal, aber läuft.“

Vor einiger Zeit wurde bei uns ein Programm für Frisch-Examinierte eingeführt, eine Art Crashkurs zum Berufsstart, wo es um Themen wie eine strukturierte Übergabe geht, Mobilisation von Patienten oder Aufnahme. Ich nahm auch teil. Regelmäßig mussten wir kleine schriftliche Arbeiten einreichen, als Belohnung wurde ein freier Tag versprochen. Erst gegen Ende des Programms kam ich dahinter, dass die meisten Kollegen nur selten etwas abgegeben hatten. Die freien Tage haben sie trotzdem bekommen.

Sensation – die FDP hat ihr Herz für Pflegende entdeckt!

Klingt wie eine gute Nachricht: Unser Verkehrsminister Volker Wissing von der FDP macht sich Sorgen um unsere Mobilität. Laut sueddeutsche.de geht es ihm darum, wie „der Krankenpfleger und die Krankenschwester auf dem Land zu flexiblen Zeiten ins Krankenhaus kommen“. Kurios ist allerdings seine Antwort. Er will das so genannte Dienstwagenprivileg erhalten, also ein typisch deutsches Besserverdiener-Gesetz, mit dem Nutzer von Dienstwagen steuerlich gefördert werden. Das kostet uns als Steuerzahler im Jahr mehr als 3 Milliarden Euro.

Wissings Logik: Durch das Dienstwagenprivileg wird der Verkauf von E-Autos angeschoben. Die landen dann irgendwann auf dem Gebrauchtwagenmarkt, wo sich arme Schlucker wie wir aus der Pflege dann auch ein E-Auto leisten können. „Wir reden da auch nicht über große Limousinen, wie viele meinen“, behauptet der Minister. „Der klassische Dienstwagen ist ein Standardfahrzeug.“ Das Dienstwagenprivileg ist also angeblich gut für die Pflegenden und für die Umwelt.

Stimmt aber nicht. Die SZ schreibt dazu: „Gerade große, teure Limousinen oder Geländewagen, mit denen die Hersteller die höchsten Gewinnmargen erreichen, werden fast ausschließlich als Dienstwagen verkauft.“ Es geht also für die FDP um Gefälligkeiten für ihre Wählerschaft. Nichts Anderes ist von einer Klientelpartei zu erwarten. Weniger zu erwarten ist, dass unserereiner demnächst auf dem Klinikparkplatz im Porsche Cayenne vorfährt.

Was mich am meisten an der Argumentation stört, ist aber das Gutsherrenartige: Wenn es den Wohlhabenden gutgeht, fällt bestimmt auch etwas für die kleinen Leute ab. Das Argumentationsmuster ist bekannt und wird auch auf dem Wohnungsmarkt angewendet. Seit Jahren steigen die Mieten in den Städten in skandalöser Weise und die Politik schaut zu. Das sei aber gar nicht so schlimm, sagen dann manche. Menschen mit Geld würden in teurere Wohnungen ziehen und damit günstigeren Wohnraum für die Einkommensschwachen freimachen. Das ist zum einen faktisch dubios, da bei der Neuvermietung die Miete häufig aufgeschlagen wird. Und außerdem bekannt ist, dass in den Großstädten unzählige Menschen an die Ränder gedrängt werden, weil sie sich die Mieten in zentralen Lagen nicht mehr leisten können.

Zum andern ist es verlogen, denn es soll verschleiern, wessen Interessen bedient werden. Im Falle des Dienstwagenprivilegs die von Gutverdienern sowie von BMW, Audi etc. Nicht meine.

Simone hat nicht vorgesorgt

Neulich habe ich mich mit meiner Kollegin Simone über Altersorsorge unterhalten. Sie ist Ende 50 und wird auf die gesetzliche Rente angewiesen sein, denn sie hat noch keinen Cent in private Vorsorge gesteckt. Dafür bleibt am Monatsende nichts übrig. Eigentum hat sie natürlich auch keins, keine Aktien oder Ersparnisse. Ihr Gehalt ist überschaubar, sie ist Krankenpflegehelferin. Für ihre Rente heißt das, es sieht sehr schlecht aus.

Bei mir ist es anders, aber auch schlecht. Die 45 Jahre Einzahlung werde ich nicht erreichen. Wenn ich im Frühjahr von der BfA erfahre, wie meine derzeitige Rentenerwartung ist, treibt es mir die Tränen in die Augen. Also stecke ich jeden Monat gewaltige Summen in die private Vorsorge.

Zahlen-Zauber: Aus 2 Prozent sind 20 geworden

Wer erinnert sich noch an die Schröder-Zeit, als uns eingeimpft wurde, dass es ohne Privatisierung der Rente nicht mehr geht? Wegen der Bevölkerungspyramide, immer weniger Einzahler, immer mehr Rentner. Die angebliche Lösung: Wir müssten künftig ein bis zwei Prozent vom Brutto abzweigen und das System sei viel zuverlässiger als das staatliche Umlagesystem. Nur: Ich gebe mehr als 20 Prozent von meinem Brutto für private Vorsorge aus. Und die Renditen haben sich seit dem Start deutlich verschlechtert.

Die Propaganda prasselt seit mehr als 20 Jahren unverändert auf uns ein, und es scheint ja auch plausibel: Immer mehr Rentenbezieher für zu wenige Einzahler, da kann das Umlageverfahren nicht mehr funktionieren. Wenn man allerdings dieser Logik folgt, klappt das private Modell genauso wenig. Auch da stellt sich ja die Frage, wie immer mehr Geld ausgeschüttet werden soll, wenn immer weniger hineinfließt. Ideen für die Stabilisierung der staatlichen Rente gibt es ja durchaus. Man könnte Gelder, die aus Produktivitätszuwächsen entstehen, in die Finanzierung des Systems stecken. Es ist am Ende wie so oft eine Frage der Verteilung.

Privatisierungsprozesse wie bei der Rente funktionieren ja, weil schon über viele Jahre immer wieder behauptet wurde, dass der Staat nichts kann und nur die private Wirtschaft uns niedrige Preise beschert, weil ja Konkurrenz das Geschäft belebt. Nur: Privatunternehmen wollen auch Gewinne machen. Und die Konkurrenz zwischen Versicherern funktioniert schon allein deshalb nicht, weil die Verbraucher die Konditionen von Versicherungen mit seitenweise Kleingedrucktem in der Regel gar nicht verstehen können. Ein wesentlicher Kritikpunkt an der Riester-Rente ist quasi seit Beginn, dass in vielen Fällen die staatlichen Zulagen wieder durch die Gebühren, die die Versicherer verlangen, aufgefressen werden. Nachprüfen kann man das kaum, Allianz und Co. lassen sich natürlich nicht in die Karten schauen

Staatliche oder private Rente, beide Systeme sind ja am Ende eine Wette auf die Zukunft. Der Unterschied: Die staatliche Rente ist solidarisch aufgebaut, die private nutzt vor allem denjenigen mit höheren Einkommen. Sehr viele Menschen so wie meine Kollegin Simone können sich die Riester-Rente ja gar nicht leisten. Außerdem wird durch die private Vorsorge ein sehr großes Stück aus dem Rentenkuchen herausgeschnitten und landet – um im Bild zu bleiben – auf dem Teller der Versicherungskonzerne. Mit andern Worten: Mit der Privatisierung der Altersvorsorge wird seit Jahren im großen Stil Umverteilung betrieben, von unten nach oben.

Meine Kollegin Simone hat jetzt schon Probleme mit dem Rücken, mal sehen, wie lange sie noch durchhält in der Pflege. Wenn sie in Rente geht, ist sie vielleicht auf staatliche Zuschüsse angewiesen. Aber sie kann sich ja auch etwas dazuverdienen. Mit Putzen oder so.

Mama, Mama, er hat überhaupt nicht geputzt!

Es ist schon paradox: Zähne (oder Zahnprothesen) putzen gehört eigentlich für jeden Menschen zum Alltag, im Krankenhaus muss das Teil der Grundpflege sein. An Expertise zum Thema mangelt es nicht, natürlich ist das Teil der pflegerischen Ausbildung, es gibt einen so genannten Expertenstandard dazu, mit viel Aufwand erstellt vom Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP), „Die Schwester Der Pfleger“ (DSDP) hat das Thema aus diesem Anlass über zwei Ausgaben breitgetreten, Wissenschaftler machen Studien, schreiben Artikel etc. Wenn ich mich allerdings umschaue, bekomme ich den Eindruck, dass das alles überhaupt nichts bringt. Ich würde behaupten, dass die Qualität der Mundpflege auf vielen Stationen katastrophal ist. Sie findet praktisch kaum statt.

Dabei ist der Bedarf bei uns enorm. Wie schon öfter hier beschrieben, sind unsere Patienten im Schnitt sehr alt, viele multimorbide und/oder dement und bettlägerig. Viele sind also auf unsere Hilfe bei der Zahnpflege angewiesen. Aber das passiert meistens nicht. Wenn man dann Frau Schulz (89) mal bittet, ihre Prothese herauszunehmen (oder versucht, sie ihr selber aus dem Mund herauszubefördern), damit man mit der Bürste darübergeht , bietet sich oft ein sehr unappetetlicher Anblick, um es vorsichtig auszudrücken. Ist die Patientin gerade erst aufgenommen, kann man es vielleicht noch auf das Heim oder den Pflegedienst schieben, wenn man verkommene Überreste von Mahlzeiten der vergangenen zwei Wochen findet. Ist Frau Schulz dagegen schon etwas länger bei uns, müssen wir dann schon vor der eigenen Tür kehren.

Wie gesagt, das Paradoxe daran ist, dass ein wahnsinniger Aufwand betrieben wird, die theoretischen Grundlagen für Zahnpflege, Techniken, Notwendigkeiten und so weiter zu legen. Aber gleichzeitig wird es seit Jahren zugelassen, dass die Arbeitsbedinungen für die Pflege sich immer weiter verschlechtern – und damit, so darf man mutmaßen, auch die Qualität der Mundhygiene. Im DSDP-Schwerpunkt heißt es dazu nur lakonisch: „Mundpflege muss … einen hohen Stellenwert in der pflegerischen Versorgung haben. Aus verschiedenen Gründen, die bisher nicht ausreichend erforscht sind, ist dies jedoch nicht der Fall. Bekannt ist, dass Mundpflege häufig aus Zeitmangel vernachlässigt wird.“ Wenn morgens zu viele Patienten gewaschen werden müssen, zu viele Transporte gemacht, Anordnungen umgesetzt, Tabletten kontrolliert und verteilt, Infusionen angehängt, Katheterbeutel geleert, Windeln gewechselt, Beine gewickelt und Blutzucker gemessen werden müssen – von zu wenigen Pflegekräften -, fällt das Zähne putzen eben unter den Tisch.

Das Traurige an der Sache ist allerdings auch: Auf Seiten der Pflege hat man sich offenbar daran gewöhnt, die Zahnpflege als Luxus zu betrachten. Dabei ist die Wichtigkeit eigentlich jedem bekannt: Es geht nicht nur um Ästhtetik und gesunde Zähne, sondern auch um Schutz vor Pilzerkrankungen im Mundraum und generell vor Infektionskrankheiten wie Lungenentzündung. Ist die Besetzung dann mal gut, was durchaus vorkommt, kommen aber die wenigsten Kollegen auf die Idee, jetzt mal wieder zur Zahnbürste zu greifen. Wo ist gerade eine Nierenschale, die ich bräuchte, damit Frau Schulz irgendwo hineinspucken kann, wenn sie ausspült? Hat Frau Schulz überhaupt eine Zahnbürste? Es beschwert sich ja niemand, wenn man heute mal darauf verzichtet. Den Satz „Ich möchte mir die Zähne putzen“ hört man von Frau Schulz und ihresgleichen niemals. Wirklich praktisch nie.

Aber immerhin haben wir jetzt einen Expertenstandard.

P.S. Für alle, denen die Überschrift komisch vorkommt, das ist eine Anspielung auf eine Zahnpastawerbung aus den 70ern.

Generation Z und die Rosinen

Über die Generation Z und ihre mutmaßliche Einstellung zur Arbeitswelt hat man schon einiges gelesen, manchmal Plakatives. Vor Kurzem hatte ich ein Gespräch mit einer Vertreterin, sie steht bei uns kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung. Es ging auch darum, dass viele aus ihrem Jahrgang nicht übernommen werden wollen, teilweise in andere Kliniken abwandern, was für unser Haus natürlich bitter ist. Sie selber will bleiben, stellt allerdings Bedingungen.

Offensichtlich hat sie ein Gespräch mit unserm Pflegedirektor gehabt und dabei ihre Forderung formuliert: Sie will nicht in andere Häuser unseres Trägers in der Stadt abgezogen werden (was sowieso praktisch nie passiert und wenn auch nur freiwillig), wenn dort einmal akuter Personalmangel besteht. Und auch nicht auf andere Stationen innerhalb unseres Hauses. Dazu muss man wissen, dass zumindest in Deutschland das kurzfristige Aushelfen innerhalb der Häuser der Regelfall ist. Personalmangel herrscht ohnehin quasi überall, fallen dann irgendwo kurzfristig weitere Kollegen krankheitsbedingt aus, wird geschaut, auf welchen Stationen in der anstehenden Schicht die Not weniger groß ist. Und dann heißt es dort zu Dienstbeginn mal wieder: „Einer muss heute auf die HNO.“ Das ist bei fast allen Kolleg*innen extrem unbeliebt, es ist ja immer ein Sprung ins kalte Wasser. Man kennt die Kollegen nicht, die Patienten nicht, weiß nicht, was einen erwartet, im Zweifel aber Chaos. Für das Haus ist es dagegen – kurzfristig betrachtet – die billigste Art, Löcher zu stopfen. Zeitarbeit ist im Gegensatz dazu ziemlich teuer.

Ich kann also verstehen, dass meine junge Kollegin gern einen Freibrief hätte, von solchen Einsätzen verschont zu bleiben. Nur ist es ihren Kollegen gegenüber, also zum Beispiel mir, unsolidarisch. Das habe ich ihr auch mit etwas anderen Worten zu verstehen gegeben, aber sie schien den Punkt gar nicht zu beachten. Sie war vielmehr sehr verärgert darüber, dass die Pflegedienstleitung (PDL) keine Bereitschaft zeigte, ihr entgegenzukommen. Es hat sich da offenbar die Einstellung breitgemacht, dass wir in Zeiten des Pflegenotstands begehrt sind. Und dass man daraus persönliche Vorteile ziehen kann. Nun ist sie beleidigt, weil der Pflegedirektor ihr nicht entgegenkommt. Es scheint ihr völlig egal zu sein, dass das zulasten ihrer Kollegen gehen würde.

Ist das nun typisch Generation Z? Es passt zumindest zur oft gehörten These, dass die Bereitschaft nachlässt, sich für die Arbeit aufzuopfern. Dem Arbeitgeber zu signalisieren, dass man unser ständiges Versenden im Haus nicht gutheißt, finde ich erstmal richtig. Aber man müsste es anders angehen, nämlich gemeinschaftlich. Die Bereitschaft, sich über Betriebsrat oder Gewerkschaft zu engagieren, sehe ich aber nicht. Da fehlt mir eine politische Haltung anstelle dieser Ich-AG-Einstellung, für sich selber irgendwie Vorteile herauszuholen.

Aber woher kommt die? Anders erzogen als ihre Eltern sind viele aus dieser Generation bestimmt (was man wohl von den Vorgängergenerationen genauso annehmen kann, die Zeiten ändern sich). In diesem Fall hat sich das Verhältnis von Eltern und Kindern mehr in Richtung Freundschaft entwickelt. Die Kinder sollen selber entscheiden, das fühlt sich für viele Eltern liberaler an, ist aber manchmal auch einfach bequemer. Oft wird von den Kindern weniger gefordert, ihnen weniger zugemutet. Das gilt oft auch für die schmerzhafte Erkenntnis, die zum Großwerden gehört: dass man nicht immer alles haben kann, was man sich wünscht, denn manchmal ist es zu teuer oder zu ungesund oder es geht auf Kosten anderer. Oder dass manche Ziele auch größere Anstrengungen erfordern. Und dass nicht immer die anderen schuld sind, wenn etwas nicht klappt.

Was allerdings den gewerkschaftlichen Organisationsgrad betrifft, sieht es in den älteren Generationen in der Pflege auch nicht besser aus (oder kaum? Ich habe da keine Zahlen). Die wenigsten sind bei Verdi. Entsprechend armselig war die Beteiligung bei den Streiks im Frühjahr. Wir haben Glück, dass wir gemeinsam mit Busfahrerinnen und Erzieherinnen streiken, sonst würde sich überhaupt niemand dafür interessieren. Der Betrieb in den Kliniken lief ja normal weiter. Was vorher als „Notbesetzung an Streiktagen“ vereinbart wurde, entspricht ungefähr dem, was auch an normalen Tagen an Pflegepersonal anwesend ist. Aber das ist ein anderes Thema.