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Generation Z und die Rosinen

Über die Generation Z und ihre mutmaßliche Einstellung zur Arbeitswelt hat man schon einiges gelesen, manchmal Plakatives. Vor Kurzem hatte ich ein Gespräch mit einer Vertreterin, sie steht bei uns kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung. Es ging auch darum, dass viele aus ihrem Jahrgang nicht übernommen werden wollen, teilweise in andere Kliniken abwandern, was für unser Haus natürlich bitter ist. Sie selber will bleiben, stellt allerdings Bedingungen.

Offensichtlich hat sie ein Gespräch mit unserm Pflegedirektor gehabt und dabei ihre Forderung formuliert: Sie will nicht in andere Häuser unseres Trägers in der Stadt abgezogen werden (was sowieso praktisch nie passiert und wenn auch nur freiwillig), wenn dort einmal akuter Personalmangel besteht. Und auch nicht auf andere Stationen innerhalb unseres Hauses. Dazu muss man wissen, dass zumindest in Deutschland das kurzfristige Aushelfen innerhalb der Häuser der Regelfall ist. Personalmangel herrscht ohnehin quasi überall, fallen dann irgendwo kurzfristig weitere Kollegen krankheitsbedingt aus, wird geschaut, auf welchen Stationen in der anstehenden Schicht die Not weniger groß ist. Und dann heißt es dort zu Dienstbeginn mal wieder: „Einer muss heute auf die HNO.“ Das ist bei fast allen Kolleg*innen extrem unbeliebt, es ist ja immer ein Sprung ins kalte Wasser. Man kennt die Kollegen nicht, die Patienten nicht, weiß nicht, was einen erwartet, im Zweifel aber Chaos. Für das Haus ist es dagegen – kurzfristig betrachtet – die billigste Art, Löcher zu stopfen. Zeitarbeit ist im Gegensatz dazu ziemlich teuer.

Ich kann also verstehen, dass meine junge Kollegin gern einen Freibrief hätte, von solchen Einsätzen verschont zu bleiben. Nur ist es ihren Kollegen gegenüber, also zum Beispiel mir, unsolidarisch. Das habe ich ihr auch mit etwas anderen Worten zu verstehen gegeben, aber sie schien den Punkt gar nicht zu beachten. Sie war vielmehr sehr verärgert darüber, dass die Pflegedienstleitung (PDL) keine Bereitschaft zeigte, ihr entgegenzukommen. Es hat sich da offenbar die Einstellung breitgemacht, dass wir in Zeiten des Pflegenotstands begehrt sind. Und dass man daraus persönliche Vorteile ziehen kann. Nun ist sie beleidigt, weil der Pflegedirektor ihr nicht entgegenkommt. Es scheint ihr völlig egal zu sein, dass das zulasten ihrer Kollegen gehen würde.

Ist das nun typisch Generation Z? Es passt zumindest zur oft gehörten These, dass die Bereitschaft nachlässt, sich für die Arbeit aufzuopfern. Dem Arbeitgeber zu signalisieren, dass man unser ständiges Versenden im Haus nicht gutheißt, finde ich erstmal richtig. Aber man müsste es anders angehen, nämlich gemeinschaftlich. Die Bereitschaft, sich über Betriebsrat oder Gewerkschaft zu engagieren, sehe ich aber nicht. Da fehlt mir eine politische Haltung anstelle dieser Ich-AG-Einstellung, für sich selber irgendwie Vorteile herauszuholen.

Aber woher kommt die? Anders erzogen als ihre Eltern sind viele aus dieser Generation bestimmt (was man wohl von den Vorgängergenerationen genauso annehmen kann, die Zeiten ändern sich). In diesem Fall hat sich das Verhältnis von Eltern und Kindern mehr in Richtung Freundschaft entwickelt. Die Kinder sollen selber entscheiden, das fühlt sich für viele Eltern liberaler an, ist aber manchmal auch einfach bequemer. Oft wird von den Kindern weniger gefordert, ihnen weniger zugemutet. Das gilt oft auch für die schmerzhafte Erkenntnis, die zum Großwerden gehört: dass man nicht immer alles haben kann, was man sich wünscht, denn manchmal ist es zu teuer oder zu ungesund oder es geht auf Kosten anderer. Oder dass manche Ziele auch größere Anstrengungen erfordern. Und dass nicht immer die anderen schuld sind, wenn etwas nicht klappt.

Was allerdings den gewerkschaftlichen Organisationsgrad betrifft, sieht es in den älteren Generationen in der Pflege auch nicht besser aus (oder kaum? Ich habe da keine Zahlen). Die wenigsten sind bei Verdi. Entsprechend armselig war die Beteiligung bei den Streiks im Frühjahr. Wir haben Glück, dass wir gemeinsam mit Busfahrerinnen und Erzieherinnen streiken, sonst würde sich überhaupt niemand dafür interessieren. Der Betrieb in den Kliniken lief ja normal weiter. Was vorher als „Notbesetzung an Streiktagen“ vereinbart wurde, entspricht ungefähr dem, was auch an normalen Tagen an Pflegepersonal anwesend ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Von perversen Zeitarbeitern und dem heldenhaften Helios-Konzern

Das Thema Zeitarbeit in der Pflege gerät gerade wieder in die Diskussion. In der SZ stand vor einiger Zeit ein Artikel darüber, unglaublich tendenziös und hanebüchen. Der Tenor, in zugespitzter Form: Zeitarbeit in der Pflege ist niederträchtig, Schuld daran haben nicht zuletzt die Pflegenden, aber es besteht noch Hoffnung, die Arbeitgeber kümmern sich.

Einen groben Überblick über das Thema habe ich vor längerer Zeit schon einmal hier geschrieben. Der SZ-Artikel zeigt nun, mit welchen Methoden Kliniken und Politik Stimmung gegen die Zeitarbeit machen. Das sind Leute, die sich jederzeit gern damit zitieren lassen, wie wichtig die Pflege ist und was wir für unschätzbare und tolle Arbeit leisten. Gleichzeitig agitieren sie gegen unsere Interesse. Und die SZ lässt sich vor ihren Karren spannen.

Die Überschrift des Artikels lautet „Leihen und Leiden“ (Was tut man nicht alles für eine Alliteration?), mit Leiden ist aber nicht das der Patienten gemeint, deren Versorgung tatsächlich unter Personalmangel leidet. Studien belegen erhöhte Mortalität bei schlechter personeller Besetzung, kurz gesagt: Die Überlebenschancen der Patienten sinken. Gemeint sind auch nicht die Pflegenden, die oft hohem Stress bei Unterbesetzung ausgesetzt sind oder in ihren Häusern auf andere, ihnen unbekannte Stationen geschickt werden, um Löcher zu stopfen. Nein, es geht offenbar um das Leid der Klinikmanager, die gramgebeugt über ihren Bilanzen sitzen. Denn Zeitarbeit verursacht höhere Kosten. Und die mögen Arbeitgeber bekanntlich nicht.

Das gilt sicher auch für Gerald Gaß, Vorsitzender der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft (DKG). So sagt er das aber nicht, sondern schwingt sich zum Anwalt von uns Pflegenden auf. Seine angebliche Sorge laut SZ ist, dass die Belegschaften durch die Leiharbeit „mehr und mehr gespalten“ würden. Über diese Frage könnte man in der Tat diskutieren, meiner Erfahrung entspricht die Aussage zwar nicht der Realität. Zudem führt das angesprochene Verschicken innerhalb der Häuser ebenfalls zu Missgunst, denn die Stationen werden dabei gegeneinander ausgespielt. Man kann dabei aber auch beobachten, dass die Solidarität über Stationsgrenzen hinweg doch bei vielen sehr begrenzt ist. Aber das ist ein anderes Thema, ich will nur sagen: Aus dem Mund von Gaß ist die Aussage verlogen, denn er ist nicht unser Anwalt, für uns zu sprechen ist anmaßend. Weiterhin behauptet er, die Leiharbeit entwickle sich „von der Ausnahme zum Regelfall“. Ein paar Absätze weiter reibt man sich als Leser verwundert die Augen, 3,1 Prozent beträgt der Anteil der Leiharbeitskräfte – der „Regelfall“?

In der Rhetorik der Arbeitgeber gilt der Staat meist als lästiger Regulierer, der die freien Kräfte des Marktes nicht in ihrer Entfaltung stören sollte. Nun hat es sich im Leiharbeitsmarkt der Krankenpflege so entwickelt, dass sich die Verhältnisse von Angebot und Nachfrage tatsächlich einmal zum Nutzen der Beschäftigten auswirken. In der Zeitarbeit kann man deutlich mehr verdienen als in Festanstellung auf Station. Das gilt bei Herrn Gaß nun als Teufelszeug und muss staatlich unterbunden werden.

Eine 180-Grad-Wende hat auch die CDU hingelegt. In jahrelanger Regierungsverantwortung wäre genug Zeit gewesen, das Thema Zeitarbeit anzupacken. Schon vor Jahren wurde die Diskussion zum Beispiel in Berlin auf Landesebene geführt, ob man die Zeitarbeit in der Pflege nicht einschränken oder gar verbieten sollte. Die Union hatte offensichtlich kein Interesse. Nun ist sie im Bund in der Opposition und kocht das Thema mit gespielter Empörung hoch. Ein gewisser Herr Müller findet, „die Leiharbeiter pervertieren das System“, Leiharbeit sei zudem „unsozial“.

Das ist schon harter Tobak, es ist sogar eine Unverschämtheit. Als Krankenpfleger habe ich selber darüber nachgedacht, in die Zeitarbeit zu wechseln. Ein höheres Gehalt ist schließlich kein schlechtes Argument. Und deswegen soll ich mir jetzt von Leuten wie Gaß und Müller ein schlechtes Gewissen einreden lassen? Davon abgesehen: Umsetzen werde ich den Plan eher nicht. SZ-Autorin Angelika Slavik behauptet zwar, die Zeitarbeiter*innen seien die einzige zufriedene Gruppe im Gesundheitswesen. Dabei unterschlägt sie die Nachteile: Es wird viel Flexibilität verlangt, die Anfahrtswege würden sich verlängern, man bewegt sich ständig in ungewohnter Umgebung, teilweise ungewohnten Fachgebieten, hat kein vertrautes Team von Kollegen, Ärzten etc. um sich. Wären die Zeitarbeiter tatsächlich wie im Artikel behauptet die einzige zufriedene Gruppe im Gesundheitswesen, warum liegt ihr Anteil dann bei 3,1 Prozent?

Perfide auch, wie die SZ die Zeitarbeiter darstellt. Angeblich genießen sie nur Vorteile, laut dem Teaser arbeiten immer mehr von ihnen „lieber“ für Zeitarbeitsfirmen. Mit solch kleinen Signalwörtern werden Bilder heraufbeschworen von Kollegen, die sich am Wochenende auf die Couch fläzen und sagen: „Och nö, ich habe keine Lust auf Festanstellung, ich mache Zeitarbeit. Mir doch egal, dass das unsozial ist.“ Nein, die Guten in diesem Artikel sind die Klinikbetreiber, zum Beispiel Helios, der kein Samariterverein, sondern als Privatunternehmer zur Profitmaximierung verdammt ist. „Die ersten Klinikbetreiber arbeiten schon daran, ohne Leiharbeitskräfte auf ihren Stationen auszukommen“, heißt es in der Bildunterzeile. Das klingt nach einem heldenhaften Kampf. Bei Helios in Leipzig, so ist zu lesen, komme man seit einiger Zeit sogar schon ohne Leiharbeiter aus. In der grotesken Logik der SZ offenbar eine tolle Sache. Was wir nicht erfahren: wie das umgesetzt wird. Was bedeutet das für die Beschäftigten auf den Stationen? Natürlich eine Verschlechterung, weniger Entlastung, mehr Stress.

Man kann sich denken, wie das abläuft. Die fehlenden Zeitarbeiter reißen ja Löcher. Also werden vermehrt festangestellte Kolleg*innen kurzfristig von ihren Stationen abgezogen und dahin geschickt, wo es gerade am meisten brennt – eine Maßnahme, die in vielen (oder in allen?) Kliniken an der Tagesordnung und in den Belegschaften extrem unbeliebt ist. Ob sich Herr Gaß – der mit der Sorge um die gespaltenen Belegschaften – wohl darüber auch den Kopf zerbricht?

„Erstmals wird das System infrage gestellt“

Nadja Rakowitz engagiert sich für ein besseres Gesundheitssystem. Sie ist Geschäftsführerin beim „verein demokratischer ärzt*innen“ und engagiert sich im Bündnis „Krankenhaus statt Fabrik“. Mit dem Pflegeblog sprach die Medizinsoziologin über die Pläne von Gesundheitsminister Karl Lauterbach für eine Reform des Gesundheitswesens – über Widersprüche der bisherigen Äußerungen, wo Deutschland bei der Pflege international „unterirdisch“ abschneidet und wieso die Ärzte heute zwischen den Stühlen sitzen.

Was halten Sie von den Vorschlägen für eine Reform des Gesundheitswesens, wie sie Karl Lauterbach ins Spiel gebracht hat?

Erstmal finde ich interessant, dass die Analyse der bestehenden Probleme eine wirklich neue Qualität hatte. Bei der Vorstellung der Pläne von Lauterbach und drei Mitgliedern der zuständigen Kommission hieß es nicht wie sonst immer: Wir drehen an Stellschrauben. Stattdessen wird erstmals das System infrage gestellt. Das war eine Bankrotterklärung der DRGs, die seit fast 20 Jahren ein Grundpfeiler sind. Das Fallpauschalensystem setzt Fehlanreize, Entscheidungen werden aus ökonomischen Gründen statt aus medizinischen gefällt. Wir brauchen eine dramatische Entökonomisierung, das war der Tenor. Die Überwindung der DRGs wurde angekündigt.

Das klingt nach einem Umdenken.

Das wird man beobachten müssen. Weiterhin grenzten sich Karl Lauterbach und Christian Karagiannidis mehrmals von der Selbstkostendeckung ab, früher hat man das Wort nicht einmal in den Mund genommen. Dabei geht es darum, den Kliniken ihre angefallenen Kosten für das, was medizinisch notwendig ist, 1:1 zu erstatten. Das sind durchaus bemerkenswerte Signale.

Was sind nun die konkreten Veränderungen, die ins Spiel gebracht werden?

Erstens gibt es die organisatorische Idee, die Kliniklandschaft in drei Level aufzuteilen, von kleinen Häusern für die Grundversorgung (Level 1) bis zu großen, hochspezialisierten wie z.B. die Uni-Kliniken. Darüber hinaus werden die Leistungen in einzelne Leistungsgruppen kategorisiert, die Fachabteilungen der Kliniken zugeordnet werden. Das soll gewährleisten, dass bestimmte Behandlungen dort gemacht werden, wo die Versorgung mutmaßlich am besten ist. Nach unserer Ansicht ist das ein starker politischer Eingriff ist, den wir begrüßen. Es gibt aber einen Nebeneffekt, der vielleicht sogar der gewollte Haupteffekt ist: Man kann damit Schließungen von Krankenhäusern begründen, vor allem beim Level I. Kliniken ohne Notaufnahme (Level 1i) könnten schnell unter Druck geraten und als eine Art bessere Pflegeheime enden.

Sie haben die Finanzierung angesprochen, wie sieht es da aus?

Eine vernünftige Finanzierung wäre nach unserer Auffassung dieselbe wie bei der Feuerwehr. Die Kollegen werden dort dafür bezahlt, dass sie abrufbereit sind, nicht nach Einsätzen. Nun wird so getan, als wären wir bei den Kliniken auf dem Weg dorthin, aber das ist ein Etikettenschwindel, die Rede ist von Vorhaltepauschalen über 20 % des DRG-Volumens. Die DRGs sollen also bestehen bleiben, es gibt auch nicht mehr Geld, sondern nur eine andere Art der Verteilung von einem Teil der Erlössumme der Krankenhäuser. Und es gibt wieder ökonomische Kriterien. Beim Pflegebudget, das seit 2020 für Pflege am Bett gilt, ist das anders: Hier wird jede Stelle voll refinanziert. Was allerdings auch schwierig ist in einer ökonomisierten Umgebung und den Druck auf andere Berufsgruppen erhöht, denn Gewinne können ja nur aus den DRGs gezogen werden. Wir sagen stattdessen: Solange die DRGs nicht ersetzt werden durch ein Selbstkostendeckungsprinzip müssen alle Berufsgruppen raus aus den DRGs.

Eine vernünftige Finanzierung wäre nach unserer Auffassung
dieselbe wie bei der Feuerwehr“

Nadja Rakowitz

Die Abkehr von den ökonomischen Zwängen ist bei den jetzigen Plänen also nur halbherzig?

Genau, deshalb brauchen wir ein Selbstkostendeckungsprinzip! Ein Einwand dagegen ist immer, dass man so einen Selbstbedienungsladen schaffe. Das kann man aber mit entsprechenden Kontrollen verhindern. Private Betreiber könnten innerhalb dieses Prinzips sowieso keine Gewinne mehr rausziehen. Die Privaten haben sich schon beschwert, als die Pflege aus den DRGs herausgenommen wurde, weil sie aus der Pflege keine Gewinne mehr ziehen können. Das Problem der DRGs ist: Auch die Nonprofit-Häuser (öffentliche und freigemeinnützige) werden gezwungen, sich wie Private zu verhalten, dem ökonomischen Druck kann sich keiner entziehen.

Sie haben von Widersprüchen in dem Papier gesprochen. Können Sie das näher erläutern?

Das Papier ist voller Widersprüche, z.B. werden die vorgeschlagenen Vorhaltepauschalen sofort wieder infrage gestellt und gesagt: Kann man denn Geld verteilen, wo noch keine Leistung erbracht wurde? Man muss aufpassen, dass nicht wieder falsche Anreize entstehen, das zeigen die Pflegepersonaluntergrenzen von Jens Spahn.

Inwiefern?

Weil unter den aktuellen Konkurrenzbedingungen die Kliniken aktuell ermuntert wurden, Personal abzubauen, wenn sie oberhalb dieser Untergrenzen liegen. Man muss bedenken: Im Vergleich mit andern Ländern steht Deutschland beim Verhältnis Pflegekräfte /Patienten unterirdisch da.

Mit welchen Widerständen ist zu rechnen und durch welche Gruppen?

Die Krankenkassen sind der schärfste neoliberale Akteur. Sie setzen sich für Krankenhaus-Schließungen ein und haben Möglichkeiten, selektive Verträge abzuschließen, womit sie die Kliniken gegeneinander ausspielen. Obwohl sie wissen, dass viele überflüssige Knie- und Wirbelsäulen-OPs gemacht werden. Bei den Krankenkassen hat es eine ähnliche Entwicklung wie bei den Kliniken gegeben, sie wurden von innen heraus verändert und agieren heute auch wie Unternehmen.

Wer sind die Profiteure der Privatisierung der letzten Jahrzehnte?

Es sind vor allem private Krankenhauskonzerne; Private-Equity-Fonds haben sich in diesem Bereich noch nicht so breitgemacht, sie agieren aktuell mehr im Pflegebereich und im ambulanten Sektor. Die privaten Konzerne machen gute Profite mit den Krankenhäusern. Für sie gibt es bislang nicht so viel Grund zur Beschwerde. Die jetzigen Pläne bedeuten allerdings mehr Bürokratie in den Kliniken. Auf der andern Seite glaube ich, der Widerstand der Beschäftigten wird sich fortsetzen. Die Bewegung in der Pflege seit 2015 hat das in Gang gebracht, was wir gerade beobachten. Wenn man sich die Streiks in Berlin oder in NRW für einen Tarifvertrag Entlastung anschaut, sind diese beeindruckend. Es passiert sehr viel.

Wie sehen sie die Rolle der Ärzteschaft? Profitieren nicht Chefärzte vom jetzigen System, wenn sie am Jahresende Boni einstreichen?

Ja, solche Verträge gibt es, in denen z.B. Zielzahlen für bestimmte OPs genannt werden. Aber ich würde die Ärzteschaft nicht zu den Profiteuren zählen. Viele leiden nach meinem Eindruck, weil sie nicht mehr die Hoheit über ihr Tun haben. Jetzt haben sie einen Ökonomen über sich. Das finden Ärzte nicht gut, egal ob sie Linke sind oder Konservative.

„Das Wort Personalmix im Koalitionsvertrag ist verräterisch“

Nadja Rakowitz

Deutschland hat im Vergleich zu Ländern wie den Niederlanden sehr viele Krankenhausbetten pro Einwohner. Warum ist das so?

In Dänemark ist es ähnlich wie in den Niederlanden, aber ich halte das für eine schwierige Diskussion. Es werden auch unterschiedliche Zahlen genannt, die außerdem schwer zu vergleichen sind, weil andere Strukturen unter den Tisch fallen. Dass bei uns zurzeit tatsächlich Betten fehlen, sieht man an den schlimmen Zuständen auf den pädiatrischen Stationen. Man müsste sich die Situation in Ländern wie Dänemark genauer anschauen, ist das gut für die Bevölkerung, welche ambulanten Angebote gibt es dort? Bevor wir von einer Überversorgung sprechen, müssen wir zuerst die Frage klären: Was ist der Bedarf? Der ist im Moment nämlich ökonomisch und damit auch durch Fehlanreize definiert. Wenn die Gesundheitsökonomen und -politiker heute einfach Dänemark zum Maßstab nehmen und von dieser Warte Schließung als Ziel vorgegeben, basiert das auf einfachen Rechenvergleichen zwischen Bevölkerungszahlen und Krankenhauszahlen. So einfach geht das aber nicht. Es gibt sehr viele andere Faktoren, die hier berücksichtigt werden müssen.

Zurzeit wird an einem neuen Instrument für einen bedarfsgerechten Personalschlüssel gearbeitet. Glauben Sie, die Koalition bringt etwas Ernstzunehmendes auf die Beine?

Das Thema halte ich jedenfalls für sehr wichtig. Und man müsste allerdings alle Beschäftigten miteinbeziehen, also auch diejenigen, die in den Kliniken Essen verteilen, Patiententransporte machen usw. Spahn hat gesagt, er wolle nur einen Anstoß geben, die Beteiligten, also DKG, ver.di und der Deutsche Pflegerat, sollen selbst ein Instrument entwickeln. Das haben sie mit der PPR 2.0 auch getan und pünktlich vorgelegt. Dann kam aber Corona und alles wurde verschoben. Nun arbeitet Lauterbach an etwas Neuem. Im Koalitionsvertrag stand allerdings, dass ein „Personalmix“ eingeführt werden müsse – ein verräterisches Wort, das letztlich auf eine Absenkung des Qualifikationsniveaus zielt. Die Privaten arbeiten schon länger daran, ein Stichwort ist der 60/40-Mix, wonach nur noch gut die Hälfte der Pflegenden eine dreijährige Ausbildung hätten.

Andererseits ist viel von Akademisierung in der Pflege die Rede. Wohin glauben Sie geht die Entwicklung?

Dahinter steckt die Idee einer neuen Arbeitsteilung, und die passt zu dem angesprochenen Qualifikationsmix. Auf der einen Seite haben sie dann eine kleine Gruppe Akademisierte, auf der andern Hilfskräfte, die die Arbeit machen. Grundsätzlich ist aber die Idee begrüßenswert, Leuten mit dreijähriger Ausbildung eine akademische Weiterbildung zu ermöglichen und die horizontale Durchlässigkeit zu erhöhen.

Und die Ärzte – schaut man sich die Situation nachts und an Wochenenden in den Kliniken an, bekommt man den Eindruck eines dramatischen Mangels. Auch die Belastung in der fünfjährigen Assistenzarztzeit ist enorm.

Das ist schwer zu beurteilen. Es scheint tatsächlich ein Mangel zu bestehen, obwohl die Zahl der Ärzte in den Kliniken angestiegen war, während die der Pflegekräfte sank. Das liegt zum Teil auch dem Urteil des EuGH zum Bereitschaftsdienst. Ökonomisch erschient es bislang so: Der Arzt „sitzt an der Kasse“, steht also auf der Einnahmen-Seite, weil er geldwerte Diagnostik und Therapie anordnet. Die anderen Beschäftigten-Gruppen verursachen dagegen Kosten. Die Pflegebudgets haben daran etwas geändert, weil dieser Posten nun voll refinanziert wird und deshalb aus der DRG-Betrachtung rausfällt. Heute haben wir mit dem Pflegebudget aber den Anreiz, auch Ärzte einzusparen – deren Leistungen müsste man dann wohl auf die übriggebliebenen Ärzte und die Pflegekräfte verteilen. Helios hat vor einiger Zeit angekündigt, sie wollen 10 % der Ärzte einsparen.

Arztserie „In aller Freundschaft“ – zwischen reaktionär und neoliberal

Ich schaue normalerweise keine Krankenhausserien. Als ich vor einiger Zeit mal mit Corona zu Hause festhing, zappte ich ein bisschen durch die Mediathek und stieß beim MDR auf „In aller Freundschaft“. Zufällig landete ich bei Folge 852, mit dem originellen Titel „Ehrlich währt am längsten“. Ich habe es nicht zur letzten der 45 Minuten geschafft, ein Dialog kurz nach Beginn ist mir aber hängen geblieben. Eine junge Anwältin ist unschuldig in einen Verkehrsunfall verwickelt worden, nun wird sie in der „Sachsenklinik“ von Oberarzt Dr. Heilmann untersucht, einem echten Superarzt, kompetent, integer, souverän.

Inzwischen ist auch der Ärztliche Direktor Dr. Stein dazugekommen, noch so ein Musterarzt mit ähnlichen Eigenschaften wie Dr. Heilmann, außerdem noch gutaussehend. Die Patientin hat diese Qualitäten aber noch nicht erkannt, sie hat sich zudem im Gespräch mit dem Arzt schon als misstrauischer Charakter erwiesen. Jetzt ist sie gar nicht damit einverstanden, dass sie zur Beobachtung über Nacht in der Klinik bleiben soll, obwohl sie nur eine winzige Platzwunde an der Augenbraue hat, allerdings anfangs auch Schwindel und Übelkeit. Es entspinnt sich also folgendes Gespräch:

Patientin: „Ach so, ja klar. Da lässt sich nochmal schön kassieren. Ich bin privat versichert, da lohnt sich das ja.“

Dr. Heilmann: „Das ist das übliche Procedere bei einem Schädel-Hirn-Trauma.“

Patientin: „Schon klar, von irgendwas müssen Sie ja Ihre Sportwagen und Ihre Yachten bezahlen.“

Dr. Heilmann lässt das nonchalant stehen und verabschiedet sich. Dr. Stein lehnt sich ironisch lächelnd zur Patientin und sagt, als würde er ein Geheimnis verraten:

„Er hat nur eine Jolle (gedehnte Pause, der Blick der Patientin wandelt sich von Sarkasmus zu schlechtem Gewissen). Und die gehört noch nicht mal ihm.“

In der nächsten Einstellung sieht man dann auch die wirklich sehr bescheidene Jolle von Dr. Heilmann vor einem malerischen Landhäuschen im Wasser schaukeln. (Subtext: Wie konnte die misstrauische Patientin dem Saubermann-Heilmann nur derart Unrecht tun?) Drinnen schauen wir dann der neuen Geliebten des verwitweten Oberarztes zu, wie sie mit verträumtem Blick das Bett aufschüttelt undalles für seine Ankunft und ein romantisches Wochenende vorbereitet. Es ist wie in einem schlechten Heimatfilm der 50er Jahre. Nur schlimmer.

Wir sind nämlich im 21. Jahrhundert. Und da frage ich mich, wer denkt sich solche Dialoge aus. Die ärztliche Entscheidung für die Nacht auf Station kann man ja begründen. Aber im Drehbuch wird daraus eine Grundsatzfrage über das Wesen unseres Gesundheitssystems. Und das wird hier mit billigen dramatischen Mitteln symbolisch reingewaschen. Blütenweiß, oder besser: arztkittelweiß.

Dabei ist völlig unstrittig, dass in den Krankenhäusern finanzielle Überlegungen eine große Rolle spielen, wenn es um die Auswahl der Therapie geht. Knie-Arthroskopien, OPs an Wirbelsäulen, Kaiserschnitte bringen viel Geld. Deutschland steht bei diesen Eingriffen international in der Spitzengruppe, die Zahlen haben in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen. Die Privatisierung, die seit den 80er Jahren immer weiter forciert wurde, bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Die Kliniken stehen unter erheblichem Druck: Geld verdienen oder untergehen. Für viele Ärzte mag das nicht schön sein. Freimachen können sie sich davon aber nicht. Karl Lauterbach hat eine Wende weg von dieser Politik angekündigt. Mal sehen.

Es ist nicht so, dass ein Oberarzt wie Dr. Heilmann mitverdient, wenn eine Privatpatientin eine Nacht länger im Haus bleibt. Ich habe aber schon gehört, dass Kliniken mit Chefärzten Zielvereinbarungen treffen. Wenn sie am Jahresende erfüllt sind, fließt ein Bonus. Insofern ist es doch ziemlich abgeschmackt, wenn im Öffentlich-rechtlichen Fernsehen Klischees von Halbgöttern in Weiß mit billigen Pointen unters Volk gebracht werden.

Vor Jahren gab es mal einen Riesenskandal um die beliebte Dauerserie „Marienhof“ in der ARD. Erinnert sich noch jemand daran? Es war ans Licht gekommen, dass die ARD bei „Marienhof“ jahrelang käuflich war. Drehbücher wurden so frisiert, dass zum Beispiel der Reiseveranstalter L’Tur verdeckt für sich werben konnte. Ein anderer Fall: Die Serienfigur des Handwerkers Töpper hält ein flammendes Plädoyer für Teppichböden. Wer hat es bezahlt? Die Arbeitsgemeinschaft textiler Bodenbelag. Auch für Erdgasheizungen wurde geworben, damals noch mit ökologischen Argumenten (Wahnsinn, wie schnell die Zeiten sich ändern …) oder für einen EU-Beitritt der Türkei – alles elegant ins Drehbuch eingebaut.

Das habe ich gerade nochmal nachgelesen, in einem Online-Artikel der FAZ von 2005 (https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kino/schleichwerbung-jetzt-hat-die-ard-ihr-watergate-1235094-p2.html). Wenn ich mich richtig erinnere, fielen für Geld auch Sätze in der Art von: „Mensch, du musst unbedingt privat vorsorgen, auf die staatliche Rente kannst du nicht mehr bauen!“ Wer dafür wohl bezahlt hat? Das Schönste an dem FAZ-Artikel ist aber folgender Absatz:

„Dokumentiert ist auch ein Placement-Fall bei der ARD-Ärzteserie „In aller Freundschaft“, hergestellt von der Saxonia Media, einer Tochtergesellschaft der Bavaria. Dort soll es im Zeitraum 2002/03 „in mindestens neun Fällen verbotene Pharmawerbung“ gegeben haben. Drehbuchintegrierte Krankheitsbilder wie Alzheimer, Asthma, Epilepsie, Fatigue Syndrom, Morbus Fabry und Multiple Sklerose seien jeweils Anlass gewesen, um über bestimmte Medikamente oder Wirkstoffe zu  sprechen. Ein internes Planungspapier, das epd medien vorliegt, benennt Episoden, Sendedaten und Pharmakunden, die für bis zu 30.000 Euro pro Folge bedient worden sein sollen.“ Und jetzt: Wieder ein frisiertes Drehbuch? Oder einfach nur ein Beispiel für die Verkommenheit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens?

Und jetzt: Wieder ein frisiertes Drehbuch? Oder einfach nur ein Beispiel für die Verkommenheit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens?

„Wenn Kliniken solide wirtschaften – wunderbar.“ Und wenn nicht?

Karl Lauterbach plant nach eigener Aussage eine Riesenreform im Gesundheitswesen, und will dabei auch weg von der marktwirtschaftlichen Orientierung, die in den vergangenen Jahrzehnten immer dominanter wurde – oft auf Kosten von Mitarbeitern und Patienten. Bis jetzt ist das alles Theorie, der Gesetzesentwurf muss erstmal geschrieben werden. Bis zur Umsetzung ist es noch ein weiter Weg, denn es gibt viele Leute, die das verhindern wollen. Einer davon ist wahrscheinlich Boris Augurzky, Gesundheitsökonom vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, die SZ hat ihn vor Kurzem in einem großen Artikel ausführlich zu Wort kommen lassen.

Der Mann hat laut SZ 2019 an einer Studie der Bertelsmann-Stiftung mitgearbeitet, die forderte, mehr als die Hälfte der Kliniken in Deutschland zu schließen. Jetzt sitzt er in Lauterbachs Expertenkommission. Zur Erinnerung: Die Bertelsmann-Stiftung gehört zum milliardenschweren Bertelsmann-Konzern, der mit ihr gigantische Summen an Steuern spart und massiv Einfluss auf die Politik in Deutschland nimmt. Praktisch jede ihrer Veröffentlichungen wird von den Medien im Lande prominent unters Volk gebracht.

In dem aktuellen SZ-Artikel fand ich folgenden Satz am interessantesten, in dem der Autor Herrn Augurzky zitiert: „Wenn eine Klinik gute Arbeit leiste und solide wirtschafte – wunderbar.“ Das klingt erstmal harmlos und wie eine Aussage, die jeder sofort unterschreiben kann. Aber was bedeutet das eigentlich? Krankenhäuser, die schlecht wirtschaften, werden zugemacht. Das ist dann schon wieder ziemlich weit weg von der hehren Absicht, die Ökonomisierung des Gesundheitswesen zu beenden und entschieden gegenzusteuern.

Es gab mal eine Zeit, da wurden Krankenhäusern die Kosten ersetzt, die anfielen – für Material, Behandlungen, Personal etc. Man musste sich keine Gedanken darüber machen, dass eine Hüft-OP deutlich mehr Geld bringt als eine pädiatrische Station oder ein Kreißsaal. Und in den Kliniken hatten Ärztliche Direktoren mehr zu sagen als Controller. Heute sind Chefärzte zur Schizophrenie gezwungen: die beste Behandlung für ihre Patienten wählen, gleichzeitig möglichst viel Gewinn erwirtschaften – dann gibt es vielleicht am Jahresende zur Belohnung noch einen schönen Bonus. Private Häuser haben einen großen Teil der Kliniken übernommen und wollen Gewinne machen. Das Geld dafür kommt von uns.

Ob Karl Lauterbach hier wohl mit seinen Experten eine Trendwende schafft? Wen das Thema interessiert: Ich mache demnächst ein Interview mit einer Expertin, das hoffentlich bald hier erscheint.

Kollegen duzen – gern. Aber Patienten …?

„Komm, mach mal den Mund auf, ich habe hier was Leckeres!“ – Bei solchen Sätzen denkt man vielleicht an einen jungen Vater und seine 1-jährige Tochter, die zu Hause am Küchentisch sitzen. Aber auch in deutschen Krankenhäusern sind solche Sätze die Regel, und zwar nicht nur auf pädiatrischen Stationen. Ich höre es immer wieder, dass ältere Patienten von Kollegen ungefragt geduzt werden. Meistens sind das Menschen mit Demenz (nicht die Mitarbeiter, die Patienten ;-)), aber nicht nur. Ich finde das unprofessionell. Und respektlos.

Generell habe ich nichts gegen Duzen. Meine Frau bezeichnet mich manchmal als Duzmaschine. Auf meiner Station ist es normal, dass sich Pfleger und Ärzte duzen, die einzige Ausnahme ist der Chefarzt, den man aber auch nur alle Jubeljahre zu Gesicht bekommt. In der Regel duze ich auch die Kollegen von Physiotherapie, Essens-Service, Reinigung. Irgendwie haben wir alle dasselbe Ziel, wir begegnen uns auf Augenhöhe.

Manchmal duzen mich auch Patienten, überwiegend Männer, in der Regel ungefragt. Das stört mich fast nie. Manche fordern mich auf, zurückzuduzen: „Ich bin der Jürgen“, sagte neulich einer nach ein paar Tagen auf unserer Station. Ich könne ruhig du sagen – „wenn die Ärzte nicht dabei sind“, schob er noch hinterher. Ich bin da allerdings zurückhaltend. Auch wenn ich Patienten oft sehr nahekomme und eine Beziehung aufbaue, steht immer die berufliche Ebene im Vordergrund. Manchmal muss ich auch Dinge durchsetzen, die ein Patient nicht so toll findet. Für mich würde sich duzen total seltsam anfühlen.

Das Argument der Dementen-Duzer ist meistens: Diese Patienten fühlen sich im Krankenhaus verloren, das Du ermögliche einen Vertrauensaufbau, gebe ihnen Sicherheit. Ich glaube nicht, dass es für Frau Müller mit fortgeschrittener Alzheimer-Erkrankung einen Unterschied macht, ob ich sie duze oder sieze. In meiner Demenzfortbildung haben wir darüber gesprochen, unsere Demenzexpertin sah das genauso. Ihr fiel kein stichhaltiges Argument für das Duzen ein. Was im Umgang mit diesen Menschen wichtig ist, sind Mimik, Körpersprache, Geduld.

Mit Duzen allein baut man keine Beziehung auf. Man fällt nur mit der Tür ins Haus.

Der Betreuerin ausgeliefert

Das ganze (freie) Wochenende musste ich an meine Patientin Frau S. (86) denken. Am Freitag hatte sie mich gefragt, wie es nun mit ihr weitergeht, und ich hatte ihr gesagt, dass sie nächste Woche ins Heim verlegt werden soll. Sie war aufgebracht, denn wie sich herausstellte, hatte ihre gesetzliche Betreuerin dem zugestimmt, ohne mit ihr darüber zu reden. Sie war noch mit vielem anderen unzufrieden, was ihre Betreuerin machte und nicht machte. Und so überlegte ich am Wochenende, wie ich ihr helfen könnte, wieder selbstständig über ihr Leben zu entscheiden. Ob ich mich da überhaupt einmischen sollte. Als ich am Montag zum Dienst kam, war Frau S. tot, ihr Herz war stehengeblieben. Alleinerbin ist ihre Betreuerin.

Nur einen Tag vor dem Gespräch mit Frau S. hatte ich in der SZ einen großen Artikel über genau dieses Thema gelesen. Darin ging es um eine Frau Anfang 50 mit psychischen Problemen, auch sie hatte eine gesetzliche Betreuerin, die praktisch über alle ihre Belange entscheiden konnte. Die Geschichte spielt in einer früheren Phase von Corona und es ging um die Frage der Impfung. Die Frau gehörte zur Risikogruppe, sie hatte eine fortgeschrittene COPD. Doch ihre Betreuerin ist Querdenkerin und tat alles, um die Impfung zu verhindern – mit Erfolg. Die Mutter der Frau machte sich große Sorgen, mehrmals wandte sie sich an Gerichte, am Ende flehte sie die Richter an, ihre Tochter von dieser Frau zu befreien. Doch die wiegelten ab. Im Frühjahr 2021 ist die Tochter an Covid gestorben.

Man fragt sich, wie es sein kann, dass eine Mutter nichts gegen den Willen einer Betreuerin ausrichten kann. Aber das ist die gesetzliche Realität in Deutschland, und sie ist laut SZ gar nicht so selten. Man muss nur bedenken, wie viele Menschen es gibt, die unter psychischen Krankheiten leiden. Wenn Behörden zur Überzeugung gelangen, dass jemand seine Belange nicht mehr erledigen kann, kommen Gerichte ins Spiel. Die bestimmen häufig als Betreuer oder Betreuerin bewusst nicht ein Familienmitglied, weil die Richter Interessenkonflikte ahnen oder Angehörige aus andern Gründen für ungeeignet halten.

Dann wird ein gesetzlicher Betreuer eingesetzt, und plötzlich hat eine wildfremde Person weitreichende Befugnisse. Bisweilen werden Fälle bekannt, wo solche richterlich eingesetzten Betreuer ihre Macht missbrauchen. Kritisiert wird zudem, dass man viel zu leicht Betreuer werden kann, die Anforderungen sind niedrig.

Bei meiner Patientin Frau S. war die Betreuerin schon sehr lange im Amt. Die beiden hatten sich aber schon vorher gekannt. Die Bekannte hatte ihr wohl immer mal wieder geholfen, Frau S. hatte weder Partner noch Kinder. Offenbar aus schlechtem Gewissen heraus oder um manche Dinge organisatorisch zu vereinfachen, hatte sie dann irgendwann zugestimmt, dass ihre Bekannte zur Betreuerin wurde. Und sie dann auch noch als Erbin eingesetzt. Doch inzwischen war das Verhältnis nicht mehr gut, so stellte es Frau S. jedenfalls dar. Sie hatte Angst, dass ihre Betreuerin an ihr Konto geht, in der Vergangenheit habe sie Besitz von ihr veräußert. In den Wochen, wo sie bei uns lag, kam die Frau kein einziges Mal zu Besuch. Es gab noch weitere Punkte.  Als Höhepunkt dann schließlich die Abschiebung ins Heim.

Das Thema mag exotisch klingen,wer glaubt schon, dass er oder sie unter Betreuung gestellt wird? Aber das kann sich schnell ändern. Auch bei einem medizinischen Notfall ist es keineswegs so, dass Angehörige automatisch entscheidungsbefugt sind. Und wer vertritt dann meine Interessen, wenn ich es selber nicht mehr kann, zum Beispiel nach einem schweren Unfall? Wer eine Person hat, der er oder sie vertraut, sollte sich darüber Gedanken, ob er ihr eine Vollmacht für solche Fälle erteilt. Wenn die vorliegt, ist die gesetzliche Betreuung aus dem Spiel. Die meisten Leute beschäftigen sich frühestens damit, wenn sie schon sehr alt sind. Das sehe ich bei der Patientenaufnahme, denn wir fragen jedes Mal, ob eine Vollmacht erteilt wurde.

Es gibt aber keinen Grund, damit zu warten. Man muss dazu auch keinem Notar Geld in den Rachen werfen, sondern kann das selbst aufsetzen. Ich habe es jetzt auf meine To-do-Liste geschrieben.

Das Ärzte-Bashing nervt …

Will man unter Schwestern und Pflegern Zustimmung einheimsen, muss man nur über „die Ärzte“ herziehen. Gerade bin ich in einer Weiterbildung, und auch unsere Dozenten machen beim Ärztebashing fleißig mit – man weiß nicht, ob aus Gewohnheit oder um das Gemeinschaftsgefühl im Kurs zu stärken. Da wird zum Beispiel behauptet, wenn ein paar Kollegen auf Station mal in Ruhe zusammensitzen, kann es sich nicht um Pfleger handeln, sondern allenfalls um Ärzte. So ein Blödsinn.

Ein anderer lässt kein Klischee über die Mediziner aus, angeblich ist er noch nie einem oder einer begegnet, den oder die man als kompetent bezeichnen könnte. Gleichzeitig lässt er hin und wieder durchscheinen, dass in seinem Freundes- und Bekanntenkreis einige Ärzte sind. Was er damit wohl über sich aussagen will?

Auf Station sind die Klagen über Ärzte auch oft zu hören: Ärzte, die arrogant sind oder angeblich keine Ahnung von ihrer Arbeit haben. Und es stimmt ja auch, mir fallen ebenfalls Negativbeispiele ein. Neulich kam ein Oberarzt ans Bett einer Patientin, wo ich gerade beschäftigt war. Ohne einen Blickkontakt geschweige denn ein Wort in meine Richtung fing er die Visite an und rauschte nach einer Weile wieder ab. Ich war quasi Luft für ihn. Solche Verhaltensweisen erlebt man in der Tat schon mal bei Ärzten, aber wohl nie in der Pflege. Nur ist es in jeder Berufsgruppe so, dass manche ihrer Vertreter etwas unangenehme Zeitgenossen sind.

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Außerdem: Die deutliche Mehrheit der Ärzte weiß sich durchaus besser zu benehmen. Und nicht selten habe ich auch Positiverlebnisse. Einen anderen Oberarzt hatte ich aus der Ferne immer als grimmigen Brummbär eingeschätzt. Bis ich feststellte, dass er ein total kommunikativer Mensch ist, der in der Visite die Kollegen einbindet und auch die Pflege auf selbstverständliche Weise nach ihrer Einschätzung fragt.

Insofern finde ich Pauschalurteile so platt wie bei anderen Berufsgruppen auch („Die Lehrer …“, „Die Beamten …“). Dasselbe gilt bei Kritik an fachlichen Entscheidungen. Zwar hat man teilweise eine Ahnung, welche Kollegen die kompetenteren sind, man bekommt ja doch einiges mit, auch manchmal, wie die ärztlichen Kollegen übereinander reden. Oder man wird Zeuge eines offensichtlichen Fehlers. Oft sind wir als Pflege aber nicht in der Lage, ein Urteil zu fällen, weil uns logischerweise das medizinische Wissen fehlt.

Aber es bringt natürlich eine gewisse Genugtuung mit sich, einen Arzt oder eine Ärztin bei einem Fehler zu ertappen. Denn wahrscheinlich ist es unser Minderwertigkeitskomplex, der hinter der ganzen Sache steckt. Was kein Wunder ist: Mediziner haben nun mal studiert, waren meist in der Schule besser, bekommen mehr Geld und sind verantwortlich für die Therapie. Aber es bringt auch nichts, ihnen daraus einen Strick zu drehen. Klar, eigentlich sind wir als Pflege eigenständig, aber natürlich setzen wir viele ärztliche Anordnungen um. Und manchmal knirscht es in der Zusammenarbeit. Was normal ist. Wir müssen ja zusammenarbeiten und meistens klappt das auch ganz gut. Wenngleich die klassische gemeinsame Visite – zumindest in meinem Haus – ziemlich aus der Mode gekommen ist. Es fehlt einfach die Zeit. Aber das ist ein anderes Thema.

Aus „Schwester Gabi“ wird „Gabi Müller (M.A.)“

Meine Kollegin Fabienne hat vor einiger Zeit angefangen, nebenher zu studieren, irgendwas Pflegewissenschaftliches. Vor ein paar Tagen unterhielten wir uns darüber, was sie mit dem Abschluss anfängt. Vielleicht mal im organisatorischen Bereich arbeiten, sagte sie, z.B. Pflegedienstleitung, oder als Dozentin in die schulische Ausbildung von künftigen Pflegern. Mit andern Worten: Mit der eigentlichen Krankenpflege ist es dann vorbei.

Die Akademisierung ist seit einiger Zeit eins der großen Themen in der Pflege, vor Kurzem ist ein bundesweites Pilotprojekt „360° Pflege“ mit einem großen Bericht der Robert-Bosch-Stiftung abgeschlossen worden, unser Zentralorgan „Die Schwester Der Pfleger“ hat daraus jetzt ein Titelthema gemacht. Auch in meiner Ausbildung hieß es immer wieder, wir müssten uns professionalisieren. Ohne das weiter infrage zu stellen, habe ich nie so richtig verstanden, wo diese Professionalisierung hinführen soll.

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Klar ist, dass in der Pflege immer schnell ein Bezug zu unserer Partnerdisziplin hergestellt wird, den Ärztinnen und Ärzten. Die mit Studium, Praktika und PJ naturgemäß eine deutlich anspruchsvollere Ausbildung durchlaufen. Die Akademisierungsverfechter empfehlen der Pflege dann oft auch ein größeres Selbstbewusstsein, was ja durchaus verständlich ist. Die eigenen Kompetenzen zu erweitern kann sicher nicht schaden.

Zudem geht der Blick häufig in andere Länder wie Großbritannien, wo der Weg in die Pflege gar nicht über eine Ausbildung führt, sondern über ein Studium. Sind die Kollegen in solchen Ländern damit besser qualifiziert als wir in Deutschland? Wenn man das so sieht, müsste man da nicht zuerst fragen, wie man die Ausbildung selber aufwertet? Stattdessen ist hier vor einiger Zeit die generalistische Ausbildung eingeführt (darüber habe ich hier mal etwas geschrieben) und damit meiner Ansicht nach genau der entgegengesetzte Weg eingeschlagen worden. Kranken- und Altenpflege wurden in einen Topf geworfen, was zwangsläufig zu einer Verwässerung der Ausbildung führt. Packt man zwei Ausbildungen in eine, bleiben Inhalte auf der Strecke.

Der übliche Karriereweg sieht also so aus: Erst die Ausbildung machen, und wenn man fit ist und sich berufen fühlt, irgendwann einen Bachelor oder Master hinterherschieben. Dann stellt sich dieselbe Frage wie für Fabienne. In den Pilotprojekten von „360° Pflege° gibt es tatsächlich einige Beispiele, wo Kollegen mit akademischem Abschluss weiterhin auf Station arbeiten, dort aber zum Beispiel Patienten mit bestimmten Krankheitsbildern intensiv betreuen oder Aufgaben übernehmen, die mehr mit Schulung und Beratung zu tun haben. Wenn so etwas gelingt, entstehen neue Möglichkeiten, sich innerhalb der Pflege weiterzuentwickeln, und das mit besserer Bezahlung (wobei ich nicht weiß, was solche Leute tatsächlich verdienen).

Nur denke ich, dass solche Jobs bislang die absolute Ausnahme sind, ich bin noch keinem Kollegen begegnet, der so arbeitet. Mit andern Worten: Nach dem Studium sind die meisten weg. Und dann erinnert mich das Ganze an die Klagen, die seit Jahren zum Beispiel aus Branchen wie dem Handwerk zu hören sind: Es herrscht zunehmender Personalmangel, denn die Schulabgänger haben immer weniger Lust auf Ausbildung und praktische Arbeit, sondern wollen lieber studieren. Den Machern von „360° Pflege“ ist das Problem durchaus bewusst. Die Akademiker auf Station zu beschäftigen bedeutet höhere Personalkosten – welcher Klinikbetreiber will das schon? Und so müssen die Autorinnen im Abschlussbericht genau das zugeben, wenn auch etwas verschämt und verschwurbelt: „Auch die Einschätzung, dass in Deutschland mit einer akademischen Qualifikation in der Pflege i.d.R. eine Abwendung aus den Versorgungsbereichen einhergeht, ist weit verbreitet und […] nicht ganz falsch.“

Solange sich daran nichts ändert, sind viele Kolleginnen und Kollegen nach dem Studium für die Pflege verloren. Ein Teil geht wie gesagt in die Ausbildung, die Pflegeschulen suchen Dozenten. Doch das Gesundheitswesen, inklusive der Verwaltungsebenen der Kliniken, ist groß, da gibt es viele Jobs. Will man die Leute in der Pflege halten, müssen schleunigst Arbeitsmöglichkeiten am Patientenbett geschaffen werden. Sonst entpuppt sich die Akademisierung als Eigentor.

Woher kommt der Hass auf die Pflegekammer?

Vor einiger Zeit habe ich hier einen kritischen Text über den „Fehlstart“ der Pflegekammer NRW geschrieben. Inzwischen schaue ich ein bisschen anders auf das Thema. Zwar finde ich die Kommunikation weiterhin miserabel, mit der versucht wird, die neue Kammer gegen großen Widerstand durchzudrücken. Andererseits bleibt ein zentrales Argument stichhaltig, warum wir eine solche Kammer brauchen: Im Vergleich zu andern Berufsständen – nicht zuletzt, zu den Ärzten, die seit Langem sehr öffentlichkeitswirksam und professionell ihre Interessen vertreten – haben wir in der Pflege keine vernünftige Lobby. Es fehlt ein Gremium, das direkt an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt ist. In einer Zeit, wo alle darüber reden, dass in der Pflege ganz viel verändert und verbessert werden muss.

Und da finde ich, dass man seine Ablehnung gegenüber der geplanten Kammer schon gut begründen muss. Stattdessen höre ich aber eher emotionale als sachliche Argumente. Es geht oft in die Richtung, da wird uns etwas übergestülpt, irgendwelche Leute da oben wollen ihre eigenen Interessen durchsetzen und sich Posten sichern, um uns geht es gar nicht. Vielleicht ist das Misstrauen zum Teil nicht ganz unbegründet. Wir müssen zwar zunächst keine Beiträge zahlen, weil die NRW-Regierung einen finanziellen Vorschuss leistet. Was dann aber auf uns zukommt, da herrscht keine Transparenz. Andererseits: Vielleicht kann eine Kammer in Zukunft doch etwas für uns ausrichten.

Aber viele der lauten Kritiker, würde ich behaupten, sind nicht einmal bei Verdi. Man kann das schon allein deswegen annehmen, weil auch bei uns im Haus die Quote der Gewerkschaftsmitglieder erschreckend niedrig ist. Im kleinen Kreis herumzujammern hilft definitiv nicht viel, man muss schon einen größeren Stein ins Rollen bringen. Eine Pflegekammer im größten Bundesland wäre zumindest ein Signal.

Verdi ist ganz klar gegen die Pflegekammer. Aber vertreten sie damit nur unsere Interessen? Vielleicht liegt es auch daran, dass sie neue Konkurrenz fürchten. Denn wer zahlt von seinem kargen Pflegerinnengehalt schon gern zweimal Mitgliedsbeiträge, einmal für die Gewerkschaft und einmal für die Kammer? Es wäre auf jeden Fall ein Eigentor für die Pflege, wenn aus diesem Grund auch noch einige der viel zu wenigen Verdi-Mitglieder kündigen. Bei Verdi ist man freiwillig, aus der Kammer kommt man dagegen nicht raus.

Verdi hat vor einigen Tagen eine Mail herumgeschickt. Sie fordern jetzt dazu auf, sich bei der Kammer zu registrieren. Man habe ohnehin keine Wahl. Wie bei andern berufsständischen Kammern müssen alle eintreten. Und nur wer registriert ist, kann im Herbst an der ersten Kammerwahl teilnehmen, einer Art Parlamentswahl der Pflegekammer, bei der auch Verdi kandidiert. Der Plan: Wenn Verdi gut abschneidet, soll die erste Initiative sein: eine Abstimmung unter allen Pflegenden abhalten, ob die neue Kammer überhaupt gewollt ist. Und sie damit beim zu erwartenden schlechten Ergebnis gleich wieder zu Fall bringen. Aber ob uns das weiterbringt?